Die Geschichte der Hausnummerierung vor/mit/nach Michael Winkler in Wien

Vom Kuddelmuddel der Konskriptionsnummerierung, über Winklers Wende, bis hin zu unseren allgegenwärtigen Adressschildern

Der folgende Blogartikel gibt einen Überblick über die Geschichte der Häusernummerierung in Wien. Am Ende des Textes finden Sie einen Link zum Gastbeitrag von Priv.-Doz. Dr. Anton Tantner, welcher weitere Infos – insbesondere zu Michael Winkler – liefert und erläutert, warum der 15. Bezirk eine spezielle Rolle bei der Hausnummerierung einnahm.

Im Alltag finden für uns dank Adressen und Hausnummern in unserer Umgebung zurecht. Aber wie ergab sich eigentlich die Nummerierung von Häusern in Wien?

Die Häusernummerierung ist zweifelsohne eng mit den Entwicklungen der Stadterweiterung Wiens verbunden. Die Erweiterungen sind vor allem durch die Eingemeindung von Vorstädten und die der Vororte geprägt.

Beachtenswert ist freilich die Wiener Verschmelzung, vieler kleiner Dörfer zu kompakten übersichtlichen Stadtteilen, welche innerhalb von nur 200 Jahren erfolgte. Die rasche Stadterweiterung machte etliche Abfolgen von Häusernummerierungen notwendig.

Die Geschichte der Hausnummerierung in Wien

Erste Etappe:
Bereits mit dem Datum des 10. März des Jahres 1770 wurden – mittels Patent – Volkszählungen (damals genannt: Seelenkonskription) in den böhmischen und österreichischen Ländern zugelassen.

Zu diesem Zweck arbeiteten die militärischen sowie die politischen Behörden gemeinsam an einem System, welches Volkszählungen möglich machen sollte. So entstand die sogenannte Konskriptionsnummer (Conskriptionsnummer, abgekürzt CRr. oder Conscr.N°). Diese wurde an jedes Gebäude sowohl innen als auch außen mit schwarzer oder roter Farbe gemalt, um Häuser mit Zahlen zu versehen.

In Wien wurde ausschließlich rote Farbe erlaubt und das Anbringen von Schildern oder Tafeln war zu jener Zeit nicht gestattet.

In der Hauptstadt Österreichs wurde für das Nummerierungsprojekt eine Konskriptionskommission eingerichtet. Seitens der Stadt Wien wurde Ludwig Rossy als Konskriptionskommissar berufen. Vom Militär waren Hauptmann von Melas, Ludwig Stegmann und Max Zimmermann als Schreiber in der Kommission. Politisch integrierten sich zusätzlich Graf von Fürstenbach, Joseph Friedmann und der Schreiber Alexander Klug.

Für die Vorstädte wurde eine eigene Kommission aufgestellt.

Man entschied sich für ein System, welches schlicht und einfach mit der Nummer 1 (bekam die Hofburg) begann und die Stadt quasi ohne Konzept durchnummerierte.

Ebenso für die Vorstädte. Auch hier wurde mit der Nummer 1 begonnen. Die Nummerierung wurde in der Stadt und in 30 der 34 – zwischen Glacis und Linienwall – gelegenen Vorstädten getrennt (das heißt jeweils mit CNr. 1 beginnend) durchgeführt. (Ausnahmen: Neubau-Neustift und Oberneustift-Schottenfeld 1786/1789, Laurenzergrund 1799, Breitenfeld 1802).

Schon bald wurde die eher mangelhafte Methode obsolet. Die Nummerierung achtete weder auf Hauszusammenlegungen, Abrisse oder Neubauten. So waren die ersten Hausnummern lediglich von 1170/1171 bis 1795 gültig. Es musste eine Umnummerierung gestartet werden.

Vor der Einführung der Konskriptionsnummer waren im wesentlichen nur Häuser in denen sich Geschäfte, Lokale oder Gaststätten etc. befanden mit Schildnamen gekennzeichnet.

Zweite Etappe:
Im Juli 1795 erhielt Wien, unter anderem eine Weisung des Grundbuchs- und Steueramts, in der Stadt sowie in allen Magistratischen Vorstädten eine neue lückenlose Nummerierung zu entwickeln.

Diesmal wurden Hausnummern der Stadt in roter Farbe und jene in den Vorstädten in schwarzer Farbe angeschrieben.

Die Nummerierung der Häuser legte auch den Grundstein für eine genaue kartographische Abbildung der Bebauung in Stadtplänen. Die zweite Nummerierung ist im Jahr 1805 übrigens im Stadtplan von Max Grimm und im 1812 Stadtplan von Roscher kartographisch erfasst worden.

Dritte Etappe:
Trotz der gelungenen zweiten Nummerierung, zwang die zunehmende Bautätigkeit abermals zu einer neuen Durchnummerierung der Häuser. Diese fand 1819/1821 statt.

Die dritte Nummerierung ist 1820-1825 im Stadtplan von Anton Behsel kartographisch eingetragen.

