🤼‍♂️ Die PlattenbrĂĽder auf der Schmelz #Teil 1

Unsere neunteilige Serie „History & Crime in Rudolfsheim (FĂĽnfhaus) Anno dazumal“ – erschienen 2018/19 – von Barbara BĂĽchner fand groĂźen Anklang und gehört zu den meistgelesenen Beiträgen auf WIENfĂĽnfzehn!

Auf vielfachen Wunsch haben wir uns nun entschlossen, die Serie fortzusetzen. In unregelmäßigen Abständen finden Sie nun weitere Forschungsergebnisse aus „History & Crime in Rudolfsheim“.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

Verfolgen Sie nun mit uns Teil 1 der Untaten der PlattenbrĂĽder auf der Schmelz.

History & Crime

SteinwĂĽrfe auf der Schmelz

Zwei Männer wollten nachts auf dem Heimweg über die Schmelz nur kurz am Wegrand Pause machen, da flogen ihnen faustgroße Steine an den Kopf! Ein typischer „Streich“ der Plattenbrüder, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf der Schmelz ihr Unwesen trieben – und keine „dummen Buben“ waren, sondern gefährliche Verbrecher! Sie waren in ganz Wien berüchtigt, aber speziell Fünfhaus mit seinem riesigen Exerziergelände war ihre „Zentrale“.

Illustrierte Kronen-Zeitung, 28. August 1908

SteinwĂĽrfe auf der Schmelz

Transkript (Auszug) Illustrierte Kronen-Zeitung, 28. August 1908, Seite 10.

Der 25jährige Schuhmachergehilfe Friedrich Odradovsky und sein Arbeitskollege, der 32jährige Mathias Nowak, die gemeinsam im 14. Bezirks, Schweglerstraße 12, wohnten, wurden Mittwoch abends auf der Schmelz, wo sie sich während eines Spaziergangs in der Nähe der Reitschule niedergelassen hatten, von Steinwürfen zweier Männer getroffen. Beide erlitten am Kopf schwere Verletzungen, insbesondere Odradovsky. Beide wurden von der Rettungsgesellschaft in das Elisabethspital gebracht. Die Männer, die die Steine geworfen haben, befinden sich bereits in Polizeigewahrsam. (…)

Transkript Ende

Anmerkung: Von 1892-1938 war Rudolfsheim (gemeinsam mit Sechshaus) der 14. Bezirk und FĂĽnfhaus der 15. Bezirk. Mehr dazu finden Sie hier.

Ähnlich schlimm erging es, wie die Illustrierte Kronen-Zeitung am 20. November 1907 berichtet, einem anderen nächtlichen Spaziergänger:

Plötzlich seien zwei bis drei Burschen aufgetaucht und hätten ihm gebieterisch die Barschaft abverlangt.

Ein Ăśberfall auf der Schmelz

Transkript

Der 29jährige Tischlergehilfe Franz Dworak, Hietzing, Draskovichgasse 21 wohnend, kam Montag abends, aus vier Stichwunden heftig blutend, in die Koppstraße. Er hatte Stiche an der Stirn, in der linken Rippengegend, in der Nähe der Brustwarze und am Unterleib. Dworak erzählte, er sei, auf dem Heimweg begriffen, über das Schmelzer Exerzierfeld gegangen. Plötzlich seien zwei bis drei Burschen aufgetaucht und hätten ihm gebieterisch die Barschaft abverlangt. Als er sich weigerte, das Geld herzugeben, hätten sie ihn berauben wollen, und als er sich zur Wehr setzte, hätten sie ihm die Stiche versetzt. Dworak habe um Hilfe gerufen und da seien die Burschen unverrichteter Dinge geflüchtet. Dworak wurde von Ärzten der Filiale Mariahilf der Rettungsgesellschaft verbunden und ins Stephaniespital gebracht.

 Transkript Ende

„Stich eahm d´Augn aus!“

Anderen, die die Wege der Plattenbrüder kreuzten, erging es noch viel schlimmer. Der Hilfsarbeiter Mathias Haut bezahlte beinahe mit seinem Augenlicht dafür, dass er einer Diebsbande auf dem Schmelzer Friedhof nachspionierte. Er hatte ihren besonderen Zorn auf sich gezogen, da er sie schon einmal bei der Polizei angezeigt hatte. Nun rächten sie sich.

