Raub, Mord und Spuk beim “Tischlerkreuz” 

Diesmal geht es in „History & Crime“ um Raub, Mord und Spuk rund um das – heute nicht mehr existierende – sogenannte Tischlerkreuz auf der Schmelz.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime
History & Crime: Raub, Mord und Spuk beim “Tischlerkreuz”

Gibt es tatsächlich Orte, die das Böse anziehen wie ein Magnet? Wenn ja, dann muss das “Tischlerkreuz” auf der Schmelz ein solcher Ort gewesen sein. Errichtet als “Marterl” nach einem besonders hinterhältigen Mord im Jahr 1800 stand es fast siebzig Jahre lang im Mittelpunkt zahlreicher schlimmer Ereignisse: Raub, Mord, Wahnsinn, Selbstmord, angeblich vergrabene Schätze – und ein gar schauriger Spuk!

Die Schmelz im Winter, Bildquelle: BM 15

Die Schmelz war ursprünglich eine unverbaute, hochgelegene, große „G´stättn“ westlich der Stadt. Die erste urkundliche Erwähnung des Gebietes fand um das Jahr 1309 als „Smeltz im Preitensewer aigen“ statt. Bis zur Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 befand sich auf der Schmelz ein Schmelzhaus (Fabrik zur Aufbereitung von Erz). Der Exerzierplatz wurde erst 1847 eingerichtet. (Quelle: Wien Wiki)

Schmelz, Plan Schweighardt von Sickingen1830

Vom unglücklichen Tischler Valentin Lang

Unheimlich war´s auf der Schmelz, und wer meinte, er sei ohnehin in Gesellschaft seiner guten Kumpel, dem konnte es ergehen wie dem unglücklichen Tischler Valentin Lang: Er wurde von den eigenen Begleitern erschlagen. Man weiß heute nicht mehr viel über den jungen Mann, der im Jahr 1800 auf der nächtlichen Schmelz von seinen eigenen Wandergesellen ermordet wurde – nur dass er Valentin Lang hieß, Tischlergeselle war und aus Gutenbrunn in Niederösterreich stammte. Dennoch war er lange Zeit ein Begriff, ebenso wie das hölzerne Kreuz, das seine Angehörigen an seinem Sterbeort auf dem Feldweg zwischen Neulerchenfeld und Breitensee errichten ließen. Genauer lässt sich der Ort eingrenzen, wenn man beachtet, dass dort die von der Gemeinde Mariahilf 1723 angelegte Mariahilfer Wasserleitung, auch Schmelzer Wasserleitung genannt, ihren Ursprung hatte:

1839_Medicinische_Jahrbücher, Google Books
Das sogenannte Tischler Kreuz auf einem Plan von 1871, Orientirungskarten der Wiener Umgebung : 8. Orientirungskarten der Wiener Umgebung. Wien : Artaria & Co., 1871, Wienbibliothek

Anzunehmen ist, dass das Opfer und seine späteren Mörder bei einer der dortigen Quellen lagerten. Wie lange das „Marterl“ stand, ist nicht genau bekannt. 1830 ist es in einem Plan des Erzherzogtums Österreichs eingezeichnet. Mit Sicherheit existierte es noch im Jahr 1870, als sich eine weitere Tragödie dort ereignete:

1870-02-10 Neues Wiener Tagblatt, ANNO

Soldaten-Selbstmord auf der Schmelz

Unter dem Titel “Soldaten-Selbstmord” berichtete die Tagesausgabe des Neuen Wiener Tagblattes:

Am Montag den 7. (wurde) auf der Schmelz in der Nähe des sogenannten Tischlerkreuzes der Leichnam des Korporals Johan Bok des 73. Infanterie-Regiments mit durchschossener Brust aufgefunden. In einem Brief gab derselbe an, dass er sich aus Furcht vor Entdeckung eines durch ihn an dem Fragner (Anm.: Händler) verübten Diebstahls das Leben genommen habe. Blok ist der Sohn reicher Eltern aus der Provinz und wurde vor zwei Jahren zum Militär assentirt (Anm.: eingezogen).

1872 ist in einem Bericht die Rede, es sei “ehemals” dort gestanden, 1891 heißt es in einer Zeitung, es sei “vor ein paar Jährchen umgestürzt”. Wie auch immer: Noch lange, nachdem es zerfallen und vermodert war, lebte die Erinnerung weiter.

