Nur Karl Schwenders Schwiegertochter?

Annäherung an Anna Schwender-Silberbauer, geborene Kraft 

Diesmal geht es in den Bezirks[Museums]News & Oldies um Anna Schwender, die nach dem Tod ihres Mannes Karl (der Jüngere) das Vergnügungs-Etablissement Schwenders Colosseum noch über zehn Jahre erfolgreich geführt hat.

Wer war diese Frau? 

1877-11-25 Die Bombe, S 1_ANNO

Am 1. März 1906 wurde Anna Silberbauer, geborene Kraft, verwitwete Schwender, auf dem evangelischen Wiener Friedhof von Matzleinsdorf bei ihrem Schwiegervater, Karl Ludwig Schwender „dem Älteren“, und ihrem ersten Ehemann, Karl Johann Schwender „dem Jüngeren“, beigesetzt.

Grab der Familie Schwender auf dem Matzleinsdorfer Friedhof,
Foto: BM15_Susanne Woytacek

Anna, die lebenslang katholisch gewesen war, fand auf einem evangelischen Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Einen Tag nach der Beerdigung am 2. März 1906 wird in der Reichspost in einem einzigen Satz ihr Tod mitgeteilt, wobei sie kurz und bündig als Witwe des Besitzers von Schwenders Colosseum bezeichnet wird. (Es sollte der „Illustrierten Kronenzeitung“ und dem „Neuen Wiener Tagblatt“ überlassen bleiben, einen für sie angemessenen Nachruf zu publizieren.)

1906-03-02 Reichspost S 3, ANNO

Verglichen mit der knappen Todesmitteilung in der Reichspost sind die Informationen aus dem Totenbeschauprotokoll zwar nicht gerade üppig, aber etwas ausführlicher. Hier findet sie sich als Anna Silberbauer. Ihre Berufsbezeichnung ist Unternehmersgattin und Magistratsbeamtengattin. Die Bezeichnung als Gattin könnte ein Hinweis dafür sein, dass Johann Silberbauer, ihr zweiter Ehemann, damals noch gelebt hat. Dafür spricht auch, dass er im Nachruf aus dem Neuen Wiener Tagblatt als Hinterbliebener angeführt ist. Allerdings ist nicht klar, ob sich die Unternehmersgattin nicht doch auf ihren ersten, bereits verstorbenen Ehemann, Karl Johann Schwender, bezieht.

Gleichzeitig wird durch die Mitteilung der Presse und das Totenbeschauprotokoll wieder einmal deutlich vermittelt, wie sehr Frauen im 19. und 20. Jahrhundert auf bestimmte Rollen reduziert wurden. Denn würden wir die Angaben für bare Münze nehmen, so wäre Anna auf die Gattin, Witwe und vielleicht auch auf die Schwiegertochter und die Mutter reduziert und ihre tatsächliche Bedeutung für die Schwender-Unternehmungen und besonders für das Colosseum auf diesen Rahmen eingegrenzt.

Zwar dürfte Anna das Erbe ihres ersten Mannes weitergeführt haben, um es für ihre Kinder zu erhalten und vielleicht auch, um selbst versorgt zu sein, aber das ändert nichts an dem Umstand, dass es ihr noch längere Zeit gelang, dem Colosseum weitere Erfolge zu verschaffen. Noch kurz vor der Schließung des Lokals erfahren wir übrigens, dass ein anderer angesehener Bezirksbewohner, der Sechshauser Bäckermeister Georg Röhrl (27. Oktober 1850 – 19. August 1906), beim Schwender eine Veranstaltung stattfinden ließ. Vielleicht ist das ein Hinweis dafür, dass es sehr wohl noch möglich gewesen wäre, auch wenn die glanzvollen Zeiten des Colosseums vorbei waren, ein wenn gleich weniger großes Nachfolgeunternehmen aufzubauen und dieses in die neue Zeit zu führen.

Doch wer war diese Frau, die immerhin mehr als zehn Jahre einem der beliebtesten Vergnügungsetablissement der Wienerinnen und Wiener noch eine letzte Blütezeit verschaffte? War sie wirklich nur die Schwiegertochter des legendenumwobenen Colosseums-Gründers?


    Anna Schwender-Silberbauer vor ihrer ersten Ehe 

    Am Dienstag, den 26. Februar 1867, wurde ein junges Paar in der Reindorfkirche, die sich damals im Wiener Vorort Rudolfsheim befand, getraut.

    1867-02-28 Neues Fremden-Blatt, S 5, ANNO

    Der Bräutigam Karl Johann Schwender (11. November 1839, Braunhirschen – 24. Jänner 1877, Rudolfsheim) wird in den Trauungsmatriken als Etablissement-Inhaber bezeichnet und war gebürtig aus Braunhirschen, was daran erinnert, dass sich die Vororte Braunhirschen, Reindorf und Rustendorf erst um 1863/64, also wenige Jahre vor der Heirat zur Großgemeinde Rudolfsheim zusammengeschlossen hatten. Er wird als der eheliche Sohn des zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Etablissementbesitzers Karl Ludwig Schwender (28. März 1808, Neunkirchen, Königreich Württemberg, heute Teil von Bad Mergentheim, Deutschland – 2. Dezember 1866, Rudolfsheim) und der noch am Leben befindlichen Franziska Schwender (24. Oktober 1797, Unterrohrbach, heute Teil von Leobendorf bei Korneuburg – 20. September 1868, Rudolfsheim), geborene Hablitschek, genannt, wobei im Eintrag ausdrücklich die Mischehe seiner Eltern – sein Vater Karl Ludwig Schwender war evangelisch, seine Mutter Franziska Schwender katholisch – hingewiesen wird. Karl Johann Schwender war damals 27 Jahre alt.