Die Rache der Diebe. Gebunden und geknebelt.

Transkript Illustrierte Kronen-Zeitung, 11. März 1907

Mehrere Passanten hörten gestern gegen sieben Uhr abends Hilferufe, die aus dem Schmelzer Friedhofe zu kommen schienen. Sie verständigten sofort die Polizeiwachstube auf der Schmelz und mehrere Wachleute durchsuchten den Friedhof. Sie fanden in einer Gräberreihe, ungefähr fünfzig Schritte von der Umfassungsmauer gegen die Schmelz entfernt, einen jungen Burschen liegen, dessen Hände und Füße mit Rebschnüren gefesselt waren. Er trug nur Hemd und Unterhose; seine Kleider lagen unweit der Stelle, wo er gefunden worden war. Der Bursche war bewusstlos und wies an der Stirn eine Stichwunde auf. Neben seinem Kopf lag ein zusammengeballtes Taschentuch, das augenscheinlich als Knebel gedient hatte. Der Bewusstlose wurde, in das Sophienspital gebracht, wo er gegen halb 8 Uhr nachts das Bewusstsein wiedererlangte und folgende Angaben machte:

 â€žStich eahm d‘ Augen aus!“

Er ist der 21jährige Hilfsarbeiter Mathias Haut, Hernals, Frauengasse 9 wohnhaft. Gestern nachmittags beobachtete er einige Burschen, die einer Diebsbande angehören sollen, wie sie ĂĽber die Mauer des Schmelzer Friedhofes stiegen. Da Haut vermutete, dass sie eventuell Diebsbeute auf dem Friedhof verstecken wollten, schlich er ihnen nach und dabei wurde er ertappt und die Burschen, denen er bereits einmal die Polizei auf den Hals gehetzt hatte, beschlossen, sich zu rächen. Sie entkleideten Haut, fesselten ihn an Händen und FĂĽĂźen und steckten ihm, damit er nicht schreien könne, sein Taschentuch als Knebel in den Mund. Die Attentäter nahmen ihm dann noch 1 Krone 20 Heller weg und einer von ihnen tauschte seinen alten grĂĽnen PlĂĽschhut gegen den neuen schwarzen steifen Hut Haut’s aus. Schon wollten sie sich entfernen, da rief einer: „Stich eahm d‘ Augen aus!“ Und wirklich drehte sich einer der Bande um, ging mit offenem Messer auf den wehrlos auf dem Boden liegenden Haut zu und begann Stiche gegen seine Augen zu fĂĽhren. Haut wälzte sich so, dass er auf den Bauch zu liegen kam und das Gesicht in das Erdreich presste. Nur ein Stich traf ihn an der Stirne, aber seine Wangen wiesen mehrere Schnittwunden auf. Die Gauner entfernten sich. Nach längerem BemĂĽhen gelang es Haut endlich, den Knebel aus dem Munde zu bringen und Hilferufe auszustoĂźen, worauf seine Auffindung erfolgte. Die Ausforschung der Täter, die Haut ziemlich genau beschrieben hat, wurde eingeleitet.

Transkript Ende

Eingang zum Schmelzer Friedhof um 1900

Der Schmelzer Friedhof

Der Schmelzer Friedhof (15, Märzpark) war einer der fünf Kommunalfriedhöfe, die 1784 von Josef II. vor dem Linienwall eingerichtet wurden.

Er  wurde nach dem Ersten Weltkrieg aufgelassen und in den „Märzpark“ umgewandelt.

Die Benennung erfolgte 1928 in Erinnerung daran, dass auf dem Friedhof die 35 Gefallenen des 13. März 1848, die so genannten „Märzgefallenen“, bestattet gewesen waren.

Auf einem Teil des ehemaligen Schmelzer Friedhofs steht heute die Stadthalle.

