“Ein dem Trunke sehr ergebenes Individuum”

Muttermord in Fünfhaus: Turnergasse 9

Diesmal geht es in „History & Crime“ um den Mord an Therese Hütter, wohnhaft Turnergasse 9. Verübt wurde das Verbrechen von ihrem eigenen Sohn, dem Webergesellen Franz Hütter, im Dezember 1872 kurz vor Weihnachten.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime

Am 16. Dezember 1872 stürzte sich in der Turnergasse Nr. 9 der 32jährige Webergeselle Franz Hütter im Vollrausch auf seine ebenfalls trunksüchtige Mutter, würgte sie, trampelte auf ihr herum und erstickte sie schließlich unter einer Matratze. Der Vater wagte nicht, dem für seine Gewalttätigkeit bekannten, mehrfach deswegen vorbestraften Sohn in den Arm zu fallen. Erst als dieser die Wohnung verlassen hatte, rief er Ärzte zu Hilfe. Zu spät. 

Tatort Turnergasse 9, Plan wien.gv.at

Turnergasse (15, Fünfhaus), benannt 1894 benannt nach dem 1866 gegründeten Turnverein Sechshaus. Gründer und erster Obmann war der Fabrikant Josef Ullmann. Die Gasse hieß vorher Herrngasse und Neue Gasse. (Quelle: Wien Geschichte Wiki) 

Der Alkohol stellte schon lange vor der Entwicklung der Arbeiterbewegung ein ernstes Problem der Arbeiterklasse dar. Viele Arbeiter*innen suchten im Alkohol Trost für ihre tristen Lebensverhältnisse. Vieles von dem kargen Lohn, der ohnedies kaum zum Leben reichte, blieb auf diese Weise im Wirtshaus, und die Familien versanken noch tiefer im Elend. Zur Armut kam die Gewalttätigkeit, die so oft Hand in Hand mit dem Rausch geht. 

Der Säufer bedroht seine Frau. Soll lustig sein, ist es aber nicht, wie der folgende Zeitungsartikel beweist.
(Bildquelle: Postkarten ak-wien.)

 

Das Elend der Frauen, Mütter und Kinder von Alkoholikern. Schweizer Liga abstinenter Frauen, Bildquelle: Historisches Lexikon der Schweiz HlS 

Transkript 

Ein Muttermord in Fünfhaus. 

(Original-Bericht) 

Die Webers-Eheleute Ignaz und Therese Hütter bewohnten seit mehreren Jahren eine kleine, armselige Wohnung im Hause Nr. 9, Turnergasse. Bei ihnen wohnte ihr Sohn, der 32 Jahre alte Webergeselle Franz Hütter, ein dem Trunk sehr ergebenes Individuum, welcher nebst diversen anderen Abstrafungen im Jahr 1863 wegen öffentlicher Gewalttätigkeit mit einem Jahr schweren Kerker bedacht wurde.

Dieser verkommene Mensch tauchte gestern Morgens, nachdem er die ganze Nacht dem Trunk ergeben hatte, um 7 Uhr morgens zuhause auf. Seine Mutter stellte ihn wegen seines nächtlichen Schwärmens zur Rede und es entspann sich zwischen den Beiden ein Wortwechsel. Im Verlauf dessen stürzte Hütter sich auf seine Mutter, packte sie, ohne ein Wort zu sprechen, am Hals und würgte sie, worauf er sie zu Boden schleuderte und mit den Füßen trat. Hierauf nahm er die auf der Erde zu seiner Ruhestätte in Bereitschaft gehaltene Betteinrichtung, warf sie auf seine Mutter und verließ die Elternwohnung.

Der Vater des Mörders, welcher Zeuge dieser furchtbaren Szene war und vielleicht aus Furcht seiner Gattin nicht zu Hilfe kam, fand dieselbe bewusstlos, er rieb sie mit Essig und als dieser zur Wiederbelebung nichts beitrug, wurden die Ärzte Dr. Schnal und Pick herbeigeholt, welche fruchtlose Wiederbelebungsversuche anstellten. Erhebungen, welche durch die Gerichtskommission, bestehend aus dem Bezirksleiter Oberkommissär Wisokometzky und dem Polizeiaktuar Mank gemacht wurden, ergaben, dass sowohl Mutter und Sohn dem Trunk ergeben waren und dass Zank und Streit bei dieser Familie auf der Tagesordnung standen.

