#FAQ15/081 Wer ist der Namensgeber der Toßgasse?

Was Sie schon immer über Rudolfsheim-Fünfhaus wissen wollten …

Seit 1894 heißt die Gasse, welche zwischen Grenzgasse und Rustengasse verläuft, Toßgasse. Wer ist der Namensgeber? In diesem Blogartikel erfahren Sie es.

Sie interessieren sich für interessante Details aus Vergangenheit & Gegenwart von Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Wiener Gemeindebezirk? Dann sind Sie hier richtig beim Blog WIENfünfzehn!

Haben Sie auch eine Frage? Dann schreiben Sie uns unter faq15@bm15.at

FAQ=Frequently Asked Questions (häufig gestellte Fragen)

Es begann in Reindorf

Bis ins 17. Jahrhundert finden wir auf dem Gebiet des heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus eigentlich nur Flurnamen, wie „Auf der Schmelz“„In den hangenden Lüssen“ etc. Das deutet darauf hin, dass das Gebiet landwirtschaftlich genutzt wurde.

Zur „verschwundenen Siedlung“ Meinhardisdorf oder Meinhartsdorf, die 1178 in einer Urkunde des Stiftes Klosterneuburg erstmals namentlich genannt wurde und vermutlich bis in die Zeit der Ersten Türkenbelagerung 1529 bestanden hatte, hier mehr.

Plan 1819_Katastralplan der Gemeinde Braunhirschen Reindorf und Sechshaus, BM 15

Die fünf Dörfer Reindorf, Rustendorf, Braunhirschen, Fünfhaus und Sechshaus, aus welchen sich der heutige Bezirk entwickelt hat, entstanden erst nach der Zweiten Türkenbelagerung 1683. Ob sie Vorgänger-Siedlungen hatten, bleibt offen.

Dauerhaft entwickelten sich die Orte erst ab Ende des 17. / Anfang des 18. Jahrhunderts.

In Reindorf gab es 1748 lt. Echsel bereits 253 Familien in 88 Häusern mit 386 männlichen und 471 weiblichen Personen. „Von Handwerkern befanden sich darunter 1 Fleischer, 1 Bäcker, 1 Schmied und 1 Leinweber; der Viehstand zählte 16 Pferde und 52 Kühe.“ (Echsel 1888: S. 6)

Die Hauptbeschäftigung war der Wein- und Gemüsebau. Der Wein war von mittlerer Güte, warf aber reiche Erträge ab. Im Gemeindesiegel war daher auch die Weintraube abgebildet.

Wappen von Reindorf

Und nun kommt der Namensgeber der Toßgasse ins Spiel …

Franz Echsel berichtet:

Aus Franz Echsel „Rudolfsheim“, 1888, S. 30

Transkript

Ferner findet man, daß in dem aufstrebenden Orte eine Industrie sich zu entwickeln begann. So errichtete Lieutenant Toß zu Ende des Jahres 1784 eine Fabrik zur Erzeugung von Weinessig (1) und Weinstein (2). Ein Jahr später erhielt derselbe ein Privilegium und verband sich hierauf mit dem Edlen v. Schweiger. Melchior Siegmund besaß daselbst 1787 eine k.k. priv. Pottasche (3) – und Vitriol (4)-Fabrik; ebenso erbauten Tadler und Siegmund eine Tuchfabrik und erhielten am 18. August 1793 ein k.k. Privilegium. Zwei Engländer, namens Demis Kelling (5) und Charles Kollmann, hatten hier eine englische Lederfabrik, deren jährlicher Export über 10.400 Gulden betrug. 

(1) Die Essigaufbereitung zählt zu den ältesten Lebensmittelherstellungsverfahren der Menschheit. Essig (von mittelhochdeutsch ezzich; lateinisch Acetum) ist ein sauer schmeckendes Würz- und Konservierungsmittel, das durch Fermentation alkoholhaltiger Flüssigkeiten mit Essigsäurebakterien (Essigmutter) hergestellt wird. Essig ist im Wesentlichen eine verdünnte Lösung von Essigsäure in Wasser. (Wikipedia)

