Friedrich Staps: Der erfolglose Attentäter

Diesmal geht es in „History & Crime“ um den (misslungenen) Attentatsversuch an Napoleon durch Friedrich Staps.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime

“Fort muss ich um tausende von ihrem Verderben zum Tode zu retten und dann selbst zu sterben, was und wie ich es tun will, darf ich mich selbst nicht entdecken.”

Diesen theatralischen Brief schrieb der 17-jährige Pastorensohn Friedrich Staps (auch Stapß oder Stapss geschrieben) im Jahr 1809 an seine Eltern im deutschen Naumburg. Weiters teilte er ihnen mit: “Er gehe, um zu vollbringen, was Gott ihm geheißen, was er fürchterlich heilig geschworen habe, zu vollbringen.”

Dann machte er sich – mit geliehenem Geld – auf den Weg nach Wien, um Kaiser Napoleon, der dort Aufenthalt genommen hatte, zu ermorden. Als Sohn des Friedrich Gottlieb Stapß, der als Pfarrer an der der lutherischen Naumburger Othmarskirche amtierte, war der junge Mann streng religiös erzogen worden und wäre wohl nie zum Verbrecher geworden, hätte er sich nicht gerade durch seine große Frömmigkeit zum Henker berufen gefühlt.

Wie er in seinem letzten Brief an die Eltern schrieb, sah er sich als Märtyrer, “Gott habe ihm geheißen”, den Franzosenkaiser zu töten, in dessen Herrschaft er den alleinigen Grund für die bittere Not in Deutschland sah, und er rechnete fest mit seinem eigenen Tod. Sein Zusammenhang mit unserem Bezirk besteht darin, dass er nach einem kläglich misslungenen Attentatsversuch im Hof des Hauses Mariahilferstraße 160 von einem württembergischen Hinrichtungskommando erschossen wurde.

Es gibt Möchtegern-Mörder, denen würde man man am liebsten das Messer aus der Hand nehmen und ihnen sagen: “Geh Burschi, du tust dir damit doch nur selber weh!” Der Pastorensohn Friedrich Staps, geb. am 14. März 1792 in Naumburg (Saale), hingerichtet in Wien am 16. Oktober 1809, war bis zu seiner misslungenen Tat ein Vorbild an Tugend gewesen und ganz gewiss kein ständig gewaltbereiter “Gefährder”, wie wir heute sagen würden.

Und er war nicht der Einzige, der den Franzosen hasste. Wie die damalige Situation aussah, schildert uns Waltraud Zuleger, unsere Spezialistin für Alte Geschichte des Bezirks: In Folge 3 unserer Miniserie zur Bezirksgeschichte „Zeitreise durch Wien Rudolfsheim-Fünfhaus“ geht es um die Ereignisse rund um das Jahr 1809.

Bezirkshistorikerin Waltraud Zuleger berichtet im Gespräch mit Museumsleiterin Brigitte Neichl von den Napoleonischen Kriegen, der Besetzung Wiens und seiner Vororte durch französische Truppen. Den Original-Podcast können Sie hier abhören.

Es war die Zeit der Napoleonischen Kriege, genauer gesagt, des 5. Koalitionskrieges. Man schrieb das blutige Jahr 1809: Tiroler Freiheitskampf, Widerstand in Spanien, Schlacht bei Aspern. Der wohl berühmteste ( und verhassteste) Mann in Europa war Napoleon Bonaparte, 1769 in Ajaccio auf Korsika geboren. Als Soldat und Stratege errang er große Erfolge, vor allem in den Kämpfen mit den Nachbarstaaten von Frankreich, die ja Gegner der Revolution waren.

Nach einem kurzen Eroberungsfeldzug in Ägypten kehrte er zurück, stürzte die Regierung und kam selber an die Macht, und letztlich krönte er sich selbst zum Kaiser und führte damit eine Wende ein. In der Folge führte er vor allem Eroberungskriege, die das ganze damalige Europa betrafen. Da die Habsburger damals über das Heilige Römische Reich als Kaiser herrschten, waren sie einer seiner Hauptgegner.

