#FAQ15/082 Woran erinnert die Lichtgasse?

Was Sie schon immer über Rudolfsheim-Fünfhaus wissen wollten …

Die Lichtgasse erinnert an das „künstliche Licht“, erzeugt vom Gaswerk, das sich von 1839-1911 im Bereich der heutigen Gasgasse befand. Auch die Gasgasse und die Kohlenhofgasse erinnern an das ehemalige Gaswerk. Erfahren Sie mehr über Karl Demuth, Theodor Friedrich Hené und die Imperial-Continental-Gas-Association ICGA.

Sie interessieren sich für interessante Details aus Vergangenheit & Gegenwart von Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Wiener Gemeindebezirk? Dann sind Sie hier richtig beim Blog WIENfünfzehn!

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FAQ=Frequently Asked Questions (häufig gestellte Fragen)

„Künstliches Licht“ für Fünfhaus

In den fünf Dörfern / Vororten, aus denen der heutige 15. Bezirk besteht (Reindorf, Rustendorf, Braunhirschen, Fünfhaus und Sechshaus) gab es sehr viele gleichlautende Gassennamen (Schulgasse, Kirchengasse, Feldgasse, …). 1864/69 erfolgten daher einige Straßen-Umbenennungen.

Aus der Ziegelofengasse wurde die Lichtgasse. Benannt nach dem ehemaligen dort befindlichen 1839 errichteten englischen Gaswerk, der Haupterzeugungsstätte für „künstliches Licht“.

Ziegelofengasse, seit 1864/69 Lichtgasse, Plan 1862

1 Bräuhausgasse = seit 1864/69 Zwölfergasse
2 Bräuhaus-Garten = heutige Mariahilferstraße 150-152
3 Gemeindegasse = Rosinagasse
4 Quergasse = Viktoriagasse
5 Feldgasse = Sperrgasse
6 Fünfhauser Hauptstraße = Mariahilfer Straße

Plan wien.gv.at
Lichtgasse, Foto: Brigitte Neichl 2021
Lichtgasse, Foto: Brigitte Neichl, 2021

Kleine Geschichte der Gaserzeugung

Die Gasbeleuchtung ist eine Beleuchtungsform, bei der ein brennbares Gas (früher Stadtgas, heute Erdgas) als Energiequelle dient. Das Gas wird durch ein Netz von Rohrleitungen zu den VerbraucherInnen geleitet. Wikipedia

Gas, das die Straßen erleuchtete

Ab 1818 begann man in Wien mit Experimenten für die Beleuchtung von Straßen mit Gas, welches aus Kohle gewonnen wurde. Bereits im 17. Jahrhundert entdeckte man das Verfahren, wie man aus Kohle brennbare Gase gewinnen konnte. Jedoch dauerte es noch bis 1792, als in England der Erfinder William Murdoch (1754-1839) damit auch eine brauchbare Beleuchtung realisieren konnte.

Graham-Gilbert, John; William Murdoch (1754-1839); Birmingham Museums Trust

Anfänglich erfolgte die Beleuchtung mit Stadtgas nur im kleinen Rahmen mit mehreren über das Stadtgebiet verstreute Gaswerke, die vorerst von Privaten wie Apothekern und der Technischen Hochschule (heute TU) betrieben wurden. Sie leisteten die eigentliche Pionierarbeit bei der Gasbeleuchtung.

Epoche der Industrialisierung

Als sich das Gas als Straßenbeleuchtung einen Namen machte, waren bereits mehrere Firmen wie die Österreichische Gasbeleuchtungsgesellschaft im Spiel, die durch die vorerst privaten Projekte gegründet wurden.

Im Jahre 1842 stieg die englische Inter-Continental-Gas-Association (ICGA) in das Wiener Gasgeschäft ein und kaufte alle einzelnen kleine Gaswerke und wurde somit marktbeherrschend. Das führte dazu, dass sie den Preis bestimmte. Damit war die Gemeinde Wien nicht zufrieden.

Bau der Gasometer

1896 erfolgte nach langen Debatten die Genehmigung des Planes durch den Gemeinderat. Franz Kapaun vom Stadtbauamt übernahm die Leitung des Baus.

In kürzester Zeit wurden 47 Millionen Ziegel und 67 Tonnen Material für das Rohrnetz angeschafft. Am 28. Dezember 1896 erfolgte der Spatenstich der Gasometer.

Bereits im Juli 1899 waren alle vier Behälter einsatzbereit und am 31. Oktober 1899 fand die feierliche Eröffnung statt.

