Eine entsetzliche Bluttat in der Sechshauser Straße 98a

Mordversuch und Selbstmord 1901

Diesmal geht es in „History & Crime“ um den 28-jährigen Schwerkutscher Rudolf Marzinger, der (glücklicher Weise erfolglos) versuchte, seine Freundin Fanni Wurm zu ermorden und danach Selbstmord beging.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

INHALT

Mordversuch und Selbstmord in der Sechshauser Straße 98a

Bild von Rudy und Peter Skitterians auf Pixabay, abgerufen am 2022-01-26
1901-12-09 „Wiener Neueste Nachrichten“, S 3, ANNO
Sechshauser Straße 98a, Plan: wien.gv.at

Transkript
Mordversuch und Selbstmord. Das Haus Sechshauserstraße Nr. 98a war heute Früh der Schauplatz einer Bluttat. Der 28-jährige Schwerkutscher Rudolf Marzinger unterhielt seit längerer Zeit mit der um vier Jahre jüngeren Handarbeiterin Fanni Wurm ein Liebesverhältnis. Vor Kurzem beschloss das Paar, sich gemeinsam einzumieten. In der Sechshauserstraße Nr. 98a fanden sie im dritten Stock bei dem Fabriksarbeiter Franz Bielek ein bescheidenes Kabinett, in das sie Donnerstag Nachmittags einzogen. Marzinger war seit langer Zeit ohne Posten, dies führte zu Zwistigkeiten. Gestern Abends legten sich Beide zeitlich schlafen. In ihrem Kabinett schlief noch ein zweiter Kutscher als Bettgeher. Als er heute gegen sieben Uhr morgens erwachte, fand er Wurm und Marzinger bereits wach. Um sich die Schuhe zu putzen, verließ er bald darauf das Kabinett. Im Augenblick darauf fielen in rascher Folge zwei Schüsse, die Tür wurde aufgerissen und Fanni Wurm lief schreiend und aus einer Wunde am Hinterhaupt blutend aus der Wohnung. In der Wohnung des Nachbar Wlzek fiel sie erschöpft auf einen Stuhl. Marzinger hatte aus einem Revolver zwei Mal auf sie geschossen. Ein Projektil hatte ihr Hinterhaupt gestreift, das zweite den rechten Oberarm. Die Verletzungen sind nicht schwerer Natur. Kaum hatte die Verletzte das Kabinett verlassen, so fielen abermals drei Schüsse. Marzinger hatte sie gegen sich abgefeuert und lag tot in einer Blutlache neben dem Bette.
Transkript Ende

Wohnraummangel um die Jahrhundertwende, Bild von Heinrich Zille, wikimedia commons

Schlafburschen und Bettgeher

Um die Verzweiflungstat vor ihrem historischen Hintergrund zu verstehen, müssen wir uns die hier beschriebenen Wohnverhältnisse einmal vergegenwärtigen: Das Liebespaar wohnte in Untermiete im Kabinett einer Wohnung, die kaum sehr groß gewesen sein dürfte, wenn der Hauptmieter ein Fabrikarbeiter war.

In diesem engen Raum schlief auch noch ein „Schlafbursche“ oder “Bettgeher” – ein Unter-Unter-Mieter, der nur zur Benutzung einer Schlafstätte berechtigt war. Mit etwas Glück war diese Schlafstätte ein Bett, es konnte aber auch eine bloße Matratze auf dem Boden sein – oder nicht einmal das. Gelegentlich teilten sich Arbeiter*innen in der Tag- und Nachtschicht abwechselnd dasselbe Bett.

Wir zitieren aus Wien Geschichte Wiki:
Bettgeher (abgerufen am 26. Januar 2022).

Zitat
Bettgeher, Bettgeherin. Darunter sind im 19. und frühen 20. Jahrhundert Personen zu verstehen, die gegen Entgelt stundenweise oder je nach Arbeitsschicht ein freies Bett in einer fremden Mietwohnung zum Schlafen benutzten. Für viele in Industrie und Gewerbe tätige Menschen war dies die einzige Möglichkeit auf eine halbwegs warme und trockene Schlafstätte. Nicht selten teilten sich mehrere Personen ein Bett. Gleichzeitig waren auch die Vermieter auf die Einkünfte durch die Bettgeher und Bettgeherinnen angewiesen, da durch die herrschende Wohnungsknappheit die Mieten sehr hoch waren. Die beengten Wohnverhältnisse erlaubten keine Privatsphäre und führten häufig zu sozialen Konflikten. Auch die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal und beförderten die Verbreitung von Krankheiten und Seuchen. Die prekären Wohnverhältnisse wurden erst durch die Wohnbaumaßnahmen des Roten Wien entschärft.
Zitat Ende

Zum Nachzulesen hier auch der ausführliche Artikel in ANNO Wiener Wohnungselend. In: Wiener Montags-Post, 13.11.1911, S. 1 f. (Die Ausgabe ist leider beschädigt und dadurch sehr schwer leserlich).

Liebesleben im Cabinete

Für dieses Loch bezahlten Marzinger und Wurm wöchentlich 2 Kronen, umgerechnet 15 Euro, die wohl zur Gänze von der Frau bezahlt wurden, da Marzinger arbeitslos war (Arbeitslosengeld gab es damals noch keines).

Was für ein Liebesleben – in einem “Cabinete”, in das außer zwei Schlafgelegenheiten (eine für den Bettgeher) wohl nicht mehr viel hineingepasst hat, nachts die ständige Gesellschaft eines wildfremden Menschen, der seinerseits nach einem harten Arbeitstag Ruhe haben wollte … wen wundert es, dass es da zu Streitereien kam?

