Die Hyäne der Armen – Der Kinder-Betrüger Georg Prödinger (1905)

Lesen Sie heute Teil 2 unserer neunteiligen Serie „History & Crime in Rudolfsheim (Fünfhaus) Anno dazumal“ von Barbara Büchner.

Barbara Büchner hat in Archiven recherchiert, dutzende Zeitungsartikel durchforstet und spektakuläre Fälle zusammengetragen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

Verfolgen Sie heute mit uns die Festnahme des Betrügers Georg Prödinger durch Beamte des Kommissariats Schmelz in der Tannengasse.

Als Quelle dient u.a. die „Illustrierte Kronen-Zeitung“ vom 10. August 1905.

Handschellen

Nicht immer sind MörderInnen und RäuberInnen die abscheulichsten aller VerbrecherInnen. Oft sind es die durchaus „unblutigen“ TäterInnen mit den – im Einzelfall geringen Schadenssummen – die großes Unheil anrichten: Sie bringen – ohnehin bitterarme – Menschen um ihr letztes bisschen Besitz.

Kinder auszuplündern, galt vielen Kriminellen als der einfachste Weg, um zu Geld zu kommen. Entsprechend häufig wurde der Trick angewandt.

Oft waren diese BetrügerInnen selbst noch halbe Kinder, selbst arm und verwahrlost, zuweilen aber auch abgebrühte BerufsverbrecherInnen wie der vielfach vorbestrafte Georg Prödinger (geb. 1882).

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Illustrierte Kronen-Zeitung, 10. August 1905, Nr. 2014, Seite 6

[Transkription aus Illustrierte Kronen-Zeitung, 10. August 1905, Nr. 2014, Seite 6 (Auszug); Barbara Büchner]

Betrogene Armut. Der Schrecken der Kleinen.

Ein Gaunertrick, der fast immer erfolgreich ist, weil er sich die leichtgläubige Jugend zu Opfern wählt, wird jahraus, jahrein von Verbrechern ausgeübt. Der Trick nämlich, den Kindern armer Leute, welche zum Versatzamt geschickt werden, um Sachen zu versetzen, umzusetzen oder auszulösen, das Geld herauszulocken; dann Kindern armer und kranker Arbeiter die behobenen Krankenkassenbeiträge abzuschwatzen, schließlich Lehrlingen, die liefern gehen, entweder vorher die Ware oder nachher das Geld zu entlocken. Wenn die Kinder zitternd und weinend heimkehren und ihr Missgeschick erzählen, dann gibt es Schelte und Prügel. Solche Gaunerstreiche haben sich in der letzten Zahl auffallend gehäuft. Es wird wohl nicht viel vom ersten Hundert Anzeiger fehlen.

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Die Kinder der Armen (Les Enfants Pauvres). Bildanbieter: World History Archive / Alamy Stock

Georg Prödinger versprach den Kindern ein Trinkgeld, wenn sie für ihn einen Brief an einer Adresse – die sich nachher als fingiert herausstellte – abgeben würden.

In der Zwischenzeit, so erbot er sich, würde er die zum Versatz bestimmten Waren halten. Kamen die Kinder dann zurück, war er verschwunden.


Versatzamt (Pfandamt, Pfandleihanstalt, „Pfandl“)

Versetzen bedeutet(e), einen Gegenstand als Sicherheit für einen gewährten Kleinkredit zu deponieren; eine Form des Kredits, die vor allem von einkommensarmen Bevölkerungsschichten genützt wurde. Wurde die Kreditschuld nicht beglichen, hatte die Versatzanstalt das Recht, den als Pfand eingesetzten Gegenstand zu verkaufen und den Erlös zu behalten.

In der Graumanngasse 39-41 (damals noch 14. Bezirk) gab es um 1905 eine Versatzamt-Filiale des Dorotheums in der Dorotheergasse 17.

1928/29 wurde das Dorotheum Fünfhaus in der Schanzstraße 14 errichtet. Es wurde von Michael Rosenauer als monumentaler fünfgeschoßiger Sichtbeton-Ständerbau mit vertikalen, durch Gesimse gegliederten Fensterelementen entworfen. Der Bau ist denkmalgeschützt. Über viele Jahrzehnte diente es als Zweigstelle sowie Speicher des Dorotheums. Die markant sachliche Bauweise gilt heute als besonderer Archetyp für die moderne Architektur der 1920er Jahre.


Zwar häuften sich die Berichte über den jungen Mann, der Kinder betrog, doch hatte die Polizei vorerst keine Handhabe. Kleine Kinder können eben kaum eine fahndungstaugliche Beschreibung abgeben.

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Dreihausgasse um 1900 – wo die ganz armen (Kinder) wohnten …

Doch die Beamten des Kommissariats Schmelz in der Tannengasse ließen nicht locker, und so gelang die Festnahme des Betrügers.

Die Illustrierte Kronen-Zeitung vom 10. August 1905 findet scharfe Worte für ihn:

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Illustrierte Kronen-Zeitung, 10. August 1905, Nr. 2014, Seite 6

[Transkript aus Illustrierte Kronen-Zeitung, 10. August 1905, Nr. 2014, Seite 6 (Auszug); Barbara Büchner]

Gestern ist es schließlich dem Polizeikommissariat Schmelz gelungen, des Spitzbuben habhaft zu werden. Er (…) wurde (…) als der 23-jährige Schuhmachergehilfe Georg Prödinger, eine wahre Zuchthauspflanze, erkannt.

Gestern ist es schließlich dem Polizeikommissariat Schmelz gelungen, des Spitzbuben habhaft zu werden. Er legte sich erst einen falschen Namen zu, wurde jedoch bald als der 23-jährige Schuhmachergehilfe Georg Prödinger, eine wahre Zuchthauspflanze, erkannt.

