Die k.k. Polizei auf den Spuren einer Raubmörderbande

Diesmal geht es in „History & Crime“ um einen Überfall auf ein Goldschmiede- und Uhrengeschäft 1892 in der Schönbrunner Straße 18 a, heute Mariahilfer Straße 144. Das Opfer: Johann Lammel.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime
History & Crime: Die k.k. Polizei auf den Spuren einer Raubmörderbande

“Mit einem Beil den Schädel gespalten!”, titelten die Wiener Zeitungen am 17. September 1892. An diesem Tag wurde der allseits geschätzte Mitarbeiter des Goldschmieds und Uhrmachers Hermann Stolle, der Goldschmiedgeselle Johann Lammel, in der Schönbrunnerstraße 18a von einem Räuber mit einer Axt niedergeschlagen, wodurch er zwei furchtbare Kopfverletzungen erlitt. Die Täter waren Berufsverbrecher, die in der ganzen Monarchie agierten, was der k.k. Polizei die Arbeit besonders erschwerte.

Bevor wir zur Schilderung des Tatherganges übergehen, zuerst eine Vorbemerkung. Gestandene Fünfhauser*innen werden nämlich  jetzt sagen: “Na hoppala! Wie kommt denn die Schönbrunner Straße plötzlich in den 15. Bezirk?” Nun, sie war einmal dort. Auf alten Plänen wurde die äußere Mariahilfer Straße als Schönbrunner Straße bezeichnet:

Stadtplan von 1868 (Quelle: BM 15)
Stadtplan von 1885 (Quelle: BM 15)
Schönbrunner Straße 18a = Mariahilfer Straße 144, Plan: wien.gv.at

Dort hatte der Uhrmacher und Juwelier  Stolle, der in der Haidmannsgasse 31 wohnte, sein Geschäft:

Nachdem diese Frage nun geklärt ist, weiter zu den tragischen Ereignissen im September 1892.

46 Berichte prominenter Zeitungen, zum Teil von „Sonderkorrespondenten“,  befassten sich laut ANNO mit dem Fall. Wir beschränken uns, was die Entdeckung der Tat angeht, auf den sehr ausführlichen Artikel aus der “Wiener Zeitung” vom 17. September 1892, die Folgendes berichtet:

1892-09-17 „Wiener Zeitung“ ANNO

Transkript

Raubmordversuch in einem Juwelierladen. Wie bereits in der „Wiener Abendpost“ berichtet, wurde der Gehilfe des in Fünfhaus, Schönbrunnerstraße Nr. 18 a, etablierten Goldarbeiters und Uhrmachers Hermann Stolle, ein junger Mann namens Johann Lammel, heute Nachmittags zwischen 13.15h und 13.30h im Laden von einem unbekannten Mann überfallen und tödlich verletzt. Er ist zwar nicht gleich tot geblieben, aber es erscheint fast ausgeschlossen, dass er gerettet werde. Der Täter raubte Pretiosen in bedeutendem Wert und entkam. Das dreistöckige Haus Schönbrunnerstraße Nr. 18 a bildet die Ecke nach der Zwölfergasse, hat nur von dieser Seite einen Eingang und ist an das Haus Schönbrunnerstraße  Nr. 20 angebaut, welches die Ecke nach der Braugasse (seit 1894 Staglgasse, Anm.) bildet. Der Goldarbeiterladen von Stolle liegt direkt neben dem Tor des Hauses Nr. 20. Die Straßenfrequenz (Anm: Verkehrsdichte) ist dort sehr groß. Der Täter wählte die Zeit, als in Stolle’s Laden niemand als der Gehilfe anwesend war. Lammel pflegte vor 13 Uhr zum Speisen zu gehen und um 13.15 Uhr wiederzukommen, worauf der Meister mit seinem bei ihm arbeitenden 17jährigen Sohn Hermann Stolle zu Tisch ging. Vater und Sohn begaben sich um 13.15h, als Lammel kam, in die Wohnung im selben Hause. Um 13.30h kam der Briefträger Bacher ins Stolle’sche Geschäft, um einen Brief zu bestellen, und fand den lebensgefährlich verletzten jungen Mann. Der Uhrmacherladen hat eine Eingangstür von der Straße aus. Rechts davon befindet sich das große Schaufenster mit vier Reihen silberner Uhren, dann drei Reihen goldener Herren- und Damenuhren, dann zwei Abteilungen mit Pretiosen in Etuis, goldenen Ringen, Bracelets (Anm: Armreifen), Nadeln, Ohrgehängen usw.. Ein zweites Schaufenster mit Pretiosen befindet sich auf der anderen Seite der Glastür. Im Lokal, in dem ringsum große Uhren hängen, befindet sich ziemlich in der Mitte der Verkaufstisch, der nach der Seite des Eintretenden eine Scheibe hat und Ringe und Ketten, wie in einem Glaskasten zeigt. Zwischen der Pultecke und den Tischen des Gehilfen und des Sohnes lag auf der Erde Lammel in seinem Blut. Er dürfte, als vielleicht der Täter, wie es bei diesen Verbrechen meist bisher war, unter der Maske eines Käufers eintrat, sich von seiner Arbeit erhoben haben und auf dem Wege hinter das Verkaufspult, vom Schlag des Mörders getroffen, hingesunken sein.