Vierte Etappe:
Zwischen 1827 und 1830 wurden manche Häuser in einigen Vorstädten nochmals neu nummeriert.

Grundsätzlich war die Nummerierung allein mittels Konskriptionsnummer danach nicht mehr üblich. Sie wurde jedoch auch später noch in Kombination mit neuen Nummerierungsformen und als Grundbuchnummer verwendet.

Winklers Wende – Die Orientierungsnummern 1860-1863

Die Konskriptionsnummerierung war schnell nicht mehr ausreichend. Gründe dafür waren das enorme Bevölkerungswachstum in Wien im 19. Jahrhundert und nicht zuletzt die Eingemeindung der 34 Vorstädte 1850.

Bis zum Jahr 1848 unterstanden die Vororte verschiedenen Orts- und Grundherren und wurden später als niederösterreichische Gemeinden mit Bürgermeistern gehandhabt.

Der heutige 15. Bezirk bestand dieser Zeit aus den fünf Dörfern Reindorf, Rustendorf, Braunhirschen, Fünfhaus und Sechshaus. Diese wurden 1848 zu Vorortgemeinden.

Ein komplett neues System musste her. Der Vorschlag für den Übergang der Konskriptionsnummer (C.Nr.) hin zur Orientierungsnummer (O.Nr.) wurde allerdings erst zehn Jahre nach Debattenbeginn durchgeführt.

Im Februar 1860 wurde im Gemeinderat die neue Hausnummerierung beschlossen.
Zwei Jahre später wieder ein neuer Beschluss im Gemeinderat: Neben Straße und Hausnummer wurde nun auch zwingend die Kenntlichmachung des Bezirks verlangt.

Diesmal erweiterte man das Konzept und übernahm die Idee von Michael Winkler.
In der Fabrik von Michael Winkler wurden mehr als 12.000 Tafeln, also die Orientierungsnummern, produziert. Ebenfalls von Michael Winkler wurden die Tafeln mit Kennzeichnung der jeweiligen Straßen, Gassen und Plätzen angefertigt.

Nach dem Zusammenschluss der Stadt und der Vorstädte 1850, teilte man die früheren Vorstädte in die Bezirke 1 bis 8 ein. 1861 wurde der 5. Bezirk vom 4. Bezirk getrennt, wodurch die Bezirke 5 bis 8 zu den Bezirken 6 bis 9 wurden.

Winklers Orientierungsplan | Foto Wienbibliothek im Rathaus, Druckschriftsammlung A-7461, [11.02.2022]


Es wurden präzise Prinzipien der Nummerierung und für die neuen Schilder festgelegt:

“Die Nummerierung beginnt in der mit den Vorstädten vereinigten Stadt (1.-9. Bezirk) in jeder Gasse bei 1, wobei bei Radial- oder Längenstraßen (vom Zentrum Stephansplatz ausgehend) die Nummern von innen nach außen, bei den übrigen, tangential verlaufenden Querstraßen vom niedrigeren zum höheren Bezirk (also im Uhrzeigersinn) laufen.

In jedem Fall links die ungeraden und rechts die geraden Nummern. Auf Plätzen laufen die Nummern im Kreis (im Uhrzeigersinn; Ausnahme: Stephansplatz).
Die Hausnummerntafeln der Inneren Stadt hatten eine gleichförmige, länglich-viereckige Form mit weißer Grundfläche und roten Einfassungsrändern. Auf Plätzen war rote Farbe für die Beschriftung, sonst überall schwarze Schriftfarbe zu verwenden. Die Breite der Tafeln war mit 12 Zoll, die Höhe mit 9 ½ Zoll festgelegt.

In den Vorstädten waren in den Quer- bzw. Tangentialstraßen statt rechteckigen ovale Schilder zu verwenden.

Außerdem wurden die Bezirke durch verschiedenfarbige Einfassungsränder gekennzeichnet (zweiter Bezirk violett, dritter Bezirk grün, vierter Bezirk rosa, fünfter Bezirk schwarz, sechster Bezirk gelb, siebter Bezirk blau, achter Bezirk grau, neunter Bezirk braun).”
(Wien Geschichte Wiki 2022; abgerufen am 11.02.2022)

In den Vororten erfolgte der Übergang zur Orientierungsnummerierung zwischen 1863 und 1892. Mangels zur Verfügung stehender leicht voneinander unterscheidbarer Farben wurde der Einfassungsrand dieser Tafeln nunmehr einheitlich rot ausgeführt.

Die gelbe Umrandung zeigt, dass es sich um ein Haus im 6. Bezirk handelt Foto & Quelle:
Artikel von Anton Tantner in der Zeitung “Der Standard” 2020

Die zweckveränderten Konskriptionsnummern

Die Konskriptionsnummern der letzten Änderung 1820/1821 wurden sozusagen ein wenig zweckentfremdet.

Statt für die Angabe der Hausnummer wurden sie von nun an als Tafel im Inneren der Häuser
angebracht und dienten der Identifizierung der Häuser in den Grundbüchern.

