Mädchenschule Friesgasse 10

Das „Bild des Monats“ zeigt diesmal die Volksschule Friesgasse 10, die 1907 als Mädchenvolksschule eröffnet wurde, seit 1932 eine Mädchen- und Knabenvolksschule ist und 1988 in Oskar-Spiel-Schule benannt wurde.

Mädchenschule Friesgasse 10 (Fünfhaus Nr. 73), etwa um 1907, ab 1932 Mädchen- und Knabenvolksschule, seit 1988 „Oskar-Spiel-Schule“, Foto: BM 15

Es war einmal ein Schloss

Die Friesgasse mündet heute in die Kranzgasse bzw. den Henriettenplatz. Bis in die 70er Jahre des 18. Jhdts. gab es rund um den heutigen Henriettenplatz nur Wiesen, Felder und Weingärten. Dann entstand hier ein Haus mit Garten, das schließlich Ende des 18. Jhdts., genau am 21.10.1793, von Fanny und Adam von Arnstein erworben wurde. Fanny machte das Palais zu einem Treffpunkt bekannter Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Finanzen. Sie starb 1818, ihr Mann 1838.

Der Arnstein’sche Besitz umfasste etwa den Bereich der heutigen Mariahilfer Straße, Reindorfgasse (bis 1894 Kirchengasse), Herklotzgasse (bis etwa 1869 Schulgasse) und Fünfhausgasse. Fünfhaus Nr. 73 (die heutige Friesgasse 10) ist rot eingekreist. Plan 1819

Das Haus Fünfhaus Nr. 73 (heute Friesgasse 10) bestand seit mindestens 1828 und grenzte unmittelbar an den Arnstein-Besitz (siehe Plan oben). Hausbesitzerin war Theresia Bunk.

Wien’s nächste Umgebungen. An den Linien / herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wienbibliothek

Die weiteren Hausbesitzer*innen waren:
1837: Theresia Bunk, im Haus auch Heinrich Baumgärtner, Drechslermeister
1843: Theresia Bunk
1847: Georg Wunderboninger (oder Wunderbaringer)
1862: Therese Wunderbaringer
1880: Franz und Leopoldine Lindenmayer
um 1900: Leopoldine Lindenmayer und ihre Töchter Leopoldine und Marie
um 1902: Rudolf Hammer (durch Tausch mit dem Haus Kranzgasse 1)

Die heutige Friesgasse hieß bis 1862 Blinde Gasse, da sie als Sackgasse beim Garten des Arnstein-Schlosses endete.

Plan 1828 Ziegler/Vasquez, Blinde Gasse = Friesgasse, Schul Gasse = Herklotzgasse, Kron Gasse = Kranzgasse

Ab 1845 wurde der Arnstein’sche Besitz allmählich verbaut. Es entstanden u.a. die heutige Arnsteingasse, die Friesgasse (benannt nach der Enkelin von Fanny von Arnstein Flora Gräfin Fries) und der Henriettenplatz (benannt nach der Tochter von Fanny von Arnstein).

Auf dem folgenden Plan von 1862 kann man schon den projektierten Henriettenplatz erkennen. Fünfhaus Nr. 73 (=Friesgasse 10) grenzt immer noch an die (nicht beschriftete) heutige Kranzgasse und den geplanten Henriettenplatz. Die Blinde Gasse heißt nun Floragasse (nach Flora Gräfin Fries, der Enkelin von Fanny von Arnstein).

Plan 1862

Auf dem Plan von 1868 ist die Gasse bereits als Friesgasse eingetragen, neben der Nummer 10 gibt es (Ecke Kranzgasse) – so wie auch heute noch – ein Haus mit der Nummer 12.

Plan 1868
Aktueller Plan mit der Friesgasse Nr. 10, wien.gv.at/stadtplan

Während der NS-Herrschaft hieß die Friesgasse vom 9.12.1938 bis 27.4.1945 Scharnhorstgasse, danach wieder Friesgasse und der Henriettenplatz Braunschweigplatz.

Die Volksschule Friesgasse entsteht 

1903 erfolgte der Beschluss des Wiener Stadtrates, den Baugrund Friesgasse 10 zu erwerben. Dort soll als Ersatz für die Herklotzgasse 21 eine neue Volksschule gebaut werden. 

1903-10-15 Neue Freie Presse, S. 9, ANNO

Transkript
[Wiener Stadtrat.] Im Stadtrat wurde heute beschlossen die Realität Fünfhausgasse Nr. 10 um den Preis von 75.000 K. behufs Gewinnung eines Baugrundes zu einem Ersatzbau für die Schule Fünfhaus, Herklotzgasse Nr. 21 käuflich zu erwerben. 
Transkript Ende

1907 / Jänner 

Bevor die neue Schule in der Friesgasse 10 eröffnet wurde, waren die Schülerinnen in der Viktoriagasse 2 untergebracht. Ende Juli 1907 sollte das Schulgebäude fertig sein. 