Weyrich Edgar: Rudolfsheim und Fünfhaus. Ein Heimatbuch, Wien 1922, S. 120
Weyrich Edgar: Rudolfsheim und Fünfhaus. Ein Heimatbuch, Wien 1922

Auf der Walz

Der Begriff Wanderjahre, ”Walz” oder “Tippelei” bezeichnet die Zeit der Wanderschaft eines nach Abschluss seiner Gesellenprüfung vom Meister „frei“ gesprochenen Handwerkers. Die Walz war seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen der Zulassung zur Meisterprüfung. War ein Wandergeselle in einer fremden Stadt angekommen, musste er sich beim Zunft- oder Zechvater der entsprechenden Organisation seines Handwerks vorstellen. Fand er keine Arbeit, bekam er ein sogenanntes Zehrgeld und reiste weiter.

Heute wie damals: Tischlergesellen auf der Walz, Bild: Alamy Stockphoto, Privatbesitz Barbara Büchner

Die Gesellen waren verpflichtet, als deutliches Kennzeichen ihre traditionelle “Kluft” zu tragen. Wichtigster Begleiter war und ist der Charlottenburger, ein circa 88 mal 88 Zentimeter großes Tuch, in dem der Wanderer Wechselwäsche, Zahnbürste und Werkzeug trägt. Auf den meist zu einer langen Wurst geknoteten, mit Wappen bedruckten Stoff kommt oben noch der Schlafsack.

Weitere Utensilien sind der “Stenz”, eine Art gewundener Wanderstab, und das Wanderbuch. Letzteres belegt alle Arbeitseinsätze des jungen Handwerkers, die er während seiner Wanderjahre gehabt hat. Gleichzeitig fungierte es auch als eine Art Reisetagebuch. (Quelle: Wikipedia)

Von dem Magistrate der Königl. Freystadt Oedenburg im Königreiche Ungarn / —Kuerschner 14:47, 10 February 2008 (UTC), Wanderbuch, Albert Strauß, 1816, Zeugnis, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Wanderbuch von Philipp Röhrl (Vater von Georg Röhrl*)

(*) Georg Röhrl (1850-1906) war u.a. k.u.k. Hofbäcker, Bäckermeister, Surrogat-Kaffee-Erzeuger, Fabriks- und Realitätenbesitzer, nach der Eingemeindung von Sechshaus außerdem Gemeinderat der Stadt Wien, zudem Bezirksschulrat, Vorsitzender der Direktion der Wiener  Communal-Sparcasse in Rudolfsheim und Ehrenmitglied mehrerer Vereine.

Wanderbuch, 
in Folge des allerhöchsten Patentes vom 
24. Hornung 1827 
Für: Philipp Röhrl 
Name 
Geburtsort Wiener Vorst. (3) Schottenfeld. 
Alter geb. am 16. Juny 1815. 
Wohnort Braunhirschengrund No 73. 
Profession Bäcker. 
Stand ledig. 
Religion katholischer. 
Statur mittler schlanker. 
Gesicht ovales. 
Haare braune. 
Augen braune. 
Nase länglichte 
Mund kleinen 
Besondere Kennzeichen ohne 
Namensfertigung Philipp Rehrl (wohl Röhrl?) 

Alle in= und ausländischen Behörden werden er=sucht, den Vorweiser unbeirrt hin= und herziehen zu   lassen, und ihm den thunlichen Vorschub zu leisten. 

Transkription Wanderbuch: Stefanie Gilli

Mehr zu Georg Röhrl finden Sie hier.

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Das Lied vom ermordeten Tischlergesellen

Niemand weiß, warum gerade diese einzelne Untat in der an Morden wahrlich nicht armen Stadt Wien – und speziell auf der gefürchteten Schmelz – eine so bleibende Erinnerung blieb, dass “das Lied vom ermordeten Tischlergesellen” noch 1913 vielen Leuten bekannt war. So berichtet Raimund Zoder, wie er bei der Vorbereitung eines Wiener Heimatbuches davon Kenntnis erhielt:

1926 Das deutsche Volkslied, ANNO
Coeckelberghe-Dützele, Gerhard Robert Walter von/Köhler, Anton:
Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon von Wien ein belehrendes und unterhaltendes Nachschlag- und Lesebuch in anekdotischer, artistischer, biographischer, geschichtlicher, legendarischer, pittoresker, romantischer u. topographischer Beziehung
Wien 1846, S. 308f, Münchner Digitalisierungszentrum