    Die Braut Anna Kraft war gebürtig aus Guntramsdorf und damals 25 Jahre. Sie wird als die eheliche Tochter des verstorbenen Gastgebers Andreas Kraft und der noch am Leben befindlichen Elisabeth Kraft, geborene Gaukel, genannt. Ihre Eltern waren beide katholisch.

    Anna Kraft, später verehelichte Schwender / Silberbauer, wurde am Silvestertag des Jahres 1842 (also am 31. Dezember 1842) in Guntramsdorf auf der Adresse Guntramsdorf Nr. 8 geboren und am 2. Jänner 1843 in der Pfarre Guntramsdorf „Zum Heiligen Jakobus“ getauft. Da beide Eltern katholisch waren, überrascht es nicht, dass sie ebenfalls katholisch war. Im Unterschied zu den Eltern ihres ersten Ehemannes ist über ihre eigenen Eltern kaum etwas bekannt. Während wir immerhin wissen, dass Karl Johann Schwender eine Schwester hatte, ist die Frage, ob Anna Kraft Geschwister hatte, bisher völlig ungeklärt. Eine Angabe in den Taufmatriken zu ihrem letzten Kind Jakob Ludwig Schwender verrät immerhin, dass es jedenfalls aus der Familie ihres Vaters Verwandte gegeben haben muss. Dessen Patin war die Gastgeberstochter Marie Kraft. Sie könnte eine jüngere Schwester von Anna, die nicht verheiratet war, gewesen sein, aber vielleicht auch eine Nichte oder Cousine.

    Taufbuch Anna Kraft, Matricula Online

    Die Taufpatin von Anna Schwender war Elisabeth Streb, die Ehefrau des Hausbesitzers Ludwig Streb. Der Name Streb findet sich in den Pfarrmatriken der Pfarre Guntramsdorf recht häufig. Um 1800 ist ein Hausbesitzer mit Namen Streb in Guntramsdorf nachgewiesen. Ein Ludwig Streb gehörte 1850 und in den Jahren danach dem Gemeinderat von Guntramsdorf an. (Vgl. Josef Knoll: Chronik der Marktgemeinde und Pfarre Guntramsdorf, 1957, S. 118) Auch wenn es sich bei diesem Ludwig Streb nicht um den Ehemann der Taufpatin, sondern nur um einen Verwandten von ihr gehandelt hat, dürfte die Familie der Patin in Guntramsdorf ein gewisses Ansehen gehabt haben.

    Annas Vater war Andreas Kraft (gestorben vor dem 26. Februar 1867). In den Wiener Kirchenmatriken zur Familie seiner Tochter wird sein Beruf stets als Gastgeber angegeben. In den Taufmatriken der Pfarre Guntramsdorf findet sich als Beruf: Gemeindewirt in Guntramsdorf. Leider konnte das Museumsteam bisher über ein Gemeindegasthaus in Guntramsdorf nichts Näheres herausfinden. Auch eine Anfrage an das dortige Museum erbrachte keine Ergebnisse. Dank der Taufmatriken sind immerhin die Namen von Annas Großeltern erhalten. Die Eltern von Andreas Kraft waren Franz Kraft und Anna Kraft, geborene Moosherr. Annas Vorname dürfte auf ihre Großmutter väterlicherseits zurückgehen. Da Andreas Kraft die Hochzeit seiner Tochter Anna nicht mehr erlebt hat, muss er vor dem 26. Februar 1867 gestorben sein. Da er in den Sterbematriken der Pfarre Guntramsdorf im Zeitraum zwischen dem 2. Jänner 1843 und dem 26. Februar 1867 nicht zu entdecken war, liegt zumindest nahe, dass er zum Zeitpunkt seines Todes nicht mehr in Guntramsdorf ansässig war.

    Die Mutter war Elisabeth Kraft, geborene Gaukel (1815 – nach dem 2. April 1870). Ihr genaues Geburts- und Sterbedatum ist unbekannt, doch wurde sie am 15. Mai 1815 in der Pfarre Jedlesee getauft. (Jedlesee ist heute ein Teil des 21. Wiener Gemeindebezirks, war damals aber noch ein eigenständiger Vorort. Elisabeth Gaukel wurde auf der Adresse Jedlesee 24 geboren. Ihre Eltern waren der Bäckermeister Michael Gaukel aus Jedlesee und Anna Gaukel, geborene Granner. Elisabeth Kraft muss 1870 noch am Leben gewesen sein, da sie in diesem Jahr in den Pfarrmatriken als Taufpatin ihrer Enkelin Karolina Elisabeth Schwender (geb. 2. April 1870) aufscheint. Zu diesem Zeitpunkt wohnte sie als Private im benachbarten Vorort Ottakring.


