„Die zärtlich Geliebten des Hugo Schenk“

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime

Teil 2 unserer dreiteiligen Reihe über den Frauenmörder Hugo Schenk.
Teil 1 – „Ein unmenschlich herzlos Ungeheuer“: Die Frauenmörder Hugo Schenk und Karl Schlossarek – finden Sie hier.

Murder Groupie

Nicht wenige Frauen fühlen sich von Frauenmördern geradezu magisch angezogen; noch im Gefängnis überhäufen sie diese mit Liebesbriefen, machen ihnen Heiratsanträge, ja heiraten sie. So verbreitet ist das Phänomen, dass man ein eigenes Wort dafür geprägt hat: „Murder Groupie“.

Was aber ist mit jenen unschuldigen und unglücklichen Frauen, die eines Tages aus allen Wolken fallen, weil die Polizei den so innig Geliebten soeben als Serien-Raubmörder festgenommen hat? Er war doch so nett, so verständnisvoll, so zärtlich … und selbst wenn er vielleicht kein idealer Gatte war, DAS hätte man ihm nie zugetraut!

Katalogfoto, Originalexemplar der Ballade vom Mädchenmörder Hugo Schenk. Sehr seltenes Einzelstück, C. Fritz, [1884]., Anbieter ZVAB.com, Antiquariat INLIBRIS Gilhofer Nfg. GmbH, (Vienna, A, Österreich)

Die Berichterstattung über Hugo Schenk beschränkt sich häufig auf jene vier Frauen, die er nachweislich ermordete. Wenig bekannt sind die Namen derjenigen, die er in seinen unheilvollen Bann zog, deren Leben er zerstörte, auch wenn sie Dolch und Revolver entkamen.

„Nicht gestillet ist der Durst nach Blute / auch nicht seine Gier nach fremdem Gute“ (Helmut Qualtinger) – und offenbar auch nicht sein Verlangen nach Sex; zwei Geliebte hielt er sich gleichzeitig, während er eifrig mit neuen Kandidatinnen korrespondierte.

Drei Namen sind es, die neben denen der Mordopfer immer wieder auftauchen: Emilie Höchsmann, genannt „Die Braut des Mörders“, Wanda Schenk, die legitime Ehefrau des Serienmörders, und Josefa Eder, die ihn – gleichzeitig mit der Höchsmann – mit den Freuden des Fleisches versorgte und obendrein Juwelen in beträchtlichem Wert für ihn stahl.

Erstaunlich die Haltung der Zeitungen und der Öffentlichkeit: Möchte man doch meinen, sie hätten die „Mörderliebchen“ mit Dreck beworfen, was das Zeug hielt, und immer neue schmutzige Einzelheiten „ans Licht gebracht“.

Nein, im Gegenteil! Journalisten und Leser*innen  waren voll des Mitleids (ausgenommen ein tschechischer Journalist, der das Gerücht in die Welt setzte, die als Gouvernante tätige Wanda Schenk sei die Mätresse eines reichen Lebemannes – was aber bald widerlegt wurde). Selbst Josefa Eder, die tatsächlich eine Diebin war und später als solche zu drei Jahren Kerker verurteilt wurde, bekam die Bitte zu hören, sie „möge milde Richter finden“, da sie nur wegen Schenk zur Kriminellen geworden sei.

