Lili Grün – die sanfte Künstlerin

Arnsteingasse 33: Wo alles begann …

„Ich möcht mein Herz in Aufbewahrung geben. Hat denn kein Mensch Verwendung für mein Herz? Ich hab ein Herz, ein einziges Herz. Und das zu viel in diesem Leben.“ Diese Worte schrieb einst Lili Grün in einem ihrer berühmtesten Werke „Alles ist Jazz“.

Elisabeth (Lili) Grün gehört zweifellos zu den beeindruckendsten Menschen mit Bezug zum 15. Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus.

Elisabeth – von Zeitzeug*innen stets als zerbrechlich und sanftmütig beschrieben – ist besser unter ihren Spitznamen Lili bekannt.

Lili wurde am 3. Februar 1904 im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Sie war das jüngste von vier Kindern (drei Mädchen, ein Bub) des ungarische Kaufmanns Armin (Hermann) Grün und seiner Frau Regina Grün, geb. Goldstein.

Die älteste war (vermutlich) Frieda, geb. 1890, danach folgte Karl, geb. 1894, dann Grete, geb. 1896 und schließlich 1904 Lili. Sie besuchte die Volksschule und die Bürgerschule.

Armin Grün stammte ursprünglich aus Élesd in Ungarn, die Mutter Regina Goldstein war Wienerin. Lili Grüns Vater führte eine „Haarhandlung, Haarnetze-Fabrik und Parfumerie“ an wechselnden Adressen. Erstmals taucht seine Firma in der Wiener Friseur-Zeitung 1894 im – damals 14. Bezirk Rudolfsheim – in der Fischergasse 45 (ab 1894 Grimmgasse) auf. 1895 wird die neue Adresse Pereiragasse 22 (ab 1938 Jurekgasse) im XIV. Bezirk Rudolfsheim angekündigt.

1895-10-15 Neue Wiener Friseur-Zeitung, ANNO

1898 scheint die Gumpendorferstraße 63F (6. Bezirk) und ein Jahr später die Siebensterngasse 46 (im 7. Bezirk) auf.

1900 geht es dann wieder in den 15. Bezirk Fünfhaus in die Mariahilferstraße 136, 1904 in die Stollgasse 3, 1907 in die Neubaugasse 7 (beides im 7. Bezirk).

Ab 1909 ist dann die Arnsteingasse 33 als Geschäfts- und Wohnadresse angeben.

1889-05-01 Neue Wiener Friseur-Zeitung; ANNO
Arnsteingasse 33, Plan wien.gv.at
Oben die Mariahilferstraße, die erste Quergasse rechts ist die Schwendergasse. Das zweite Haus nach der Schwendergasse rechts ist die Arnsteingasse 33, Fotos BM 15
Arnsteingasse 33, Foto: B. Neichl, 2021
Arnsteingasse 33, Foto: B. Neichl, 2021

Sowohl Lili Grüns Vater als auch ihr Bruder Karl wurden 1914 zum Kriegsdienst eingezogen, Beide erlitten dabei schwere Verletzungen.

1914-10-08 Verlustliste, ANNO

1915 – Lili war erst 11 Jahre alt – starb ihre Mutter an einem Gehirnschlag. Diesen frühen Verlust der Mutter verarbeitete sie später auch in ihren Romanen, indem sie auch ihre Figuren Elli und Loni zu Vollwaisen machte.

Lili Grün schloss 1918 die Volks- und Bürgerschule ab und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung zur Büroangestellten.

1920 sucht Armin Grün in einem Inserat im Neuen Wiener Tagblatt eine „Köchin für Alles“ für einen „frauenlosen Haushalt“ mit „3 erwachsenen Personen“. Lilis Bruder Karl war da schon ausgezogen und als Hofmeister (=Privatlehrer) tätig-

1920-06-06 Neues Wiener Tagblatt, ANNO

1922 starb ihr Vater an einer Nierenerkrankung – eine Folge seiner Kriegsverletzung. Mit 18 Jahren war Lili Grün nun Vollwaise.

Ihr Bruder Karl wird 1923 wegen des Verdachtes der Banknotenfälschung verhaftet.

1923-03-27 Neues Wiener Tagblatt, ANNO

Transkript

Versuchte Fälschung von zehntausend Kronen Noten.
Ein Privatlehrer verhaftet.