    Die Braut 

    Interessant wäre sicher, wie sich Anna Kraft und Karl Johann Schwender kennen gelernt haben, doch darüber ist leider nichts bekannt. Im Nachruf von Karl Gründorf für Karl Johann Schwender wird Anna im Zusammenhang mit dessen Heirat als seine geliebte Braut bezeichnet. Karl Gründorf war, nach seinen eigenen Angaben, ein guter Freund der Familie. Auch wenn bei emotional besetzten Informationen in einem Nachruf stets mit Vorsicht zu werten sind, könnte die geliebte Braut zumindest ein Hinweis dafür sein, dass sich die Eheleute bereits vor ihrer Eheschließung kannten. Auffallend ist jedenfalls, dass die Brautleute zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit dieselbe Adresse hatten. Leider ist daraus nicht ersichtlich, ob Anna zu diesem Zeitpunkt, vielleicht zusammen mit ihrer Mutter, schon länger in Rudolfsheim lebte oder erst aus Anlass der Hochzeit dorthin gezogen war. Zu Schwenders Colosseum gehörte auch ein Hotel, wo Anna vielleicht die Tage vor ihrer Hochzeit übernachtet haben könnte. Vorstellbar wäre außerdem, dass Anna als Gast bei der Familie ihres Verlobten untergebracht war.

    Hat Anna Schwender ihren Schwiegervater gekannt? Diese Frage lässt sich mit Blick auf sein Sterbedatum und das Datum ihrer Heirat mit Karl Johann Schwender bejahen. Ob sie ihn jedoch gut gekannt hat – darüber lässt sich nur spekulieren.

    Karl Ludwig Schwender starb am Sonntag, den 2. Dezember 1866, in Rudolfsheim. Anna Kraft und Karl Johann Schwender heirateten am 26. Februar 1867. Mit Blick auf die für eine Hochzeit im 19. Jahrhundert üblichen Auflagen wie die mehrmalige Verkündigung des Aufgebotes ist davon auszugehen, dass sich das junge Paar bereits zu Lebzeiten ihres Schwiegervaters miteinander verlobt hatte. Vorstellbar ist, dass die bereits geplante Hochzeit wegen seines Todes zunächst aufgeschoben worden war.

    Die Trauung fand am Dienstag, den 26. Februar 1867, in der Reindorfkirche statt. In diesem Jahr fiel der Aschermittwoch auf den 6. März. Die Ehe wurde also während der Faschingszeit und noch vor Beginn der Fastenzeit geschlossen.

    Trauungsbuch Anna Kraft und Karl Schwender 1867, Matricula Online

    Interessant sind die beiden Trauzeugen Benedikt Schellinger und Peter Winkler, von denen wir nicht nur die Namen wissen und dass beide katholisch waren. Benedikt Schellinger (1824-1875) war der letzte Bürgermeister von Braunhirschen (1863) und dann der erste Bürgermeister von Rudolfsheim (1. Jänner 1864 – 30. April 1870). Zum Zeitpunkt der Hochzeit von Anna und Karl Johann war er noch in Amt und Würden. Bei ihm ist keine Adresse angegeben, vielleicht weil er eben der Bürgermeister war. Nach dem Häuserschema von Rudolfsheim aus dem Jahr 1865 gehörte ihm das Haus Braunhirschen 24 bzw. Kirchengasse 35, wo er auch gewohnt haben dürfte.

    Benedikt Schellinger stammte aus einer Seifensiederfamilie, deren Fabrik sich im Vorort Reindorf im Bereich der heutigen Reindorfgasse / Sechshauser Straße befand. Interessanterweise wohnte er jedoch in jenem Teil der Kirchengasse (so hieß damals die Reindorfgasse), der zu Braunhirschen gehörte. 1894 wurde nach ihm eine Gasse im heutigen 15. Bezirk benannt. Da die Schwendergasse eine Quergasse zur Kirchengasse ist, werden sich die Schwenders und Benedikt Schellinger oft genug über den Weg gelaufen sein. Mit Blick auf sein Alter wäre gut vorstellbar, dass Benedikt Schellinger die Anfänge von Karl Ludwig Schwender in Braunhirschen als Kind miterlebt hat.

    Peter Winkler, der andere Trauzeuge nimmt sich gegen Bürgermeister Schellinger weniger prominent aus, war aber auch nicht völlig unbedeutend. Nach den Taufmatriken war er ein k.k. Beamter mit Anschrift Fünfhaus 129. Im Heimatbuch von Michael Hahn wird auf dieser Adresse ein Peter Winkler genannt. Er gehörte dem ersten Gemeindeausschuss von Fünfhaus an und war der k.k. Grundbuchsführer des Bezirksgerichtes Sechshaus.


    Ehefrau und Mutter

    Ob die Ehe von Anna und Karl Johann Schwender glücklich war, wissen wir nicht. Nach außen hin dürfte sie dem entsprochen haben, was im 19. Jahrhundert als eine gute Ehe galt. Im Zusammenhang mit dem Rudolfsheimer Colosseum und der Neuen Welt wird sie nie genannt.

    Es wäre sicher interessant zu wissen, ob sie hinter den Kulissen die Entscheidungen ihres Ehemannes und seiner Familie irgendwie beeinflusst hat, ob sie ihn bei seinen Ideen ermutigt hat oder vielleicht selbst den einen oder anderen Einfall beisteuerte. Oder ob sie vieles eher skeptisch gesehen hat?

    Um 1873 schlitterten die Schwenderschen Unternehmungen als Folge der Wiener Weltausstellung (1. Mai – 2. November 1873) in eine erste Finanzkrise, die immerhin bewältigt werden konnte. Auch hier wäre es sicher interessant zu wissen, wie Anna diese Krise erlebt hat und inwieweit sie selbst an deren Bewältigung mitwirken konnte. Wieder einmal lässt sich nur spekulieren. Anzunehmen ist jedenfalls, dass Anna Schwender im Unternehmen mitgearbeitet hat, dies spätestens, nachdem im September 1868 ihre Schwiegermutter Franziska Schwender gestorben war. Sie trat zwar, solange ihr Ehemann lebte, nicht selbst in den Vordergrund, was sich auch für ihre Schwiegermutter beobachten lässt, wird ihn aber unterstützt haben. Dafür spricht, dass nach seinem Tod die Unternehmungen nur wenige Tage geschlossen blieben und der Betrieb gleich nach der Beerdigung wieder voll aufgenommen werden konnte. Offensichtlich war Anna gut genug mit den Unternehmungen vertraut.

