“…wenn ich dich nicht haben kann …”

Diesmal geht es in „History & Crime“ um einen Kriminalfall am Reithofferplatz im Jahr 1906. “ Man sah das Mädchen laufen, wanken und sinken„. Was war passiert? Lesen Sie mehr …

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime

Wie viele “Liebestragödien” stehen nicht unter dem Motto: “Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich auch kein(e) andere(r) haben!” Männer und Frauen töten den Menschen, der ihnen einmal das Liebste auf Erden war, nur um nicht zuschauen zu müssen, wie er oder sie mit jemand anderem glücklich wird.

Was sich hier Liebe nennt, ist gekränkte Eitelkeit, Rachsucht und eine Art “Politik der verbrannten Erde”, denn oft genug folgt dem Mord der Selbstmord. Einer von zahllosen Fällen dieser Art ereignete sich im Jahr 1906 im Reithofferpark, der als lauschiges Platzerl für diskrete Stelldicheins bei den Liebenden der Umgebung sehr populär war – bis zum 26. August 1906, als Entsetzensschreie und Revolverschüsse durch den Park gellten. 

Bild und Text: Wikicommonswww.wien.gv.at  

Reithofferpark

Der Park wurde benannt nach dem Gummiwarenfabrikant und Erfinder des Kautschukgewebes Johann Nepomuk Reithoffer (1791 bis 1872). Er wurde 1995 nach dem U3- und einem Tiefgaragenbau vom planenden Architekten Prof. Ing. Sepp Kratochwill durchgehend neu gestaltet.

Die Arbeiter-Zeitung vom 28. August 1906 berichtet über das Drama, das sich dort abspielte: 

Transkript 

Ein Liebesdrama.  

In den Parkanlagen am Reithofferplatz im XV. Bezirk sah man gestern vor 10 Uhr Abends ein junges Paar in eifrigem Gespräch gehen. Es schien sich um einen Streit zu handeln. Der junge Mann, dem Aussehen nach etwa 20 Jahre alt, sprach auf das junge Mädchen, das ihn begleitete, ein. Der Disput wurde lauter und plötzlich ertönten fünf Schüsse in rascher Folge. 

Man sah das Mädchen laufen, wanken und sinken und in ihrer Nähe brach der junge Mann zusammen.  

Als einige Leute näher kamen, fanden sie das junge Mädchen leblos auf dem Boden liegen. Aus der Brust und aus dem Nacken strömte das Blut. Einige Schritte von ihr entfernt war der junge Mann niedergesunken. Er hatte sich eine Kugel in die rechte Schläfe gejagt und gab kein Lebenszeichen von sich. Jnspektionsarzt Dr. Horn stellte bei beiden den Eintritt des Todes fest. Nach den polizeilichen Erhebungen ist es zweifellos, dass das Liebesdrama nicht durch momentanen Affekt veranlasst war, sondern dass vorbedachter Mord vorliegt. Darauf deutet der Umstand hin, dass man bei ihm vier Briefe fand, die an Verwandte gerichtet sind. Dokumente hatten die beiden nicht bei sich. Nach den Briefen dürften die beiden mit dem in der Toßgasse Nr. 10 im XIV. Bezirk wohnhaften Josef Klaczek und der in einer Putzerei im achten Bezirk, Feldgasse Nr. 13 bediensteten Marie Kuttmann Identisch sein.  

Toßgasse (15, Rudolfsheim), benannt (13. Juli 1894 Stadtrat) nach einem um 1784 nachweisbaren Essigerzeuger namens G.Toß; vorher Morizgasse. 

Die Leichen wurden in die Totenkammer gebracht. Trotz der späten Nachtstunde sammelten sich zahlreiche Neugierige an. 

