đŸ”ȘRaubmord an einem Kind – Der Fall Rudolf Kremser (1914)

Lesen Sie heute den 9. und letzten Teil unserer neunteiligen Serie „History & Crime in Rudolfsheim (FĂŒnfhaus) Anno dazumal“ von Barbara BĂŒchner.

Barbara BĂŒchner hat in Archiven recherchiert, dutzende Zeitungsartikel durchforstet und spektakulĂ€re FĂ€lle zusammengetragen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-FĂŒnfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tĂ€tig waren.

Verfolgen Sie mit uns die „Bluttat in FĂŒnfhaus“ des Rudolf Kremser an seiner Nichte Friederike Kalupka. Als Quelle dient u.a. die „Illustrierte Kronenzeitung“ vom 16. Dezember 1914.

Die Bluttat in FĂŒnfhaus

Dramatische kriegerische Erfolge in West-Galizien und SĂŒd-Russland („31.000 Russen gefangen!“) mussten im Kriegswinter 1914 auf der Titelseite der „Illustrierten Kronen-Zeitung“ einer lokalen Tragödie Platz machen. Am 16. Dezember trĂ€gt das Blatt den Titel: Die Bluttat in FĂŒnfhaus.

Titelseite der Illustrierten Kronenzeitung vom 16.12.1914

Die gesamte Wiener Presse berichtete von der ersten Entdeckung bis zum Todesurteil in großem Umfang und Detail ĂŒber die Tat, die, als Kriminalfall gesehen, keinerlei Bedeutung hatte, aber in ihrer Unmenschlichkeit erschĂŒtterte: Um ihr zwei Kronen (umgerechnet vier Euro!) zu rauben, hatte der 43jĂ€hrige arbeits- und obdachlose Drechslergehilfe Rudolf Kremser seiner Nichte, der 13-jĂ€hrigen Friederike Kalupka,  Tochter seiner Schwester Maria, die Kehle durchgeschnitten. Die Verblutende hatte er auf dem Sofa liegen lassen, wo ihre aus der Schule heimkehrenden Geschwister sie fanden. 

Der TĂ€ter war rasch gefasst, er war gestĂ€ndig, er wurde verurteilt – und doch ist es ein Fall, der rĂ€tselhafte Untiefen zu bergen scheint. War es ein simpler Raubmord? Oder ein Lustmord? Oder blutige Rache fĂŒr abwertende Bemerkungen der jungen Friederike, die ihren Onkel verachtete: „Warum arbeitet der Onkel nicht?“ Oder der Versuch, eine – vielleicht misslungene – Vergewaltigung zu vertuschen?

Rudolf Kremser bei seiner Gerichtsverhandlung, Illustration der Kronenzeitung

Was fĂŒr ein Mensch ist Rudolf Kremser? Von seinem Leben vor der Tat ist nur wenig bekannt: Er war verheiratet und Vater von vier Kindern. Als seine Frau starb, ĂŒberließ er die Kinder ihrem Schicksal und ging ins Ausland. SpĂ€ter kehrte er nach Wien zurĂŒck, wo er eine Vorstrafe an die andere reihte. Zuweilen wohnte er im MĂ€nnerheim in der Wurlitzergasse in Hernals, zuweilen trieb er sich obdachlos herum. Gelegentlich arbeitete er ein paar Tage lang, zuletzt als Badediener, doch im Allgemeinen hielt er sich an den von ihm selbst ausgesprochenen Grundsatz: „Arbeiten ist nur was fĂŒr die Dummen.“ Er war ein Herumtreiber, ein Schnorrer, ein Bettler, ein Strotter.