Briefträger Bacher trat um 13.30 Uhr in das wegen der Blendscheiben an den Schaufenstern ziemlich dunkle Lokal, sah niemand und rief zwei Mal Stolle’s Namen. Als er einen Schritt vorwärts machte, erblickte er das unglückliche Opfer, das besinnungslos vor ihm lag. Herr Stolle wurde sofort gerufen, und der im Nachbarhaus  wohnende Arzt Dr. Friedrich Bernheim leistete dem Unglücklichen die erste Hilfe, der eine etwa sechs Zentimeter lange klaffende Wunde der Breite nach über das Schädeldach hatte, eine Wunde, deren Beschaffenheit sofort erkennen ließ, dass sie durch einen Hieb mit einem scharf geschliffenen Instrument beigebracht worden war.

Transkript Ende

Bild: BM15 Archiv

Im Kaiserin-Elisabeth-Spital gelang den Ärzten die fast unglaubliche Rettung des schwerverletzten Goldschmiedgesellen. 

Warum gerade dieses eine Verbrechen, so brutal es auch war, eine derartige Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit fand, während ähnliche Verbrechen nur zu häufig in Wien geschahen, wissen wir nicht. Tatsache ist, dass der Raubmordversuch die gesamte Polizei bis hinauf zum Polizeipräsidenten auf den Plan rief. Wie in den zeitgenössischen Zeitungen zu lesen ist, (kamen) von der Polizeibehörde zur Tatbestandsaufnahme der Bezirksleiter von Rudolfsheim, Oberkommissär Sazyma, mit dem Journalbeamten, der Vorstand des Polizei-Agenten-Instituts und vom Sicherheitsbüro Kommissär Kellner, ferner eine entsprechende Anzahl Detectives.

Anmerkung: Polizeiagenten-Institut, Bezeichnung für eine nicht uniformierte Polizeiwache in Wien, welche die Polizeidirektion im Informations-, Überwachungs- und Ausforschungsdienst unterstützte. (Meyers Großer Konversationslexikon, Band 16) Im Jänner 1871 erließ das Ministerium des Inneren ein Organisationsstatut und im März 1872 nahm das „Institut der k. k. Polizeiagenten in Wien“, Vorläufer der modernen Kriminalpolizei, die Arbeit auf. Näheres siehe Quellenangabe.

Wie stand es damals um unsere Polizei? Seit der großen Polizeireform des Jahres 1869 war deren Ansehen bei der Bevölkerung kontinuierlich gestiegen. Aus dem verhassten „Naderer“ (Geheimagenten) war ein Staatsbeamter geworden, an den hohe moralische Ansprüche gestellt wurden, man war auf organisatorischem und auch technischem Gebiet offen für Neues. Wir gewinnen hier einen interessanten Einblick in die Polizeiarbeit in der Donaumonarchie der Jahrhundertwende, da ein Teil der Ermittlungen in Budapest geführt werden musste.

Polizeipräsident war seit Mai 1892 Franz Ritter von Stejskal, (* 20. Oktober 1829 in Trebitsch, Mähren; † 25. August 1898 in Reichenau an der Rax); er blieb bis 1897 im Amt. Unter seiner Präsidentschaft wurde in Wien das französische Verfahren der „Bertillonage“ eingeführt, ein System zur Identifizierung von Wiederholungstätern durch genaue Körpermessung. Es war ungemein erfolgreich, wurde aber bald durch das noch treffsicherere System der Daktyloskopie (Fingerabdrücke) verdrängt. Stejskal nahm lebhaft Anteil an den Nachforschungen und begab sich auf der Stelle persönlich zum Tatort in Fünfhaus.