Transkript Ende 

Sehr ähnlich, doch ausführlicher in der Schilderung, berichtet “Die Zeit” vom 28.08.1906: 

Transkript (Auszug) 

Als Passanten nahe kamen, fanden sie beide leblos auf dem Boden liegen.  Man berief sofort die Filiale Mariahilf der Freiwilligen Rettungsgesellschaft. Inspektionsarzt Dr. Horn erschien in kürzester Frist mit einer Ambulanz und stellte bei beiden den Eintritt des Todes fest. Das Mädchen hatte zwei Schusswunden, eine in der unteren linken Rückenhälfte, die zweite oberhalb des Brustbeines. Er hatte eine Schusswunde an der Schläfe. Der junge Mann hatte auf das Mädchen vier Schüsse abgegeben. Zwei Kugeln hatten getroffen. Alsbald war das Polizeikommissariat Schmelz verständigt worden. Bezirksleiter Schneider und Kommissär Howanski fanden sich ein und nahmen den Tatbestand auf. Es ist zweifellos, dass das Liebesdrama nicht durch momentanen Affekt veranlasst war, sondern dass vorbedachter Mord vorliegt. 

Transkript Auszug Ende 

Das “Neuigkeits-Weltblatt” vom 29. August 1906 liefert – neben einer Wiederholung der bereits zitierten Beschreibung der Tat – nähere Angaben zum Motiv: 

Transkript Auszug: 

Hiezu wird uns von anderer Seite gemeldet: 

Josef Klaczek hatte bei seinem in Rudolfsheim wohnhaften Schwager, dem Schneidermeister Adalbert Bouza, das Schneiderhandwerk erlernt. Er war über den Sommer in seine Heimat Jessenitz, Bezirk Nimburg, gereist, wo seine Eltern einen Grundbesitz haben. Herr Bouza, der heute zur Waffenübung einrücken musste und nur mit zwei Lehrlingen für das Konfektionsgeschäft arbeitet, schrieb vor kurzem dem Klaczek, dieser möge während seiner, des Meisters, Abwesenheit die Werkstätte leiten, und Klaczek kam hierher. 

Die Marie Kuttmann, die erst 17 Jahre zählte und ein sehr hübsches Mädchen war, ist eine Schulfreundin des Klaczek gewesen und hatte mit ihm schon längere Zeit Beziehungen unterhalten. Während Klaczek in seiner Heimat weilte, lernte das Mädchen, das als sehr lebenslustig galt, einen anderen Schneidergehilfen kennen, der es öfters besuchte. Das wusste Klaczek und wurde eifersüchtig. Die Eifersucht war auch das Motiv der Bluttat. 

Transkript Ende 

Bild: “Tatort Wien” 

Eine ausführliche Schilderung mit Bild finden wir auch in “Tatort Wien”, doch stimmt sie weder mit den anderen Berichten noch den Fakten überein. Dort wird berichtet, dass Klaczek – ein Schneidergehilfe – sich mit seiner Geliebten verabredet hatte, um die Hochzeit zu besprechen. Das Mädchen wartete bereits auf einer Bank auf ihn.

Da erfuhr Klaczek, dass seine Anna außer ihm noch ein anderes Liebesverhältnis unterhielt. In rasender Eifersucht nahm er einen Revolver zu sich und stürmte zur Wartenden. Das Mädchen erkannte die Gefahr und wollte noch fliehen, der Mann feuerte jedoch in rascher Folge vier Schüsse auf die Flüchtende und traf sie tödlich. Die fünfte Kugel galt ihm selbst.” 

Aus welcher zeitgenössischen Quelle dieser Bericht stammt, ist unbekannt, doch dürfte es keine sehr zuverlässige Quelle gewesen sein, denn er widerspricht auch den Fakten (woher, z.B. soll Klaczek einen Revolver an sich genommen haben, als er bereits zu dem wartenden Mädchen unterwegs war, und warum hätte er Abschiedsbriefe bei sich gehabt?) 

Den Liebespärchen der Umgebung jedenfalls waren die Schäferstündchen unter den alten Bäumen auf längere Zeit hinaus verdorben. 

Quellen:

meine meinung

“Trotz der späten Nachtstunde sammelten sich zahlreiche Neugierige an.” Das Problem der “Gaffer” war also in Wien schon damals nicht unbekannt. Man kann doch nicht einfach weitergehen, ohne ein blutüberströmtes Gesicht, verkrümmte Glieder, blutige Kleider gesehen zu haben, ja vielleicht noch ein letztes Röcheln zu hören, mitanzusehen, wie die Augen der tödlich Verwundeten brechen … Eine Schande, damals und heute.

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