#FAQ15/086 Alte Hühnersteige Teil 2: Wer waren Franz Schlichtinger & Josefa und Franz Klee?

Was Sie schon immer über Rudolfsheim-Fünfhaus wissen wollten …

Die Alte Hühnersteige war ein Gasthaus, das über 100 Jahre bestanden hat und sich neben dem Linienwall an der Mariahilfer Linie befand. Die Langauergasse und die Palmgasse erinnern noch an dieses traditionsreiche Bauwerk, das schließlich der neuen Zeit weichen musste. In unserer dreiteiligen Artikelserie erfahren Sie mehr über die Geschichte des Gebäudes und der dort tätigen Wirtsleute. Teil 2 befasst sich mit der Zeit von Johann Langauers Tod 1881 bis 1892.

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FAQ=Frequently Asked Questions (häufig gestellte Fragen)

Teil 1:
FAQ15/085 Alte Hühnersteige Teil 1: Wer waren Karl Palm und Johann Langauer?

Teil 3:
FAQ15/086 Alte Hühnersteige Teil 3: Wer waren Agnes und Rupert Gusterschütz?

Langauers Neffe …

Johann Langauer starb am 12. Februar 1881. Danach übernahm dessen Neffe Franz Schlichtinger (1830-1886) das Lokal.

1883-10-15 Morgen-Post, ANNO

Transkript

Franz Schlichtinger, Gasthaus „zur alten Hühnersteige“ vor der Mariahilferlinie, gegenüber dem Westbahnhofe. Altberühmtes Weinhaus, Ausschank von echt österreichischem Naturwein.

und „die alte Ordnung der Dinge“

1886-12-17 Neues Wiener Tagblatt, ANNO

Transkript

Er führte dasselbe (Gasthaus, Anm.) in dem konservativen Geiste seines Vorgängers, der prinzipiell gewisse moderne Dinge, wie Tischtücher, warme Küche und dergleichen aus der „alten Hühnersteige“ fernhielt, dafür, aber ein Weinchen schätzte, das von unbezweifelbar Reinheit und Echtheit war. Eine einzige Neuerung ließ er zu: die „Achtel“, diesen schwächlichen und unbestimmten Ersatz für den durch die neue Maßordnung verdrängten „Pfiff“(*) und Stammgäste, die mitunter auf dreißig= bis vierzigjährige Tätigkeit in der „alten Hühnersteige“ zurückblicken konnten, schüttelten bedenklich genug dazu die grauen Häupter. Sie gaben sich erst zufrieden, als sie die Ueberzeugung gewannen, dass die alte Ordnung der Dinge dadurch nicht erschüttert ward.

(*) Der Pfiff ist ein Volumenmaß, das vor allem in Bayern und Österreich verbreitet war. Es war kein gesetzliches Maß, sondern eine volkstümliche Bezeichnung. In Wien hatte ein Pfiff eine Höhe von 4 Zoll und der Durchmesser war 1 Zoll und 9 Linien 1 Punkt, was 8,934 Pariser Kubikzoll Inhalt entsprach. Der heute vor allem im Westen Österreichs geläufige Pfiff ist nicht genormt und entspricht etwa 0,2 Liter. Mehr dazu finden Sie hier.

„Wirthshaus oder Narrenthurm“?

Neben dem Gasthaus hat Franz Schlichtinger auch die rauen Sitten seines Onkels übernommen. In den „Jörgel-Briefen“ vom 11.11.1882 und vom 16.8.1884 weiß man darüber ein Lied zu singen …

Ein Gast wagt – ob der rüpelhaften Behandlung – zu fragen, ob er „denn im Wirthshaus oder in einem Narrenthurm is. Kaum war die Frag heraus, hat ihn der Wirth schon beim Krawatel g’habt und unter Assistenz eines Kellner’s zur Thür hinausgefuhrwerkt“. Einem Gast, der sich über dieses Benehmen aufregte, nahm Schlichtinger sein Glas weg und „hat ihn ebenfalls zur Thür hinausexpedirt und an ihm ein Exempel statuirt“.

1882-11-11 Jörgel Briefe, ANNO

Nachdem ein anderer Gast nicht bedient wurde, holte dieser sogar einen Wachmann zu Hilfe. „Der Herr Wirth lasst sich aber nix auseinander setzen, sondern bleibt bei seiner Behauptung, daß sich seine Gäst‘ nach den Einführungen und Gebräuchen zu verhalten haben.“

1884-08-16 Jörgel Briefe, ANNO

Tod mit 56 Jahren – Hühnersteige geht an die Schwester

Nur fünf Jahre nach der Übernahme des Wirtshauses starb Franz Schlichtinger, der auch als Armenrat tätig war, 1886 mit 56 Jahren an „Leberentartung“.

