Zur Verhütung der Blatternerkrankungen von höchster Wichtigkeit …

Bild des Monats – In der Sammlung des Museums befindet sich ein Plakat von 1898 mit der Kundmachung einer öffentlichen und unentgeltlichen Impfung für Kinder und auch für Erwachsene „welche noch nicht geimpft [sind], sowie jene(n), welche bereits vor längerer Zeit geimpft worden sind, und bei denen daher die frühere Impfung keinen genügenden Schutz mehr biete“.

Bild des Monats

1872 erreichte – infolge des deutsch-französischen Krieges (1870-71) – eine Epidemie Wien und forderte zahlreiche Todesopfer. Durch verpflichtende Impfungen von Schulkindern im späten 19. Jahrhundert gelang es, die Krankheit praktisch zu beseitigen. Die Impfpflicht in Österreich bestand bis 1981. 1898 wurde an drei Volksschulen in Rudolfsheim eine öffentliche unentgeltliche Impfung angeboten.

Erst 1980, am 8. Mai, verkündete die WHO (Weltgesundheitsorganisation), dass die Pocken ausgerottet sind.

„Als Pocken, Blattern oder Variola (lateinisch variolae), genannt auch Pockenkrankheit, bezeichnet man eine für den Menschen gefährliche und lebensbedrohliche Infektionskrankheit, die von Pockenviren (Orthopoxvirus variolae) verursacht wird. Durch ihre hohe Infektiosität und Letalität gehört die Erkrankung zu den gefährlichsten des Menschen. Das für die Erkrankung typische und namensgebende Hautbläschen wird als Pocke oder Blatter bezeichnet.“ (Quelle: Wikipedia)

Der Wort „Pocken“ kommt aus dem Germanischen und bedeutet „Beutel“, „Tasche“, „Blase“, „Blatter“ (vg. englisch pocket, pox, pocks und französisch poche). Variola kommt von lat. varius ‚bunt‘, ‚scheckig‘, ‚fleckig‘). (vgl. Wikipedia)

Gegen Pocken gibt es kein bekanntes Heilmittel, es hilft nur eine vorbeugende Impfung. Die Pockenimpfung ist eine Lebendimpfung. Da diese häufig durch Impfkomplikationen gekennzeichnet ist, würde nur bei eindeutigen Pockenausbrüchen geimpft werden. (vgl. Wikipedia)

Vom 17. bis Ende des 19. Jahrhundert traten häufig Pockenepidemien in Wien auf. Die Todesfälle betrafen überproportional Kinder.

1768 brachte der Holländer Jan Ingen-Housz die Methode der Variolisation (Einimpfung echten Pockeneiters) nach Wien. 1796 entwickelte Edward Jenner in London die Methode der Überimpfung von Kuhpockeneiter (Vaccination von lat. vaccinus, dt. ‚von Kühen stammend‘), die 1799 nach Wien gelangte.

Als erste Stadt auf dem europäischen Kontinent wurde diese Methode dann in Wien verbreitet. 1802 wurde an der medizinischen Klinik im Allgemeinen Krankenhaus die erste öffentliche Impfung durchgeführt. Die Variolisation wurde verboten. (vgl. Wikipedia)

Die Impfung wurde in drei Schulen in Rudolfsheim angeboten. Es wird speziell darauf hingewiesen, dass „ausschließlich Kuhpocken=Lymphe“ verwendet wird (und nicht die Variolisation – Einimpfung echten Pockeneiters).

Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass „das Impfzeugnis bei der Aufnahme der Kinder in Schulen, Kindergärten oder Kinderbewahranstalten (…) [und] bei der Verleihung von Waisengeldern, Stipendien verlangt wird“.

Kundmachung

Kundmachung für Impfung 1898, Sammlung BM 15

Transkript

Kundmachung

Die öffentliche unentgeltliche

Impfung

im XIV. Gemeindebezirke (Rudolfsheim)

wird in den Monaten Mai, Juni, Juli und August des Jahres 1898 in
nachstehenden Impflokalen vorgenommen werden:

I. Turnsaal der allgemeinen Volksschule
XIV. Prinz Karl Gasse [seit 1919 Oelweingasse] Nr. 7 jeden Montag von 3 bis 4 Uhr nachmittags
Impfarzt: Herr städt. Arzt Dr. Moritz Pataki

II. Turnsaal der allgemeinen Volksschule
XIV. Stättermayergasse Nr. 29 jeden Mittwoch von 3 bis 4 Uhr nachmittags
Impfarzt: Herr suppl. städt. Arzt Dr. Konrad Jungwirth

III. Turnsaal der allgemeinen Volksschule
XIV. Dadlergasse 16 jeden Freitag von 3 bis 4 Uhr nachmittags
Impfärzte: Herr städt. Bezirksarzt Dr. Josef Laufer und Herr städt. Arzt. Dr. Béla Weiß

Mit Rücksicht auf die Verbreitung der Blattern im östlichen Galizien und in der Bukowina und die Gefahr einer Blatterneinschleppung aus diesen Gegenden, weiters mit Rücksicht darauf, daß erfahrungsmäßig die Impfung als prophylaktische Maßregel zur Verhütung der Blatternerkrankungen von höchster Wichtigkeit ist, wird den Eltern, Vormündern, Lehr- und Fabriksherrn hiemit dringend empfohlen, zum Schutze gegen die Blatternkrankheit alle unter ihrer Obhut befindlichen, bisher noch nicht oder nicht mit Erfolg geimpften Kinder und Schutzbefohlenen sobald als möglich der Impfung unterziehen zu lassen; dieselben werden auch aufmerksam gemacht, daß das Impfzeugnis bei der Aufnahme der Kinder in Schulen, Kindergärten oder Kinderbewahranstalten in Gemäßheit des Erlasses des k.k. n.ö. deutschen Landesschulrathes vom 18. Juni 1891, Z. 5353, dann bei der Verleihung von Waisengeldern, Stipendien verlangt wird, ohne daß sie doch die Aufnahme schulpflichtiger Kinder in eine Schule von der Beibringung dieses Zeugnisses abhängig ist.

Desgleichen wird auch allen erwachsenen Personen, welche noch nicht geimpft, sowie jenen, welche bereits vor längerer Zeit geimpft worden sind, und bei denen daher die frühere Impfung keinen genügenden Schutz mehr bietet, empfohlen, sich der Impfung beziehungsweise der neuerlichen Impfung (Revaccination) zu unterziehen.

Bei der öffentlichen unentgeltlichen Impfung gelangt ausschließlich Kuhpocken=Lymphe zur Verwendung. Es wird aufmerksam gemacht, daß im Directionsgebäude des k.k. allgem. Krankenhauses, IX., Alserstraße 4eine öffentliche Impfstation der k.k. Schutzpockenanstalt eröffnet wurde, woselbst mit Ausnahme der Monate Juli und August das ganze Jahr hindurch jeden Montag und Donnerstag (Feiertage ausgenommen) von 4 bis 5 Uhr Nachmittag Impfungen u. zw. nur an Unbemittelte und unentgeltlich vorgenommen werden.

Vom Magistrate der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt
im übertragenen Wirkungskreise
Wien, im Mai 1898

Damit genug für heute:
Gehaben Sie sich wohl!
Ihre Brigitte Neichl

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