Der Begriff Strotter (vom Altwiener Ausdruck „strotten“ = aussortieren) ist eine veraltete, aus dem Raum Wien stammende, Bezeichnung fĂŒr Personen, die in AbfĂ€llen herumstöbern, um Verwertbares zu finden. Vorwiegend werden damit jene bis Mitte des 20. Jahrhunderts im Wiener Untergrund lebenden Personen assoziiert, fĂŒr die das Strotten Lebensgrundlage war. Strotter wird zuweilen auch als Synonym fĂŒr einen Vagabunden verstanden. Weil die Strotter dazumals ein lokales Wiener PhĂ€nomen waren, wurde der Begriff dort am stĂ€rksten geprĂ€gt und konnte sich großrĂ€umig nicht etablieren. Eine Internetumfrage legt nahe, dass die Bezeichnung heute nur noch einem kleinen Teil der österreichischen Gesamtbevölkerung gelĂ€ufig ist – einzig in Wien wird sie noch von der Mehrheit verstanden. (Quelle Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Strotter)

Aber war dieser arbeitsscheue und haltlose Mann deswegen auch ein Sexualverbrecher, ja ein Lustmörder? Dass der Verdacht relativ rasch aufkam, ist nicht zuletzt seinen eigenen, mysteriösen und doppeldeutigen Bemerkungen zu verdanken.

Die Neue Freie Presse vom 10. April 1915 jedenfalls schreibt in ihrem Bericht ĂŒber die Verhandlung:

Transkript BB

Der rĂ€tselhafte Mörder. – Eine sadistische Tat mit nachfolgendem Diebstahl?

Der Fall, der nach dem Justizakt der Wissenschaft gehört, die an den RĂ€tseln, die er bringt, ihre feineren psychoanalytischen Lösungen versuchen wird, liegt heute einem Ausnahmssenat im Schwurgerichtssaal zur Judikatur vor. Auf den ersten Blick handelt es sich allerdings um eine Gewalttat, die nur durch ihre BestialitĂ€t Aufmerksamkeit fordert. Der 44jĂ€hrige Vagant (Anm.d.Red: Obdachloser, Stadtstreicher)Rudolf Kremser hat seine 14jĂ€hrige leibliche Nichte in ihrer elterlichen Wohnung ĂŒberfallen, als niemand von ihren Angehörigen daheim war, und sie mit einem KĂŒchenmesser abgeschlachtet. Kremser war damals in Not, und aus dem Umstande, dass er eine Zweikronennote am Tatort an sich genommen hat, konnte geschlossen werden, dass der furchtbare Mord zu Raubzwecken begangen wurde, eine Annahme, die auch noch durch das spezielle kriminelle Vorleben des Angeklagten gestĂŒtzt wird. In der heutigen Verhandlung aber, die sich unter dem Vorsitz des Oberlandesgerichtsrates Dr. Weinlich abspielt, trat das Gewinnsuchtsmotiv immer mehr in den Hintergrund. Andere Ursachen wurden, wenn auch nur verschleiert, sichtbar und der Verdacht wurde im Laufe des Vormittags immer stĂ€rker, dass man es hier mit einem TĂ€ter zu tun habe, der keinen Mord begangen hat, um ein Hindernis zu beseitigen.

Transkript Ende

Ursachenforschung

Was war geschehen, dass die Zeitungen sich bewogen fĂŒhlten, von einem „rĂ€tselhaften Mord“ mit „verschleierten Ursachen“ zu sprechen?

Das Szenario ist das einer typischen kleinbĂŒrgerlichen Wiener Familie im ersten Jahr des Weltkrieges. Der „Ziseleur“ (Silberschmied) Friedrich Kalupka bewohnte in der Löschenkohlgasse 89 (damals 14. Bezirk) eine bescheidene Wohnung zusammen mit seiner Frau Maria, der 14jĂ€hrigen Friederike und ihren drei kleinen Geschwistern sowie immer wieder einem unerwĂŒnschten Gast: dem arbeitslosen Rudolf Kremser, ĂŒber den Friederike einmal sagte: „Der Onkel isst uns das Brot weg und wir haben selber nur wenig.“ Kremser machte kein Hehl daraus, dass er von Arbeit nichts hielt, sondern lieber schnorrte, vorzugsweise bei seiner Schwester, die verzweifelt hoffte, er wĂŒrde sich doch eines Tages noch bessern. Vergebliche Hoffnung!