Foto von Franz Ritter von Stejskal im Band „Porträtfotos der Wiener Polizeipräsidenten von 1885 bis 1914“, herausgegeben vom Zentralinspektorat der Bundessicherheitswache: Sechzig Jahre Wiener Sicherheitswache; Selbstverlag der Bundespolizeidirektion Wien, Wien 1929. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei

Aber lesen wir weiter im Bericht der „Wiener Zeitung“ vom 17. September 1892:

Transkript

Von der Polizeibehörde kamen zur Tatbestandsaufnahme der Bezirksleiter von Rudolfsheim, Oberkommissär Sazyma, mit dem Journalbeamten, der Vorstand des Polizei-Agenten-Instituts und vom Sicherheitsbüro Kommissär Kellner, ferner eine entsprechende Anzahl Detectives.

Lammel, der eine schwere Gehirnerschütterung erlitten hatte, konnte nicht einvernommen werden. Der Augenschein und Stolle’s Mitteilungen über sein Inventar ergaben, dass der Mörder den Holzverschlag unten an dem Schaufenster mit Gewalt abgerissen hatte, ein Brett erfasste, auf dem mehr als 70 Ketten hingen, 15 Stück meist lange und schwere Goldketten im Wert von fast 2000 fl. einstreifte und etwa 30 Ketten aus demselben Brett und all den nebenan ausgestellten Schmuck nicht berührend, schleunigst entfloh.

Transkript Ende

Der Täter hatte beachtliche Beute gemacht. 2000 Gulden ö. W. im Jahr 1892 entsprechen in etwa der heutigen Kaufkraft von 29.730,54 EUR (Historischer Währungsrechner)

Der österreichische Gulden (fl.) war die Währung des Kaisertums Österreich und ab 1867 von Österreich-Ungarn. Er wurde 1858 aufgrund des Wiener Münzvertrages statt des Talers eingeführt, der im Gegensatz zum Gulden nicht im Dezimalsystem gerechnet wurde. Der Gulden war in Österreich noch bis 1900 im Umlauf, obwohl er 1892 durch die Krone ersetzt wurde.

Zitat Ende (Quelle: Wikipedia, abgerufen an 2021-12-01)

Bild: Historischer Währungsrechner
1892-09-17 „Wiener Zeitung“ ANNO

Transkript Fortsetzung

Das Opfer

Lammel, der durch ärztliche Funktionäre der Freiwilligen Rettungs-Gesellschaft noch lebend in das Kaiserin-Elisabeth-Spital gebracht wurde, ist zu Odrau in Schlesien geboren, 24 Jahre alt, lernte bei Stolle das Gewerbe und war als fleißiger, ruhiger und solider Arbeiter durch zehn Jahre Lehrling und Gehilfe bei demselben Meister.

Der Tatverdächtige

Der Tat verdächtigt wird ein Bursche von 24 oder25 Jahren, von mittlerer Figur, mit vollem Gesicht und blondem Schnurrbart, bekleidet mit abgetragenem, reh­braunem Sakko. Dieser Bursche hat im Laufe der letzten drei Tage bei einer der Obsthändlerinnen gegenüber sich erkundigt, wann Stolle im Geschäfte sei und wurde mit der kurzen Bemerkung abgewiesen, er möge sich das bei Stolle selbst erfragen. Diesen Burschen haben die Hausbesorgerin von Schönbrunnerstraße Nr. 20 , Leopoldine  Schmidt und ein Maler, der an den Treppenwänden dort arbeitete, heute Nachmittags um 13.30 Uhr im Hausflur gesehen. Er wollte eine vom Stiegenhaus in das Gasthaus von Franz Schöberl führende Glastüre öffnen, fand sie versperrt und ging wieder auf die Straße. Frau Schmidt hielt ihn für einen Bettler. Endlich haben ihn kurz vor 13.30 Uhr der Cafetier Waldmann und die Obstlerin Klein aus dem Laden des Stolle treten gesehen. Eine große Zahl von Detectives forscht nach weiteren Spuren.