1907-01-07 Neues Wiener Tagblatt S. 5, ANNO

Transkript
(Aus dem Stadtrate.) Der beantragten Verlegung der im Schulgebäude Fünfhaus Viktoriagasse Nr. 2 provisorisch untergebrachten allgemeinen Mädchenvolksschule Herklotzgasse Nr. 21 in das neue Schulgebäude Friesgasse Nr. 10 mit Ende Juli 1907 wurde die Zustimmung erteilt. 
Transkript Ende

1907 / Oktober 

Die Arbeiten dürften dann doch noch länger gedauert haben, jedenfalls wurde die Friesgasse 10 am 29. Oktober 1907 als Volksschule für Mädchen feierlich eröffnet. Mit dabei war der Pfarrer der Kirche Maria vom Siege, Stephan Rosenberger, Vizebürgermeister Josef Porzer, Landesschuldirektor Carl Rieger, Bezirksschulinspektor Johann Eibl, der Obmann des Ortsschulrates Heinrich Zwölfer, Bezirksvorsteher-Stellvertreter Karl Friedrich Baumgartner, Oberlehrer (und späterer Direktor – bis zu seinem plötzlichen Tod 1910) Thomas Wondratsch.

Die Schulmädchen Winter und Kuhnle trugen Festgedichte „mit sehr guter Betonung“ vor und überreichten dem Vizebürgermeister Blumen. 

1907-10-30 Reichspost, S. 10, ANNO

Transkript
*Die neue Schule in der Friesgasse. In feierlicher Weise nahm heute Pfarrer Rosenberger von ach Fünfhaus die Einweihung der neuen Mädchenvolksschule, 15. Bezirk, Friesgasse 10, in Anwesenheit zahlreicher kommunaler Würdenträger vor. An den Gottesdienst schloß sich eine kleine Feier, bei welcher mehrere Reden gehalten wurden. Pfarrer Rosenberger knüpfte seine Rede an das Wort des Herrn “Pax huic domui” und schilderte dann die Bedeutung der Schule und der kirchlichen Weihe. Vizebürgermeister Dr. Pforzen betonte als zweiter Redner die Wichtigkeit der Volksbildung und des Elementarunterrichtes und die Wichtigkeit einer religiös-sittlichen Erziehung der Jugend des Volkes, dankte dem Stadtratsreferenten, dem Magistratsreferenten und dem Stadtbauamt für das Zustandekommen des neuen Gebäudes, für das er Worte wärmster Anerkennung fand und schloß mit einem Appell an Lehrkörper und die Kinder. Dann sprach Landes-Schulinspektor Dr. Rieger, welcher das neue Gebäude einen Musterbau nannte, indem auf engem Platz mit großem Geschick eine musterhafte Ausnutzung des Raumes erfolgte. Er verwies dann darauf, daß erst 80 Jahre verflossenen sind, seitdem das heutige Fünfhaus die erste Schule erhielt, erörterte die Bedeutung dieses Schulgebäudes und die Wichtigkeit der Volksschulbildung überhaupt und schloß mit dem Wunsche, daß die heranwachsende junge Generation ihren Vätern und Großvätern nachzuahmen bemüht sein wäre in tüchtiger Erfüllung ihrer bürgerlichen Pflichten zum Segen des Vaterlandes und zur Ehre der Vaterstadt. Es sprachen dann noch Bezirks-Schulinspektor Dr. Eibl, der Obmann des Ortsschulrates Zwölfer, Bezirksvorsteher-Stellvertreter Baumgartner und Oberlehrer Wondratsch, worauf die Schulmädchen Winter und Kuhnle Festgedichte mit sehr guter Betonung vortrugen und dem Vizebürgermeister Blumen überreichten.
Transkript Ende

1932 / Oktober 

Die Volksschule für Knaben in der Talgasse 2 wird aufgelassen. Aus der Friesgasse 10 wird eine allgemeine gemeinsame Volksschule für Mädchen und Buben

1932-10-01 Verordnungsblatt des Stadtschulrates für Wien S. 3, ANNO

Transkript
Die allg. Volksschule für Knaben, XV., Talgasse 2, wird aufgelassen. An deren Stelle wird im Schulgebäude XV., Friesgasse 10 eine allg. Volksschule für Knaben neu errichtet und mit der allg. Volksschule für Mädchen, XV., Friesgasse 10, zu einer allg. Volksschule für Knaben und Mädchen, XV., Friesgasse 10, unter einem gemeinsamen Leiter verbunden.
Transkript Ende

1988 

Die Volksschule Friesgasse wird in Oskar-Spiel-Schule umbenannt 

Oskar Spiel (1892-1961) war ein österreichischer Pädagoge und Psychologe, der die Anwendung der Individualpsychologie im Rahmen der Wiener Schulreform maßgeblich mitinitiierte. Er war Begründer individualpsychologischer Versuchsschulen.