(2) Als Weinstein bezeichnet man die kristallinen Salze der Weinsäure. Mit chemischem Namen heißen sie Tartrate. Diese Salze entstehen, wenn die Weinsäure mit Mineralstoffen (z.B. Kalium und Kalzium) reagiert. Im Wesentlichen besteht Weinstein aus Kaliumhydrogentartrat und Kalziumtartrat. Weinstein wird u.a. zur Stabilisierung von Schlagobers, zur Verhinderung der Kristallisation von Zuckersirup und zur Verminderung der Verfärbung von gekochtem Gemüse verwendet. (Magazin Wein Plus, Wikipedia)

(3) Kaliumcarbonat (fachsprachlich) oder Kaliumkarbonat (Trivialname: Pottasche) ist ein Alkali und das Kaliumsalz der Kohlensäure. Es bildet ein weißes Pulver. Der Name Pottasche stammt von der alten Methode zur Anreicherung von Kaliumcarbonat aus Pflanzenasche (vor allem Holz-, aber auch Seetangasche) durch Auswaschen mit Wasser (daher auch die Bezeichnung als ein „Laugensalz“) und anschließendes Eindampfen in Pötten (Töpfen). Pottasche wird u.a. als Zusatz bei der Herstellung von Glas, zur Herstellung von Schmierseifen, Farben, fotografischen Entwicklern und Düngemitteln verwendet. (Wikipedia)

(4) Vitriol ist ein Trivialname für die kristallwasserhaltigen Sulfate (Salze der Schwefelsäure). Eisenvitriol wird in der Stofffärberei (Eisenbeizen, Indigoküpe), zur Herstellung verschiedener Farbstoffe (z. B. Berliner Blau zur Schwarzfärbung von Leder), zur Herstellung von Tinte (Eisengallustinte) und zur Desinfektion verwendet. (Wikipedia)

(5) Nach Demis (oder Dionysius) Kelling (1746-1806) wurde die Kellinggasse benannt. (Klusacek/Stimmer 1978, S. 208)

Im Jahre 1822 gab es in Reindorf 44 Häuser mit 1706 Einwohner*innen (vgl. Echsel 1888, S. 12).

Für die weitere Entwicklung der Vororte war der 7. September 1848 entscheidend. An diesem Tag wurden die Grundherrschaften im gesamten Kaisertum Österreich mit kaiserlichem Patent abgeschafft. Alle einschlägigen Rechte und Pflichten wurden aufgehoben, die Gerichts-, Verwaltungs- und Steuerhoheit gingen auf die staatliche beziehungsweise städtische Behörden über. Im Wesentlich abgeschlossen war dieser Prozess mit 1. Juli 1850 (vgl. WienGeschichteWiki).

Durch die Aufhebung der feudalen Grundherrschaft und der Erlassung des Provisorischen Gemeindegesetzes wurden in weiterer Folge moderne politische Gemeinden mit autonomer Selbstverwaltung möglich.

Die fünf Dörfer wurden zu Ortsgemeinden mit eigenem Gemeindeausschuss und Bürgermeistern.

Von der Morizgasse zur Toßgasse

Bis 1894 hieß die Gasse zwischen Grenzgasse und Rustengasse Morizgasse.

Plan von 1885, BM 15

Nach der Eingemeindung der Vororte 1890/92 mussten viele Gassen umbenannt werden, um doppelte Bezeichnungen zu vermeiden. Da es im 6. Bezirk, Mariahilf, bereits eine Morizgasse gab, wurde die Gasse in Toßgasse umbenannt.

Die Pereiragasse, benannt nach der Grundbesitzerin und Wohltäterin Henriette Freifrau von Pereira-Arnstein wurde in der NS-Zeit 1938 (da die Familie Arnstein jüdisch war) nach dem Komponisten Wilhelm August Jurek (1870-1934) in Jurekgasse umbenannt.

Hier einige Bilder der Toßgasse vom März 2021:

Literatur

  • Franz Echsel: Rudolfsheim. Historisch-topographische Darstellung des Ortes nebst einem Rückblicke auf die geschichtliche Entwicklung der vor fünfundzwanzig Jahren zur Ortsgemeinde Rudolfsheim vereinigten Gemeinden Reindorf, Braunhirschen und Rustendorf., Rudolfsheim 1888, Im Verlage der Gemeinde Rudolfsheim, Druck von M. Pröglhöf, Sechshaus.
  • Christine Klusacek / Kurt Stimmer: Rudolfsheim-Fünfhaus. Zwischen Wienfluß und Schmelz, Verlag Kurt Mohl, Wien 1978

Damit genug für heute:
Gehaben Sie sich wohl!
Ihre Brigitte Neichl


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