    1877-01-30 Morgen-Post, S 7_ANNO

    Eine Struktur gewinnt Annas Ehe leider nur durch die Geburten ihrer Kinder. Bereits bald nach der Hochzeit erlebte Anna Schwender ihre erste von mindestens sieben Schwangerschaften. Noch vor dem Todestag ihrer Schwiegermutter Franziska, dem 20. September 1868, wurde das erste Kind geboren: Anna Franziska Elisabeth Schwender. Sie wurde am 19. November 1867 geboren und am 21. November in der Reindorfkirche getauft. Mit Blick auf das Datum der Eheschließung ihrer Eltern ist Annas Geburtsdatum interessant. Die Eltern hatten am 26. Februar 1867 geheiratet, Anna wurde am 21. November desselben Jahres, also knappe 9 Monate danach geboren. Wurde sie bereits in der Hochzeitsnacht gezeugt? Zumindest nach den Statistiken ist das eher ungewöhnlich. Da die Eltern bereits bei der Heirat dieselbe Adresse hatten, ist nicht auszuschließen, dass sie mit dem Vollzug der Ehe nicht erst auf die Hochzeitsnacht gewartet haben, zudem die Hochzeit ohnehin bereits beschlossen war.

    Was die Namensgebung betrifft, so spricht nichts dagegen, dass die kleine Anna als weitere Vornamen nach ihren beiden Großmüttern Franziska Schwender und Elisabeth Gaukel benannt wurde. Die Großmutter Franziska Schwender war auch die Taufpatin der kleinen Anna. Bemerkenswert ist, dass Franziska Schwender in den Taufmatriken nicht als Witwe von Karl Ludwig Schwender oder als Hotelbesitzerswitwe, sondern als Hotelbesitzerin genannt ist. Ihre „Identifikation“ erfolgt dort also durch einen Beruf und nicht über den verstorbenen Ehemann.

    1867-11-19 Taufbuch Anna Franziska Elisabeth, Matricula Online

    Die kleine Anna wird noch auf der Parte ihrer Großmutter, die im Folgejahr starb, genannt, sie war zu diesem Zeitpunkt noch das einzige Kind ihrer Eltern. Leider war ihr kein langes Leben beschieden, denn sie starb bereits am 10. März 1874, mit nur 6 Jahren, an einer Lungenentzündung. Am 12. März wurde sie im Familiengrab auf dem evangelischen Friedhof in Matzleinsdorf beigesetzt. Für Anna und Karl Johann Schwender wird das sicher eine Tragödie gewesen sein.

    1874-03-15 Illustrirtes Wiener Extrablatt, S 7, ANNO

    Die zweite Tochter war Franziska Friederika Schwender. Sie wurde am 18. Jänner 1869 geboren und am 23. Jänner in der Reindorfkirche getauft. Vermutlich wurde sie nach ihrer inzwischen verstorbenen Großmutter Franziska Schwender benannt. Der Zweitname Friederika bezog sich vielleicht auf ihren Onkel Friedrich Hirschberger. Denn ihre Taufpatin war dieses Mal Anna Hirschberger, geborene Schwender, die Schwester von Karl Johann Schwender und Ehefrau dieses Friedrich Hirschbergers. (Zu Anna und Friedrich Hirschberger ist übrigens für dieses Jahr ein eigener Blogartikel in Planung, weswegen ich hier noch nicht näher auf beide eingehe.) Auch Anna Hirschberger ist im Eintrag in den Taufmatriken als Taufpatin durch die Berufsbezeichnung „Etablissementbesitzerin in Rudolfsheim“ und nicht mit Bezug auf ihren Ehemann, ihren Vater oder ihren Bruder „identifiziert“. Da sie zu dieser Zeit im Hotel Schwender ihren Wohnsitz hatte, war sie wohl auch an dessen Leitung beteiligt.

    1869-01-18 Taufbuch Franziska Friederika Schwender, Matricula Online

    Franziska Friederika Schwender, die später Fanny genannt wurde, heiratete vor 1890 den Wiener Baurat Josef Habicher (gest. 11. November 1915; beigesetzt auf dem Friedhof Baumgarten). Er dürfte ein Verwandter von Konstantin Habicher (geb. 1828) gewesen sein, der Bezirkshauptmann von Hernals war und nach dem am 15. März 1883 die Habichergasse im 16. Bezirk benannt wurde.

    Dem Ehepaar Franziska und Josef Habicher gehörte das Haus, Winckelmannstraße 24, die letzte Adresse und das Sterbehaus des Sensenschmiedes Alois Rohrauer (28. Februar 1843, Spital am Pyhrn – 7. Dezember 1923, Wien). Dieser gründete 1895, gemeinsam mit Karl Renner den Touristenverein „Die Naturfreunde“ und war viele Jahre dessen Obmann. Bei den „Naturfreunden“ handelte es sich um den ersten alpinen Verein, der auf die Bedürfnisse der Arbeiter und Angestellten Rücksicht nahm. Später wurde nach Alois Rohrauer im 15. Bezirk der Rohrauerpark (auf der Schmelz bei der Gablenzgasse) benannt, wo ihm auch ein Denkmal errichtet wurde. Die „Naturfreunde“ haben ihren Vereinssitz heute im 15. Bezirk: Viktoriagasse 6, 1150 Wien. Franziska Habicher wird Alois Rohrauer sicher noch persönlich gekannt haben.