Diebe, Diebshehler und noch schlimmeres Gelichter

Was das Deutsches Volksblatt 2. Juli 1891 ausführlich beklagt (wir bringen hier nur einen Auszug) war wohl jedem Wiener / jeder Wienerin bekannt, den Unglücklichen unter ihnen sogar aus eigener Erfahrung:

1891-07-02 Deutsches Volksblatt, ANNO

Transkript

(…) Lasters und Verbrechens, eine Zufluchtsstätte für Diebe, Diebshehler und noch schlimmeres Gelichter. Dieses war es, welches hauptsächlich die Schmelz so unsicher machte und in ärgsten Verruf brachte. Wehe dem Unvorsichtigen, der in der Dämmerung oder gar in der Dunkelheit über die Schmelz ging. An der einsamsten Stelle wurde er von den Strolchen, wahren Mustern des echtesten Strizzitums, überfallen, von Kerlen, welche in Gruben oder Ackerfurchen, nicht selten aber auch hinter der niedrigen, leicht übersteigbaren Mauer des Lerchenfelder Friedhofes auf die Opfer lauerten. Der Überfallene musste froh sein, wenn er bloß mit dem Verlust seiner Wertsachen davonkam, denn auch Raubmord und Totschlag „auf der Schmelz“ gehörten damals durchaus nicht zu den Seltenheiten. Das allgemeinste Aufsehen erregte die im Jahre 1829 auf dem Schmelzer Exerzierplatz vorgekommene Ermordung eines Wiener Tischlers. Der Ärmste war förmlich abgeschlachtet worden. Dessen Angehörige ließen zum Andenken an diese Schauertat an der Stelle des Mordes ein hohes Holzkreuz auf ­ richten, welches unter der Bezeichnung „Tischlerkreuz“ noch vor einigen Jahren dort gestanden ist, dann vom Sturme niedergeworfen und nicht mehr erneuert wurde.

Transkript Ende

Anmerkung: Mit „Lerchenfelder Friedhof“ ist hier wohl der irrtümlich so bezeichnete Schmelzer Friedhof gemeint, denn in Wien gab es (bis 1799) nur einen Neulerchenfelder Friedhof, der sich aber in Ottakring befand. Auch der Hinweis auf das Todesjahr 1829 ist falsch, denn das Holzkreuz ist bereits im Riedenplan von 1814 “auf der Mittleren Schmelz” eingezeichnet. Auch dass das Kreuz im Jahr der Zeitungsberichts, 1891, „vor einigen Jahren“ zerfallen ist, stimmt nicht, denn in einem Zeitungsbericht (Das freie Blatt 17. Oktober 1872) ist die Rede vom „ehemaligen Tischlerkreuz“. Es dürfte irgendwann zwischen dem Frühjahr 1869 – das wird es noch als Ortszeichen erwähnt (Die Morgenpost vom 10. Mai 1869) und 1872 umgestürzt sein.

Kriminalnovelle Tischlerkreuz

So bekannt und durch seinen üblen Ruf interessant war der Ort, dass ein Schriftsteller des 19. Jahrhunderts ihn zum Schauplatz eines umfangreichen Kriminalromans machte.

1866-08-14 Morgen-Post, ANNO

Ab 5. August 1866 läuft in der “Morgenpost” ein Kriminalroman um das fiktive Schicksal des Tischlers Lang – ein Werk, das man heutzutage schon nach dem ersten Absatz als unleserlich beiseite legt. Als Historikerin soll man keine persönlichen Urteile fällen, also lassen wir das “Biografische Lexikon des Kaisertums Österreich” sprechen:

Scheibe, Theodor (Schriftsteller, geb. zu Znaim in Mähren 18. August 1820).”Insbesondere was S. betrifft, so ist es geradezu Staunen erregend, wie fruchtbar seine Phantasie, wie spannend oft die Situationen seiner Romane, wie entsetzlich wahr die leider oft nur zu widrigen Charaktere derselben sind, obwohl man in ihnen auch nicht selten herzigen Frauengestalten, die unsere ganze Sympathie gewinnen, begegnet. Welche Stelle könnte S. in der deutschen Romanliteratur einnehmen, wenn er nicht dem Geschmack der „Wiener Greißler, Hausmeister und Standweiber“, die freilich als Abnehmer nach Tausenden zählen, gefrönt hätte. Seit 22 Jahren beherrscht S. das Feuilleton der in Wien von Dr. Landsteiner herausgegebenen „Morgenpost“, worin S.’s Romane eine stehende Rubrik bilden.
Quelle: Biografisches Lexikon des Kaisertums Österreich