Im Jahre 1809 brach dann der Österreichisch-Französische Krieg aus, den Napoleon in der Schlacht bei Deutsch-Wagram für sich entscheiden konnte. Daraufhin zwang er den Österreichern den harten “Diktatfrieden” auf, in dem sie große Teile ihrer Besitzungen verloren. Auch Wien wurde von den Franzosen besetzt, und gewissermaßen als das Tüpferl auf dem I der Demütigung quartierte der allgemein verhasste Korse sich auch noch in Schloss Schönbrunn ein, das der österreichische Kaiser räumen musste.

Ein Vorfall betrifft auch unseren Bezirk. Es geht um den Tischler Peter Tell. Wie gesagt, in unserem Bezirk gibt es hier eine Tellgasse, die nicht nach Wilhelm Tell benannt ist, sondern eben nach einem Peter Tell. Dieser war Tischler, Anführer der Bürgerwehr am Spittelberg. Und er wurde von der Franzosen erschossen, als er sich in den Streit zwischen der Besatzungsmacht und den Wiener Bürgern auf Seiten der Wiener Bürger einmischte. Er soll einem französischen Offizier den Säbel zerbrochen haben. (Wir werden bei Gelegenheit über diesen tapferen Wiener berichten).

Napoleon mag ein großer Stratege und erfolgreicher Militärführer gewesen sein, aber Diplomat war er keiner. Seine Macht beruhte auf Furcht und Militärgewalt. Jede Nation, die er unterwarf, hielt er mit eiserner Faust auf den Knien, ohne zu bedenken, wie viel Hass sich gegen ihn aufstaute.

Die französischen Besatzer und die dickschädeligen Wiener*innen vertrugen sich nicht, der Widerstand auch in der Bevölkerung begann immer mehr und mehr zuzunehmen. Zorn und Widerwillen gegen den stolzen Eroberer, der sich selbst zum Kaiser gekrönt hatte – bis dahin waren die Kaiser vom Papst gekrönt worden! -, brodelten. Noch war keiner seiner Feinde stark genug, es militärisch mit ihm aufzunehmen, aber zahllose Menschen dachten: “Könnt´ ich dich, so wollt´ ich dich!”

In dieser angespannten Lage fasste der junge Schwarmgeist (*) Friedrich Staps den Plan, den Kaiser zu töten “um tausende von ihrem Verderben zum Tode zu retten.” Wie er sich das konkret vorstellte, wusste er wahrscheinlich selber nicht, und es hat ihn wohl auch nicht gekümmert, er fühlte sich einfach nur von Gott berufen, den Tyrannen aus der Welt zu schaffen. Irgendwie würde dann alles gut werden.

(*) Schwarmgeist: Traumtänzer, von phantastischen religiösen oder politischen Ideen besessener Mensch

Also schlich er – wahrscheinlich ohne vorher überlegt zu haben, wie er den von Soldaten umgebenen und selbst kampferprobten Kaiser eigentlich tödlich treffen wollte – am Mittag des 12. Oktobers, als Napoleon anlässlich einer weiteren Parade mit großem Gefolge die Freitreppe des Schlosses herab schritt, an diesen heran.

Das Messer, das er noch extra hatte schleifen lassen, hielt er in einer zusammengerollten Zeitung verborgen, und wirklich gelang es ihm, bis auf zwei Schritte an sein auserwähltes Opfer heranzukommen. Dabei stellte er sich allerdings so auffällig an, dass der wachsame General Rapp im Gefolge des Kaisers auf den jungen Mann aufmerksam wurde und ihn festnehmen ließ.

Napoleon war so verblüfft über den ungeschickten Versuch des Jünglings, sich mit einem großen Küchenmesser an ihn heranzuschleichen, dass er ihn persönlich interviewte – und zwar in Gegenwartes seines Leibarztes Jean-Nicolas Corvisart.

Möglicherweise wollte er herausfinden, ob dieses zerbrechliche Bürschchen überhaupt bei klarem Verstand war. Der Gefangene ließ allerdings keinen Zweifel daran, dass er gewusst hatte, was er tat.

Er hätte, so erklärte Staps rundheraus, “seinem Vaterland und Europa durch Tötung des Kaisers einen Dienst erweisen wollen.” Der Kaiser – der sich möglicherweise mit dem ihm eigenen Zynismus über den verhinderten Tyrannenmörder amüsierte -, stellte ihm die listige Frage: “Wenn Ich Sie nun begnadige, wie werden Sie es mir danken?”