Die „alte Hühnersteige“ vererbte Schlichtinger seiner verwitweten Schwester Josefa Schmalhofer (1843-1915). Das Gesamtvermögen Schlichtingers betrug 250.000 fl. (nach heutigem Wert fast 4 Mio Euro).

1886-12-18 NeuigkeitsWeltBlatt, ANNO

Transkript

Der Wirth von der „alten Hühnersteige“.
In Wien wurde am 17. d. M. Nachmittags 3 Uhr der Wirth von der „alten Hühnersteige“ (vor der Mariahilfer Linie in Fünfhaus) Herr Franz Schlichtinger, welcher am Abend des 15. d. M. nach langem Leiden gestorben war, unter großer Theilnahme von Leidtragenden zu Grabe getragen. Die Aerzte hatten schon ihn schon in voriger Woche aufgegeben, in Folge dessen er sich mit den heiligen Sterbesakramente versehen ließ. Am 15. d. M. Nachmittags beschied Schlichtinger noch die vier Kinder seiner Schwester, Frau Schmalhofer, zu seinem Bette, segnete sie und nahm Abschied von den Kleinen (1), bei denen er seit drei Jahren Vaterstelle vertrat. Herr Schlichtinger, der im 56. Lebensjahres stand und seit dem vor Jahren erfolgten Ableben seines Onkels des „alten Langenauers“, der ihm das im besten Betriebe stehende Wirthsgeschäft vermacht hatte, einen regen Wohlthätigkeitssinn entfaltete, ist als Junggeselle gestorben. An seinem Sterbebette weilte die greise Mutter Schlichtinger’s welche in Langenlois ein größeres Anwesen besitzt. Wie verlautet, geht nun die „alte Hühnersteige“ in Folge eines letztwilligen Vermächtnisses auf die Schwester Schlichtinger’s, die verwitwete Frau Schmalhofer, unter der Bedingung über, dass sich dieselbe nicht mehr vereheliche. Das Gesammt=Vermögen Schlichtinger’s wird auf circa 250.000 fl. (2) geschätzt.

(1) Die Kinder waren 1886 12/10/8/7 Jahre alt
Franz (1874-1892)
Anton (1876-1889)
Josef (1878-1938)
Leopoldine (1879-1957)

(2) fl. = fl war eine gebräuchliche Abkürzung für die Währung Florin, deren Herkunft Florenz, Italien, war, wo er 1252 erstmals geprägt worden war. Dort entstand im späten Mittelalter das Geldwesen und das prägte Mitteleuropa so stark, dass zahlreiche Staaten diese „Währungsabkürzung“ übernahmen; in Österreich bezeichnete sie den Gulden. Bis zum 1. Jänner 1900 blieb der Gulden gültiges Zahlungsmittel, siehe

Josefa Schlichtinger-Schmalhofer-Klee (1843-1915)

Nun war die Nichte des legendären „alten Langauers“ die neue Wirtin. Etwa 1888 heiratete Josefa (entgegen der im obigen Zeitungsartikel behaupteten Auflage) den Gastwirt Franz Klee, mit dem sie das Lokal dann führte.

Der Schriftsteller Alfons Petzold (1882-1923) berichtet in seiner Autobiografie „Das rauhe Leben“ davon, dass er als Kind (etwa um 1887) mit seiner Mutter auf dem Weg zu seiner Patentante in der „Alten Hühnersteige“ einkehrte, und dort „unbeschreibliche Würstel mit Kren“ aß:

„Nicht geringer war meine Freude, wenn ich mit der Mutter zur Taufpatin fahren durfte, die im dritten Bezirk wohnte. An einem solchen Tage setzten wir uns schon am frühen Morgen in den engen, achtsitzigen Stellwagen, einen direkten Nachkommen des Zeiserlwagens aus der Biedermeierzeit, und fuhren wohl zwei Stunden lang bis an die Mariahilferlinie. Dort stand mitten in buschigen Gärten, an den Linienwall gelehnt, ein Gasthaus, »Zur alten Hühnersteige« genannt, wo wir unsere zerschüttelten Glieder zusammenklaubten und unbeschreibliche Würsteln mit Kren aßen, von denen das Paar fünf Kreuzer kostete.“

Auch in der Ära Klee wurde mit den Gästen nicht gerade zimperlich umgegangen. Ein zerbrochenes Glas führte zur „schweren körperlichen Beschädigung“ eines weiblichen Gastes und schließlich zu einem Gerichtsverfahren, bei dem Franz Klee zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Sie können den folgenden Artikel des Neuen Wiener Tagblatts vom 3.6.1891 als Audiotranskript anhören.