Eine freche Gaunerbande

Suchen wir nun den Begriff “Tischlerkreuz” im digitalen Zeitungsarchiv ANNO, so taucht er meist als Schauplatz unerfreulicher bis grausiger Ereignisse auf. Im Jahr 1856 etwa wurde ein Viehhirte das Opfer einer frechen Gaunerbande, wie die Morgenpost vom 23. Oktober des Jahres berichtet:

1856-10-23 Morgen-Post, ANNO

Transkript

(Ein Gaunerstreich.) Der in Oberdöbling Nr. 40 wohnende Kühtreiber Georg Br. trieb am 19. d. M. Abends, als es schon dunkel war, seine kleine Herde, an 12 Stück, auf die Schmelz. Am sogenannten Tischlerkreuz angekommen, sah er einen Trupp Männer sich entgegen kommen, welche plötzlich ohne alle Veranlassung einen derartigen Lärm erhoben, dass die Tiere erschrocken auseinander liefen. Georg Br. sammelte sie zwar wieder, allein er bemerkte bald zu seinem Schrecken, dass eines der schönsten Stücke, ein sogenanntes „Scheckl“ von Tiroler Rasse und 90 fl. wert, spurlos verschwunden war. Von den Männern, welche er der Dunkelheit wegen nicht näher beschreiben kann, war auch keine Spur mehr zu sehen.

Transkript Ende

90 Gulden im Jahr 1856 entsprechen laut historischem Währungsrechner in etwa der heutigen Kaufkraft von 1.387,05 EURO, also eine beträchtliche Summe. Dennoch konnte der Viehhirte noch froh sein, dass ihm immerhin das Leben und der Rest seiner Herde erhalten blieben.

Nachts im Hohlweg

Ein ähnlich böses Abenteuer hatte ein Amtsdiener, der nachts im Hohlweg nahe dem Tischlerkreuz überfallen wurde. Drei jugendliche Räuber glaubten leichtes Spiel mit dem “Schreibtischhengst” zu haben, gerieten allerdings an den Falschen. Der Beamte war weitaus wehrhafter, als es den Anschein hatte.

Die Morgenpost vom 10. Mai 1869 berichtet:

1869-05-10 Morgen-Post, ANNO

Transkript 
Räuber auf der Schmelz. Vorgestern Nachts ging der Amtsdiener Friedrich W. über die Schmelz gegen die Stadt. Beim sogenannten “Tischlerkreuz” in der Nähe des Hohlwegs kamen drei Burschen im Alter von 20 bis 21 Jahren auf ihn los und riefen: “Geld her!” W. war aber nicht willens, diesem Ruf Folge zu leisten. Er versetzte dem Ersten der drei mit seinem schweren Stock einen Hieb auf den Kopf, sodass der Räuber mit dem Ausruf “Jesus Maria Josef!” zu Boden sank. Nun kam der zweite Bursche heran und rang mit W., er biss ihn in den Finger und wollte ihn zu Boden werfen, aber W. war seinem Gegner gewachsen, er hieb ihn mit seinem Stock in den Kopf, sodass auch der zweite Bursche kampfunfähig zu Boden fiel. Dem Dritten der drei Burschen versetzte er einen Schlag, und als der Gauner einen schrillen Pfiff ausstieß und zur Flucht wendete, machte sich auf W. auf die Beine und eilte nach Hause. Heute Vormittag erstattete er die Anzeige von dem nächtlichen Kampfe. Den Gaunern hatte er mit seinem mit Blei gefüllten Stock-Knopf offenbar schwere Verletzungen beigebracht; er selbst ist am Knie und am Finger verletzt. 

Transkript Ende

Die unsichere Schmelz

So richtig vertrauenerweckend wirkte die Schmelz auch am hellen Tag – und bei zunehmender Bebauung – nicht. Bildquelle BM 15
1872-10-17 Das Freie Blatt, ANNO