Das interessante Blatt 24.1.1884, ANNO

Transkript Das interessante Blatt, 24. Januar 1884

Bedauernswerter fast als die Opfer des Meuchelmörders, welchen die Stunden der Enttäuschung durch den Tod aus der Hand des Geliebten erspart blieben, ist die unglückliche Emilie Höchsmann, die Braut des Mörders, und doppelt und dreifach bedauernswert ist die Unglückliche, wenn sich bewahrheitet, dass ihr Verhältnis zu Schenk nicht ohne Folgen geblieben, wenn sie wirklich im Begriffe ist, einem Wesen das Leben zu geben, an dessen Wiege die düstere Prophezeiung ausgesprochen muss: „Dein Ahnengrab ist der Galgen!“ Von allen Opfern des Hugo Schenk scheinen die Überlebenden, Emilie Höchsmann, seine legitime Gattin (Wanda Schenk, Anm.d.Red.), welche in Saaz lebt, und Josefa Eder, die Beklagenswertesten. Die Erste büßte ihre Hingabe an den Verbrecher mit dem Lebensglücke, die verlassene Gattin, die durch ein richterliches Urteil vorzeitig zur Witwe werden wird, betrauert in ehrbarer Abgeschiedenheit, bemitleidet von Jenen, die sie kennen, und geachtet von den weitesten Kreisen, denen das Unglück heilig ist,  ihr düsteres Geschick, und Josefa Eder – sie wird als Opfer der Verführung Schenks sich verantworten müssen einen gemeinen Diebstahls, den sie an ihrer Wohltäterin begangen. Die Richter dieser Erde werden über die die unglückliche Josefa Eder zu Gericht sitzen, um sie zu verurteilen, weil sie sich vergangen gegen menschliches Recht, und es wäre der Armen zu wünschen, dass sie milde Richter finde.“

Transkript Ende

Und diese betrogenen, getäuschten Frauen, wie reagierten sie selbst?  Nach all dem sollte man meinen, sie hätten Hugo zumindest nach seinem Geständnis und seiner Verurteilung  die Pest an den Hals gewünscht – doch ganz im Gegenteil!

Wanda Schenk (sie änderte später ihren Namen auf Stark), seine amtlich angetraute Ehefrau,  hatte ihn während ihrer fünfjährigen Ehe zwar nicht oft gesehen – er war ja häufig „in Geschäften“ unterwegs – , aber sie brach zusammen, als das Todesurteil ausgesprochen wurde, sie wollte beim Kaiser selbst vorstellig werden, um Gnade für ihn zu erflehen, sie litt in der Nacht vor der Hinrichtung solche Angst und Verzweiflung, als sei sie diejenige, die gerichtet werden sollte.

Josefa Eder, die Diebin aus Liebe

Hugo hatte immer gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer: Während er den beiden Timals heimtückisch-klebrige Lockbriefe sendete, um sich ihrer Besitztümer zu bemächtigen – sicher schon mit der festen Absicht, die Frauen, die gegen ihn aussagen könnten, aus der Welt zu schaffen – turtelte er mit der Köchin Josefa Eder.

Diese war seit Juni 1880 bei einer reichen Dame, Hedwig Malfatti von Montereggio, beschäftigt und offenbar recht tüchtig, da sie vom Stubenmädchen zur Köchin aufstieg, wo sie mit 12 Gulden im Monat nicht schlecht verdiente. Ihre Dienstherrin war sehr zufrieden mit ihr, bis Josefa den „Ingenieur Karl Franz Schenk“ kennenlernte. Von da an ließ ihre Moral beträchtlich nach, bis sie schließlich Ende November ein Perlen-Collier im Wert  von 300 Gulden, eine Brillantnadel im Wert von 150 fl.  und ein goldenes, mit Perlen und Rubinen besetztes  Armband sowie weitere wertvolle Pretiosen stahl und Schenk übergab.

Josefa Eder, Bildquelle: „Das interessante Blatt“

Sie wurde rasch seine Geliebte. Dabei war diese Eder alles andere als eine verführerische Femme fatale; ein graues Mäuschen mit beschränktem Gesichtsausdruck – und doch scheint seine Beziehung zu ihr ein ganz normales „Pantscherl“ ohne mörderische Absichten gewesen zu sein. Auch sie bezeichnete sich gerne als seine Gattin. Das Ende war bitter …

Josefa Eder, die „Gattin“ Hugo Schenks vor Gericht. Neuigkeits- Welt-Blatt“ vom 10. Februar 1884

Transkript Neuigkeits- Welt-Blatt“ vom 10. Februar 1884

Spezial-Bericht des Neuigkeits- Welt-Blatt“ vom 10. Februar 1884 (Auszug aus der sehr umfangreichen Berichterstattung über den Prozess)

Die hochinteressante Verhandlung, welche heute vor den Schranken des Wiener Landesgerichtes in Strafsachen sich abspielt, kann mit Recht als die Einleitung zu dem Prozesse gegen Hugo Schenk und seine beiden Mordgenossen betrachtet werden. Fällt ja doch ein Teil des spannungsvollen Interesses, welches sich an die Personen der drei „Professions -Raubmörder“ knüpft, auch auf die Person der Josefa Eder, welche in Linz mit Hugo Schenk, fälschlich als dessen Gattin, gelebt hatte, welche von dem Dämon in Menschengestalt, dem sie sich ergeben hatte, ebenfalls in den Strudel des Verbrechens mit hineingerissen wurde, welche, wie von vielen Seiten behauptet wird, die Helferin zu einem neuen Verbrechen Schenks hätte werden sollen.