Da Frau Kalupka zu Schanzarbeiten kriegsdienstverpflichtet war, ĂŒbernahm Friederike – ĂŒber die alle ZeugInnen nur das Beste zu sagen wissen – die Rolle des HausmĂŒtterchens, betreute nach der Schule die kleinen Geschwister und kaufte ein, wofĂŒr ihr die Eltern tĂ€glich zwei Kronen gaben. 

Die Beute eines meuchlerischen Raubmordes: Österreichisch-Ungarische Zwei-Kronen-Note, Bild: Wikipedia

Am 16. Dezember war das MĂ€dchen am Vormittag allein zu Hause, als Kremser gegen elf Uhr gesehen wurde, wie er die Wohnung betrat, aber kaum eine Viertelstunde spĂ€ter wieder verließ. Als die jĂŒngeren Geschwister dann nach Hause kamen, fanden sie die TĂŒre versperrt, und niemand öffnete auf ihr Klopfen. Eine Nachbarin, Frau Ludmilla Roth, „knackte“ die TĂŒre schließlich mit Hilfe eines SchĂŒrhakens – und wurde zur ersten Zeugin eines entsetzlichen Anblicks. Die tote Friederike kniete auf dem Boden, den Oberkörper auf dem Sofa, aus einer klaffenden Wunde an ihrem Hals war Blut ĂŒber die Polsterung bis auf den Boden geströmt.

Es gab vom ersten Augenblick an keinen Zweifel, wer der TĂ€ter sein musste, denn die intelligente und vorsichtige Friederike hĂ€tte niemals einen Fremden in die Wohnung gelassen. Rudolf Kremser wurde wenige Stunden spĂ€ter verhaftet und legte auch bald ein GestĂ€ndnis ab, wobei er sinngemĂ€ĂŸ sagte: „Wo so viele tapfere MĂ€nner im Krieg fallen, zĂ€hlt das Blut eines MĂ€dels nicht.“

Seine Verantwortung wechselte stĂ€ndig, wie sich im Prozess erweisen sollte, immerhin gab er zu, „dass er nach dem Morde vom Schubladenkastel eine Zweikronennote genommen, die die Mutter fĂŒr das Mittagessen der Kleinen zurĂŒckgelassen hatte.“

Kurz nach diesem GestĂ€ndnis jedoch verlegte er sich wieder auf einen Trick, der ihm schon oft aus der Patsche geholfen hatte: Er „spielte den Narrn“, wie er selber zugab, simulierte ein Kriegstrauma, Wahnvorstellungen und blutige erotische Begierden, die ihn „plötzlich ĂŒberkommen“ hĂ€tten, „als er mit dem MĂ€del allein war.“ Die Zeitungen machten viel aus diesen verworrenen Äußerungen.

Hören wir die Neue Freie Presse vom 10. April 1915:

Transkript BB

„Immer mehr drĂ€ngt sich beim Anhören der Verantwortung die Anschauung auf, dass die Quellen seiner Mordgier in den grauenvollen AbgrĂŒnden eines abnormen Trieblebens zu suchen sind, und dass er den Mord aus Lust am Töten, an den Qualen, am Verbluten des Opfers begangen hat. An diesem sadistischen Motiv braucht die Tatsache nichts zu Ă€ndern. Man braucht sich nur vorzustellen, dass der Mörder, der auch in finanzieller BedrĂ€ngnis war, die sich leicht bietende Gelegenheit nĂŒtzte, um auch Geld vom Tatort fortzutragen.“

Transkript Ende

Die Eltern wissen von nichts, Zeugen gibt es keine, und der TĂ€ter wechselt beim Verhör von einem Tatmotiv zum anderen. Einmal bekennt er: â€žIch habe öfter solche Ideen, ich glaube aber, erst seit Kriegsausbruch. Der Gedanke, Menschen mit dem Messer den Hals durchzuschneiden, bereitet mir ein gewisses VergnĂŒgen.“  Dann wieder sagt er, er habe sich an Friederike rĂ€chen wollen, weil diese der Mutter von seinen sexuellen Übergriffen erzĂ€hlt habe – die Mutter erinnert sich jedoch nicht an solche ErzĂ€hlungen. Schon im nĂ€chsten Augenblick aber erklĂ€rt er ungeduldig, er habe „halt aan Raub machen wollen“ und das MĂ€dchen ermordet, weil sie ihm das Geld nicht freiwillig geben wollte.