Erinnerungen an den Schmelzer Friedhof von Alfons Petzold

So hatte Alfons Petzold diesen alten Friedhof in Erinnerung:“ Ich hatte täglich einen weiten Weg zur Schule zu gehen, der über das ausgedehnte Schmelzer Exerzierfeld an der Rückseite des Altwiener Friedhofs vorbeiführte, dessen frühere Gepflegtheit in eine wahre Urwaldwildnis übergegangen war und der einen Tummelplatz für die umwohnende Jugend abgab, wie man ihn herrlicher nicht träumen konnte.“

Die „Urwaldwildnis“ des Schmelzer Friedhofs um 1900

„Ein wahres Sodom und Gomorrha!“

„Was müssen´s auch bei Nacht über die Schmelz gehen!“, werden sich manche LeserInnen dieser Artikels gedacht haben, denn der Ruf des großen Geländes – früher wurde die gesamte Gegend zwischen Thaliastraße, Wiener Gürtel und Westbahntrasse als der Schmelz zugehörig empfunden, wie noch heute der Name der die Westbahn querenden Schmelzbrücke im Süden bezeugt – war damals ein durchaus zwiespältiger.

Die Schmelz war ursprünglich eine unverbaute, hochgelegene, große Acker- beziehungsweise Wiesenfläche westlich der Stadt. Die erste urkundliche Erwähnung des Gebietes fand um das Jahr 1309 als „Smeltz im Preitensewer aigen“ statt (bis zur Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 fand sich auf der Schmelz ein Schmelzhaus).

Im Jahre 1847 wurde ein Teil des Areals als Parade- und Exerzierplatz eingerichtet. Der Paradeplatz auf der Schmelz bestand bis zum Ende des Kaiserreiches im Jahr 1918.

In den Jahren 1894 bis 1896 wurde am nördlichen Rand die heute noch bestehende Graf-Radetzky-Kaserne errichtet.

Im Jahre 1911 wurden die südlichen und östlichen Teile der Schmelz zur Verbauung freigegeben.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war das Gebiet fast zur Gänze von Schrebergärten, Sportanlagen und auch Wohnhäusern bedeckt.

Am westlichen Rand des vormaligen Exerzierplatzes wurde ab 1919 die Siedlungs- und Wohnhausanlage Schmelz errichtet, einer der ersten Gemeindebauten Wiens.  
(Quelle: Wikipedia)

Ein Teil der Schmelz wurde bis Anfang des 20. Jhdts. als Exerzierplatz fĂĽr die kaiserlichen Truppen genutzt

Wie es damals auf der Schmelz aussah, schildert Alfons Petzold in seinen Jugenderinnerungen.

Alfons Petzold, „Das rauhe Leben“

Auf die Vorstellungen des Vaters hin erlaubte mir nun die Mutter das Spielen mit anderen Kindern auf den ausgedehnten Feldern, welche dem jetzt schon fast verbauten Schmelzer Exerzierplatz vorlagerten. O welch zahlreiche Freuden sind aus diesem Grasboden in meine Adern geströmt! Welch unerhörte Beglückung erfüllte hier manchmal mein kleines Bubenherz! Was geschah nicht alles auf dieser für das Kinderherz so unendlichen Heide, die an den Türschwellen der Häuserzeile begann, in der wir wohnten, und wie eine Meeresfläche gegen die fernen Wienerwaldberge anwogte; mit Baumgruppen und phantastischem Schanzwerk als Inseln, durchzogen von geheimnisvollen Gräben, in denen seltsames Unkraut wucherte und in üppiger Fülle Eidechsen, Kröten, Frösche, weiter draußen sogar Feldmäuse und Wildhasen hausten. Diese Heide war für uns Kinder die unermeßliche Prärie, die gelbe Wüste Afrikas, der Tummelplatz asiatischer Völker und, wenn der Regen über sie hinspülte, die Gefahren aller Art gebärende See. Auf ihrer Einsamkeit gründeten wir die Republik der Kindheit, dichteten wir im Spiele die Cooper- und Hoffmannschen Wildwestgeschichten in gläubigst hingenommene Wirklichkeit um. Alle Gestalten unserer Märchen bevölkerten ihre Erdhügel, Bäume und Gräben. Zelte erstanden auf ihrem Boden und verbargen abenteuerlüsterne Buben, die würdevoll als rote oder germanische Helden Kartoffelkraut und getrockneten Huflattich rauchten.

Auszug Ende

Im Sommer spielten dort die Kinder, trafen sich die jungen Leute zum Stelldichein, und die Ă„lteren tarockierten auf Tischen.

FĂĽr die armen Leute der Umgebung war die „G´stettn“ ein Erholungsort: Im Sommer spielten dort die Kinder, trafen sich die jungen Leute zum Stelldichein, und die Ă„lteren tarockierten auf Tischen, die aus Ziegeln erbaut und mit Wachstuch bedeckt waren.