Transkript

(Unsicherheit auf der Schmelz.) Gestern Nachts um halb 4 Uhr vernahmen die Sicherheitswachleute Lewandofsky und Plaschke während ihres Rundganges auf der Schmelz, in der Gegend, wo das ehemalige „Tischlerkreuz“ gestanden,  wiederholte Hilferufe. Als sie der Richtung folgten, bemerkten sie einen fliehenden Mann, welchem der dort postierte Kavallerist Rohringer in Gemeinschaft der Wachleute nachsetzte. Schon wäre der Fliehende, begünstigt durch die herrschende Dunkelheit, verschwunden, wenn ihm nicht der Zufall ein böses Spiel bereitet hätte. Er rannte nämlich an den Schranken, der quer die beiden Friedhöfe von Lerchenfeld und Schmelz abgrenzt, mit solcher Gewalt an, dass er zurücktaumelte und von dem berittenen Wachmann in Empfang genommen wurde. Auf dem Kommissariat machte Eduard Wolf, so sein Name, Taglöhner aus Ottakring und derzeit unterstandslos, so widersprechende Angaben, dass der amtierende Kommissar das Gegenteil seiner Behauptung, „er sei soeben von einem ihm unbekannten Mann überfallen worden“, vermuten musste. Da bei seiner Körperdurchsuchung sich überdies noch ein 1 1/2 Schuh langer Stockdegen vorfand, von dem Wolf zwar behauptet, denselben dem Unbekannten entrissen zu haben, so steigert sich der Verdacht zu der Annahme, dass Wolf einen Raubüberfall auszuführen beabsichtigte. Der Verdächtige wurde vorläufig in Gewahrsam gebracht bis die Angelegenheit aufgeklärt sein wird. –

Transkript Ende

 Fuß (Schuh, Werkschuh, Feldschuh), historisches Längenmaß. Im 16. Jahrhundert maß der „Wiener Werkschuh“ ca. 30,3 bis 31,4 cm; der Schuh war in 12 Zoll unterteilt. Als am 23. Juli 1871 das Metermaß gesetzlich eingeführt wurde, wurde die Länge des Fuß mit 31,6081 cm angegeben. Quelle: Wien Geschichte Wiki

Ein Stockdegen ist eine verborgene Stichwaffe, bei der am Griffstück eines Spazierstockes eine lange, häufig drei- oder vierkantige, spitze und manchmal scharfe Klinge befestigt ist, für die der Schaft des übrigen Stockes als Scheide dient. Seine höchste Verbreitung hatte er im 19. und frühen 20. Jahrhundert als  verdeckte Selbstverteidigungswaffe vor allem von gutsituierten Herren, bei denen ein Spazierstock ohnehin oft zur Mode gehörte. Heute gelten Stockdegen als verbotene Waffen. Quelle: Wikipedia.

Die entrissene Venezianerkette

Warum immer noch Leute leichtsinnig genug waren, bei Nacht und Nebel über die Schmelz heimzukehren, ist einigermaßen rätselhaft, denn in den Zeitungen fanden sich immer wieder Berichte wie der folgende in der Gemeinde-Zeitung vom 22. November 1867:

1867-11-22 Gemeinde-Zeitung, ANNO

Raub beim Tischlerkreuz auf der Schmelz. Der Med. Dr. A.G. hatte sich Sonntag Abends bei einem Besuch in Breitensee verspätet und kehrte nachts über die Schmelz zurück. Kaum war derselbe in der Nähe des sogenannten Tischlerkreuzes angelangt, als ihm drei Burschen den Weg vertraten und ihm schließlich eine goldene Zylinderuhr samt langer, doppelt geschlungener, sogenannter Venezianerkette entrissen.

Transkript Ende

Der vergrabene Schatz beim Tischlerkreuz

Vielleicht in der Hoffnung, die beim Tischlerkreuz so aktiven Räuber hätten ihre Beute an Ort und Stelle vergraben, wühlte der “seit der letzten Prüfung geisteskranke Oberrealschüler Heinrich K.” bei jeder Gelegenheit dort im Boden. Was an der Prüfung so schrecklich war, dass sie den Jungen um den Verstand brachte, wissen wir nicht, aber wir haben den Bericht der Gemeinde-Zeitung vom 25. November 1865:

1865-11-25 Gemeinde-Zeitung, ANNO

Transkript

Der vergrabene Schatz beim Tischlerkreuz. Donnerstags abends benützte der seit der letzten Prüfung geisteskranke Oberrealschüler Heinrich K., Sohn einer Beamtenwitwe in Hernals, einen freien Moment und eilte mit einem Spaten auf den Schmelzer Exerzierplatz zum “Tischlerkreuz”, wo er die Erde aufgrub. Es war immer seine fixe Idee, dass daselbst ein Schatz vergraben sei. Als man ihn vermisste, eilte man sogleich nach dem Exerzierplatz und fand ihn in Hemdsärmeln und ohne Kopfbedeckung daselbst auf. Er setzte sich, als man ihn fortbringen wollte, zur Wehr, gebärdete sich wie wütend und musste in eine Irrenanstalt gebracht werden.