Transkript Ende

Noch schlimmer dran war Wanda Schenk, die einzige legitime Gattin. Die Zeitungen verzichteten rücksichtsvoll darauf, ihr Bild zu veröffentlichen.

Neues Wiener Tagblatt, 27. April 1884

Transkript Neues Wiener Tagblatt, 27. April 1884

Eine Dame, die Gelegenheit hatte, Frau Wanda Schenk zu sehen und zu sprechen, schreibt :„Wenn es jemals Heilige auf der Welt gegeben hat, so ist diese arme Frau eine. Was musste sie erdulden und leiden — aber sie verschloss den namenlosen Jammer in sich. Wir Frauen sind stark im Ertragen, aber was sind wir doch Alle im Vergleiche zu dieser Frau, die das Schrecklichste tragen musste, und die mit jeder neuen ent­setzlichen Nachricht nur noch schweigsamer, sanfter und geduldiger zu werden schien! Ich wenigstens habe nie ein Bild solcher Ergebung gesehen; in all diesen schrecklichen Monaten nicht ein Wort des Zornes, des Grolles, der Bitterkeit — sie schwieg und härmte sich im Geheimen ab, und das ungeheure Schicksal hatte nur Macht über ihr Gesicht, das täglich blässer und gramvoller wurde, aber es hatte nicht Macht über ihre große Seele. Sie hatte und hat für ihren Mann nichts als Verzeihung. Sie wollte nach Wien reisen, um vom Kaiser die Begnadigung ihres Mannes zu erflehen; ich glaube, sie hätte ihr eigenes Leben hingeopfert, um ihn vom schmachvollen Tode zu retten. Es kostete ungeheure Mühe, sie von dieser Reise zurückzuhalten. Man versuchte es, ihr den Tag der Hin­richtung zu verheimlichen, man versteckte die Zeitungen vor ihr. Allein sie durchschaute dies List und bat ihre Um­gebung so rührend, ihr Alles zu sagen, sie sei stark genug, um den Kelch bis zur Neige zu leeren. Die Nacht von Montag auf Dienstag verbrachte sie wachend und in einer Aufregung, die sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Es war das erste Mal, dass sie aus ihrer gramvollen Zurückhaltung hervortrat — ihre Kraft war im Martyrium erschöpft — welch‘ ein Jammer war das! In dieser Nacht fürchteten Alle um ihr Leben — um ihren Verstand. Am Tage der Hinrichtung ging sie stumm, wortlos,  tränenlos, wie ohne Bewusstsein herum, wie eine Nachtwandlerin. . . . Was lässt sich da viel sagen! Sie wird von Allen, die sie kennen, vergöttert; sie ist so gut, so edel, dass es der Roheste nicht wagt, in ihrer  Gegenwart ein Wort von Ihm zu sprechen, aus Furcht, das Wort könnte ihr wehe tun. — Und Er selbst hat sie doch so unendlich unglücklich gemacht. Großer Gott! Was für ein Mensch war das…“

Transkript Ende

Hat er sie alle geblufft, sie noch über den Tod hinaus zum Narren gehalten, dass sie ihm nachtrauerten? Nein, so einfach ist es wohl nicht. Denn Hugo Schenk, der einen Raubmord nach dem anderen an einfältigen, schwärmerischen Frauen so herzenskalt und unbeteiligt durchgeführt hat, wie ein Schlächter ein Rind tötet, er, Hugo Schenk, trennte streng zwischen Geschäft und Gefühl. Er hätte Josefa Eder und Emilie Höchsmann, ja seine angetraute Frau Wanda genauso leicht ermorden können wie die Ketterl, die Ferenczy, die beiden Timals und wahrscheinlich noch andere – er, „das Verbrecher-Naturell, das wohl wenige Beispiele in der Kriminalgeschichte aller Lande aufzuweisen haben wird“, wie es die Linzer Tages-Post formuliert.

