Erbärmliche Wohltätigkeit: Die Wärmestube in der Nobilegasse 35

Diesmal geht es in „History & Crime“ um einen gewalttätigen Vorfall in einer Wärmestube in der Nobilegasse 35 (heute 15. Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus). Ebenso erfahren Sie einiges über Obdachlosenasyle, Hunger, Verzweiflung und hochdurchlauchtigste Mildtätigkeit.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime

Im Jahr 1907 war die Wärmestube in der Nobilegasse 35 Schauplatz eines Mordversuchs: 

Stadtplan wien.gv.at

Illustrierte Kronen-Zeitung 12. Juli 1907 

Transkript 

Der in der Wärmestube in der Nobilegasse als Koch beschäftigte Hilfsarbeiter Josef Lang kam gestern abends in schwer betrunkenem Zustande in die Wärmestube und verlangte von dem Aufseher Karl Neukomm, er möge ihn dort übernachten lassen. Neukomm wies (der Vorschrift entsprechend, Anm.d.V.) den Trunkenen ab. Daraufhin riss Lang einen Revolver aus der Tasche und feuerte zwei Schüsse auf den Aufseher ab, von denen einer Neukomm streifte und ihn leicht verletzte. Neukomm entwand dem Lang die Waffe und schlug ihm damit ins Gesicht. Der verletzte Aufseher begab sich in die Wachstube Schmelz und erstattete die Anzeige. Die Rettungsgesellschaft wurde berufen und legte Neukomm einen Verband an. Von dort aus fuhr die Rettungsgesellschaft in die Wurmsergasse, wo unterdessen Lang, der durch den Hieb mit dem Revolver eine Rissquetschwunde im Gesicht erlitten hatte, aufgegriffen worden war. Lang wurde verbunden und wird wegen Mordversuches dem Landesgericht eingeliefert werden. 

Transkript Ende 

Wurmsergasse (15, Rudolfsheim-Fünfhaus), benannt (13. Juli 1894 vom Stadtrat) nach Feldmarschall Dagobert Sigmund Reichsgraf Wurmser (1724-1797), der sich im Bayerischen Erbfolgekrieg und gegen Napoleon Verdienste erworben hat. 

Historische Sanitätskutsche, Bild: Sanitätskutsche_Wiener_Rettung.png  

Das Attentat auf den Aufseher lässt schon erahnen, welche Spannungen in dieser letzten Zuflucht vor eiskalten Winternächten brodelten, und tatsächlich ging es in den Wärmestuben alles andere als gemütlich zu. Suppe, Brot und ein höchst unbequemer Schlafplatz auf einer Bank, dazu die drangvolle Enge und muffige Luft – da hielt oft nur die Angst vor dem Hausverbot  die Männer und Frauen davon ab, ihrem Frust Luft zu machen. Denn Hinausgeworfenwerden hieß Erfrieren. 

Erfrierungen 3. und 4. Grades - Moulage aus dem 1. Weltkrieg Objekt - NHM  Wien
Bild und Bildtext: Naturhistorisches Museum

Bei einer Erfrierung werden die Haut und das darunter liegende Gewebe durch Kälte geschädigt. Besonders häufig betroffen sind Finger, Zehen, Nase, Ohren oder Wangen. Der Grund: Sie sind vergleichsweise schlecht durchblutet und haben im Verhältnis zu ihrem Volumen eine relativ große Oberfläche. 

Das goldene Wienerherz meinte es damals nicht gut mit den Obdachlosen. Es war schon damals populär, sich lustig zu machen über die „Gutmenschen“, denen der Kältetod eines alten „Hansltipplers“ ans Herz ging. 

 „Hansltippler“: Unterstandsloser Alkoholiker, der in einer am Gürtel befestigten Blechdose die Bierreste („Hansln“) aus Fässern und leergetrunkenen Gläsern sammelte. 

Im Jänner 1908 kam es zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen dem deutsch-christlichen „Deutschen Volksblatt“ und verschiedenen anderen Zeitungen, vorneweg der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung, die den hohntriefenden Bericht der „Christlichen“ in ihrer Nummer vom 11. Jänner 1908 abdruckte und entsprechend zornig kommentierte. 