Das erste Gas aus Simmering

Am 31. Oktober 1899 strömte zum ersten Mal Gas aus dem Simmeringer Gaswerk in die 700 kilometerlangen Rohrleitungen.

Das Gaswerk war für eine tägliche Gaserzeugung von 432.000 m3 ausgerichtet.

Der Gasverbrauch der Wiener*innen nahm allerdings bald nach Fertigstellung der Behälter sprunghaft zu, sodass die Werksanlage stetig erweitert werden musste.

Die Gasometer gehen in Ruhestand

Im Jahre 1985 wurden die Gasometer stillgelegt, nachdem zwischen 1969 und 1978 die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas stattfand. Gleichzeitig stellte man die Gasometer unter Denkmalschutz.

Geschichte der Gasversorgung im heutigen 15. Bezirk

Privileg auf Verbesserung des Leuchtgases

Dem aus Fünfhaus stammenden Spenglermeister und Lampenerzeuger Karl Demuth (†1883) wurde am 4. November 1836 ein Privileg auf Verbesserung des Leuchtgases verliehen.

1836-12-18 Brünner Zeitung der k. k. priv. mähr. Lehenbank, ANNO

Ab 1837 war Demuth kurzzeitig Besitzer des Tivoli. Das Tivoli war ein berühmtes Vergnügungsetablissement im ehemaligen Wiener Vorort Obermeidling. Es lag zwischen den heutigen Straßenzügen der Hohenbergstraße, Tivoligasse und Grünbergstraße, nunmehr im 12. Bezirk Meidling (vgl. WienGeschichteWiki).

Gesellschaft zur Beleuchtung mit k. k. ausschließlich privat verbessertem Gas

Demuth trat das Privileg auf Verbesserung des Leuchtgases in der Folge an Theodor Friedrich Hené ab, der im Jahr 1839 die Gesellschaft zur Beleuchtung mit k. k. ausschließlich privat verbessertem Gas gründete.

1837-12-31 Brünner Zeitung der k. k. priv. mähr. Lehenbank, ANNO

In der Wiener Zeitung vom Juni 1840 bietet Hené seine Dienste zur „Erzeugung des Gases und Beleuchtung“ für „Fabriken, größere Gasthaus-Localitäten und sonstige Etablissements außerhalb der Stadt und den Linien Wiens, so wie in den Provinzen“ an.

1838-06-02 Wiener Zeitung, ANNO

Theodor Friedrich Hené war zuerst Sekretär der Österreichischen Gesellschaft zur Beleuchtung mit Gas und baute diese Gesellschaft zusammen mit Dr. Georg Pfendler (Apotheker und Pionier der Gasbeleuchtung) auf.

Jedoch entschied er sich, seine eigene Gesellschaft zur Beleuchtung mit k. k. ausschließlich privat verbessertem Gas zu gründen und dann für diese ein eigenes Gaswerk zu bauen.

Im Jänner 1840 lud Hené zur ersten Generalversammlung der „Gesellschaft zur Beleuchtung mit k.k. ausschließlich verbessertem Gas“ ein.

1840-01-16 Wiener Zeitung, ANNO

1840 errichtete diese Gesellschaft das Gaswerk Fünfhaus und versorgte bereits im Oktober des selben Jahres die Straßenbeleuchtung der Schönbrunner Hofstraße (heute äußere Mariahilferstraße) zwischen dem Linienwall (heute Gürtel) und dem Beginn des Vororts Fünfhaus sowie der Schloßallee bis zur Schloßbrücke ab 1844, zuerst im Sommer, dann sogar im Winter.

Am 18. October 1840 wurde zwischen der Mariahilferlinie und dem Fünfhauser Bräuhause zum erstenmale die G a s b e l e u ch t u n g ausgeführt, dieselbe im Jahre 1844 auf Kosten des allerhöchsten Hofes auf der Schönbrunnerstraße bis Schönbrunn fortgeführt, und am 26. Mai 1844 das erstemal beleuchtet. Nachdem der allerhöchste Hof nur in Sommermonaten die Gasbeleuchtung der Hauptstraße von der Mariahilferlinie an, bis Schönbrunn auf eigene Kosten besorgte, so wurde dieselbe auch für die Wintermonate durch Subskription bei den bemittelteren Hausbesitzern und Gewerbsleuten vom 1. Jänner 1847 an in Ausführung gebracht.