Transkript Linzer (Tages)Post, 15. Jänner 1884

Linzer (Tages)Post, 15. Jänner 1884

Zudem zeigen die bekanntgewordenen Fälle, dass es ein planmäßiges und zielbewusstes Vorgehen gewesen, welches die Mörder befolgten, und was die verwegene Frechheit Hugo Schenks besonders markant erscheint lässt, ist, dass er, kaum dass das eine Opfer beseitigt war, schon daran dachte, das zweite aus dem Leben zu schaffen. Im Monat März des vorigen Jahres wird er nach verbüßter zweijähriger Haft entlassen; er knüpft die Bekanntschaft der beiden Timals an, die bald darauf unter Mörderhand enden; er ködert Theresa Ketterl, welche die Bekanntschaft mit ihrem Leben bezahlen muss; und während ihm die Organe der Polizeibehörde schon auf der Ferse sind, begeht er noch den Mord an Rosa Ferenczy. Dabei unterhält er mit Josefine Eder und Emilie Höchsmann einen sehr intimen Verkehr, und korrespondiert mit so und so vielen anderen Mädchen. (…)

Transkript Ende

Das interessante Blatt 17.1.1884

Emilie Höchsmann, die „Braut des Mörders“

Während er mit Josefa Eder poussierte, hielt er sich gleichzeitig einen Platz im Bett der Emilie Höchsmann warm, einer jungen Frau, die zwar um einiges attraktiver war als Josefa, aber bitter arm und, weil zu anständig, nicht einmal zum Stehlen zu gebrauchen.

Während er schon alle Vorbereitungen getroffen hatte, um Therese Ketterl auszuplündern und ihren Leichnam verschwinden zu lassen, war seine Beziehung zu Emilie Höchsmann geprägt von Zuwendung, Zärtlichkeit, romantischem Zusammensein …

Ob die junge Frau von ihm schwanger war, ist nicht genau zu klären, einige Zeitungen äußern sich in diesem Sinne, in anderen wird es angeblich auch von ihr selbst abgestritten.

Emilie Höchsmann, in Das interessante Blatt vom 24.1.1884, ANNO
Das interessante Blatt 24. Januar 1884, ANNO

Transkript Das interessante Blatt 24. Januar 1884

Emilie Höchsmann scheint von Hugo Schenk wirklich geliebt worden zu sein, und gewiss ist es, dass das Mädchen für den Mörder eine leidenschaftliche Zuneigung fasste; sie kannte ihn nicht und konnte nicht ahnen, dass das Verbrechen in der Gestalt ihres Geliebten personifiziert sei; sie vertraute ihm, und ihr Vertrauen war ihre Schuld – ihre Liebe ihr Verbrechen. Die Arme, sie büßt fürchterlich für diese Schuld, indem sie als Geliebte eines Mörders erscheint, welchem ein hervorragender Platz in der Reihe der entsetzlichsten Verbrecher sicher ist.

Transkript Ende

„Während sie ihn liebesstill beglücket, ihn mit Wonne an ihr Herz gedrücket, lag der Mordstahl schon für sie bereit …“ singt Helmut Qualtinger. Ist Hugo Schenks Zuwendung immer nur eiskalte Heuchelei? Lässt er Emilie Höchsmann am Leben, weil bei ihr nichts zu holen ist außer Schäferstündchen?

Manche Zeitungen sehen es so, andere urteilen differenzierter. Die Wiener Allgemeine Zeitung vom 13. Januar 1884 charakterisiert den Menschen Hugo Schenk differenzierter als nur den schmeichlerischen, gefühlskalten Unhold:

Wiener Allgemeine Zeitung vom 13. Januar 1884, ANNO

Transkript Wiener Allgemeine Zeitung vom 13. Januar 1884

Wir haben heute Gelegenheit gehabt, mit jenem unglücklichen Geschöpfe, das man „die Geliebte des Mörders“ nennen konnte, zu sprechen. Was sie uns erzählte, ist ein Beweis für die romantische Erfindungsgabe Schenks und auch ein Beweis mehr für die Macht, welche blinde Liebe auf leichtgläubige Frauen ausübt.

