Der liebestolle Leichenmusikant

Diesmal geht es in „History & Crime“ um keinen klassischen Kriminalfall, am Ende gibt es zwar einen Toten, aber es wurde ihm kein körperliches Leid angetan. Lesen Sie selbst …

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime

Sein Leben sorgte für pikante Skandale, sein Tod für wilde Gerüchte, und das Testament seines enormen Vermögens wurde niemals gefunden: 

Der mysteriöse Tod des 70jährigen „Leichenmusikanten“ Wenzel Wawron erweckte im Jahre 1906 lebhaftes Interesse bei der Bevölkerung von Rudolfsheim-Fünfhaus, denn der rüstige und für seine „Liebesaventüren“ berüchtigte Hausbesitzer aus der Diefenbachgasse 34 war ein Original, das man im ganzen Bezirk kannte.

Deshalb soll sein Tod auch in dieser Kolumne erwähnt werden, obwohl er keinem Verbrechen zum Opfer fiel – es sei denn, man betrachtet eine ebenfalls 70jährige Dame mit einem steinharten Herzen als die Verursacherin seines Todes. Er selbst sah es jedenfalls so. 

Hier hatte sich das Haus von Wenzel Wawron befunden, Plan wien.at

Wawron hatte 1894 von Maria Wawron (seine Mutter?), gestorben am 25.05.1893 ein schönes Alt-Wiener Haus in der Diefenbachgasse 34 geerbt. 

Die Nummer 34 gibt es seltsamer Weise nicht mehr. Das Haus muss sich an der Ecke zur Ortnergasse befunden haben. Dort ist jetzt Nummer 32 und dann geht es weiter mit 36.  Es hatte einen Wert von 68.000 Kronen. Eine Krone hatte im Jahr 1906 die Kaufkraft von 6,58 Euro.  

Wenzel Wawrow war eine mysteriöse Gestalt. Der schwerreiche Hausherr, der offenbar aus persönlicher Neigung nebenbei Trauermusik für die Leichenzüge des 15. Bezirks spielte, hatte seine Laufbahn als Maurergehilfe begonnen und war „durch verschiedene Glücksfälle“, wie es in einer zeitgenössischen Zeitung heißt, zu seinem „nicht unbeträchtlichen“ Vermögen gelangt. Was für Glücksfälle das waren – vermutlich Erbschaften – darüber schweigen die Berichte. 

In der Liebe hatte er jedenfalls weniger Glück als in finanziellen Dingen. Lassen wir das Neuigkeits-Welt-Blatt vom 14. November 1906 berichten: 

Neuigkeits-Welt-Blatt vom 14. November 1906 

Das Testament des 70jährigen BräutigamsAm vergangenen Montag wurde der Besitzer des Hauses Wien, Diefenbachgasse 34, der siebzigjährige Leichenmusikant Wenzel Wawron zu Grabe getragen, der am 2. d. M. auf der Straße zusammengestürzt und gestorben war.  

Der Tod dieses Mannes erregte im Bezirk schon deswegen ganz besonderes Interesse, weil Wawron trotz seines hohen Alters in allerlei Liebesaventüren verwickelt war, und zudem in den nächsten Tagen die ebenfalls 70jährige Hausbesitzerin Maria Skala, 11. Bezirk, Ravelingasse, heiraten sollte. Wawron, der früher Maurergehilfe war, kam durch verschiedene Glücksfälle in den Besitz eines nicht unbeträchtlichen Vermögens. Seit dem Jahre 1893 war er Witwer. Der noch sehr rüstige Mann, der bedeutend jünger aussah, lernte später eine Frau Kubicek kennen, die Witwe eines Staatsbeamten, die in der Wilhelminenstraße eine nette Villa besitzt.  

Wiewohl diese Frau ebenfalls schon siebzig Jahre zählt, verstand sie doch, Wawron an sich zu fesseln, dem die Eleganz der Frau gefiel. Vor sechs Jahren zog Wawron zu Frau Kubicek, mit der er in gemeinsamen Haushalt lebte. Zum Haushalt steuerte Wawron monatlich einen größeren Betrag bei. 

Transkript Ende 

Ein Bild, das draußen, Person, haltend, stehend enthält.

Automatisch generierte Beschreibung
Bild: „Elegante Dame um 1905“, Alamy Stockphotos, Privatbesitz Barbara Büchner. So etwa können wir uns die verführerische Frau Kubicek vorstellen. 

Trotz der sechsjährigen, sehr engen Beziehung war Frau Kubicek nicht geneigt, Herrn Wawron zu heiraten, und als seine wiederholten Bewerbungen ihr lästig wurden, suchte sie ihn abzuschieben.

Sie fand eine heiratslustige Dame im passenden Alter, die ebenfalls 70jährige Hausbesitzerin und Gastwirtin Marie Skala, die ihr den Leichenmusikanten auch abgenommen hätte. Nur bekam Wawron, der der Heirat bereits zugestimmt hatte, im letzten Moment „kalte Füße“ – er hätte doch lieber die Kubicek gehabt als die Skala. Die aber war unerbittlich.