Das gesamte Areal verwandelte sich bei schönem Wetter in ein riesiges Gasthaus, tatkräftig unterstützt von den Bier- und Branntweinschänken, die sich in sehr bescheidenen Lokalen ringsum etabliert hatten.

„Sank sanfter Frühlings-, wohltätiger Sommer-, schöner Herbstabend, konnte man auf der Schmelz oft die wehmütigen Klänge der Mundharmoniken vernehmen, die dunkle, nicht deutlich auszunehmende Gestalten bliesen. Glühende Zigaretten punktierten die Gruppen, bis die Nacht kam.“

Aber das war nur die eine Seite.

„War’s Neumond ohne Stern, floh alles rechtzeitig, denn dann regierten auf der unbeleuchteten Schmelz die „Platten“. Die fĂĽrchterlichen Verbrecherbanden aus den umliegenden Bezirken. Sie haben die Schmelz zu einem wahren Sodom und Gomorrha gemacht. Nie hat sich ein Wachmann allein zur Nachtzeit auf die Schmelz wagen können, nur in Patrouillen gingen sie.“

(Quelle: Weyr Siegfried: Von Lampelbrunn bis Hohenwarth. Durch Wiener Vorstädte und Vororte, o. J., zitiert nach Maderthaner/Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900, S. 149f., Campus Verlag, Frankfurt 1999)

Treffpunkt der PlattenbrĂĽder

Auch der bereits stark verwilderte Schmelzer Friedhof war ein beliebtes Versteck, sowohl für die Beute als auch für die Täter.

Die Schmelz war die zentrale Treff- und Kampfstätte der „PlattenbrĂĽder“. Das Wort „Platte“ kommt von platt: „vertraut, sicher, gaunerisch“, von jidd. polat „entwischen, entkommen“, polit „FlĂĽchtling“, daraus auch platte Leute „Gauner“, Platte „Bande“

Quelle: https://www.wikizero.com/de/Rotwelsch

Laut Meyers Konversationslexikon ist die Platte (v. hebr. polat, »entwischen, entrinnen«), in der Gaunersprache ein Ort, wohin man sich flüchten kann, wo man sicher ist, sodann organisierte Banden, deren Genossen sich zu einem gemeinsamen, verbrecherischen Handeln zusammenfinden.

Quelle: Meyers GroĂźes Konversations-Lexikon, Band 16. Leipzig 1908, S. 27.

Auf dem weitläufigen Gelände der Schmelz also trieben die Unruhestifter, Revolutionäre, „Strizzis“, „PĂĽlcher“ und PlattenbrĂĽder (zu denen auch Platten-Schwestern gehörten) ihr Unwesen, dort trugen die StraĂźenkinder- und Jugendbanden ihre Auseinandersetzungen aus, die nicht selten zu regelrechten Bandenkriegen ausarten.

Die Platten wurden zum Zentrum von Schutzgelderpressung, Diebstahl, Falschspielerei, Zuhälterei und Prostitution.

Ihre Namen leiteten sich in der Regel von den AnfĂĽhrern der Platte ab – etwa die „G’stutzte-Mirzl-Platte“ (nach der kurzhaarigen Hehlerin Marie Herold) oder die „Marzelli-Platte“ – oder von sozialen Kriterien wie bei der „Capskutscher-Platte“ oder nach Plätzen wie bei der „Richard-Wagner-Platte“ aus Neulerchenfeld.

Als Zuflucht dienten ihnen häufig Obdachlosenasyle, wo die Polizei keine Hausdurchsuchungen vornehmen durfte, oder auch die weitverzweigten Kanalschächte des unterirdischen Wien, wo sie sich durch ihre ĂĽberlegene Kenntnis des finsteren Labyrinths  der polizeilichen Verfolgung leicht entziehen konnten.

Auch der bereits stark verwilderte Schmelzer Friedhof war ein beliebtes Versteck, sowohl für die Beute als auch für die Täter.

Zwei von der „G´stutzten-Mirzl-Platte“ vor Gericht, Bild: Illustrierte Kronen-Zeitung, 16. Mai 1905.

Diesen Platten gehörten nicht nur Männer und Burschen aus den umliegenden Armenvierteln an, sondern auch Mädchen, oft erst elf bis sechzehn Jahre alt, die von der Prostitution und vom Diebstahl lebten und gemeinsam mit ihren männlichen Gefährten vor allem die Gastwirte terrorisierten.