    Franziska Habicher wurde bereits währen des Zweiten Weltkriegs Witwe und sollte ihren Ehemann nicht lange überleben. Sie starb 1916 an einer Lungenentzündung. Einem ihrer Nachfahren verdankt das Bezirksmuseum eine bemerkenswerte Büste von ihrem Großvater, Karl Ludwig Schwender „dem Älteren“.

    Museumsleiterin Brigitte Neichl freut sich über den Neuzugang der Büste von Karl Schwender, Foto: BM15 2022

    Die dritte Tochter war Karolina Elisabet Schwender. Sie wurde am 2. April 1870 geboren und am 12. April in der Reindorfkirche getauft. Sie wurde wohl nach ihrem Vater und Großvater benannt, ihr Zweitname bezog sich auf ihre Großmutter Elisabeth Kraft, die auch als Taufpatin angegeben ist. Karolina Schwender heiratete nach 1890 und vor 1894 Adolf Sigmund Rustler. Dieser entstammte einer in Rustendorf ansässigen bedeutenden Gastwirtfamilie. Zu seinen direkten Vorfahren zählte der Gastwirt Friedrich Reichenbach, der als Ortsrichter von Rustendorf belegt ist. Über dessen Tochter war die Familie Rustler in den Besitz des Einkehrgasthofs Zum (Goldenen) Mondschein gekommen, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch zu den geschätzten Rudolfsheimer Hotels zählte. Adolf Sigmund Rustler hatte jedoch kein Interesse und verpachtete den Gasthof, der schließlich aufgegeben wurde. Er wandte sich dem Bankwesen zu und brachte es bis zum Bankdirektor. Der Sohn von Sigmund und Karolina studierte Jus, die Schwiegertochter gründete in den 1930er-Jahren eine Gebäudeverwaltung, die noch heute im Besitz der Familie ist. Ob die Großmutter ihres Ehemanns für sie ein Vorbild war?

    1870-04-02 Taufbuch Carolina Elisabeth Schwender, Matricula Online

    Nach drei Töchtern wurde am 16. Februar 1871 schließlich Karl Johann Rudolf Schwender geboren. Er wurde am 25. Februar in der Reindorfkirche getauft. Dass seine Geburt im Unterschied zu seinen Schwestern für die Familie wesentlich mehr Gewicht besaß, zeigt sich schon an dem Umstand, dass bei ihm gleich eine Taufpatin und ein Taufpate vermerkt sind. Dabei handelt es sich keineswegs um Verwandte, sondern um das Ehepaar Schwegler. Der Taufpate Johann Schwegler (um 1820 – 6. Jänner 1903, Baden) war niemand Geringerer als der damalige Bürgermeister von Rudolfsheim, die Taufpatin war seine Ehefrau Marie Schwegler.

    1871-02-16 Taufbuch Karl Johann Rudolf, Matricula Online

    Die Adresse der Schweglers, sie wohnten auf Kirchengasse 1, verdeutlicht, dass es sich bei dem Ehepaar Schwegler auch um Nachbarsleute handelte. Nebenbei befand sich am Anfang der Kirchengasse auch die Fabrik, welche der Familie des Bürgermeisters Benedikt Schellinger gehört hatte. Wie Karl Ludwig Schwender war Johann Schwegler auch von Schwaben nach Reindorf bzw. Rudolfsheim gekommen. Er war ca. 10-12 Jahre jünger als dieser und ebenfalls im Gastgewerbe tätig, wo er sich vom Schankburschen zum Gastwirt und Kaffeesieder hinaufgearbeitet hatte. Zum Colosseumsgründer hatte er es zwar nicht geschafft, aber dafür politische Karriere als Gemeinderat gemacht und es schließlich zum Bürgermeister von Rudolfsheim gebracht. Mit Blick auf seine Herkunft, sein Alter und seinen Werdegang, der durchaus Parallelen zu Karl Ludwig Schwender aufweist sowie seinen Wohnsitz, der ihn als Nachbarn der Familie Schwender ausweist, ist anzunehmen, dass sich beide Familien schon länger gekannt haben werden.

    Johann Schwegler könnte vielleicht ein Freund von Karl Ludwig Schwender gewesen sein oder auch ein Konkurrent, aber das fällt in den Bereich Spekulation. Auf jeden Fall waren er und seine Frau ein höchst attraktives Taufpatenpaar. An Johann Schwegler, der unter den Bürgermeistern des heutigen 15. Bezirks eine schillernde Figur war, erinnern heute noch die Schweglerstraße und die Schweglerbrücke. Dass er 1872-1874 erster Vorsitzender des Engeren Ausschusses des Allgemeinen Verbandes der österreichischen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften (seit 1930 der Österreichische Genossenschaftsverband) war, brachte ihm sogar einen Eintrag auf Wikipedia.

    Weniger ist bisher über das Leben seines Patensohnes Karl Johann Rudolf Schwender bekannt. Seine Eltern werden vermutlich erwartet haben, dass er einmal die Schwender’schen Unternehmungen weiterführen würde, doch dies war nicht der Fall. In der Parte seiner Mutter sind als Schwiegertöchter eine Emma und eine Gisela angeführt. Eine der beiden wird seine Ehefrau gewesen sein.