Emilie Höchsmann suchte im April vorigen Jahres durch eine Zeitungsannonce einen Lebensgefährten. Unter den ihr zugekommenen Offerten befand sich auch ein zierlich geschriebenes Billett mit „Hugo Schenk, Civil-Ingenieur“ unterzeichnet. Das Brieflein des Herrn Zivilingenieurs unterschied sich in markanter Weise von den anderen Zuschriften heiratslustiger Männer. Ein zarter, empfindsamer Ton ging durch das kleine Billett, die hübschen, zierlichen, sorgsam abgezirkelten Schriftzüge ließen auf einen sanften, ruhigen Menschen schließen, der weitab von dem gewöhnlichen Verkehr durch die Zeitung die Gründung traulichen Familienglückes suchte. Emilie Höchsmann antwortete dem Ingenieur Hugo Schenk, und wenige Tage später hatte sie bereits die Bekanntschaft des Herrn gemacht. Wir haben zu wiederholten Malen Gelegenheit gehabt, zu bemerken, dass Hugo Schenk zu jener Sorte von Männer gehörte, welche dank ihrer liebenswürdigen Eigenschaften leicht einen starken Eindruck auf Mädchenherzen machen. Auch Emilie Höchsmann fühlte sich sofort zu dem Manne hingezogen, und fortan blieb sie mit ihm in einem regen Verkehr.

Transkript Ende

Emilie war gerührt, als ihr Geliebter ihr das Geständnis machte, dass er in Wirklichkeit ein Graf Wikopolsky (wechselnde Schreibweise, Anm.d.Red.) von altem polnischen Adel sei, dass er als Geheimagent für die russischen Nihilisten arbeite, die ihm reichlich Geldmittel zukommen ließen, und dass nur seine unaussprechliche Liebe zu ihr ihn bewogen habe, ihr dieses Geständnis zu machen, dessen Verrat seinen sofortigen Tod in den Händen der zaristischen Geheimpolizei  bedeuten müsste.

Nun war sie – quasi als Mitwisserin – völlig in seiner Gewalt, ihre Zuneigung war grenzenlos, die letzten Zweifel ausgeräumt, er hätte sie zu jedem Verbrechen anstiften können (wie die Josefa Eder zum Diebstahl) … aber die Höchsmann blieb, trotz einer leidenschaftlichen Liebesaffäre, unbefleckt von allen seinen Verbrechen.

Und gerade sie wurde sein Verhängnis, denn bei ihr siegte der Anstand über Liebe und Leidenschaft. Im Augenblick, als sie aus der Zeitung erfuhr, dass Schenk – vorerst nur wegen Hochstapelei – in Haft genommen worden sei, gingen ihr die Augen auf, und sie zögerte keine Sekunde. So sehr sie den Mann geliebt hatte, selbst in seiner Maske als Anarchist – von dem entlarvten Verbrecher wandte sie sich entschieden ab. Plötzlich ging ihr auf, was es mit den vielen Schmuckstücken auf sich hatte, die er ihr geschenkt hatte!