Polizeipräsident Ritter von Stejskal ist heute Nachmittag um vier Uhr nach Fünfhaus gefahren, um sich auf dem Tatort von dem Sachverhalte genau Bericht erstatten zulassen und zugleich die nötigen Anordnungen zu treffen. Die gerichtliche Kommission hat sich heute Nachmittags mit einer polizeilichen Kommission in das Kaiserin-Elisabeth-Spital begeben; Lammel konnte jedoch nicht einvernommen werden, da er vollständig besinnungslos ist.

Außer den Ketten ist aus Stolle’s Laden auch eine silberne, vergoldete Remontoiruhr (Anm: Taschenuhr mit Kronenaufzug) mit einfachem Deckel, auf dem Zifferblatt das Wort „Patent“, im Gehäuse die Zahl 45.252 und auf der Innenseite des Mantels die Zahl 2152 eingraviert, gestohlen worden.

Bild von Nile auf Pixabay

Von Seite der Polizei-Direktion wird morgen eine die oben angegebenen Angaben über das Verbrechen, über die geraubten Gegenstände und den mutmaßlichen Täter enthaltende Kundmachung erscheinen.

Transkript Ende

Johann Lammel, bei dem man erst keine Hoffnung auf Überleben hatte, erholte sich durch die vorbildliche medizinische Betreuung im Kaiserin-Elisabeth-Spital so weit, dass er kurzfristig aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, worüber “Das Vaterland” vom 23. September 1892 berichtet.

1892-09-23 „Das Vaterland“ ANNO

Transkript

Zum Raubmordversuch in Fünfhaus. Johann Lammel, das unglückliche Opfer des Raubattenttates in der Schönbrunnerstraße, hat heute zum ersten Male, seitdem er sich im Kaiser Franz Joseph-Spital (Anm: gemeint ist das Kaiserin-Elisabeth-Spital, das ursprünglich diesen Namen trug) in Pflege befindet, einige lichte Momente gehabt. Lammel schlug Nachmittags die Augen auf und erkannte seine Tante, welche am Schmerzenslager weilt und sprach auch einige Worte. Im Laufe des Tages nahm er einige Male Suppe und Milch zu sich, und es schien ihm die flüssige Nahrung zu munden. Es ist nicht jede Hoffnung ausgeschlossen, dass Lammel doch am Leben bleiben wird.— Wie aus Budapest gemeldet wird, hat die dortige Polizei in allen Versatzämtern Untersuchungen vorgenommen und mehrere Gegenstände gefunden, welche von dem Raubmord in der Schönbrunnerstraße in Wien herrühren dürften. Herr Stolle ist heute in Budapest eingetroffen, um die aufgefundenen Gegenstände zu besichtigen.

Transkript Ende

Warum suchten die “Detectives” ausgerechnet in Budapest nach dem Raubmörder?

Infolge einer klugen Kombination! Es lagen nämlich Informationen über mehrere sehr ähnlich geartete Verbrechen vor, darunter den Mord an dem Juwelier Schütz in Währing und den Raubmordversuch an der Uhrmacherswitwe Sotolar. In beiden Fällen hatten die Täter das Raubgut in Ungarn versetzt. Die Wiener Polizei verständigte nun alle Behörden des In- und Auslandes, und tatsächlich erfuhr man bald, dass bei einem Pester Pfandleiher einige Goldketten versetzt worden waren. Diese erkannte Herr Stolle als sein Eigentum.

Man bedenke: Damals gab es keinen in weltweit zugänglichen Computern gespeicherten „modus operandi“ (für einen bestimmten Verbrecher charakteristische Vorgangsweise), man hatte zwar reichlich Verbrecheralben und Karteien, aber letzten Endes musste ein „Detective“ im Kopf haben: Hatte es da nicht einen ganz ähnlichen Fall gegeben, wenn auch in einem anderen Bezirk?

Die Polizei ging nun davon aus, dass es sich nicht um einen Einzeltäter, sondern eine ganze Bande gehandelt habe. Ihr Hauptaugenmerk richtete sich auf einen gewissen Alois Szemeredy, der bereits als Mörder des Juweliers Schütz in Verdacht gestanden hatte. Die „Neue Freie Presse“ vom 28. September 1892  berichtet ausführlich – woraus man ersieht, dass den Beamten reichlich Material über verdächtige Personen vorlag; wusste man nur einmal einen Namen, so wusste man bald alles über den Mann.