    Die Bürgermeistersgattin Marie Schwegler war auch die Taufpatin des nächsten Kindes von Anna und Karl Johann Schwender, das vielleicht nach ihr benannt ist. Maria Elisabeth Schwender wurde am 24. Dezember 1873 geboren und am 5. Jänner 1874 in der Reindorfkirche getauft. Über sie ist bisher nur bekannt, dass sie verheiratet war. Nach einer Mitteilung vom Standesamt Wien Penzing 624 / 59, die beim Eintrag in Reindorfer Taufmatriken eingefügt ist, starb sie am 21. Jänner 1959 als Maria Grund.

    1873-12-24 Taufbuch Maria Elisabeth, Matricula Online

    Ungefähr ein Jahr nach seiner Schwester Maria wurde noch Johann Baptist Schwender am 13. Jänner 1875 geboren und am 25. Jänner in der Reindorfkirche getauft. Sein Taufpate war wie bei seinem Bruder wieder der Bürgermeister Johann Schwegler, nach dem er wohl auch benannt wurde. Man hat den Eindruck, dass es Karl Johann Schwender durchaus wichtig war, einen weiteren Sohn zu haben.

    1875-01-13 Taufbuch Johann Baptist, Matricula Online

    Johann Baptist Schwender, genannt Hans, war verheiratet, entweder mit Emma oder mit Gisela, die beide als Schwiegertöchter auf der Parte seiner Mutter aufscheinen. Er gründete später ein eigenes Restaurant.

    Da stellt sich doch die Frage: Wäre die Geschichte von Schwenders Colosseum anders verlaufen, wenn er der ältere Sohn gewesen wäre?

    Als Karl Johann Schwender am 24. Jänner 1877 starb, finden sich auf seiner Parte die Namen seiner Kinder Franziska, Karolina, Karl, Maria und Johann.

    1877-01-26 Neue Freie Presse_Todesanzeige Karl Schwender, ANNO

    In den Akten, welche sich heute im Wiener Stadt- und Landesarchiv befinden, taucht allerdings noch ein weiterer Sohn auf: Jakob Ludwig Schwender. Anna Schwender war zum Zeitpunkt von Karl Johanns Tod wieder schwanger. Jakob Ludwig Schwender wurde am 3. Juli 1877, also einige Monate nach dem Tod seines Vaters, vermutlich in Hietzing, geboren. Jedenfalls wurde er am 11. Juli 1877 in der dortigen Pfarrkirche Maria Hietzing getauft, ein wesentlicher Unterschied zu seinen Geschwistern, die alle in der Reindorfkirche getauft worden waren. Als Adresse ist dieses Mal außerdem nicht Rudolfsheim, sondern Hietzing angegeben: „Schwenders Neue Welt“, Hauptstraße 21.

    1877-07-03 Taufbuch Jakob Ludwig, Matricula Online

    Es muss offen bleiben, ob sein Geburtsort mit dem Tod seines Vaters zu tun hatte oder damit, dass er im Unterschied zu seinen Geschwistern im Sommer geboren wurde und sich seine Familie auch schon früher in den Sommermonaten in Hietzing aufgehalten hatte. Interessanterweise fehlt im Taufmatrikeneintrag bei seinem Vater ein Hinweis darauf, dass dieser bereits verstorben war. Seine Taufpatin war die Gastgeberstochter Marie Kraft, eine Private, die damals ihren Wohnsitz in Rudolfsheim, Schönbrunner Straße 3 hatte.

    Hatte Anna Schwender Geschwister? War diese Marie Kraft eine jüngere Schwester von ihr oder vielleicht die Tochter eines Bruders? Mit Sicherheit war sie jedenfalls eine Verwandte von Anna. Jakob Ludwig Schwender starb als junger Erwachsener am 11. Dezember 1899, ein Jahr nach dem Abbruch von Schwenders Colosseum.

    Anna Schwender hat also nicht nur ihre älteste Tochter Anna, sondern auch ihren jüngsten Sohn Jakob überlebt. Im Nachruf von Karl Gründorf ist allerdings von zwei frühverstorbenen Kindern die Rede. Mit dem einen dieser beiden Kinder ist sicher die älteste Tochter Anna gemeint, aber mit dem anderen Kind kann keines ihrer namentlich bekannten Geschwister ident sein. Der Bruder Jakob wurde erst nach dem Tod des Vaters geboren. Die übrigen Geschwister, die namentlich bekannt sind, kommen ebenfalls nicht in Frage.

    Hatte Anna Schwender noch ein drittes Kind zu betrauern? Allerdings fehlen, abgesehen von dem Hinweis bei Karl Grünbach, bisher Belege dafür. Falls Anna Schwender ein weiteres Kind hatte, muss es jedenfalls vor dem 24. Jänner 1877 gestorben sein. Als Geburtsdatum wäre mit Blick auf die Geburtsdaten der übrigen Kindern die Jahre 1868 und 1872/1873 möglich.


    Die Unternehmerin

    Während aus der Zeit von Anna Schwenders erster Ehe, die etwa 9 Jahre umfasst, eigentlich nur die Geburten ihrer Kinder und der Tod ihrer Tochter Anna überliefert ist, gewinnt Anna Schwender erst ein wenig Profil, nachdem sie Witwe wurde und die Unternehmungen ihres Ehemannes bis zur Volljährigkeit ihrer Kinder weitergeführt hat.

    Da auf diese Zeit im Museumsblog im Artikel zur Familie Schwender von Brigitte Neichl bereits ausführlich auf das Wirken von Anna Schwender als Witwe, soweit es sich belegen lässt, eingegangen ist, kann ich mich hier kurzfassen.