Und Staps antwortete voll Heldenmut, aber mit wenig Verstand: “Ich werde darum nicht minder Sie töten!” Es kam, wie es kommen musste: Der Jüngling wurde ohne viel Formalitäten durch ein Kriegsgericht verurteilt und am 16. Oktober durch ein Erschießungskommando der württembergischen Infanterie füsiliert (nach Kriegs- oder Ausnahmerecht hingerichtet, standrechtlich erschossen, Anm.d.R.).

Eine Gruppe Soldaten bei der Erschießung eines Edelmanns, Chatterbox Magazin 1905, Alamy Stock Photo, Privatbesitz Barbara Büchner

Wo die Hinrichtung stattfand, ist weithin unbekannt, da bei verschiedenen Berichten nicht genau angegeben ist, wo der unglückliche Held nun fiel, “in oder bei Schönbrunn” heißt es bei einem Historiker, “möglicherweise in Fünfhaus” bei Wikipedia.

Laut Bezirkshistorikerin Waltraud Zuleger fand die Hinrichtung auf dem Gelände der Oesterleinschen Gewehrfabrik statt. Diese Oesterleinsche Gewehrfabrik war im 18. Jahrhundert an der Mariahilferstraße entstanden. Sie war eine der ersten wichtigen Waffenfabriken.

Am Hinrichtungsplatz soll Staps noch gerufen haben: ,,Es lebe die Freiheit! Es lebe Deutschland! Tod seinen Tyrannen!” Das klingt fast nach Märtyrerlegende, wird aber von dem französischen General Jean Rapp, der die Exekution leitete, überliefert.

Psychiatrischer Kommentar zum Fall Staps, von Prof . Grohmann in der Vierteljahres-Zeitschrift für psychische Ärzte, Original auf Facebook

Der Attentatsversuch wurde verschwiegen und die Akten darüber kamen auf Befehl Napoleons ins französische Nationalarchiv. Erst als Napoleons Macht 1814 gebrochen war, konnten die Nachforschungen der Angehörigen und Freunde über Staps´ Verbleib beginnen. Sein Vater gab 1821 eine Anzeige im Naumburger Kreisblatt auf, dass sein Sohn Fritz ein freiwilliges Opfer deutscher Vaterlandsliebe gewesen sei, der 1809 “in Schönbrunn” sein Grab fand. (myheimat, abgerufen am 30.12.2020)

Im selben Jahr 1821 starb übrigens der gestürzte Franzosenkaiser – militärisch geschlagen, politisch und persönlich gedemütigt – in Kerkerhaft auf der Insel St. Helena.

Heute erinnert an die Geschichte des Friedrich Staps übrigens noch ein Denkmal, das insofern interessant ist, als es der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Es befindet sich nämlich im Hinterhof eines Wohnhauses – Oesterleingasse 1, ein Eckhaus zur Mariahilferstraße und das Nachbarhaus ist Oesterleingasse 3: Ein Adler zwischen zwei Rüstungen. Offensichtlich wurde es im 19. Jahrhundert errichtet, ehe das Gebiet völlig verbaut wurde.

Adler-Denkmal zur Erinnerung an Friedrich Staps, Oesterleingasse 1, Foto BM 15

Quellen

Recherchen: Brigitte Neichl, Eva Müller, Waltraud Zuleger, Redaktion: Barbara Büchner

Die Podcast-Episode zum Artikel

Myheimat: Friedrich Staps, Märtyrer oder Terrorist?

Wikipedia

Das Sondermuseum Aspern-Essling bietet einen Überblick über die zeitgeschichtlichen Ereignisse der kriegerischen Auseinandersetzungen der Französischen und Österreichischen Truppen im Mai 1809.

meine meinung

Ist der Mord an einem Tyrannen moralisch gerechtfertigt? Darüber streiten die Philosoph*innen schon lange. Einfacher zu beantworten ist die Frage: Nutzt’s was? Meistens nein. Misslingt das Attentat, folgt oft eine fürchterliche Vergeltungsaktion des Tyrannen. Gelingt es, bewahrheitet sich der alte Spruch: “Es kommt nix Besseres nach.” Immerhin wird es Pastor Staps gefreut haben, dass Napoleon auch ohne den Küchenmesser-Stich seines Sohnes ein jämmerliches Ende nahm.

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