Prödinger ist ein seit seiner frühesten Jugend verkommener Bursche. Schon mit zwölf Jahren kam er in die Besserungsanstalt. Doch die strenge Zucht machte ihn nicht besser. In Ödenburg und in Stein wurde er wiederholt im schweren Kerker gehalten. Im Vorjahr hat er auf die gleiche mühelose Weise Geld erschwindelt. Er arbeitete damals bei einem Schuhmacher schlecht und faul. In dem Schuhmacher, seiner Gattin und dem weiteren Gehilfen gewann er Komplizen für seine Gaunerstreiche. Im März d.J. wurde die ganze Gesellschaft verhaftet und im Mai verurteilt. Prödinger erhielt acht Jahre schweren Kerkers.

Seit seiner Entlassung aus der Haft – also seit Beginn d.J. – führte Prödinger wieder diese Gaunerstreiche, wegen derer alle seine bisherigen Abstrafungen erfolgten, aus. Besonders zahlreich sind die Fakten, in denen der Spitzbube Lehrlingen von Schustern und Schneidern das Geld für gelieferte Waren entlockte.

Man fand bei dem Verhafteten sehr viele Pfandscheine, sodass viele Beschädigte wieder zu ihrer Habe kommen können. Sie werden ersucht, sich im Laufe des heutigen Tages beim Polizeikommissariat Schmelz, Fünfhaus, Tannengasse 10, zu melden.

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Pfandschein des K.K. Versatzamtes in der Graumanngasse 41 vom 29.10.1904

Georg Prödinger (* 1882), kam bereits seit seiner Kindheit immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Bereits mit 12 1/2 Jahren landete er in der Besserungsanstalt Eggenburg, danach in der Zwangsarbeitsanstalt Korneuburg. Ebenso saß er in den Strafanstalten Ödenburg und Stein ein.

Vor seiner Verhaftung 1904 wohnte er im 16. Bezirk, in der Koppstraße 86.

Am 11.3.1904 wurde er in Meidling verhaftet, nachdem er dem Volksschüler Heinrich Enzmann (auch Enzwarn) mit dem „Botengang-Trick“ 5 Kronen entlockt hatte.

Beim Prozess traten 15 Kinder als Zeugen auf. Die Anklage ging von bis zu 30 Geschädigten und einer Schadenssumme von 500 Kronen aus.

Mitangeklagt waren sein Arbeitgeber Leopold Hofstetter (auch Hofstädter und Hofstätter), 28 Jahre, und dessen Frau Julie sowie sein Arbeitskollege Johann Kopriva. Beim Prozess schoben sich die Angeklagten die Schuld gegenseitig zu. Prödinger behauptete, von Hofstetter angestiftet worden zu sein. Hofstetter wollte von nichts gewusst haben. Kopriva hatte sich an den Gaunereien von Prödinger beteiligt.

Der Staatsanwalt forderte eine strenge Bestrafung aller Angeklagten, „welche sich kein Gewissen daraus machten, die Armut zu bestehlen“.

Im Mai 1904 erfolgte schließlich das Urteil: Georg Prödinger wurde zu acht Monaten schweren Kerkers verurteilt, Leopold Hofstetter zu vier, Julie Hofstetter zu zwei Monaten schweren Kerkers und Johann Kopriva zu einem Monat Arrest.

Nach seiner Entlassung im Jänner 1905 führte Prödinger seine Diebeszüge weiter fort und konnte schließlich im August 1905 von Beamten des Polizeikommissariats Schmelz verhaftet werden.


Über das weitere Schicksal von Georg Prödinger ist (derzeit) nichts bekannt. Sollten Sie über Informationen zu Georg Prödinger verfügen, würden wir uns freuen, wenn sie uns diese zukommen lassen könnten!

Video zum Beitrag


meine meinung

Ein Leben ohne Sozialfürsorge – wer kann sich das heute noch vorstellen? Aber in der „guten alten Zeit“ standen Menschen, wenn der letzte halbwegs wertvolle Gegenstand versetzt war – oft sogar Möbel und Kleider – vor dem existenziellen Nichts. Kriminelle Verzweiflungstaten wie Diebstahl oder Raub, aber auch der Selbstmord, oft als erweiterter Selbstmord, bei dem die ganze Familie starb, wurden dann häufig als letzter Ausweg gesehen. Dies sollte man sich vor Augen halten, bevor man sich über die heutige „soziale Hängematte für Faule“ entrüstet.


Hier finden Sie alle Artikel unserer Serie „History & Crime in Rudolfsheim“

Teil 1: Die Verhaftung des Einbrecherkönigs Johann Breitwieser (1918)
Teil 2: Die Hyäne der Armen – Der Kinder-Betrüger Georg Prödinger (1905)
Teil 3: Von einer Greisin erstochen – Das Ende des „Revolvergustl“ (1928)
Teil 4: Der Gattinnenmörder Anton Karner – Eifersucht in der Enge der Proletarierwohnung (1913)
Teil 5: Motorführer Johann Prügl als Dienstmädchenmörder (1905)
Teil 6: Der Raubmörder und der tapfere Wirt (1920)
Teil 7: „Noch 48 Stunden, dann hol ich ihn mir, den Hager“ (1911)
Teil 8: Eine Greisin im Schlaf abgeschlachtet: Der Raubmörder Anton Senekl (1902)
Teil 9: Raubmord an einem Kind – Der Fall Rudolf Kremser (1914)

Sie haben noch nicht genug von „History & Crime in Rudolfsheim“?
In unserer Broschüre „Blut im Beisl. Historische Kriminalfälle in Gasthäusern des 15. Bezirks um 1900“ können Sie weiterschmökern.

#viellosimmuseum – Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Quellen:

WienWiki
Anno


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