1891-06-03 Neues Wiener Tagblatt, ANNO

Wirtsleute Klee vor Gericht

Gerichtssaal_Audio-Transkript Neues Wiener Tagblatt_1891-06-03

(332 fl. umgerechnet € 4.653,66)

Aus der „Presse“ erfährt man zu dem Vorfall weitere Details: Demnach wurde Marie Brezina des Lokals verwiesen. Anschließend kehrte sie mit ihrem Mann wieder ins Gasthaus zurück, worauf sich ein „arger Rauf-Exzeß“ entwickelte, an dem mehrere Personen beteiligt waren.

1891-06-03 Die Presse, ANNO

Aus 8 mach 2

Franz Klee legte Nichtigkeitsbeschwerde ein, die letztlich insofern erfolgreich war, dass die Strafe von 8 auf 2 Monate schweren Kerkers herabgesetzt wurde.

1891-10-17 Neues Wiener Tagblatt, ANNO

Unglücksjahr 1892

Im Jahr 1892 überschlagen sich dann die Ereignisse in der „alten Hühnersteige“ …

Vermutlich Anfang des Jahres wird Franz Klee aus der Haft entlassen. Im Juli begeht Franz Schmalhofer (19), der älteste Sohn von Josefa Klee, Selbstmord durch Erschießen.

„Man hörte die Detonation im Schlafzimmer, eilte zu Hilfe, sprengte die versperrte Thüre und fand den jungen Mann, das Projectil in der rechten Schläfe, den Revolver in der Hand, im Bett als Leiche. Er lebte in guten Verhältnissen und in bestem Einvernehmen mit den Eltern und war vorgestern Abends noch so froher Laune, daß Niemand ahnen konnte, daß er sich mit Selbstmordgedanken trug.“

1892-07-17 Deutsches Volksblatt, ANNO
1892 Matriken Franz Schmalhofer „Selbstmord durch Erschießen“

Bereits drei Jahre zuvor hat Josefa ihren zweitgeborenen Sohn Anton mit 13 Jahren verloren.

Zwei Monate nach Sohn Franz, am 4.9.1892, springt Josefas Gatte Franz Klee aus dem Fenster und wird schwer verletzt ins Kaiserin-Elisabeth-Spital gebracht, wo er am nächsten Tag stirbt

1892-09-04 Neue Freie Presse, ANNO
1892-09-05 Neue Freie Presse, ANNO

Über die Ereignisse des Jahres 1892 in Verbindung mit der „Alten Hühnersteige“ kann weitgehend nur gemutmaßt werden.

Josefa Klee verlor innerhalb kürzester Zeit ihren Sohn und ihren Ehemann und scheint das Gasthaus verkauft zu haben. Im Adressbuch Lehmann scheint sie jedenfalls 1893 nur mehr als „Private“ und auch nicht mehr in der Schönbrunnerstraße 1 auf.

Josefa Klee stirbt 1915 mit 72 Jahren an „chronischer Nierenentzündung“.

1915 Matriken Josefa Klee

Josefa Klee (1) wurde auf dem Baumgartner Friedhof bestattet. Gemeinsam mit ihrem Bruder, Franz Schlichtinger (2), ihrem ersten Mann, Franz Schmalhofer (3), ihren Kindern Franz (4), Anton (5), Josef (5) und Leopoldine (7).

Weitere Spuren ihres zweiten Ehemannes Franz Klee konnten wir bis jetzt weder in den Matriken noch bei der Verstorbenensuche entdecken.

Verstorbenensuche, Friedhöfe Wien

Spätestens Anfang 1893 kam die „Alte Hühnersteige“ in neue Hände und in diesen sollte sie auch bis zu ihrem Ende, das sie dem Ausbau der Gürtelstraße verdankt, bleiben.

Erfahren Sie mehr dazu im 3. Teil unserer Serie zur „Alten Hühnersteige.“.


Teil 1:
FAQ15/085 Alte Hühnersteige Teil 1: Wer waren Karl Palm und Johann Langauer?

Teil 3:
FAQ15/086 Alte Hühnersteige Teil 3: Wer waren Agnes und Rupert Gusterschütz?

Damit genug für heute:
Gehaben Sie sich wohl!
Ihre Brigitte Neichl


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