Aus Eifersucht die Geliebte verunstaltet

Diesmal geht es in „History & Crime“ die Gewalttat an Karoline Neuwirth im November 1867. Der Mann, den sie verlassen wollte, biss ihr aus Rache einen Teil der Nase ab.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime
History & Crime: Aus Eifersucht die Geliebte verunstaltet

Wie wir schon den bisherigen Blogartikeln der Rubrik “History & Crime” entnehmen konnten, ist Gewalt gegen Frauen kein neues Phänomen. Prügel, Totschlag, Mord, Verstümmelung – alles hat eine lange Geschichte. Die teuflische Idee, die Geliebte so zu verunstalten, dass sie kein anderer jemals mehr anschauen würde, hatte auch im Jahr 1867 ein Herr mit dem – wohl passenden – Namen “Arglist”. Als seine Geliebte ihm den Laufpass gab, zerbiss er ihre Nase!

Nach einem Besuch im Gasthaus zur “Alten Hühnersteige” nahm das Unheil seinen Lauf. Schauplatz des Verbrechens war in der Nähe des ehemaligen Gasthofes zur „Alten Hühnersteige“. Auf dem „schmalen Fußsteig, welcher zur Westbahn führt“ erfolgte dann der Angriff.

Alte Hühnersteige, Bild: Sammlung BM 15
Fotomontage: Etwa hier – am Mariahilfer Gürtel am Beginn der Äußeren Mariahilfer Straße befand sich bis 1896 das Gasthaus zur „Alten Hühnersteige“
Bild von Oberholster Venita auf Pixabay, Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig, https://pixabay.com/de/illustrations/jahrgang-mode-kleid-etikett-2874381/

Ein „süßes Wiener Mädel“ verlor seine Schönheit durch den heimtückischen Angriff ihres eifersüchtigen Geliebten. Und wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Die “Gemeinde-Zeitung“ vom 2.11.1867 brachte die Geschichte unter dem wohl witzig gemeinten Titel “Verbissene Liebe – Schönheit ohne Nasenspitze.”

1867-11-02 Gemeinde-Zeitung, ANNO

Die Vorgeschichte könnte auch in einer heutigen Zeitung stehen. Ein liebes, aber naives Mädel lernt einen Lumpen kennen, fühlt sich berufen, ihn durch ihre aufopfernde Liebe zu bessern, aber (O-Ton Gemeinde-Zeitung) “das Mädchen mühte sich vergebens ab, dem liederlichen Menschen bessere Grundsätze beizubringen”.

Und als ihr klar wurde, dass bei Herrn Anton Arglist – er hieß wirklich so – Hopfen und Malz verloren waren und sie das Verhältnis löste, fand er es angebracht, die “treulose Frau zu bestrafen”. Wozu er eine althergebrachte Methode anwandte.

Da schwere Nasendefekte eine enorme psychische und soziale Belastung darstellen, kam man bereits sehr früh auf die Idee, das Abschneiden der Nase als Körperstrafe, u.a. für Ehebruch, einzusetzen.

2010 ging das Foto der Afghanin Bibi Aisha auf einem Cover der „Times“ um die Welt. Der jungen Frau wurde aus Rache über ihre Flucht aus einer erzwungenen Ehe Nase und Ohren abgeschnitten. Sie lebt heute in den USA, ihr Gesicht konnte von amerikanischen Ärzten wiederhergestellt werden.

Auch außerhalb eines brutalen Strafrechts waren Nasenverletzungen, z.B. bei Schwertkämpfen oder durch Tierbisse, sehr häufig. Natürlich dauerte es nicht lange, bis Chirurgen hier ein interessantes und sehr einträgliches Geschäftsfeld entdeckten und sich mit Eifer der Rekonstruktion von Nasen widmeten. Der wohl berühmteste Patient war der Astronom Tycho Brahe, dessen bei einem Duell verloren gegangene Nasenspitze durch eine aus einer dünnen Kupferfolie ersetzt wurde. (Wikipedia)

Nasenrekonstruktionen unter Verwendung von Haut aus der Stirn, die sogenannte Indische Nasenplastik, wurden in Indien bereits seit etwa 400 v. Chr. durchgeführt.
Bild: anonym, Rhinoplastik, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

„Als Begründer der modernen Rhinoplastik gilt der deutsche Chirurg Jacques Joseph (1865–1934), der im Ersten Weltkrieg viele Soldaten operierte, die schwerste Gesichtsverletzungen davongetragen hatten. (…) Auf einem Kongress im Jahr 1906 konnte Joseph, der sich immer mehr einen internationalen Ruf als Pionier der modernen Rhinoplastik erwarb, bereits über 210 derartige Eingriffe berichten. (…) Die Joseph’schen Methoden der Nasen- und Gesichtschirurgie mit ihrer sorgfältigen Planung des Eingriffs noch vor der Operation, den neuartigen Instrumenten und der gleichzeitigen Beachtung von funktionellen und ästhetischen Gesichtspunkten wurden in den 1920er Jahren bis in die USA bekannt und dort weiterentwickelt. Die grundsätzlichen Methoden und Techniken Josephs haben in der modernen Rhinoplastik bis heute Bestand.“ (Wikipedia, abgerufen am 12.12.2021)

Aber zurück in die “gute alte Zeit”, zur armen Karoline Neuwirth und ihrem bösartigen Liebhaber.