Die Behörden halten sich bedeckt. Eine Obduktion wurde vorgenommen, in den Zeitungen wurde auch der Befund veröffentlicht, dass das MĂ€dchen infolge Verblutung durch Messerstiche in den Hals gestorben sei. Aber da schon der Vorwurf des Lustmordes im Raum hing, warum wurden keine entsprechenden gynĂ€kologischen Untersuchungen vorgenommen? Die Zeitungen und mit ihnen die Öffentlichkeit erfuhren nichts darĂŒber, ob Friederike noch Jungfrau war oder ob sich an ihrem Körper Spuren einer versuchten oder vollzogenen Vergewaltigung, vielleicht auch frĂŒherer sexueller Misshandlungen zeigten. 

Die Kosten des BegrĂ€bnisses wurden von der Gemeinde Wien getragen, da sich die Eltern diese vermutlich nicht leisten konnten, und es war ein feierliches, ein schönes BegrĂ€bnis: Die Leiche des MĂ€dchens wurde in der mit blauem Tuch ausgeschlagenen Leichenkapelle im Allgemeinen Krankenhaus aufgebahrt. Sie trug ein weißes Seidenkleid, einen Myrtenkranz und einen Kopfschleier und lag in einem reich verzierten Sarg. Wo Friederike Kalupka ihre letzte RuhestĂ€tte fand, ließ sich leider auch mithilfe der elektronischen GrĂ€bersuche der Stadt Wien nicht mehr feststellen.

Aufbahrung eines MĂ€dchens im 19. Jahrhundert, hier im viktorianischen England (Bild aus dem Internet, unbekannter Herkunft) Weißes Totenkleid und Myrtenkranz mit Schleier lassen darauf schließen, dass sie noch Jungfrau war. 
Wiener Ansicht des Wiener Landesgerichts zwischen 1901 und 1906, Bild: Wikipedia, http://www.alservorstadt.at/ansichten/landesgerichtsstrasse_7.jpg

Am deutlichsten wird der Charakter des TĂ€ters bei der Befragung wĂ€hrend der Verhandlung, wie sie die „Kronen-Zeitung“ vom 11. April 1915 im Detail wiedergibt:

Transkript BB

„Das Verhör. – Nur die Dummen arbeiten. Nach Verlesung der Anklageschrift ruft der PrĂ€sident den Angeklagten zum Verhör vor.

PrÀs.: Sie haben die Anklage verstanden, bekennen Sie sich schuldig?

Angekl.: Ja.

PrĂ€s.: Ist es möglich, dass Sie sich weigerten, wĂ€hrend des Krieges arbeiten zu ĂŒbernehmen?

Angekl.: Ja, es ist möglich.

PrĂ€s.: Von der Arbeit haben Sie, scheint es, ĂŒberhaupt keine besondere Meinung gehabt. Sie haben gegenĂŒber Ihrem Schwager eine Äußerung gemacht, die ungefĂ€hr lautete: Nur die Dummen arbeiten.

Angekl.: (macht eine ungeduldige Bewegung): Naja, es ist möglich, dass ich das gesagt habe.

PrÀs.: Was waren Sie zuletzt?

Angekl.: Badediener, und zwar bis acht Tage vor der Tat.

PrÀs.: Dann hatten Sie keinen Verdienst mehr, wohnten im MÀnnerheim. Waren Sie in Not?

Angekl.: Ja.

PrĂ€s.: Jetzt möchte ich Sie bitten, mir den Hergang der „Sache“ zu erzĂ€hlen.

Gespielt und gemordet.