Einen ausführlicheren Bericht liefert das “Neue Wiener Journal” am 9. Dezember 1901:

1901-12-09 “Neues Wiener Journal“ ANNO

Transkript
Ein Liebesdrama. Mordversuch und Selbstmord. Original-Bericht des »Neuen Wiener Journal«

Das Haus Sechshauserstraße 98a war gestern Früh der Schauplatz einer Bluttat. Ein junger Mann hat seine Geliebte angeschossen und sich entleibt. Wir erfahren hierüber folgendes: Der 28jährige Schwerkutscher Rudolf Marzinger unterhielt seit längerer Zeit mit der um vier Jahre jüngeren Handarbeiterin Fanni Wurm ein Liebesverhältnis. Er wohnte in Rudolfsheim und sie in Ottakring. Da das Mädchen in einer Appreturfabrik (Anm: Appretur (von frz. apprêt „Ausrüstung, Zurichtung“   bezeichnet die veredelnde Behandlung von Stoffen und Textilien um ihnen ein besonderes Aussehen und/oder bestimmte Eigenschaften zu geben, z.B. Wasserdichte, hoher Glanz etc.) bedienstet war, zog sie vor einigen Tagen näher zu ihrem Dienstort. Auch Marzinger wollte seine Wohnung wechseln, und so beschloss das Paar, sich gemeinsam einzumieten. In der Sechshauserstraße 98a fanden sie im dritten Stock bei dem Fabriksarbeiter Franz Bielek ein bescheidenes Kabinett, für das sie allwöchentlich 2 Kronen bezahlen sollten. Die jungen Leute zogen Donnerstag nachmittags ein. Marzinger war seit langer Zeit ohne Posten, und dies führte häufig zu Zwistigkeiten, da er gar nichts verdiente. Die Wurm äußerte sich auch wiederholt, dass sie das Verhältnis lösen werde. Marzinger vertröstete das Mädchen fortwährend mit der Hoffnung, dass er einen Posten erhalten werde. Samstag abends legten sich beide zeitlich schlafen. In ihrem Kabinett schlief noch ein Bettgeher. Als er gestern gegen 7 Uhr morgens erwachte, fand er die Wurm und Marzinger bereits wach. Um sich die Schuhe zu putzen, verließ er bald darauf das Zimmer. Das Liebespaar sprach leise miteinander, ohne dass er ihnen besondere Erregung angemerkt hätte. Kaum hatte der Kutscher die Küche betreten, als in rascher Folge zwei Schüsse fielen. Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen und Fanni Wurm lief schreiend und aus einer Wunde am Hinterhaupt blutend aus der Wohnung. Sie wurde von dem Nachbarn Wlzek in seine Wohnung gezogen, wo sie erschöpft auf einen Stuhl fiel. Marzinger hatte mit seiner Geliebten, wie gewöhnlich, Streitigkeiten gehabt und hatte plötzlich einen Revolver, den er schon einige Zeit besaß, aus der Tasche gezogen und zwei Mal auf das Mädchen geschossen. Beide Projektile hatten die Fanni Wurm nur gestreift.  Eines war beim Hinterhaupt vorbeigegangen und das zweite beim rechten Oberarm. Die Verletzungen sind nicht schwerer Natur. Als die Verletzte das Kabinett verlassen hatte, hatte Marzinger dasselbe versperrt und unmittelbar darauf fielen drei Schüsse. Hausleute erbrachen die Türe und fanden den Kutscher in einer Blutlache neben dem Bett liegen. Er hatte sich drei Kugeln in den Kopf gejagt, die den sofortigen Tod herbeigeführt hatte. Marzinger hatte schon seit langer Zeit Selbstmordgedanken geäußert, die jedoch nie ernstgenommen wurden. Das Mädchen wurde in das Elisabethspital gebracht. Eine polizeiliche Kommission fand sich alsbald am Tatort ein, welche den Tatbestand aufnahm.
Marzinger hatte am Donnerstag, als er in die Sechshauserstraße einzog, die polizeilichen Meldezettel ausgefüllt und den Namen des Mädchens mit Fanni Wieser angegeben. Warum er sie falsch gemeldet hat, ist nicht festgestellt. Die Bluttat hatte im Bezirk großes Aufsehen hervorgerufen.
Transkript Ende

Elisabethspital um 1900, Bild: Sammlung BM 15

Fanni Wurm im Elisabethspital

Im Kaiserin-Elisabethspital wurde die unglückliche Fanni Wurm verarztet – und hoffentlich bald geheilt entlassen. Man möchte ihr wünschen, dass sie das nächste Mal mehr Glück mit ihren Geliebten gehabt hat.

meine meinung

Wenn man Menschen durch überteuerte Mieten, Mangel an Wohnraum, menschenunwürdige Zustände in den Wohnungen in eine ausweglose Situation zwingt, dann ist es nicht verwunderlich, wenn Mordversuch und Selbstmord oder noch Schlimmeres die Folge sind (es gab Situationen, in denen Verzweifelte ihre ganze Familie umbrachten). Wohnungsknappheit und hohe Mieten sind auch heute wieder ein Thema in Wien: Luxuswohnungen werden jede Menge gebaut, leistbare Wohnungen sind Mangelware … Ein Glück, dass die Stadt Wien sich auf die alte Tradition des Gemeindebaus besonnen hat und solche Wohnhäuser wieder errichtet.

Quellen 

  • 1901-12-09 „Wiener Neueste Nachrichten“ ANNO
  • 1901-12-09 “Neues Wiener Journal“ ANNO
  • Wiener Wohnungselend. In: „Wiener Montags-Post“, vom 13. November 1911, S. 1 f.
  • Wien Geschichte Wiki, Bettgeher, (abgerufen am 26. Januar 2022).

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(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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