Die Leiche der Ermordeten wurde in das Allgemeine Krankenhaus gebracht, der Täter um 12 Uhr mittags im Gasthaus “Zur Hühnersteige” in Fünfhaus verhaftet und dem Landesgericht eingeliefert. 

Transkript Ende 

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei hier angemerkt, dass natürlich auch Frauen Trinkerinnen waren und dann Kinder, Alte, Kranke und auch schwächliche Ehemänner terrorisierten. 

Verhaftet in der „Alten Hühnersteige“

Bildquelle: Franz Zoder, Heimatbuch für Rudolfsheim-Fünfhaus, Archiv BM 15. 

Der Schauplatz der Verhaftung war eines von Wien bekanntesten Gasthäusern. Es trug den originellen Namen “zur alten Hühnersteige.”

Am nächsten Tag wurde Franz Hütter – so berichtet die Gemeindezeitung vom 18.12.1872 – von einem „Seidenfärber, der von dem Verbrechen Kenntnis hatte, erkannt und auf dessen Veranlassung verhaftet“.

1872-12-18 Gemeindezeitung, ANNO

Transkript

*(Ein Muttermord in Fünfhaus.) Der Webergeselle F. Hütter, ein dem Trunke ergebenes Individuum, kam gestern um 7 Uhr Morgens, nachdem er die Nacht durchschwärmt hatte, in die Wohnung seiner Eltern in Fünfhaus und begann wie immer mit seiner Mutter Streit. Diese machte dem mißrathenen Sohne Vorwürfe über seine wüste Lebensweise und drohte, ihn aus dem Hause zu jagen. F. Hütter wurde durch diese Ermahnungen derart aufgebracht, daß er seine Mutter mit solcher Kraft würgte, dass sie leblos zu Boden stürzte. Der Unmensch versetzte der armen Frau auch mehrere Stöße auf die Brust und ergriff hierauf die Flucht. Dies alles geschah in so kurzer Zeit, dass der im Zimmer anwesende Vater ist nicht verhindern konnte. Erst als der Trunkenbold die Flucht ergriffen hatte, fand er seine Fassung wieder. Die jetzt herbeigerufenen Aerzte konstatirten, daß bei der mißhandelten Mutter der Tod infolge des Würgens am Halse bereits eingetreten war. Der Muttermörder irrte nach der That planlos in den Straßen umher und kehrte Mittags in das Gasthaus zur „alten Hühnersteige“ ein, wo er von einem Seidenfärber, der von den Verbrechen Kenntniß hatte, erkannt und auf dessen Veranlassung verhaftet wurde. Der Verbrecher, welcher im Jahre 1864 vom hiesigen Landesgerichte wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit zu einer einjährigen Kerkerstrafe verurtheilt worden war, gestand, dass er wohl seine Mutter gewürgt habe, jedoch, sei ihm die Absicht, sie zu ermorden, fern gelegen. Nachmittags wurde er dem Landesgerichte eingeliefert.

Transkript Ende

Plan 1885, BM 15

Der Name „Alte Hühnersteige“ leitete sich offenbar von den Hühnersteigen (Traggestelle für Geflügel) ab, die hierher gebracht wurden, um Hühner, aber auch Enten und Gänse zu verkaufen (der Geflügelmarkt begann bereits in den frühen Morgenstunden). Das Lokal befand sich im heutigen 15. Bezirk unmittelbar an der Mariahilfer Linie, wie die Mariahilfer Straße bei der Querung vom Linienwall hieß. Es bestand bis zum Bau der Stadtbahn im Jahr 1898.

Zum Zeitpunkt der Verhaftung führte Johann Langauer das Gasthaus, nach dem 1879 die Langauergasse benannt wurde.

Hier finden Sie weitere Infos zum legendären Gasthaus „Zur Alte Hühnersteige“:

FAQ15/085 Alte Hühnersteige Teil 1: Wer waren Karl Palm und Johann Langauer?

FAQ15/086 Alte Hühnersteige Teil 2: Wer waren Franz Schlichtinger & Josefa und Franz Klee?