    Karl Johann Schwender, der an einer Krankheit starb, war zum Zeitpunkt seines Todes 37 Jahre. Für seine Witwe, die nur wenige Wochen zuvor ihren 34. Geburtstag gehabt hatte und zudem wieder schwanger war, muss es eine schwierige Lage gewesen sein, der sie sich offensichtlich tapfer gestellt hat. Immerhin war sie in der Lage, den Betrieb des Colosseums nach zwei Schließtagen wieder aufzunehmen.

    Als Rechtsnachfolgerin ihres Mannes versuchte sie seine Unternehmungen weiterzuführen, wobei es wohl in erster Linie darum ging, sie für die Kinder zu halten. Ob sie sich dieser Verantwortung und Aufgabe nur aus Pflichtbewusstsein gewidmet hat oder sogar Freude daran hatte, wissen wir leider nicht. Zumindest in den ersten Jahren hatte sie als Veranstalterin Erfolge. Nach den Zeitungsberichten aus den folgenden Jahren gelang es ihr nicht nur zumindest das Colosseum zu halten, sondern sie konnte dort auch mit besonderen Events punkten und überraschen.

    Allerdings musste die „Neue Welt“ bereits um 1880 aufgegeben werden. Aus den Akten zur Familie Schwender, in die ich vor einigen Jahren im Wiener Stadt- und Landesarchiv Einblick hatte, geht aber auch hervor, dass die Rechtsnachfolge und Vormundschaft für die Kinder keineswegs nur bei Anna alleine lag, sondern für diese ein gerichtlicher Vormund bestellt worden war. Da unterschiedliche Namen auftauchen, ist zu vermuten, dass die Vormunde mehrmals wechselten. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die Zusammenarbeit zwischen ihnen und Anna nicht unbedingt konfliktfrei verlief.

    Obwohl Anna wohl bis Anfang der 1890er-Jahre an der Leitung von Schwenders Colosseum beteiligt war, scheint sie sich bereits in den späten 1880er-Jahren aus dem Unternehmen zurückgezogen zu haben, ohne dass sie eines ihrer Kinder abgelöst hätte. Soweit es sich beurteilen lässt, dürfte etwa um diese Zeit auch der Niedergang des Colosseums eingesetzt haben. Neben wirtschaftlichen Gründen dürfte es Erbstreitigkeiten gegeben haben. Wie zum Beispiel das Protokoll zwischen den drei älteren Kindern und dem Vormund, der damals die Interessen der vier jüngeren Kinder vertrat, zeigt, gab es Anfang der 1890er-Jahre Unstimmigkeiten über die Weiterführung des Colosseums, das dann verpachtet wurde.

    Auffällig ist jedenfalls, dass sich zum Beispiel der älteste Sohn Karl nicht etwa selbst aktiv in die Führung eingebracht hat. Wollte er nicht seinen Eltern nachfolgen oder gab es da für ihn zu viele Hürden? Fakt ist jedenfalls, dass in den 1890er-Jahren die einzelnen Betriebe von Schwenders Colosseum nacheinander geschlossen wurden. 1897 wurde der letzte Betrieb geschlossen. 1898 erfolgte der Abriss. Nur das Gebäude des Hotel Schwender blieb bestehen. Das Haus besteht noch heute als Wohnhaus.

    Anna Schwender hatte offensichtlich alles getan, um die Unternehmung für ihre Kinder zu halten. Wie sie den raschen Niedergang und letztlich den Abriss persönlich empfunden hat, ist nicht überliefert.


    Anna Schwender-Silberbauers zweite Ehe und letzter Lebensabschnitt

    Bereits 1884 hatte Anna Schwender eine zweite Ehe mit Johann Silberbauer (gest. um / nach 1906) geschlossen. Sie war damals etwa 42 Jahre. Nach der Mitteilung in einer Zeitung fand die Hochzeit am 5. Mai 1884 in Salzburg statt.

    1884-05-06 Salzburger Chronik, S 3, Hochzeit Anna Schwender und Johann Silberbauer, ANNO

    Nach dem Eintrag in den Sterbematriken der Pfarre Reindorf, der allerdings nicht gut leserlich ist, soll sie bereits am 4. Jänner 1884 stattgefunden haben. Ab dieser Heirat unterzeichnete Anna Schwender ihre Urkunden, Verträge und Ähnliches stets als Anna Silberbauer. In den im Wiener Stadt- und Landesarchiv erhaltenen Urkunden wird sie ab diesem Zeitpunkt gewöhnlich als Anna Schwender-Silberbauer oder Anna Silberbauer-Schwender bezeichnet.

    Über ihren zweiten Ehemann Johann Silberbauer ist bisher nicht viel bekannt. Vor der Eheschließung war er Geschäftsführer im „Ronacher“ gewesen. Nach dem Totenbeschauprotokoll von Anna Schwender-Silberbauer war er Beamter. War er das vor seiner Zeit im „Ronacher“ oder danach? Wenn man bedenkt, dass staatliche Beamte einer Altersgrenze (40-45 Jahre) unterlagen, stellt sich die Frage, ob Johann Silberbauer nicht einige Jahre jünger als Anna gewesen sein könnte. Nach Karl Gründorf soll er sie nach der Heirat als Geschäftsführer bei der Leitung von Schwenders Colosseum unterstützt haben. Nach Karl Josef Herrmann soll sie an ihm eine tatkräftige und verständige Hilfe gehabt haben. [Vgl. Karl Josef Herrmann: Schwenders „Neue Welt“ in Hietzing (Reihe Heimatkundliche Monographien 31), 1963, S. 22]