Michael Hahn, Der Bezirk Sechshaus, 1853
Der Standort des Gaswerks: 15. Bezirk, Gasgasse 2a
Das Gaswerk Fünfhaus mit davor stehendem Westbahnhof
(links im Bild der Gasometer mit spitzem Dach)

Imperial-Continental-Gas-Association

Am 1. Oktober 1842 wurde das Gaswerk Fünfhaus vom Präsidenten der englischen Imperial-Continental-Gas-Association ICGAMatthias Wolverley Attwood (1808–1865), als deren erstes Gaswerk in Wien erworben und weitergeführt. Dies im Wege der Übernahme des staatlichen Privilegs der Gesellschaft zur Beleuchtung.

1843 wurde die kleine Gas-Anstalt von den neuen Eigentümern vergrößert.

Transkript

Die Direktion der Imperial=Continental=Gas=Association glaubt die Bewohner Wiens aufmerksam machen zu müssen, daß sie vor kurzem die kleine Gas=Anstalt in Fünfhaus, in der Absicht käuflich an sich gebracht habe, um derselben durch eine zweckmäßige Vergrößerung eine, dem Bedürfnisse der Haupt= und Residenzstadt entsprechende Ausdehnung zu geben. Diese Vergrößerungen sind, wie sich Jedermann überzeugen kann, beynahe vollendet. (…)
Wiener Zeitung, Beilage Allgemeines Intelligenzblatt, Nr. 280/1843, 10. Oktober 1843, S. 489

Gaswerk Fünfhaus, um 1850; Im Vordergrund das heutige Westbahnhofgelände

Technik

Das ursprünglich von Theodor Friedrich Hené errichtete Gaswerk nutzte als Ausgangsmaterial zur Gasherstellung Harzöl, von dem sich Hené in seinem 1833 noch als Sekretär der Österreichischen Gesellschaft zur Beleuchtung mit Gas (Gaswerk Roßau) veröffentlichten Buch „Die Gasbeleuchtung in Wien“ qualitativ überzeugt zeigte (Angeblich besaß dieses Gas eine höhere Leuchtkraft und schwärzte Silber nicht.).

Das von der Imperial-Continental-Gas-Association (ICGA) neu errichtete Gaswerk wurde für die Entgasung von Steinkohle ausgelegt und verfügte um 1903 über 23 Retortenöfen mit insgesamt 169 Retorten und drei Gasbehältern.

Der Gasometer des Gaswerks in Fünfhaus. Davor ein Schöpfwerk. Um 1890

Das Ende des Gaswerks Fünfhaus

Das Gaswerk Fünfhaus blieb trotz des Neubaus des Großgaswerk Simmering bestehen, da das Simmeringer Gaswerk zuerst nur die inneren Wiener Gemeindebezirke mit Gas versorgte.

Am 31. Dezember 1911 lief der Beleuchtungsvertrag zwischen der ICGA und der Stadt Wien aus.

Die Gasversorgung des gesamten Stadtgebiets wurde daraufhin durch die städtischen Gaswerke Simmering und Leopoldau übernommen.

Das Gaswerk Fünfhaus wurde geschlossen und später abgebrochen.

Literatur & Quellen

  • Theodor Friedrich Hené: Die Gasbeleuchtung in Wien, 1833
  • Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts – Ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, herausgegeben von Österreichischen Architekten-Verein, Verlag von Gerlach & Wiedling, Wien, 1905, (1. Teil)
  • Robert Medek: 85 Jahre Städtisches Gaswerk Wien-Simmering – Kommunale Gasversorgung seit 1899, Wiener Stadtwerke – Gaswerke
  • Franz Echsel: Rudolfsheim. Historisch-topographische Darstellung des Ortes nebst einem Rückblicke auf die geschichtliche Entwicklung der vor fünfundzwanzig Jahren zur Ortsgemeinde Rudolfsheim vereinigten Gemeinden Reindorf, Braunhirschen und Rustendorf., Rudolfsheim 1888, Im Verlage der Gemeinde Rudolfsheim, Druck von M. Pröglhöf, Sechshaus.
  • Christine Klusacek / Kurt Stimmer: Rudolfsheim-Fünfhaus. Zwischen Wienfluß und Schmelz, Verlag Kurt Mohl, Wien 1978
  • Wikipedia
  • WienWiki
  • WienWiki

Damit genug für heute:
Gehaben Sie sich wohl!
Ihre Brigitte Neichl


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(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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2 Kommentare zu „#FAQ15/082 Woran erinnert die Lichtgasse?

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