Transkript Linzer Tages-Post 15. Januar 1884

Linzer Tages-Post 15. Januar 1884, ANNO

Anfangs November reiste Schenk mit Emilie Höchsmann, zu welcher der schreckliche Verbrecher eine wirkliche Neigung zu haben schien, nach Salzburg, wo er für sie in einem Privathause für drei Monate Miete und Pension bezahlte und sie daselbst öfters besuchte. Schrecklich war für das unglückliche Mädchen das Erwachen aus dem schönen Liebestraum. Am 5. Jänner schied Hugo Schenk zum letzten Male von seiner in Salzburg weilenden Geliebten. Als diese am darauffolgenden Tag« die Zeitung zur Hand bekam, las sie von der Verhaftung des vorläufig bloß unter dem Verdacht der Hochstapelei in Haft genommenen Hugo Schenk. Es gab für sie keinen Zweifel über die Person des Verhafteten.. Sie raffte ihre Habseligkeiten zusammen und eilte auf die Bahn, um nach Wien zu fahren. Mit dem vorgestrigen Abendzug langte Emilie Höchsmann aus Salzburg in Wien an. Auf dem Westbahnhofe hatte sich zu ihrem Empfang deren Schwager Herr Zwierzina, aber kein polizeiliches Organ eingefunden. Es war ein ergreifendes Wiedersehen für Herrn Zwierzina und das unglückliche Mädchen, welches heute noch den schrecklichen Mann liebt und auch ein Pfand dieser Liebe unter dem Herzen trägt. In Begleitung ihres Schwagers begab sich Emilie Höchsmann gestern um 9 Uhr vormittags in das Büro des Polizeirat Breitenfeld, vor dem sie ein eingehendes Verhör zu bestehen hatte, welches bis 3 Uhr nachmittags währte. Sie hatte ihre sämt­lichen Effekten, die Geschenke, welche sie von Schenk erhalten  und dessen Briefe mitgehabt. Sie legte vor: eine goldene Uhr samt Kette, ein Collier, eine goldene Halskette, zwei Paar Ohrgehänge, ein Armband mit Brillanten und Rauten besetzt, fünf große Perlen von seltener Schönheit, drei ungefasste Diamanten und einen Smaragd. Einzelne dieser Schmuckgegenstände wurden bestimmt als solche agnosziert, welche Eigentum der Ketterl gewesen sind. Was die Perlen und Edelsteine betrifft, hat es viel Wahrscheinlich­keit für sich, dass dieselben von einem Einbruchsdiebstahl herrühren; Schenk mag sich also auch in diesem Genre des Verbrechens mit Erfolg versucht haben.

Transkript Ende

Des weiteren berichtet die Zeitung:

Transkript Linzer Tages-Post, 15. Januar 1886

Emilie Höchsmann wird in dem Prozess, der dem Massenmörder Hugo Schenk und seinen Komplizen gemacht werden wird, eine hervorragende, wichtige Rolle spielen. Sie allein wäre in der Lage, zu beweisen, dass nur Hugo Schenk der Mörder der auf so rätselhafte Weise verschwundenen Therese Ketterl  sein kann, und dies selbst dann, wenn der Bruder Hugos, Karl Schenk nicht schon, wie wir an anderer Stelle gemeldet, das Geständnis abgelegt hätte, dass er in Gesellschaft mit seinem Bruder die Ketterl am 4. August vorigen Jahres Nachmittags, in der Nähe von Lilienfeld erschossen und dann in die Donau geworfen habe.

Transkript Ende


Obwohl ihr klar sein musste, dass ihre Aussage und das Vorlegen des Schmuckes der ermordeten Ketterl ihn an den Galgen bringen würde, und sie tapfer als Kronzeugin gegen ihn aussagte, war ihre Liebe zu ihm, dem Vater ihres ungeborenen Kindes, in keiner Weise erloschen. Nach dem Urteilsspruch wollte sie sich zärtlich von ihm verabschieden, was der Richter „mit donnernder Stimme“ untersagte, wie der „Teplitz-Schönauer Anzeiger“ berichtet:

Transkript Teplitz-Schönauer Anzeiger, 19. März 1884

Teplitz-Schönauer Anzeiger, 19. März 1884, ANNO

Eine herzbewegliche Szene spielte sich hier ­auf ab, als Emilie Höchsmann sich anschickte, den Gerichtssaal zu verlassen. Das  Mädchen erhob sich vom Stuhle, wankte auf Schenk zu und wollte ihm, der sich gegen sie vorbeugte, die Hand zum Abschiede drücken. Allein mit Don­nerstimme fuhr der Präsident dazwischen: „Treten Sie ihm nicht näher; hüten Sie sich vor der Berührung mit diesem Manne!“ Den Augen des Mädchens entstürzten Tränen; es zog die Hand langsam zurück und stürzte mehr als es ging aus dem Saale. Minutenlang währte das Brausen der Erregung im Zuschauerraum, bis der Präsident endlich Ruhe winkte und eine kurze Unterbrechung eintreten ließ.