1907 berichtet der Rechtsanwalt Max Pollak, Verteidiger der „Scherzer-Platte“ aus Hernals, in einem Monsterprozess ĂĽber die Kunden seiner elf- bis 16-jährigen Mandantinnen, sie seien Kellner, Bäckermeister, Delikatessenhändler, Maler und Ă„rzte.

Diese jugendlichen „Platten“ hat auch Petzold noch in unheimlicher Erinnerung:

Wurden auf der unermesslichen Großsteppe der Schmelz die ewigen Blutfehden der Fünfhäusler gegen die Lerchenfelder ausgefochten, so verbanden sie sich zum gemeinsamen Kampf gegen die wilden Urbewohner dieser Uferwildnis. Das waren verwahrloste junge Taugenichtse, die hier hausten und Jagd auf uns besser gekleidete Buben machten. Wehe, wenn sie einen von uns fingen. Sie nahmen ihm alles, was er auf dem Leibe trug, und führten die größten Scheußlichkeiten mit ihm aus.

Wer waren die „Plattenbrüder“?

Wie die „Illustrierte Kronen-Zeitung“ am 19. Mai 1905 anlässlich eines Diebstahls- und Hehlereiprozesses gegen die „G´stutzte-Mirzl-Platte“ berichtete, erschienen als Angeklagte zumeist Vorbestrafte aus der Unterschicht, Hilfsarbeiter oder Arbeiter in kleinen Gewerbebetrieben:

Transkript (Auszug)

„…der Bäckergehilfe Adolf Zavazal, der Hilfsarbeiter Josef Kolar, der Hilfsarbeiter Alois Skokan, der Kammmacher Rudolf König, der Agent Julius Hitzky, der Hilfsarbeiter Josef Siegl, der Kutscher Karl Mahr, der Metallschleifer Donat Moosbauer, der Silberschmied Oskar Blechner, die Hilfsarbeiterin Marie Herold und der Agent Adolf Weiß. Sämtliche Angeklagte bis auf Oskar Blechner sind vorbestraft. Die Anklage lautet gegen die neun zuerst genannten Angeklagten auf Diebstahl, gegen Marie Herold und Adolf Weiß auf Diebstahlsteilnehmung (Hehlerei, Anm.d.Red.) Josef Kolar hat sich überdies wegen Erpressung zu verantworten, weil er vor seiner Verhaftung dem Adolf Illichmann, der ihn festnehmen wollte, zurief: „Du willst mich arretieren lassen? Wie du ein Wort sprichst, mach ich dich kalt, mir liegt nichts an 7 Jahren!“ und dabei ein Messer schwang.“

Transkript Ende

Es waren zuweilen auch schwer gestörte Menschen wie der Bandenführer Johann Marzelli, bei dem sich schon als Kind der später ausbrechende Wahnsinn andeutete (als Strafgefangener in Göllersdorf fiel er schließlich in einem wahren Blutrausch über Mitgefangene her und verletzte drei davon schwer).

Transkript: Illustrierte Kronen-Zeitung,  4. September 1906

Der 19jährige Pflasterergehilfe Johann Marzelli war ein berüchtigter Plattenbruder und in Ottakring und Umgebung ebenso bekannt als gefürchtet. Er kam am 20. März d. I. zu einem Ringelspiel- und Schaukelbesitzer auf der Schmelz und gab aus einem Revolver mehrere scharfe Schüsse ab. Bei der Polizei meinte er gleichgültig, er habe geschossen, »weil es ihm Freude machte.“

Bald danach, am 10. April, erschien er im Gasthaus „zur WindmĂĽhle“ in der Gablenzgassc und bestellte Wein. Da ihm wegen seiner bekannten Gemeingefährlickeit das Lokal verboten war, verweigerte der Zahlkellner Pitzelsberger die Verabreichung dos Getränkes.  Marzelli geriet darob in heftigen Zorn, zog einen Dolch aus der Tasche und lief damit drohend im Lokal herum. Entsetzt flĂĽchteten die Gäste auf die StraĂźe. Da erschien der Gastwirt Huber mit einem Weinschlauch bewaffnet. Mit den Worten: „Den muĂź i niederstechen!“ stĂĽrzt« Marzelli mit gezĂĽcktem Dolche auf Huber los, wurde aber von einigen Männern zurĂĽckgerissen und der Polizei ĂĽbergeben. Aus dem Strafprotokoll ging hervor, dass Marzelli schon als zwölfjähriger Junge einen Burschen durch Messerstiche in den Bauch verletzt hatte; einmal brachte er sich selbst im Grimm darĂĽber, dass seine Mutter ihm ein paar Kreuzer verweigerte, mit einem Messer Kopfwunden bei.