Quellen

Damit genug für heute:
Gehaben Sie sich wohl!
Ihre Brigitte Neichl

Verstand, Herz und gute Laune

Der Untertitel unseres Blogs lautet „DER KulturBlog aus Wien Rudolfsheim-Fünfhaus für Verstand, Herz und gute Laune, bei dem es um Menschen & Themen aus dem 15. Wiener Gemeindebezirk in Vergangenheit und Gegenwart geht.“

Den Zusatz „für Verstand, Herz und gute Laune“ gibt es seit 27.6.2021. Er ist eine Hommage an die Zeitschrift „Oesterreichisches Bürgerblatt für Verstand, Herz und gute Laune“, die von 1819-1857 (vom 6.1.1819-1819-29.7.1835 unter diesem Titel, dann in Variationen) im Verlag Friedrich Eurich erschien.

Wir identifizieren uns nicht mit der Ausrichtung dieser Zeitschrift. Diese drei Worte haben uns aber angesprochen, weil sie sehr anschaulich das ausdrücken, wofür wir stehen und weil die Kombination einfach genial ist 😉

Wir sind ständig bestrebt, unser Wissen über die Geschichte des 15. Bezirks zu erweitern und möchten diese Erkenntnisse auch an Sie als Leserinnen und Leser dieses Blogs weitergeben (Verstand) und wir berichten hauptsächlich über jene Menschen, die sonst keine Stimme hatten, wir möchten sie und ihr Leben sichtbar machen (Herz). Aber selbstverständlich soll auch der Humor nicht kurz kommen, denn er erleichtert das Leben und auf diesem Wege lässt sich auch sehr viel an Wissen transportieren (gute Laune).

Liebe Leserin, lieber Leser!

Ihnen fehlt etwas? Sie haben weiterführende Informationen?
Dann schreiben Sie doch einfach einen Kommentar. Nützliche Inhalte mit Quellenangabe bauen wir – mit Verweis auf Ihren Kommentar – gerne noch in den Text ein. Alternativ können Sie uns auch ein Mail an office@bm15.at schicken!

Oder wie es Anton Ziegler 1828 (*) so schön ausgedrückt hat:

Jede Belehrung und Berichtigung, welche in Beziehung auf größere Vervollkommnung und Gemeinnutzmachung dieser Herausgabe beabsichtigt ist, wird mit dem ausgezeichnetsten Danke empfangen.

(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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Schau mal, ich hab was Interessantes auf WIENfünfzehn gefunden!

2 Kommentare zu „Mädchenschule Friesgasse 10

  1. Wie immer sehr interessant! Doch eine Frage zum zitierten Text aus dem Neues Wiener Tagblatt vom 7. Jänner 1907 „… allgemeinen Mädchenvolksschule Herklotzgasse Nr. 21 …“ Lt. Wikipedia-Eintrag bestand ab 1906 in der Herklotzgasse 21 „einen Knabenhort mit 49 und einen Mädchenhort mit 65 Schulkindern, betreut vom Verein zur Ausspeisung armer jüdischer Kinder für die Bezirke XII–XV“. War die Herklotzgasse 21 also beides? Schule UND Hort? Oder waren nur die Hort-Mädchen provisorisch in der Viktoriagasse 2 in der Volksschule? Und gingen die Buben in der Talgasse 2 in die Volksschule …. bis letztlich alle in die Friesgassse übersiedelten …
    Freundlichen Gruß von Peter Moser aus der Zwölfergasse

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für Ihre freundliche Rückmeldung! Wir haben zu Ihrer Frage Folgendes gefunden: Im Communal-Kalender und Städt. Jahrbuch von 1906, S 438 ist nur von einer Allgemeinen Volksschule für Mädchen in der Herklotzgasse 21 (516 Schülerinnen) die Rede. Ob es einen Hort gab, steht nicht dabei. Hier der Link: https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/periodical/zoom/1546669
      Die Friesgasse 10 wurde als Ersatzbau für die Herklotzgasse 21 eingerichtet, die als Volksschule für Mädchen am 29.10.1907 eröffnet wurde. Die Buben gingen dann vermutlich – wie Sie auch geschrieben haben – in die Talgasse 2. Ab 1932 gingen auch die Knaben in die Friesgasse 10. Liebe Grüße Brigitte Neichl / Eva Müller

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