FAQ15/087 Alte Hühnersteige Teil 3: Wer waren Agnes und Rupert Gusterschütz?

“Am Scheideweg”: Ein Kind fleht den trunksüchtigen Vater an, dem Wirtshaus den Rücken zu kehren und sich um seine Familie zu kümmern. Bildquelle: akpool.de, Privatbesitz Barbara Büchner 

„Vater zu Hilfe! Der Franzl bringt mich um!“

Das Illustrierte Extrablatt vom 9.2.1873 berichtet vom Prozess gegen Franz Hütter. Wir erfahren, dass auch ein vierjähriges Pflegekind der Familie Hütter Zeuge des Verbrechens war.

Den folgenden Artikel können Sie als Audio-Transkript anhören (siehe unten).

1873-02-09 Illustriertes Extrablatt, ANNO

Audio-Transkript: Muttermord in Fünfhaus-Der Fall Hütter 1872

Muttermord in Fünfhaus-Der Fall Hütter 1872

Das Urteil

Franz Hütter wurde am 8.2.1873 wegen Totschlags zu zwölf Jahren schweren Kerkers, „mit vierzehntägiger Einzelhaft am Ende jeden Jahres“ verurteilt.

Der denkende Arbeiter trinkt nicht und der trinkende Arbeiter denkt nicht

Solche Vorkommnisse wie bei der Weberfamilie Hütter waren in Wien an der Tagesordnung. Nicht nur kirchliche und bürgerliche Abstinenz- (oder zumindest Mäßigkeits-Bewegungen) suchten dem Volkslaster Nr.1 Einhalt zu gebieten, auch die Arbeiterbewegung sah im Kampf gegen den Alkohol von Anfang an eine wichtige Aufgabe.

Der Victor Adler zugeschriebene Ausspruch Der denkende Arbeiter trinkt nicht und der trinkende Arbeiter denkt nicht wurde zur Leitlinie des sozialdemokratischen Arbeiter-Abstinentenbundes, der sich um Aufklärung, aber auch um Hilfe für Alkoholiker und deren Angehörige bemühte.

Dieser wurde am 19. November 1905 im Arbeiterheim Favoriten gegründet und fasste einige bereits bestehende Einzelvereine in ganz Österreich zusammen. Unter der Leitung von Richard Fröhlich, Rudolf Wlassak, Oskar Kunz und Anton Hölzl wirkte der Verein bis zum Verbot durch die Austrofaschisten im Jahr 1934.

Seine moderne Nachfolgeorganisation wurde die “Österreichische Aktion für 0,0 Promille”, geleitet von Nationalrat Ernst Nedwed (1929-2013) dem zu Ehren 2015 der Ernst-Nedwed-Hof in der Gablenzgasse 95-99 benannt wurde. 

Auch Stadtrat Julius Tandler (1869-1936) war ein erbitterter Gegner des Alkohols, und auch er setzte vor allem Aufklärung und Behandlung. Er veranlasste 1922 die Gründung der Trinkerheilstätte „Am Steinhof“, 1925 wurde auch eine eigene Trinkerfürsorgestelle eingerichtet. 

Erinnerungstafel an Anton Hölzl, den Mitbegründer des Arbeiter-Abstinentenbundes am Anton-Hölzl-Hof in 10., Laxenburger Straße 94 

Quellen 

meine meinung

“Der neue Mensch”, der den Sozialdemokrat*innen vorschwebte, musste vor allem ein nüchterner Mensch sein. Dass dieses hohe Ideal nicht verwirklicht werden konnte, sehen wir heute leider an den täglichen Nachrichten. Geändert hat sich seither nur, dass jetzt zur Gewalt in der Familie und der Verarmung auch noch die Verkehrsunfälle durch betrunkene Fahrer gekommen sind. Alkohol ist nun einmal ein jederzeit billig und völlig legal zu erwerbendes Rauschgift für alle Altersgruppen, und das in einer Gesellschaft, die sich Vergnügen ohne Rausch nicht vorstellen kann. Halten wir die Bemühungen der Arbeiter-Abstinenten und ihrer Mitkämpfer*innen trotzdem in Ehren. 

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