Angekl.: (laut und lebhaft) Ich bin in der FrĂŒh von zu Haus weggegangen und hab mir gedacht, ich gehe zu meiner Schwester.

PrÀs.: Haben sie gewusst, dass sie Schichtarbeiten macht?

Angekl. – Ja, ich habe mir aber gedacht, ich triff sie vielleicht zu Hause.

PrĂ€s.: Sie haben an der TĂŒr angelĂ€utet, es ist Ihnen geöffnet worden.

Angekl.: Ja, die Kleine hat mir aufgemacht. (Ganz unbefangen) Ich habe sie gerufen, habe mit ihr gespielt und dann das Messer hineingestoßen.

PrÀs.: Was haben Sie dann getan?

Angekl.: (ebenso gleichmĂŒtig): ZugÂŽsperrt hab ich die TĂŒr und fortgangen bin ich!

PrÀs.: Aber die Leiche war ja den Diwan heruntergerutscht! Haben Sie sie so liegen lassen?

Der Angeklagte zuckt mit den Achseln.

(
)

PrÀs.: Nun sagen Sie uns: Warum haben Sie das getan?

Angekl.: (sieht an den SaalwÀnden hinauf, schlenkert mit den Armen und sagt bös): Um einen Raub zu machen und ein Geld zu kriegen!

PrĂ€s.: Da hĂ€tten Sie das MĂ€dchen aber nicht umbringen mĂŒssen.

Angekl. (nach einer Pause): Damit sie nicht sagen kann, dass ich es gewesen bin.

Transkript Ende

Der Staatsanwalt ermuntert den Angeklagten geradezu aufdringlich zu einem Bekenntnis, er habe aus sexueller Lust oder aus einem „kriegsbedingten“ Blutrausch heraus gehandelt. Kremser stimmt dem einmal zu, wehrt sich dann wieder heftig dagegen. Einmal deutet er an, er habe das MĂ€dchen auf dem Diwan „an sich gedrĂŒckt“ „mit ihr gespielt“ und „ihr liebe Worte gesagt“, danach „habe es ihn ĂŒberkommen, sie zu töten“; dann wieder, er habe immer schon jemand töten wollten, als er dann mit Friederike allein war, habe ihn der unwiderstehliche Drang ĂŒberkommen. Er lĂ€sst seltsame SĂ€tze hören wie (Originalton): „Wie viele Krieger mĂŒssen jetzt im Felde aIs Helden, fĂŒr das Vaterland sterben, nun soll auch dieses edle Blut fließen!“ Ist das die Sprache eines „Sandlers“? Oder einer der vielen Tricks, mit denen Kremser „den Narrn macht“?

Die beiden Wohnungsnachbarinnen, Frau Marie Bank und Frau Franziska Fischer, bestĂ€tigen ĂŒbereinstimmend, Friederike sei ein sehr liebes, braves und sittsames MĂ€dchen gewesen. Über Rudolf Kremser haben sie nichts Gutes gehört. GegenĂŒber Frau Fischer habe sich Friederikes Mutter wiederholt ĂŒber die Arbeitsscheu ihres Bruders beschwert und der Zeugin auch erzĂ€hlt, dass Friederike einmal zu Kremser gesagt habe: „Onkel, warum arbeitest du denn nicht auch? Mein Vater muss doch auch jeden Tag arbeiten.“

(Anm.d.Red: Der Vater tritt beim Prozess ĂŒberhaupt nicht in Erscheinung, möglicherweise war er zwischenzeitlich verstorben.)

Maria Kalupka als Zeugin bietet ein tragisches Bild, wie die Kronen-Zeitung berichtet: 

Transkript BB

„Sie ist eine schwĂ€chliche Frau mit abgehĂ€rmtem Gesicht. Die Zeugin trĂ€gt Trauerkleidung und betritt laut aufweinend den Gerichtssaal. Da die Frau leidend ist, gestattet der PrĂ€sident, dass sie ihre Aussagen sitzend abgeben darf. PrĂ€sident zur Zeugin: Sie können sich der Aussage entschlagen. Was wollen Sie tun?