Transkript Ende

„Die alte Klara“ in Prag

Und in Prag hörte Jahrzehnte später der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch die Geschichte des alten Stubenmädchens, das schon sein ganzes Leben lang in unverbrüchlicher Treue auf ihren „Fürsten Winipolsky“ wartete.

.Transkript (Auszug) aus „Eine Frau, die auf ihren Mörder wartet“, von Egon Erwin Kisch

„Das stimmt“, nickte Frau H., „Sie kennen doch mein Stubenmädchen?“

„Die alte Klara?“

„Ja, die alte Klara. Sechzig Jahre wurde sie im vorigen Monat. Die hat mir neulich ihren Liebeskummer gebeichtet: in ihrer Jugend hat sie in Hannover als Kindermädchen bei einer Wiener Dame gedient, die mit ihrer Familie zum Sommeraufenthalt nach Vöslau fuhr. Dort hat die Klara einen Mann kennengelernt und sich mit ihm verlobt. Nach Hannover zurückgekehrt, beschaffte sie sich ihre Papiere und behob ihre Ersparnisse, um zur Hochzeit nach Wien zu reisen. Ihr Bräutigam drängte schon. Er hatte sich als Ingenieur bezeichnet, aber angedeutet, er sei in Wirklichkeit ein Fürst Wipolinski…“(…)„Also, sie schrieb ihm nach Wien, postlagernd, dass sie ankomme. Nun, er war nicht an der Bahn. Sie ging in ein Hotel, „Zur Spinne“ glaube ich, weil er erwähnt hatte, sie würden dort wohnen. Auf dem Postamt fragte sie, ob ihre Briefe schon abgeholt seien – sie waren noch da. Da dachte Klara, ihr Verlobter sei entweder krank oder verreist. Ein paar Tage blieb sie im Hotel, dann fuhr sie nach Hannover zurück. Sie wartete auf eine Nachricht, sie wartet eigentlich noch immer, dass ihr Fürst zurückkommen und sie zur Fürstin machen wird, wie er ihr oft geschrieben hat.“

Quelle: www.literaturforum.de

Die Mädchenmörder Hugo Schenk & Karl Schlossarek · Helmut Qualtinger · Kurt Sowinetz

Die heute kaum noch erhältliche Schallplatte mit den „Moritaten“ von Helmut Qualtinger und Kurt Sowinetz, deren Hauptstück das Lied von den Mädchenmördern Hugo Schenk und Karl Schlossarek ist – wobei Qualtinger zwischen den gesungenen Strophen aus den originalen Gerichtstexten liest.

meine meinung

„Er/sie war doch so ein lieber Mensch!“ heißt es oft nach der Verhaftung eines Schwerverbrechers. Nicht wenige waren angesehene Ärzt*innen, Polizeibeamte, Geistliche; vermeintlich treusorgendes Krankenpflegepersonal, nach außen hin vorbildliche Mütter und Väter, Babysitter – und sogar Kinder, die ihre Verbrechen nicht in einer wilden Gefühlsaufwallung begingen, sondern mit kalter Überlegung aus Habgier, Rachsucht oder auch zum puren Vergnügen. Wie schon eine alte Kriminalisten-Weisheit sagt: Der Täter hat kein Gesicht …

Quellen

  • Teplitz-Schönauer Anzeiger, 19.März 1884
  • Wiener Allgemeine Zeitung vom 13. Januar 1884
  • Linzer (Tages)Post, 15. Jänner 1884
  • Neues Wiener Tagblatt, 27. April 1884
  • Neuigkeits- Welt-Blatt“ vom 10. Februar 1884
  • Das interessante Blatt, 24. Januar 1884
  • WIKIPEDIA: Hugo Schenk
  • www.literaturforum.de
  • Katalog des Antiquariats INLIBRIS Gilhofer Nfg. GmbH, (Vienna, A, Österreich), Originalexemplar  der Ballade vom Mädchenmörder Hugo Schenk. Sehr seltenes Einzelstück, C. Fritz, [1884]., Anbieter ZVAB.com.
  • Egon Erwin Kisch: Eine Frau, die auf Hugo Schenk wartet. In: Ders.: Prager Pitaval. Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Hrsg. von Bodo Uhse und Gisela Kisch. II/2. Berlin/Weimar: Aufbau, 1975, S. 34–44.

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