Der 29-Jährige Privatlehrer Karl Grün ist am 25. d. aufgrund von Erhebungen unter dem Verdachte der Banknotenfälschung verhaftet worden. In seinem Besitze fanden sich photografische Negative und Zinkklischees von österreichischen Banknoten zu 10.000 K. sowie verschiedene Chemikalien, Farben, Walzen usw., die zur Herstellung falscher Banknoten dienen sollten, vor. Grün gestand, sich seit ungefähr zwei Monaten mit Versuchen zur Fälschung der Zehntausender befasst zu haben. Doch sind nach seiner Behauptung alle Versuche fehlgeschlagen. Er will bisher kein brauchbares Exemplar seiner Fälschungen erzielt haben.

Grün, ist der Sohn des verstorbenen Parfümfabrikanten Armin Grün. Er hat die Realschule vollendet und hierauf an der Wiener Universität Jus und Philosophie studiert. Daneben oblag er privaten kunstgeschichtlichen Studien. Der Krieg bereitete seinen Zukunftshoffnungen ein jähes Ende. Grün musste einrücken, wurde mehrfach schwer verwundet und war bei Beendigung des Krieges Leutnant im Infanterieregiment Nr. 81. Nach dem Umsturz konnte er die begonnenen Studien nicht fortsetzen. Er brachte sich als Hofmeister bei verschiedenen Familien durch. Als er seinen letzten Posten verlor, ging es ihm sehr schlecht und da will er auf die Idee verfallen sein, Banknoten zu erzeugen.

Die schweren Schicksalsschläge spiegeln sich in Lili Grüns melancholischen und bewegend schönen Werken wider. Durch ihre jüdische Herkunft, war sie ihr ganzes Leben lang mit Anfeindungen konfrontiert. Sie engagierte sich schon in jungen Jahren nicht nur für ihre, sondern auch für die Rechte anderer und war Teil der Bühne der Sozialistischen Arbeiterjugend.

Nach ihrer Ausbildung zur Kontoristin, arbeitete sie zu Beginn als Sekretärin. Nebenbei nahm sie Schauspielunterricht und soll auch später auch auf der ein oder anderen kleineren Bühne gestanden haben.

Bis 1928 wohnte Lili Grün (laut Adressbuch Lehmann) in der Arnsteingasse 33. Auch ihre Schwester Grete, die 1926 Helmut Bettauer, den Sohn Hugo Bettauers (Autor des Buches „Stadt ohne Juden“), geheiratet hatte, wohnte dort mit ihrem Mann.

Lehmann online

Ende der 1920er zog Lili Grün in das für damalige Verhältnisse sehr freie und offene Berlin, wo sie neben Größen wie Ernst Busch und Annemarie Hase zur Kabarettszene der Stadt zählte. Sie äußerste ihre Meinung ganz offen in Zeiten, wo dies auch mit dem Tod bezahlt werden konnte.

In den 1930er Jahren war sie Mitglied des politisch- literarischen Kabarett-Kollektivs „Die Brücke“, das aufgrund ihrer offenen politischen Kritik geschlossen wurde. Die Berliner Deutsche Tageszeitung nannte das Kabarett auch ein „Kommunistisches Hetzkabarett“.

Lili Grün erkrankte an Tuberkulose und kehrte im Herbst 1931 nach Wien zurück. Bei einem Talent-Wettbewerb des „Kabaretts Simpl“ errang sie 1932 „als eine Art weiblicher Joachim Ringelnatz“ den 2. Platz.

1932-05-27 Kleine Volkszeitung, ANNO

1933 erschien Lili Grüns erster Roman „Herz über Bord“, in dem sie ihre Erlebnisse in Berlin verarbeitete. ihr Werk wurde von den Kritikern in den höchsten Tönen gelobt. Der Wiener Tag schrieb „dokumentarische, literarische Qualität dieses Erstlingsbuches (…) über jeden Zweifel erhaben“ und das Neue Wiener Tagblatt sah ihr Werk als einen „beachtenswerten Beitrag zur Zeitgeschichte der jungen Generation“.

Lili Grün schrieb offen über Themen wie Erotik und One-Night-Stands, aber auch über die Probleme der Arbeiterschaft wie kaum jemand sonst zu dieser Zeit.