Und so nahm die Tragödie ihren Lauf, wie die Kronen-Zeitung vom 11. November 1906 berichtet: 

Kronenzeitung vom 11. November 1906  

Wo ist das Testament? Der Tod eines 70jährigen Bräutigams. Der 70jährige Leichenmusikant Wenzel Wawron stürzte anfangs dieses Monats auf der Straße bewusstlos zusammen und ist am 6. d. gestorben. Er sollte wenige Tage später mit der ebenfalls 70jährigen Gastwirtin und Hausbesitzerin Marie Skala, 11. Bezirk, Stavelingasse wohnhaft, vor den Traualtar treten. Wenzel Wawron war eigentlich in die Villenbesitzerin Frau Kubicek in der Wilhelminenstraße verliebt, die Witwe eines hohen Staatsbeamten, der in den Sechziger-Jahren als Virtuose und Komponist viel genannt wurde. Wawron, ebenfalls Witwer, wohnte seit sechs Jahren in der Villa der Frau Kubicek, obgleich das Haus in der Diefenbachgasse 34 ihm gehörte. Vor einigen Monaten überraschte Wawron seine Hausfrau mit einem Heiratsantrage, der von dieser abgeschlagen wurde. Doch Wawron ließ sich nicht so leicht entmutigen und suchte sich immer und wieder der ihn an Intelligenz und Bildung hoch überragenden Frau zu nähern. Diese glaubte endlich dadurch den Bewerbungen ihres heiratslustigen Mieters ein Ende zu machen, dass sie ihn mit der ihr verwandten Marie Skala bekannt machte, die ein Wirtsgeschäft und zwei Häuser besitzt. Die Sache gedieh so weit, dass bereits der Hochzeitstag festgesetzt war. Doch je näher der Hochzeitstag kam, umso veränderter wurde das Benehmen Wawrons. Tag um Tag kam er betrunken heim, lärmte und exzedierte (randalierte, Anm.d.R.), so dass der Hausfrau nichts anderes übrig blieb, als ihm zu kündigen.  Vergebens bestürmte er die Frau, die Kündigung zurückzunehmen und seine Werbung anzunehmen. Als endlich die Kündigungsfrist ablief und er die Villa verlassen musste, äußerte er sich wiederholt, dass er das nicht lange überleben werde. Einige Tage nachher stürzte er auf der Straße bewusstlos zusammen und starb kurz darauf. 

Transkript Ende 

Ein Bild, das Text, Buch, Foto, alt enthält.

Automatisch generierte Beschreibung
Der Tod als Leichenmusikant: Tod und Musik gehören eng zusammen, wie auch der Tod und der Tanz. Bildquelle: „Der Triumph des Todes“, Kupferstich von Alfred Rethel, 1851. Zahlreiche Quellen im Internet. 

Transkript Fortsetzung 

Wawron, der seit 40 Jahren Leichenmusikant war, war eine der bekanntesten Gestalten Rudolfsheims. Über seinen Tod verbreiteten sich verschiedene Gerüchte, noch mehr aber sprach man davon, dass das von ihm gesprächsweise oft erwähnte Testament bis jetzt nicht gefunden werden konnte. Der Verstorbene galt als sehr vermögend. Außer seinem Haus Diefenbachgasse 34, für das ihm kurz vor seinem Tod 68.000 Kronen angeboten wurden, soll er ein nicht unbedeutendes Barvermögen besessen haben. Bei der Todesfallsaufnahme wurde aber ein Testament nicht gefunden und das vorhandene Barvermögen beträgt nur einige hundert Kronen. Ob der Verstorbene, der sehr misstrauisch und geizig war, sein Testament und sein Vermögen versteckt oder vernichtet hat, ist vorläufig ein Geheimnis. Doch dürfte das erstere der Fall sein, da er einige Tage vor seinem Tode sich einem Verwandten gegenüber geäußert hatte, dass ihm ein Einbrecher nichts antun könnte, weil seine Sparkassenbücher und Renten eine Klausel hätten und noch obendrein so gut versteckt wären, dass sie nicht gefunden werden könnten. Wawron war mit Vorliebe Taufpate und versprach jeden Täufling im Testament zu bedenken. Nun fehlt das Testament und den vielen Täuflingen dürfte nur mehr das Versprechen bleiben. 

Transkript Ende 

Begraben ist der geheimnisvolle Leichenmusikant auf dem Meidlinger Friedhof, Gruppe 9d, Nummer 17. In der entsprechenden Friedhofsauskunft ist sein Alter übrigens mit 67 Jahren angegeben, nicht wie in allen Zeitungsberichten mit 70 Jahren.

Ob bei seinem Begräbnis wohl jemand gesungen hat? 

Quellen

meine meinung

70 Jahre waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein (gefühlt) weitaus höheres Alter als heutzutage, wo man sich über ein Liebespaar in den Siebzigern längst nicht so wundern würde wie damals. Und so erscheint uns diese unglückliche Liebe mit tragischem Ausgang heute auch längst nicht mehr so skurril wie damals. Dennoch, eine außergewöhnliche Persönlichkeit muss Herr Wenzel Wawron gewesen sein, und es wäre interessant zu wissen, ob jemand aus unserem Leserkreis noch Näheres zu ihm beitragen könnte. Vielleicht taucht ja sogar sein verborgener Schatz wieder auf! 

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