1892-09-28 „Neue Freie Presse“ ANNO

Transkript

Zum Raubmord in Fünfhaus. Als der bei dem Uhrmacher Herrn Stolle in der Schönbrunnerstraße bedienstete Gehilfe Johann Lammel am Freitag den 16. d. von einem unbekannten Räuber überfallen und schwer verwundet worden war, tauchte sofort bei der Wiener Polizei der Verdacht auf, dass der Verbrecher vielleicht die geraubten Goldketten in Budapest zu verwerten suchen würde. Diese Kombination lag um so näher, als auch ein Teil der bei dem ermordeten Juwelier Schütz in Währing geraubten Pretiosen seinerzeit in Budapest verpfändet aufgefunden wurde. Die Polizei in Budapest wurde auch rasch von dem Raubattentat in Fünfhaus verständigt, aber dennoch gelang es dort einem Mann, schon am Morgen des 17. September  eine Anzahl der geraubten Goldketten bei dem Pfandverleiher Mannheimer, welcher leider noch nicht im Besitze einer behördlichen Verständigung war, zu versetzen. Die Personsbeschreibung dieses Unbekannten stimmte im Allgemeinen mit jener des Mannes überein, welchen man seinerzeit in der Nähe des Gewölbes des Juweliers Schütz in Währing am Tage der Ermordung  des Letzteren gesehen hatte. Es gelang (damals) nicht mehr, dieses Mannes habhaft zu werden, und jede Spur schien verloren, als gestern ein Vorfall in Pressburg neuerdings die Aufmerksamkeit auf den Verbrecher lenkte. Ein gewisser Alois Szemeredy, der mit zwei anderen Männern aus Budapest gekommen war und sich im Geschäfte eines Goldarbeiters verdächtig machte, wurde gestern Abends in da« Preßburger Polizei-Gebäude gebracht, wo er sich mit einem Rasiermesser die Kehle durchschnitt und sofort tot blieb (Anm: verstarb). Verschiedene Momente deuteten darauf hin, dass man es hier mit demselben Verbrecher zu tun habe, welcher die bei Stolle geraubten Goldketten in Budapest bei dem Pfandleiher Mannheimer versetzt hatte, und alle behördlichen Schritte sind eingeleitet worden, um diesen Zusammenhang festzustellen.

Transkript Ende

Szemeredy, so stellte sich bald heraus, war ein Berufsverbrecher, der auch schon in Argentinien als Frauenmörder in Haft gewesen war und ein unstetes Leben geführt hatte, mit verschiedenen Zwischenaufenthalten im Gefängnis und im Irrenhaus.

Alois Szemeredy wurde in das  Preßburger Polizei-Gebäude gebracht, wo er sich mit einem Rasiermesser die Kehle durchschnitt und auf der Stelle verstarb. Nach seinem Selbstmord konnten auch die übrigen Mitglieder der Mörderbande verhaftet werden.

Eine erfreuliche Mitteilung zum Schluss: Johann Lammel konnte nicht nur das Spital  verlassen, ihm wurde auf Betreiben eines Abgeordneten auch eine Opferrente zugestanden (arbeitsfähig wird er nach einer so schweren Schädelverletzung kaum mehr gewesen sein, da die Spätfolgen zumeist gravierend sind).

Quellen:

meine meinung

Raubmorde und Raubmordversuche waren auch im Alten Wien keine Seltenheit, daher ist es interessant zu sehen, mit welchem Eifer die Presse sich des Schicksals eines schlichten Uhrmachergehilfen annahm und sogar “Spezialkorrespondenten” schickte, die seitenlange, detaillierte Berichte lieferten. Auch die Polizei arbeitete mit enormem Eifer – schade, dass wir hier aus Platzgründen nicht die Möglichkeit haben, die faszinierende detektivische Kleinarbeit in denselben Einzelheiten zu schildern wie die damalige Presse. Allein der kriminelle Lebenslauf des Herrn Szemeredy würde eine Extrabeilage füllen. Wen es interessiert – nachzulesen in ANNO!

Zum Nachlesen auf ANNO:
Wiener Zeitung
Das Vaterland
Neue Freie Presse

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Jede Belehrung und Berichtigung, welche in Beziehung auf größere Vervollkommnung und Gemeinnutzmachung dieser Herausgabe beabsichtigt ist, wird mit dem ausgezeichnetsten Danke empfangen.

(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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