Zeugin (weinend): Ich will aussagen.

PrĂ€s.: Was war die Friederike fĂŒr ein Kind?

Zeugin (mit erstickter Stimme): Sie war ein braves, gutes Kind.

PrĂ€s.: Hatte die Friederike den Onkel gern? 

Zeugin: Nicht gar gern. Sie sagte einige Male: „Der Onkel iss uns das Brot weg und wir haben selbst nicht zu viel.“

PrĂ€s.: Was ist Ihr Bruder fĂŒr ein Mensch?

Zeugin: Er hat nicht gern gearbeitet.

PrÀs.: Hat er auf Sie den Eindruck gemacht, dass er ein Narr ist?

Zeugin: Nein, ich glaube immer, er machte solche Sachen nur vor.

Transkript Ende

Die Gerichtspsychiater blufft er damit nicht: Das Gutachten der Fachleute bezeichnet Rudolf Kremser als moralisch schwer defekt, als eine gefĂ€hrliche Verbrechernatur, er leide aber weder an einer Geistesstörung, noch habe er die Tat in vorĂŒbergehender Bewusstseinsstörung begangen.

Das Urteil

Nach der Schlussrede des Staatsanwaltes und des Verteidigers zog sich der Gerichtshof zurĂŒck. Nach kurzer Beratung wurde Rudolf Kremser des Verbrechens des Raubmordes schuldig erkannt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Angeklagte hörte das Urteil vollkommen teilnahmslos an.

Nach kurzer Beratung wurde Rudolf Kremser des Verbrechens des Raubmordes schuldig erkannt und zum Tode durch den Strang verurteilt.



Bei einem solch brutalen Verbrechen, einem so reuelosen Angeklagten, einem so einmĂŒtigen Urteil möchte man meinen, es wĂ€re im Galgenhof des Wiener Landesgerichts schon sehr bald wieder die dĂŒstere Aufforderung an den Scharfrichter Lang ergangen: „Walten Sie Ihres Amtes!“

Aber seltsam: Von Rudolf Kremser hört man nur noch ein einziges Mal, in einer winzigen Todesanzeige in „Die Neue Zeitung“, die aber nicht ihn selber betrifft:

Die Meldung erscheint am 4. Februar 1916, nicht einmal ein Jahr nach dem Urteil, zu einer Zeit also, als die Todesstrafe noch drei Jahre lang in Gebrauch sein sollte – Scharfrichter Josef Lang amtierte bis 1919. NĂ€here ErklĂ€rungen dazu gibt es keine, auch nicht ĂŒber die Strafe, die statt des Todesurteils verhĂ€ngt wurde.

Der milde Kaiser

Möglich ist eine Begnadigung durch den Kaiser, der in seinem letzten Lebensjahr stand (er starb am 21. November 1916). Franz Joseph war in jungen Jahren der „Blutjustiz“ beschuldigt worden, doch je Ă€lter der Kaiser wurde, desto öfter verweigerte er die Zustimmung zur Vollstreckung; und grundsĂ€tzlich wurde kein Todesurteil an einer Frau vollstreckt, – nach der so grausig missglĂŒckten Hinrichtung der „Rabenmutter“ Juliane Hummel im Jahre 1900 durch den Scharfrichter WohlschlĂ€ger wurden sĂ€mtliche Todesurteile gegen Frauen in Kerkerstrafen umgewandelt. Die letzte Amtshandlung im Leben des greisen Monarchen, die Franz Joseph Stunden vor seinem Tod mit zittriger Hand unterzeichnete, war die Begnadigung einer zum Tod verurteilten Kindesmörderin.