    In den 1890er-Jahren übersiedelte Anna Schwender-Silberbauer für einige Jahre nach Berlin, dürfte aber danach wieder in Wien gelebt haben. Am Dienstag, den 26. Februar 1867, kurz vor Ende der Faschingszeit hatte Anna Schwender, damals noch Anna Kraft, Karl Johann Schwender, ihren ersten Ehemann geheiratet. Fast vierzig Jahre und einen Tag später, am Dienstag, den 27. Februar 1906, starb Anna Schwender in einer Wohnung in der Diefenbachgasse 46, die einer ihrer beiden Schwiegertöchter gehörte. In ihren letzten Lebensjahren soll sie unter Gallensteinen gelitten haben. Als Todesursache sind jedenfalls eine „Herzmuskelentartung“ und eine „Gallensteinkolik“ angegeben. Anna war damals ca. 63 Jahre.

    1906-02-27 Sterbebuch Anna Silberbauer, Matricula Online


    Die Suche nach Anna Schwender-Silberbauer

    Als ich vor über zwanzig Jahren im Bezirksmuseum als ehrenamtliche Mitarbeiterin begonnen habe, zählte Anna Schwender-Silberbauer zu jenen Frauen aus dem 15. Bezirk, über die kaum etwas bekannt war. Damals war sie nur die Schwiegertochter des Unternehmers Karl Schwender „dem Älteren“ und die Witwe seines gleichnamigen Sohnes, die nach dem Tod ihres Ehemannes halt brav, aber letztlich doch vergebens, versuchte, das Familienunternehmen weiterzuführen und dessen Niedergang aufzuhalten.

    Die Suche, mehr über diese Frau herauszufinden, bedeutete sehr viel mühevolle Kleinarbeit. Mit Hilfe der Parten war es immerhin möglich, Annas Mädchennamen und ihre Herkunft aus Guntramsdorf zu entdecken. Durch die Parten ihrer Schwiegereltern und den Nachruf von Karl Gründorf war es möglich, den Zeitpunkt ihrer ersten Heirat einzugrenzen. Schließlich gelang es über das Datum ihrer Beerdigung einen ersten Zeitungseintrag zu ihrem Tod zu finden, worauf es möglich wurde, das Totenbeschauprotokoll ausfindig zu machen.

    Die Suche in Zeitschriften aus der Datenbank „ANNO“, die Durchsicht von Akten aus dem Wiener Stadt- und Landesarchiv, Recherchen über Matricula und Anderes erbrachten weitere Ergebnisse. So ist es letztlich dem Museumsteam unter der Leitung von Frau Prof. Mag. Brigitte Neichl gelungen, genügend Informationen zu Anna Schwender-Silberbauer zu sammeln, sodass es nun möglich ist, ihr wenigstens so etwas wie eine erste Biographie zu geben, die das ursprüngliche Bild wesentlich bereichert, aber auch in wichtigen Details korrigiert.

    Das bedeutet aber nicht, dass die Forschungsarbeit zu Anna Schwender-Silberbauer somit abgeschlossen sind. Es bleibt zu hoffen, dass mit weiteren Forschungsergebnissen noch zahlreiche offene Enden verknüpft werden können.


    Quellen / Literatur

    • Totenbeschauprotokoll der Unternehmersgattin und Magistratsbeamtensgattin Anna Silberbauer, Wiener Stadt- und Landesarchiv
    • Umfangreicher Akt zur Familie Schwender, Wiener Stadt- und Landesarchiv
    • Pfarrmatriken der Pfarren Guntramsdorf, Jedlesee , Reindorf und Maria Hietzing
    • Reichspost vom 2. März 1906 (Todesmitteilung zu Anna Schwender-Silberbauer, 1 Zeile)
    • Weitere Zeitungsartikel auf ANNO
    • Karl Gründorf: Der alte und der junge Schwender. In: Vorstadt Zeitung, 1877 (Nachruf zu Karl Johann Schwender)
    • Karl Josef Herrmann: Schwenders „Neue Welt“ in Hietzing, 1963 (Reihe Heimatkundliche Monographien 31), S. 22
    • #FAQ15/076 Wer war Anna Schwender? – WIENfünfzehn (wordpress.com), abgerufen am 25. Jänner 2023 (Blogartikel von Brigitte Neichl)

    Ergänzende Literatur:

    • Michael Hahn: Der Bezirk Sechshaus. Eine Beschreibung der Ortschaften Braunhirschen, Fünfhaus, Gaudenzdorf, Ober- und Untermeidling mit Wilhelmsdorf, dann Reindorf, Rustendorf und Sechshaus in historischer, topographischer, statistischer, commerzieller und industrieller Beziehung. Wien, 1853
    • Häuser-Schema von Rudolfsheim mit der neuen gassenweisen Numerierung und einem Orientierungsplane. Rudolfsheim, 1865
    • P. Rustler: Zur Geschichte des Hauses Rustler. In: Der Rustler, 6. Auflage 2005 (Eigenverlag Rustler Gruppe GmbH), S. 17 (zu Karolina Rustler, geborene Schwender)

    Für die erste Information zur Herkunftsfamilie von Anna Schwender-Silberbauer danke ich nachträglich nochmals herzlich Frau Sabine Ziffer-Dornitzhuber, Pfarramt Guntramsdorf-St. Jakobus. (Mailanfrage im Februar 2015)

    Anmerkung: Bis heute gibt es keine richtige Sekundärliteratur zu Anna Schwender-Silberbauer.

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    (*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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