Ein neues Mekka der Kunst

Das erste Theater im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus nahm 1849 seinen Betrieb auf und bestand bis 1862. In einem Zeitungsbericht von „Der österreichische Zuschauer“ von 5.7.1849 erfahren wir einiges über das „neue Mekka der Kunst“.

Historisch Vermischtes: Neuigkeiten aus der Vergangenheit

Historisch Vermischtes – Neuigkeiten aus der Vergangenheit

Pokorny’s neues Sommertheater im Parke zu Braunhirschen

Am 5. Juli 1848 erhielt der Direktor des Theaters an der Wien Franz Pokorny (1797-1850) die Bewilligung für den Bau eines „Tagestheaters“ (Arena) im Ort Braunhirschen sowie die Erlaubnis für Aufführungen von Lustspielen, Possen und Schauspielen an dieser Spielstätte.

Franz Pokorny: (KHM/ThM: GS_GPG2889)

Pokorny wollte durch dieses Sommertheater im Pereira-Arnstein’schen Park (im Bereich der heutigen Schwendergasse) einerseits seine prekäre finanzielle Situation, die vor allem durch die Renovierung des Theaters an der Wien (ab 1845) entstanden war, verbessern, andererseits die Mitglieder seines Theaterbetriebes über den Sommer hinweg in Arbeit halten.

Im Februar 1849 wurde ein sechsjähriger Pachtvertrag mit Freiin Pereira – Arnstein geschlossen, die Baubewilligung Ende Mai abermals erteilt und das Sommertheater, eine Holzkonstruktion, nach den Plänen von Baumeister Konrad Latzel in Form eines amphietheaterartigen Baues in der Bauzeit von einem Monat errichtet. Die neue Spielstätte wurde wegen ihrer idyllischen Umgebung, ihrer guten Akustik und der bequemen Sitzplätze hoch geschätzt.

Das Braunhirschentheater im Garten des Schlosses Arnstein, Wien Museum (Inv. Nr. 47415)

Die Eröffnung des Sommertheaters fand am 1. Juli 1849 mit der Uraufführung der Posse von Alois Berla (1826-1896) „Gervinus, der Narr vom Untersberg, oder: Ein patriotischer Wunsch“ mit der musikalischen Umrahmung von Kapellmeister Franz v. Suppé (1819-1895) statt.

1849-07-01 Fremden-Blatt, ANNO

Transkript

Sommer – Theater
in dem, der Frau Freiin Pereira – Arnstein gehörigen Parke zu Braunhirschen (außer der Mariahilfer Linie an der Schönbrunner Straße).
Unter der Leitung des Theater=Unternehmers Franz Pokorny.
Von den Mitgliedern des k. k. priv. National-Theaters an der Wien wird aufgeführt, zum ersten Mal:
Gervinus,
der Narr vom Unterberg,

oder
Ein patriotischer Wunsch.
Posse mit Gesang, Tanz in drei Akten und einem Vorspiele, von Alois Berla.
Musik von Herrn Kapellmeister Fr. v. Suppé.
Das Arrangement von Herrn Regisseur Wilhelm Just.
Personen:

Friedrich, der RothbartHr. Wollmann.
Gervinus, sein HofnarrHr. Karl Treumann.
Fuchs, ein PächterHr. Rott.
Lise, seine MündelFrau Schäffer.
Herr von FliederHr. Biel.
Herr von GutregelHr. Graubner.
Aurelia, seine GemahlinFrl. Hermann L.
Frau von Eigenwahl, GutsbesitzerinFrau Klimetsch.
Emilie, ihre TochterFrl. Hermann K.
Karl, JägerHr. Mittell.
Herr von WernerHr. Fr. Treumann.
Herr von HolmHr. Schert.
Herr von SteinHr. Schmidt.
Tinterl, Schreiber auf dem Gute EigenwahlsHr. Röring.
Ein MarqueurHr. Ernst.
Andrea, Bedienter im Hause EigenwahlsHr. Küstner.
Ein BedienterHr. Köhler.