Transkript Ende

Im Jahr 1912 schrieb der Autor Hans W. Gruhle in einem – allerdings sehr zeitgebundenen – Beitrag zur Kriminalpsychologie ĂĽber die Entstehung dieser Platten:

Quelle: Hans w. Gruhle, „Die Ursachen der Jugendlichen Verwahrlosung und Kriminalität“, Studien zur Frage: Milieu oder Anlage, Abhandlungen aus dem Gesamtgebiet der Kriminalpsychologie.

Den sozialen Hintergrund dieser weiträumigen Verwahrlosung hat Gruhl nicht im Blick.

Man muss bedenken, dass sich zwischen 1870 und 1900, also innerhalb von 30 Jahren, die Wiener Bevölkerung verdoppelt hatte, vornehmlich durch den Zuzug armer Leute aus Böhmen und Mähren.

1910 beherbergte die Stadt ĂĽber zwei Millionen (gemeldete) Einwohner, von denen 65 Prozent „fremdbĂĽrtig“ waren.

Sie wohnten in „Zinskasernen“ in sogenannten „Substandard-Wohnungen“: „Zimma-Kuchl-Kabinett“, Wasser von der Bassena, Gemeinschaftsklosett am Gang.

In einem ausführlichen Artikel berichtet die „Montags-Post“ vom 13. November 1911 über die Zustände in diesen Wohnungen.

Transkript: Morgen-Post vom 13. November 1911:

So ist z.B. in der Absberggasse 7 ein Kabinett, welches von einem Manne und zwei Kindern im Alter von 7 und 11 Jahren bewohnt ist. In diesem Kabinett (4 Meter mal 2,5 m) befindet sich ein Bett, ein Tisch, ein Koffer und ein eiserner Sparherd als Einrichtung; der übrige Raum ist mit verschiedenen Abfällen, die auf dem in der Nähe liegenden Ablagerungsplatz der Kommune gesammelt werden, ausgefüllt. Mietzins 20 Kronen monatlich.

Im selben Haus hat ein Mann mit Frau und drei Kindern im Alter von 3 bis 10 Jahren ein mäßig großes Kabinett inne, für das monatlich 14,60 Kronen bezahlt werden müssen. Die gesamte Einrichtung besteht aus einem durchlöcherten Strohsack und einer Kiste, die als Tisch dient; anstelle eines Ofens wird ein Lavoir (Waschschüssel, Anm. de. Red) mit Holzkohlen verwendet. Die Wohnung ist in äußerst unreinem Zustande.

Kennzeichnend ist, dass die Wohnungszinse solcher Wohnung durchwegs erhöht worden sind und zwar nicht selten bis zu 25 Prozent des vorjährigen Mietzinses.

Transkript Ende

Zimmer – KĂĽche – Kabinett

Bis zu 20 Menschen lebten miteinander auf zwei Zimmern und KĂĽche. In solchen UnterkĂĽnften wohnten viele, die sich keine Hauptmiete leisten konnten, zur Untermiete.

Bettgeher

Tief unter den „Zimmerherren“, die wenigstens ein Kabinett ihr Eigen nannten, standen die „Bettgeher.“

Sie mieteten nur das Recht, in einem Bett zu schlafen, wobei Schichtarbeiter einander oft sogar im selben Bett abwechselten, der eine bei Tag, der andere bei Nacht.

Es kam nicht selten vor, dass drei Personen in einem Bett schliefen, zuweilen 30 Schlafgelegenheiten in ein Zimmer gezwängt wurden und überhaupt jeder freier Platz in Küchen, Dachböden, hinter Holzverschlägen und zwischen angesammeltem Gerümpel stundenweise „vermietet“ wurde, um das karge Haushaltsgeld aufzubessern.