Im Jahr 1874 bekam jedes Haus eine Grundbuchs-Einlagezahl (E. Z oder G. E. Z.), die auch als neue Konskriptionsnummer bezeichnet wurde („Neue C.-Nr“). Damit wurde ein für alle Mal das Ende der Umnummerierung der Konskriptionsnummer eingeläutet.

1884 im Gemeinderat beschlossen, wurden für die Einlegenummern unter der Bezeichnung
Konskriptionsnummern, Schilder im Innenbereich/Eingangsbereich der Gebäude montiert. Die Tafeln – allesamt produziert von Michael Winkler – enthielten auch die Bezirkszahl in römischen Zahlen sowie die frühere Konskriptionsnummer und Bezeichnung des früheren Konskriptionsbezirks.

In vielen Häusern findet man heute noch jene Schilder-Relikte im Inneren.

Konskriptionsschild Michael Winkler Fabrik, Löhrgasse 17, 1150 Wien | Foto: BM 15, 2021

Im Dezember 1890 wurde das niederösterreichische Landesgesetz über die Eingemeindung von 34 Vororten und die Einteilung der Stadt in entsprechende 19 Bezirke beschlossen.

Im Jahr 1900 wurde der 20. Bezirk vom 2. getrennt – zwei eigene Bezirke entstanden. Ende 1904 wurde dann mittels Landesgesetz beschlossen, dass die auf der östlichen Donauseite (am linken Donauufer) gelegene Großgemeinde Floridsdorf mit fünf weiteren Gemeinden und einigen Gemeindeteilen 1905/1906 der 21. Bezirk von Wien, wird.

Im 15. Bezirk vereinigten sich 1890/92 die Vorortegemeinden Rudolfsheim und Sechshaus, die als 14. Bezirk Rudolfsheim eingemeindet wurden. Ab 15. Oktober 1938 wurde er mit dem Bezirk Fünfhaus vereinigt und trug auch den Namen Fünfhaus. Erst seit dem 15. Februar 1957 heißt er
Rudolfsheim-Fünfhaus.

Das heutige Bezirksgelände senkt sich von der Schmelz zum Wienfluss. Die Grenze bilden
Winkelmannstraße, Linzer Straße, Johnstraße und der Wienfluss. 1992 wurde der Auer-Welsbach-Park – dieser befand sich bis dahin im 14. Bezirk – dem 15. Bezirk zugeteilt.

Die Einführung der blauen Hausnummerntafeln

Zu Beginn des „Roten Wien“ 1923 wurden die alten Schilder modernisiert. Deren Erscheinungsbild veränderte sich komplett: Stahlblau, rechteckig mit weißen arabischen Bezirks- und Hausnummernzahlen sowie lateinischen Buchstaben in der Schriftart namens „Lapidar“.

So wie wir sie heute kennen. Lediglich auf Gebäuden (insbesondere im 1. Bezirk), die als historisch wertvoll gelten, kann man noch die alten Straßenschilder von Michael Winkler oder Nachbildungen betrachten.

Löhrgasse Hausnummer 17, 1150 Wien | Foto: BM: 15 2021

An dieser Stelle ein Verweis auf den eingangs erwähnten Gastbeitrag von Priv.-Doz. Dr. Anton Tantner. Darin wird Michael Winkels Biographie und seine Rolle der heutigen Straßenschilder
beschrieben. Sehr lesenswert!

Mehr als 80 Jahre – von spätestens 1895 bis 1978 – war das Haus in der Löhrgasse 17 Sitz eines Unternehmens, das Berühmtheit durch Straßenschilder und Hausnummern erlangte: Es trug den Namen „Michael Winkler & Sohn“, später „Friedrich Foit vormals Mich. Winkler & Sohn“.

Auf unserem YouTube-Kanal, dem BM 15-Channel gibt es auch den Vortrag „Die Schilder des Michael Winkler“ zu sehen.


Quellen


Liebe Leserin, lieber Leser!

Ihnen fehlt etwas? Sie haben weiterführende Informationen?
Dann schreiben Sie doch einfach einen Kommentar. Nützliche Inhalte mit Quellenangabe bauen wir – mit Verweis auf Ihren Kommentar – gerne noch in den Text ein. Alternativ können Sie uns auch ein Mail an office@bm15.at schicken!

Oder wie es Anton Ziegler 1828 (*) so schön ausgedrückt hat:

Jede Belehrung und Berichtigung, welche in Beziehung auf größere Vervollkommnung und Gemeinnutzmachung dieser Herausgabe beabsichtigt ist, wird mit dem ausgezeichnetsten Danke empfangen.

(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

Gefällt Ihnen der Artikel? Dann teilen Sie ihn doch mit Ihren FreundInnen!

Schau mal, ich hab was Interessantes auf WIENfünfzehn gefunden!

Ein Kommentar zu „Die Geschichte der Hausnummerierung vor/mit/nach Michael Winkler in Wien

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s