Schleier des RĂ€tselhaften

Noch mysteriöser wird die Sache, wenn man die „Wiener Kriminalchronik“ zur ErklĂ€rung heranzieht. Dort endet der Bericht „Der MĂ€dchenmord in FĂŒnfhaus – Der Fall Rudolf Kremser“ mit den Worten: â€žBeim Prozess am 10.4. 1915 war Kremser gestĂ€ndig, sodass wegen Raubmordes das Todesurteil verhĂ€ngt wurde. Durch Eingabe der Verteidigung wurde das Verfahren derart verschleppt, dass das Todesurteil nicht mehr vollstreckt wurde.“

Stimmt diese Version, und Kremsers geschickte AnwĂ€lte konnten ihren Klienten durch ein stĂ€ndiges Hinauszögern  vor dem Galgen bewahren: Wieso fand dieser Angeklagte, der kein Geld hatte, keine „hohe Protektion“, der kein „Politischer“ war – wieso fand er eifrige Verteidiger, die ĂŒber drei Jahre hinweg mit immer neuen Eingaben den Vollzug des Todesurteils verschleppten, bis 1919, mit der Ersten Republik, die Todesstrafe vorĂŒbergehend abgeschafft wurde? Wer bezahlte diese Verteidiger? Oder was motivierte sie, sich unbezahlt so energisch fĂŒr einen Menschen einzusetzen, fĂŒr den sich auch nicht die geringsten MilderungsgrĂŒnde finden ließen?

So breitet sich ĂŒber den „rĂ€tselhaften Mord von FĂŒnfhaus“ trotz völliger kriminalistischer AufklĂ€rung doch noch der Schleier des RĂ€tselhaften.


meine meinung

So wie Friederike Kalupka mussten damals viele junge MĂ€dchen, halbe Kinder noch, schon die Mutter ersetzen, neben der Schule einkaufen, den Haushalt fĂŒhren, die kleinen Geschwister betreuen, weil Vater und Mutter berufstĂ€tig waren. Oft reichte ein Einkommen einfach nicht aus, um die Familie zu ernĂ€hren; andere Frauen waren, wie Maria Kalupka, zu Schanzarbeiten kriegsdienstverpflichtet. Die junge Friederike erfĂŒllte ihre Aufgabe vorbildlich – und wurde fĂŒr vier Euro Haushaltsgeld zum Mordopfer. Ich kann mitfĂŒhlen, dass der Mord so viel Empörung und Entsetzen bei der Wiener Bevölkerung hervorrief, selbst inmitten des Blutbades an allen Grenzen.


VerfĂŒgen Sie ĂŒber weitere Informationen zu Friederike Kalupka oder Rudolf Kremser? Dann freuen wir uns, wenn Sie uns diese zukommen lassen! Kontakt: office@bm15.at

Video zum Beitrag

Quellen:

  • ANNO
  • Wikipedia
  • Wiener Kriminalchronik, Max Edelbacher und Harald Seyrl, Edition S, Verlag Österreich, 1993, ISBN 3-7046-0421-6
  • Harald Seyrl (Hrsg.): Die Erinnerungen des österreichischen Scharfrichters. Erweiterte, kommentierte und illustrierte Neuauflage der im Jahre 1920 erschienenen Lebenserinnerungen des k.k. Scharfrichters Josef Lang. Edition Seyrl, Wien 1996, ISBN 3-901697-02-0.

Hier finden Sie alle Artikel unserer Serie „History & Crime in Rudolfsheim“

Teil 1: Die Verhaftung des Einbrecherkönigs Johann Breitwieser (1918)
Teil 2: Die HyĂ€ne der Armen – Der Kinder-BetrĂŒger Georg Prödinger (1905)
Teil 3: Von einer Greisin erstochen – Das Ende des „Revolvergustl“ (1928)
Teil 4: Der Gattinnenmörder Anton Karner – Eifersucht in der Enge der Proletarierwohnung (1913)
Teil 5: MotorfĂŒhrer Johann PrĂŒgl als DienstmĂ€dchenmörder (1905)
Teil 6: Der Raubmörder und der tapfere Wirt (1920)
Teil 7: „Noch 48 Stunden, dann hol ich ihn mir, den Hager“ (1911)
Teil 8: Eine Greisin im Schlaf abgeschlachtet: Der Raubmörder Anton Senekl (1902)
Teil 9: Raubmord an einem Kind – Der Fall Rudolf Kremser (1914)

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