Ritter und Wappner in Untersberg. Gäste. Spaziergeher. Gensd’armerie. Soldaten. Räuber. Bediente
u.s.w
Die Handlung spielt im Inneren des Unterberges und in der Hauptstadt.
Zum Schluß:
Oesterreichischer National=Tanz,
ausgeführt von Anna v. Suppé, Pauline Kinstler, Josefine Schweigert und dem ganzen Corps de Ballet.
Der Anfang ist um 6 Uhr.
Eine Loge 5 fl. (1) — Ein Sitz in der großen Loge 2 fl. — Ein gesperrter Sitz im Parterre oder in der 1. Galllerie 50 kr. — Ein gesperrter Sitz in der 2. Gallerie 36 kr. — Eintritt in das Parterre oder 1. Gallerie 30 kr. — Eintritt in die 2. Gallerie 20 kr. — Eintritt in die 3. Gallerie 10 kr.

(1) fl. = fl war eine gebräuchliche Abkürzung für die Währung Florin, deren Herkunft Florenz, Italien, war, wo er 1252 erstmals geprägt worden war. Dort entstand im späten Mittelalter das Geldwesen und das prägte Mitteleuropa so stark, dass zahlreiche Staaten diese „Währungsabkürzung“ übernahmen; in Österreich bezeichnete sie den Gulden. Bis zum 1. Jänner 1900 blieb der Gulden gültiges Zahlungsmittel, siehe
5 fl. (Gulden) entsprechen etwa 95 Eur, siehe

Die Zeitung „Der Österreichische Zuschauer“ schrieb Folgendes zur Eröffnung:

1849-07-05 Der Österreichische Zuschauer, ANNO
Audio-Transkript: Pokornys neues Sommertheater

Ein Tipp: Sehen Sie sich das obere Bild des Theaters an, während Sie das Audio-Transkript anhören!

1850 übergab der schwer erkrankte Franz Pokorny seinem Sohn Alois 1850 die Agenden sowohl für das Theater an der Wien als auch für das Sommertheater in Fünfhaus.

In der Folge wurde im Sommer (Mai bis September) – bei entsprechender Wetterlage – die Bühne im Arnstein’schen Park durch das Wiener Ensemble bespielt. Bei Schlechtwetter fanden die Aufführungen, wenn möglich, im Theater an der Wien statt. Es kam zu vielen Uraufführungen von Stücken heute (fast) vergessener Autoren wie Alois Berla (1826-1896), Wilhelm TescoKarl Elmar (1815-1888) oder Leopold Feldmann (1802-1882).

Sommer=Theater „Ein alter Deutschmeister“ 1854
„Das Stattfinden der Vorstellungen wird durch Signalfahnen angezeigt“
„Sobald die Fahnen eingezogen werden, findet keine Vorstellung statt.“ (Wiener Stadtbibliothek T 77084 C)

Die musikalische Umrahmung dieser Dramen übernahmen vorwiegend die Kapellmeister Franz von Suppé oder Adolf Müller (1801-1886). „Der Höllenkandidat“, komisches Märchen mit Gesang von J. Bernhofer und Alois Blank mit der Musik von Kapellmeister Franz v. Suppé, stellte am 26. Juli 1861 die letzte Erstaufführung dar.

Alois Pokorny bekam in seiner Zeit als Theaterdirektor die finanzielle Misslage des Theaters an der Wien und des Sommertheaters in Fünfhaus nicht in den Griff. Darüber hinaus blieben mit der Zeit, vor allem nach 1860, in beiden Theatern zunehmend die Zuseher*innen weg.

Pokorny musste schließlich mit 21. Mai 1862 Konkurs anmelden. Mit dem Abbruch der Spielstätte im Pereira-Arnstein’schen Park wurde bald darauf begonnen.

Nach dem Konkurs dieser Unternehmung plante Carl Schwender (1808-1866) dort ein festes Theater zu errichten. Schließlich wurde es in Schwenders Colosseum untergebracht. Als Rudolfsheimer Volkstheater, das von 1866 bis 1897 bestand, schrieb es (Vorstadt-) Theatergeschichte.

Mehr zu den beiden Theatern sehen Sie in unserem YouTube-Video „Die verschwundenen Theater im 15. Bezirk“:

Quellen:

  • ANNO
  • Bauer, Anton: 150 Jahre Theater an der Wien. Wien 1952
  • Czeike, Felix: Historisches Lexikon Wien. Wien 1992
  • Hadamowsky, Franz: Wiener Theater Geschichte. Von den Anfängen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Wien 1988

Damit genug für heute:
Gehaben Sie sich wohl!
Ihre Brigitte Neichl

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