Ihr erstes Werk wurde auch ins Ungarische und Italienische übersetzt.

Die Frauenfiguren in Grüns Werken gehören zu den emanzipierten „neuen Frauen“ der 1920er, die ihre Sexualität selbst bestimmt auslebten – auch ohne Heirat. Grüns Werke sind damit einerseits zutiefst romantisch und sehnsüchtig, zeigen aber auch besondere Stärke und Entschlossenheit.

Ihre Krankheit verschlimmert sich und zog sich über Jahre hinweg. 1935 startete ihr Verlag eine Spendenaktion, um ihr einen Kuraufenthalt in Meran zu ermöglichen.

Selbst während ihrer Krankheit schrieb Grün unermüdlich weiter und veröffentlichte weitere Bücher, darunter auch „Loni in der Kleinstadt“ und „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit“.

Nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland 1938, verlor Lili Grün ihre finanzielle Rücklagen, da ihre Werke aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verboten wurden.

Im selben Jahr musste sich auch ihre Wohnung verlassen und in ein Massenquartier für Juden und Jüdinnen ziehen. Wie sie danach lebte, ist nicht bekannt, nur, dass sie 1942 von Wien in das Vernichtungslager Maly Trostinez deportiert wurde.

Am 27. Mai 1942 – am Tag ihrer Ankunft – wurde Lili Grün ermordet und in einem Massengrab verscharrt. Ihre Geschwister wurden ebenfalls deportiert und ermordet.

Lili Grün […] ein rührendes Mädchen, das mit seinem Roman Herz über Bord zum ersten Mal in dem fatalen Jahr 1933 hervortrat. Ihre Lebensgeschichte bliebe im Dunkeln, und sie wäre vom Erdboden weggewischt, als hätte es sie nie gegeben, würde ihrer hier nicht Erwähnung getan.“, sagt die Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Hilde Spiel über Lili Grün

Sie wirkte von außen sehr zart, war aber innerlich sehr stark und sie musste viele Leid ertragen musste. Ihr schweres Leben verarbeitete sie in ihren Werken, die aber zu ihrer Zeit nicht entsprechend gewürdigt wurden.

Deswegen ist es auch wichtig, Lili Grün, diese Frau mit ihren gefühlvollen Worten, nicht zu vergessen. In der Arnsteingasse 33 hat alles begonnen: hier hat Lili Grün viel Zeit verbracht und dort wurde auch der Grundstein zu ihrer literarischen Arbeit gelegt.

Quellen

  • Achtsnith Katharina, Von Indianermädchen und Schafen. Die „Neue Frau“ zwischen Realität und Fiktion in Lili Grüns Romanen „Herz über Bord“, „Loni in der Kleinstadt“ und „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit“, Wien 2014
  • Fatzinek Thomas, Schwere Zeiten. Das Leben des Lilli Grün, Wien 2016
  • Grün Lili, Alles ist Jazz (Berlin 2009)
  • Grün Lili, Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit, Wien 2016
  • Prey Corinna, Leben und Werk der Schriftstellerin Lili Grün, Diplomarbeit 2011
  • Spiel Hilde, Die zeitgenössische Literatur Österreichs, Wien 1976

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2 Kommentare zu „Lili Grün – die sanfte Künstlerin

  1. „Lili Grün […] ein rührendes Mädchen, das mit seinem Roman Herz über Bord zum ersten Mal in dem fatalen Jahr 1933 hervortrat. Ihre Lebensgeschichte bliebe im Dunkeln, und sie wäre vom Erdboden weggewischt, als hätte es sie nie gegeben, würde ihrer hier nicht Erwähnung getan.“, sagt die Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin Hilde Spiel über Lili Grün.Die Nazis wollten nicht nur ihre Person, sondern sogar die Erinnerung ans sie auslöschen, verschüttet in einem anonymen Massengrab.Wir haben sie wieder ans Licht geholt.
    Deshalb sind wir vom Museums-Team ja so stolz auf unsere Arbeit: Ist das nicht der schönste und tiefste Sinn eines Museums, jenen ein zumindest digitalisieres Denkmal zu setzen, die sonst mit ihrer ergreifenden Persönlichkeit und ihrem bedeutenden Werk aus der Geschichte verschwunden wären, „als hätte es sie nie gegeben“? Danke, Lisa Handler +++

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