Transkript Ende

Durch einen Pistolenschuss entleibt

Auch auf Selbstmörder übte der unheimliche Ort eine schreckliche Faszination aus. Bericht im Fremden-Blatt 5. April 1863:

Eingang zum Schmelzer Friedhof, Bildquelle Archiv BM15
1863-04-05 Fremden-Blatt, ANNO

Transkript

 Auf der Schmelz nächst dem Friedhof, bei dem sogenannten Tischlerkreuz, hat sich Donnerstag den 2. April um 2 Uhr Nachmittags ein junger Mann im Alter von kaum 25 Jahren durch einen Pistolenschuss entleibt. Derselbe trug sehr anständige Zivilkleider, es scheint jedoch aus verschiedenen Papieren, namentlich Briefen und Wechseln, die er bei sich trug, hervorzugehen, dass er ein in letzter Zeit noch in Wien in Aktivität gestandener k.k. Offizier sein dürfte, obgleich die Identität der Person noch nicht vollkommen gesichert ist. In der Brusttasche des Rockes wurde auch noch eine zweite geladene Pistole vorgefunden. Bemerkenswert erscheint ferner, dass der Selbstmörder, wahrscheinlich in der Absicht, sich unkenntlich zu machen, sich Kinn- und Schnurrbart in sehr eigentümlicher entstellender Weise verschnitten hatte. Der Leichnam, der in der Herzgegend durch eine Kugel durchbohrt war, wurde nach Auffindung zuerst in die Altlerchenfelder Totenkapelle und gestern zur gerichtlichen Obduktion in das Garnisonsspital Nr. 1 übertragen.

Transkript Ende

Dummer Aberglaube

Nach alle diesen Schauerberichten ist es kaum verwunderlich, dass man an dem finsteren, einsamen Ort, an dem das Blut eines unschuldigen jungen Menschen geflossen war, auch Gespenster sah. Für das Neues Wiener Tagblatt 13.Dezember 1867 ein Anlass, sich lustig zu machen über den Aberglauben der Wiener:

1867-12-13 Neues Wiener Tagblatt, ANNO

Transkript

                  “Beim Tischlerkreuz geht´s um!” Die gruslige Mär durchzieht die Vorstädte Rudolfsheim, Ottakring und Neulerchenfeld. Es ist nämlich in den genannten Ortschaften jetzt das Gerücht verbreitet, dass an der Stelle, wo vor vielen Jahren ein Tischler beraubt und ermordet worden sei und deshalb ein Kreuz errichtet wurde, nun schon seit mehreren Nächten ein gespenstiges Wesen seinen unheimlichen Spuk treibe. Das nächtliche Gespenst ist sogar von mehreren Personen gesehen worden. Um Mitternacht herum hörte man gar seltsames Stöhnen und Seufzen wie von einem “schwer Verwundeten”. Und doch ist niemand zu sehen. Schrecklich! Fürchterlich! – dass noch so dummer Aberglaube möglich ist!

Transkript Ende

Leider ist nicht überliefert, wie das stöhnende Gespenst aussah, das einerseits unsichtbar blieb, andererseits von mehreren Personen gesehen wurde.

Quellen

meine meinung

Ich erinnere mich, wie überrascht ich war, als ich vor wenigen Jahren mitten in Wien einen seltsam kostümierten Jüngling sah, der sich als wandernder Tischlergeselle entpuppte. Nachdem “die Walz” lange Zeit aus der Mode gekommen war, finden sich heute immer mehr junge Handwerker – ja, und auch Handwerkerinnen – die nach alter Art “auf drei Jahr und einen Tag” von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle ziehen. Es lohnt sich, den Wikipedia-Artikel Wanderjahre zu diesem schönen alten Brauch zu lesen. Und mögen alle, die da “tippeln”, heil und gesund nach Hause zurückkehren!

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Oder wie es Anton Ziegler 1828 (*) so schön ausgedrückt hat:

Jede Belehrung und Berichtigung, welche in Beziehung auf größere Vervollkommnung und Gemeinnutzmachung dieser Herausgabe beabsichtigt ist, wird mit dem ausgezeichnetsten Danke empfangen.

(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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