Der alte Drahrer

Wie gewohnt finden Sie hier am 4. Montag des Monats das „Zitat des Monats“ .
Es geht diesmal um eine Textzeile eines berühmten und beliebten Wiener Volkssängers aus dessen bekanntestem Lied.

Zitat des Monats

Unser Zitat des Monats stammt diesmal von Edmund Guschelbauer.

„Denn mich kennt Alt und Jung in Wien, weil i a alter Drahrer bin, a so a Aufdrahrer bin.“ (Edmund Guschelbauer)

Edmund Guschelbauer

Edmund Guschelbauer

Edmund Guschelbauer (16.10.1839-6.2.1912) war einer der bedeutendsten Wiener Volkssänger sowie ein Coupletdichter.

Ein Couplet (frz. „couplet“: Zeilenpaar) ist ein mehrstrophiges witzig-zweideutiges, politisches oder satirisches Lied mit markantem Refrain.

Guschelbauer wurde in der Alservorstadt (heute 9. Wiener Gemeindebezirk Alsergrund) geboren. Bald aber zog seine alleinerziehende Mutter mit ihm nach Sechshaus, Mühlbachgasse 45 (heute 15. Wiener Gemeindebezirk, Ullmannstraße 45). Hier wohnte er bis 1897 (danach im 10. Bezirk). Guschelbauer besuchte die Volksschule (vermutlich die Pfarrschule in der Oelweingasse 7).

Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Vergolder. Bereits als Lehrling trat er an Sonntagen in Wirtshäusern in Neustift und Schottenfeld auf. Nach Abschluss der Lehre war Guschelbauer arbeitslos, ging auf Wanderschaft und kehrte danach wieder zurück nach Wien.

1862 lernte er die bekannte Volkssängerin Josefine Schmer (1842-1904) kennen. Diese brachte ihn zur Elite-Sängergesellschaft „Kampf“ (Karl Kampf, 1817–1886) , wo sie auch selbst auftrat.

1863 hatte er seinen ersten Auftritt als Volkssänger im Hernalser Brauhaus. Das war der Beginn seiner einzigartigen Karriere.

Bei seinen Auftritten trug er meistens einen Frack, ein schwarzes Samtjacket, weit ausgebogener Stehkragen, weiße Handschuhe, einen „Stößer“ (Fiakerhut), karierte (Pepita-)Hose und Filzpatschen.

Sein Repertoire umfasste Gstanzln, Couplets, Duette, Theaterszenen, Entrées und Duoszenen. Er arbeitete mit zahlreichen Komponisten und Textdichtern, wie Johann Sioly (1843-1911) und Carl Lorens (1851-1909) zusammen.

Gstanzl: Das Gstanzl ist eine bayerisch-österreichische Liedform, meist als epigrammartiger Spottgesang.
Entrèe: Einführungslieder von Personen, z.B. in Operetten

Guschelbauer verkörperte erfolgreich den Typus des „Urwieners“ vom „alten Schlag“ mit Gesangskomik und inniger Vortragsweise. Er ließ das Publikum auch erstmals die Refrains seiner Lieder mitsingen, was dieses begeistert aufnahm.

Sein bekanntestes Lied, das auch zu seinem Markenzeichen wurde, war „Der alte Drahrer“. Ursprünglich war mit dem „Drahrer“ ein Drehorgelspieler gemeint. Guschelbauer interpretierte den Begriff aber um zu einem leichtsinnigen Menschen, der die Nacht zum Tag verdreht. Diese Bedeutung ging in den Sprachgebrauch ein.

Im Laufe seines Lebens sang er diese Lied über 3000 Mal.

Liedtext „Der alte Drahrer“, Quelle: Wiener Volksliedwerk, Jahrgang, Nummer 1, März 2003

„Wann i auf d’Nacht in’s Wirtshaus kumm,
Da rennt der Kellner d’Gäst glei’ um,
Der Wirth schreit: „Servas, alter Spatz!“
A jeder ruckt und macht mir Platz.
Denn mi kennt Alt und Jung in Wien,
Weil i der alte Drahrer, a so an Aufdrahrer bin!“

Wiener Volksliedwerk, Jahrgang, Nummer 1, März 2003
„Der alte Drahrer“, gesungen von Julius Patzak (1898-1974)

Zu seinem 40-jährigen Bühnenjubiläum bekam er am 2. März 1903 das Bürgerrecht der Stadt Wien verliehen.

Edmund Guschelbauer starb am 6. Februar 1912. Er wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.

Laut zeitgenössischen Berichten galt er als letzter großer Volkssänger.

Das Salzburger Volksblatt berichtete (neben dutzenden anderen Zeitungen) in seiner Ausgabe vom 11.2.1912 von Guschelbauers „Leichenbegängnis“ :

1912-02-11_Salzburger Volksblatt (Quelle: ANNO)

Das Leichenbegängnis Edmund Guschelbauers.
Wien, 9. Februar. Heute um 1/4 4 Uhr fand die Leichenfeier für den verstorbenen Volkssänger Edmund Guschlbauer statt. Auf dem Wege von der Wohnung des Verblichenen, 10. Bezirk, Neilreichgasse 33, bis zur Kirche des heiligen Anton von Padua, wo die Einsegnung stattfand, bildeten hunderte von Menschen Spalier. Auf dem Platz vor der Kirche hatte die Polizei Mühe, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Spitze des Leichenzuges bildeten vier Blumenwagen, denen der von vier Pferden gezogene Gala=Leichenwagen folgte. Die Einsegnung in der Kirche nahm Stadtpfarrer Monsignore Eisterer vor. In der Kirche hatten sich unter anderen eingefunden: Vizebürgermeister Hierhammer, Bezirksvorsteher Hruza, Handelskammerrat Rain, Cafetier Riedl, Direktor Ratzler, Hansi Niese, zahlreiche Volkssänger, darunter Luise Montag, Modl, Seidel, Fischer, Adolfi, Abordnungen von verschiedenen artistischen und Volkssängervereinen usw. Nach der Einsegnung wurde ein Choral gesungen und die Leiche sodann auf den Zentralfriedhof überführt. Das Leichenbegängnis fand auf Kosten der Stadt Wien statt.

Seit 1952 gibt es in Wien-Floridsdorf (21. Bezirk) die nach ihm benannte Guschelbauergasse.

Damit genug für heute:
Gehaben Sie sich wohl!
Ihre Brigitte Neichl

Quellen

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(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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Ein Kommentar zu „Der alte Drahrer

  1. Liebe Brigitte, in dem Entree werden die Daten Guschlbauers gleich dreimal hintereinander genannt. MFG Die alte Erbsenzählerin

    Gigaset GS270

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