In der Gemeinde-Zeitung vom 2.11.1867 heißt es dazu:

1867-11-02 Gemeinde-Zeitung, ANNO

Transkript

Die in der Josefstadt, Neudeggergasse, bedienstete Karoline Neuwirth, ein Mädchen von angenehmem Äußerem und von seltener Bescheidenheit, unterhielt durch 2 1/2 Jahre ein Liebesverhältnis mit dem Hufschmiedgesellen Anton Arglist. Letzterer, ein roher, exzessiver Mensch, dachte nicht daran, sich etwas zu ersparen und einen häuslichen Herd zu begründen, und so entschloss sich denn die Neuwirth, dieses Verhältnis zu lösen. Um jedoch diesen früher schon oft ausgesprochenen, immer aber wieder aufgegebenen Entschluss zur Durchführung zu bringen, hatte sie sich diesmal vorgenommen, Wien zu verlassen und in die Heimat zu reisen. Eine Freundin, welcher sie diese Absicht im Vertrauen mitgeteilt hatte, verriet dieselbe dem Arglist. Letzterer, anstatt die Geliebte durch Worte zu bekehren und sie durch einen solideren Lebenswandel zum Aufgeben ihres Entschlusses zu bewegen, lockte in heimtückischer Absicht am 29. Juli d. J. das Mädchen nach Fünfhaus zur „Hühnersteige“, indem er vorschützte, er werde dort seinen vom Lande angekommenen Vater treffen und die Heirat in Ordnung bringen. Gutwillig folgte das Mädchen dem arglistigen Arglist in’s Wirtshaus; dort war, wie vorauszusehen war, dessen Vater nicht, dafür aber wurde fest gezecht. Das Mädchen mühte sich vergebens ab, dem liederlichen Menschen bessere Grundsätze beizubringen, und als sie ihm hierauf im Heimweg auf dem schmalen Fußsteig, welcher zur Westbahn führt, ihren Entschluss, von ihm zu lassen, wiederholte, da riss er sie zu Boden und biss so lange auf ihre Nase ein, bis er ihr den rechten Nasenflügel zum Teil abgebissen hatte. Das arme Mädchen musste sich der ärztlichen Pflege unterziehen. Nachdem die Arme sieben Wochen ein Heftpflaster getragen hatte und endlich vom Arzt als geheilt erklärt worden war, musste sie zu ihrem Schrecken erfahren, dass sie für immer, und zwar durch denselben Mann, verstümmelt worden sei, welchem sie ihre Liebe zugewendet hatte. Die kaum 20jährige Karoline Neuwirth hatte ein Stück des rechten Nasenflügels verloren und die Gerichtsärzte bezeichneten die ihr zugefügte Verletzung als eine zwar an und für sich leichte, aber mit Rücksicht auf die Heilungsdauer, über 20 Tage, (tatsächlich waren es fast eineinhalb Monate, siehe oben! Anm.d.R.) und die bleibende Verstümmelung als eine schwere im Sinne des Strafgesetzes nach den §§ 152und 156 a.

Transkript Ende

1867-11-02 Gemeinde-Zeitung, ANNO

Transkript

Anton Arglist wurde eingezogen und stand am 30. v. M. als Angeklagter vor dem k. k. Wiener Landesgerichte. Er machte in seiner ganzen Erscheinung den Eindruck eines rohen verlumpten Menschen. Befragt, ob er das Mädchen verletzt habe, sagte er, er erinnere sich nur, dass er der Lini irgendetwas angetan habe, was, das wisse er nicht. Das Mädchen erzählt, sie habe, als sie damals nach Hause gekommen, gleich in den Spiegel geschaut, – o weh, – welch ein Anblick bot sich ihr dar? Die Spitze der Nase und ein Teil des rechten Nasenflügels fehlten gänzlich; in dem unversehrt gebliebenen Teil waren die Spuren der Zähne mit solcher Schärfe eingegraben, dass sie seitdem noch nicht verschwunden sind und auch nicht mehr verschwinden werden. Ihre Schönheit ist dahin!– „Ich meinte, ich müsse augenblicklich sterben,“ so schildert das Mädchen vor Gericht den Eindruck, den die Entdeckung auf sie machte.

Transkript Ende

Eine Operation, bei der zerstörtes oder fehlendes Gewebe durch Gewebeverpflanzung erneuert oder ersetzt wird, nennt man Nasenaufbauplastik, Nasenersatzplastik. Bei sehr schweren Defekten besteht heute die Möglichkeit, eine komplette künstliche Nase fast unsichtbar anzupassen.