Wer kein Dach ĂĽber dem Kopf hatte, nächtigte vor dem Ringofen der Ziegelfabriken auf dem Wienerberg oder in der „Schmittn“ im Wienkanal, gleich auĂźerhalb des Stadtparks – einer alten Schmiede, die während des Stadtbahnbaus eingerichtet worden war.

Die Allerärmsten rudelten sich in verborgenen Winkeln in den Kanälen zusammen, immer in Gefahr, bei plötzlich steigendem Wasser ertränkt zu werden.

Kein Wunder, dass vielen jedes Mittel recht war, um diesem Elend zu entfliehen.

„Im offensichtlichen Bestreben, dem Druck schlecht bezahlter Lohnarbeit zu entgehen, versuchten sie, ein über die Existenzsicherung hinausgehendes Auskommen durch Kleinkriminalität und vor allem Zuhälterei zu sichern und einen bürgerlichen Lebensstil zu kopieren, was den typischen Strizzis und Pülchern nicht selten zu einer Karikatur der Insignien eines ersehnten Luxuslebens geriet (goldene Uhr und Kette, protzige Brillantringe, aufwendiges und exzessives Konsumverhalten.“

(aus:  Die Anarchie der Vorstadt: das andere Wien um 1900 von Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner)

Die Anarchie der Vorstadt: das andere Wien um 1900 von Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner, noch erhältlich bei „Weltbild“ und im „Falter-Shop“
meine meinung

Wann immer man sich versucht fühlt, über die ausufernde Kriminalität der heutigen Zeit, die Verrohung von Kindern und Jugendlichen, die aggressiven Jugendbanden, die organisierte Kriminalität, das „G´sindl“ ganz allgemein zu schimpfen und dergleichen als typisch für das beginnende 21. Jahrhundert zu verstehen, sollte man einen Blick zurück in die „gute alte Zeit“ der Jahrhundertwende tun …

VerfĂĽgen Sie ĂĽber weitere Informationen zu den PlattenbrĂĽdern auf der Schmelz? Dann freuen wir uns, wenn Sie uns diese zukommen lassen! Kontakt: office@bm15.at

Video zum Beitrag

PlattenbrĂĽder auf der Schmelz Teil 1

Quellen:

  • ANNO
  • Wien Geschichte Wiki
  • Wikipedia
  • Alfons Petzold, „Das rauhe Leben“
  • „Polizeifiles“, Polizeigeschichte des BM fĂĽr Inneres.
  • Hans W. Gruhle, „Die Ursachen der Jugendlichen Verwahrlosung und Kriminalität“, Studien zur Frage: Milieu oder Anlage, Abhandlungen aus dem Gesamtgebiet der Kriminalpsychologie.
  • Weyr Siegfried: Von Lampelbrunn bis Hohenwarth. Durch Wiener Vorstädte und Vororte, o. J., zitiert nach Maderthaner/Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900
  • Die Anarchie der Vorstadt: das andere Wien um 1900, von Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner, S. 149f., Campus Verlag, Frankfurt 1999. Noch erhältlich bei „Weltbild“ und im „Falter-Shop“.

Ende Teil 1. Teil 2 lesen Sie am 15.9.2019 hier auf WIENfĂĽnfzehn.

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Hier finden Sie alle Artikel unserer Serie „History & Crime in Rudolfsheim“

Teil 1: Die Verhaftung des Einbrecherkönigs Johann Breitwieser (1918)
Teil 2: Die Hyäne der Armen – Der Kinder-Betrüger Georg Prödinger (1905)
Teil 3: Von einer Greisin erstochen – Das Ende des „Revolvergustl“ (1928)
Teil 4: Der Gattinnenmörder Anton Karner – Eifersucht in der Enge der Proletarierwohnung (1913)
Teil 5: Motorführer Johann Prügl als Dienstmädchenmörder (1905)
Teil 6: Der Raubmörder und der tapfere Wirt (1920)
Teil 7: „Noch 48 Stunden, dann hol ich ihn mir, den Hager“ (1911)
Teil 8: Eine Greisin im Schlaf abgeschlachtet: Der Raubmörder Anton Senekl (1902)
Teil 9: Raubmord an einem Kind – Der Fall Rudolf Kremser (1914)

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Jede Belehrung und Berichtigung, welche in Beziehung auf größere Vervollkommnung und Gemeinnutzmachung dieser Herausgabe beabsichtigt ist, wird mit dem ausgezeichnetsten Danke empfangen.

(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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