Geschichte der Rhinoplastik. Sanitätsrat Dr. Josef Heermann um 1900 bei einer Nasenoperation, Bild: Klaus D.Peter, Wiehl, GermanyHeermann, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Epithesen waren zu Karolines Zeiten zwar schon vorhanden, aber riskant und oft mehr Last als Hilfe – und unerschwinglich für ein Dienstmädchen. Die Unglückliche wurde mit einem simplen Heftpflaster versorgt, bis die verstümmelte Nase von selbst abgeheilt war. Dabei war ihr noch viel Schlimmeres erspart geblieben, nämlich eine tödliche Infektion!

Gefährlicher als ein Kampfhund: Wenn Menschen zubeißen

Unglaublich? Doch, das stimmt. Hunde, vor allem sogenannte “Kampfhunde” haben zwar eine enorme Beißkraft, mit der ein Mensch nicht mithalten kann, dafür ist der Speichel des Menschen mit besonders gefährlichen, außergewöhnlichen Erregern verseucht. Dazu heißt es in einem Artikel auf “gesundheit.de”:

Zitat

Menschenbisse entstehen zu 80 Prozent durch Streit, bei 20 Prozent handelt es sich um „Liebesbisse“. Kinderbisse sind meist harmlos. Wenn aber die Faust eines Erwachsenen mit den Zähnen eines Anderen zusammentrifft, kommt es häufig zu irreparablen Schäden, insbesondere wenn über die Herkunft der Verletzung gelogen wird. Denn der menschliche Speichel enthält sehr häufig ungewöhnliche Erreger. Der gefährlichste ist Eikenella corrodens (führt zu Herzhautentzündung, Anm.d.R.) Er wird in bis zu 30 Prozent aller infizierten menschlichen Bisswunden gefunden. Solche Verletzungen sind dann ein Fall für Infektionsspezialisten, denn Penicillin und andere häufig eingesetzte Antibiotika wirken hier nicht. (gesundheit.de Online, abgerufen am 19.12.2021)

Zitat Ende

Aber lesen wir weiter im Bericht der “Gemeinde-Zeitung” über den Prozess gegen Anton Arglist, wobei auffällt, wie sehr sich der Präsident bemühte, dem offenbar eingeschüchterten und etwas einfältigen Opfer zu Hilfe zu kommen, während der Verteidiger zynisch konstatierte, sie sähe immer noch hinreichend gut aus, um kein Schmerzensgeld verlangen zu dürfen:

1867-11-02 Gemeinde-Zeitung, ANNO

Transkript

Präsident: Haben Sie viele Schmerzen empfunden? – Zeugin : Drei Wochen lang habe ich nichts arbeiten können. – Präs : Beanspruchen Sie einen Schadenersatz ? – Zeugin : Ich habe fünf Gulden für den Doktor gebraucht. – Präs.: Und stellen Sie sonst keine Ansprüche ? Sie sind ja doch durch diese Verstümmlung verunstaltet? Zeugin (seufzend): Ja leider. – Präs.: Vielleicht werden Sie auch in Folge dessen schwerer eine Ehe eingehen können? – Zeugin (resigniert): O Gott, davon ist gar keine Red mehr. – Präs.: Nun also, was stellen Sie für Ersatzansprüche? – Zeugin: Was Sie glauben, hoher Gerichtshof. – Präs.: Nein, das müssen Sie selbst bestimmen. Was verlangen Sie also? – Zeugin: Gar nichts,  er soll mir niemals mehr in meine Nähe kommen, damit ich ihn nicht seh‘. Der Verteidiger glaubt konstatieren zu sollen, dass die Zeugin ihm trotz der Verunstaltung noch immerhin einen angenehmen persönlichen Eindruck zu machen scheint. – Was den Angeklagten betrifft, so leugnet er, wie gesagt, dass er der Zeugin die Wunden beigebracht; er wird jedoch überwiesen, und der Gerichtshof verurteilt ihn zu zwei Jahren schweren Kerkers, die Akten zugleich dem Oberlandesgerichte zur weiteren Milderung vorlegend.

Transkript Ende

Was hier mit „zur weiteren Milderung“ gemeint ist, ist nicht ganz klar. Vielleicht die starke Berauschung. Oder meinte man tatsächlich, Karoline habe die schwere Verletzung „verdient“, weil sie von dem trunksüchtigen Rüpel genug hatte? Damals wurden manchmal Urteile zugunsten der Täter gefällt, über die man nur den Kopf schütteln kann. Allerdings war der Vorsitzende ja offenbar nicht der Meinung, dass der Täter besondere mildernde Umstände geltend machen könnte, und es ist zu hoffen, dass sich die höheren Instanzen dem anschlossen.

Quellen

meine meinung

Zwei Jahre schweren Kerkers waren damals eine sehr harte Strafe, aber Anton Arglist hatte sie vollauf verdient. Schließlich war sein Opfer lebenslänglich verunstaltet. Ob er irgendwann eingesehen hat, dass das Problem bei ihm, dem “rohen, verlumpten Menschen” lag und nicht bei Karoline, wissen wir nicht. Anzunehmen ist es nicht. Männer, die aus Eifersucht und verletzter “Ehre” verstümmeln und töten, sind zumeist unwandelbar überzeugt, nur eine gerechte Strafe vollstreckt zu haben – und an dieser Einstellung hat sich bis heute nichts geändert.

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(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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