Transkript 

Dies tut das deutsche und christliche Blatt in so roher Form, dass wir den ganzen Artikel abdrucken wollen. Er enthüllt ein Maß von Rohheit, dessen wir die Herren vom „Deutschen Volksblatt“, die die Welt doch nachgerade an starke Dinge gewöhnt haben, nicht für fähig gehalten hätten. Das Blatt schreibt:  

Transkript Ende 

So zitiert die „AZ“ das „Deutsche Volksblatt“: 

(…) 

Transkript 

Schreckliches hat sich wieder in Wien ereignet! Ein Obdachloser wurde vor einigen Tagen wieder einmal weit draußen in einem Ziegelwerk tot, erfroren aufgefunden — als „Opfer“ christlichsozialer „Grausamkeit“ der — Kommune Wien. So verkünden es wenigstens in rührender Eintracht das Organ der Judenmillionäre, dann die „Österreichische Volkszeitung“ und auch das deutschradikale „Deutsche Tagblatt‘. Der Maurer Kollar, wissen sie zu verkünden, hätte sein kaltes Nachtlager gar nicht bezogen, wäre also gar nicht erfroren, wenn ihn nicht die gewisse christlichsoziale Praxis aus der Wärmstube, die er aufgesucht hatte, vertrieben, in die kalte Winternacht hinausgejagt hätte, weil er — „unrein“ (verlaust, Anm.d.V.) war. Das sei in Wien die kommunale Obdachlosenfürsorge. 

(…) 

Und das jammervolle Ende dieses Unglücksmenschen wird nun der — Kommune Wien aufs Kerbholz geschrieben l Man weiß nicht, soll man sich über die Bosheit oder — Dummheit dieser Blätter und ihres Berichterstatters wundern? 

Transkript Ende 

Ein berliner Winterstraßenbild: Bergung der Leiche eines Er
Bergung der Leiche eines erfrorenen Obdachlosen, Illustrierte Zeitung, 110. Bd., Nr. 2855,
Leipzig und Berlin, 1898 (Vorschaubild akg-images) 

Aber beginnen wir beim Anfang, bei der Stiftung eines reichen Menschenfreundes – ausgerechnet ein „Judenmillionär“! – für alle diejenigen, denen im Winter der Kältetod in ihren Notquartieren im Freien drohte. 

Am 3. November 1895 berichtete die Arbeiter-Zeitung über die Eröffnung einer neuen Wärmestube im 15. Bezirk (damals 14. Bezirk) in der Nobilegasse 35: 

Die im Winter über Nacht geöffneten Wärmestuben bildeten eine Ergänzung zur allgemeinen Obdachlosenfürsorge, die bereits seit den 1870er Jahren in Wien gepflegt wurde (ausführlich dazu Wiki Geschichte Wien Obdachlosenheime in Wien). 

Der 1881 gegründete „Wärmestuben und Wohltätigkeitsverein“ („Moritz Freiherr von Königswarter’sche Stiftung für Wärmestuben“) hatte sich zur Aufgabe gestellt, die im Winter besonders empfindliche Obdachlosigkeit zu bekämpfen. In den fünf Wärmestuben (3., 10., 14., 16. und 20. Bezirk) konnten Obdachlose in der kalten Jahreszeit übernachten, wofür es allerdings kein Bett gab, nicht einmal ein Lager auf dem Fußboden. Geschlafen wurde im Sitzen, dicht gedrängt auf hölzernen Bänken. Morgens und abends wurden Suppe und Brot ausgeteilt. 

Moritz Freiherr von Königswarter (* 16. Juli 1837 in Wien; † 14. November 1893 ebenda) war ein österreichischer Bankier. Er war Mitglied des österreichischen Herrenhauses und jüdischer Philanthrop, Stifter zahlreicher Hilfsprojekte, unter anderem spendete er kurz vor seinem Tod dem Verein zur Errichtung und Unterhaltung von Wärmestuben 100.000 Gulden. (Wikipedia) 

Ein Gulden hatte 1893 die Kaufkraft von 14,45 Euro. 

Die Wiener Zeitung vom 24. Dezember 1895 berichtete untertänigst von dem Massenaufgebot an Hoheiten und Exzellenzen, die zur Eröffnung kamen und den „zahlreich herbeiströmenden Armen“ huldvoll eine Tasse Suppe und ein Stück Brot reichten. Ein zusätzliches Stück Kuchen anlässlich des feierlichen Ereignisses war nicht drinnen. 

(….) 

Transkript 

Schlusssteinlegung. In Anwesenheit Ihrer k. und k. Hoheit der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin Marie Therese erfolgte heute Mittags die Schlusssteinlegung und Eröffnung der vom Wiener Wärmestuben- und Wohltätigkeits-Verein im 14. Bezirk, Nobilegasse, erbauten sechsten Wärmestube. Zum Empfange Ihrer k. und k. Hoheit der durchlauchtigsten Frau Erzherzogin, höchstwelche in Begleitung Ihrer Exzellenz der Frau Obersthofmeisterin Gräfin Schönfeld und Sr. Exzellenz des Herrn Obersthofmeisters Grafen Pejacsevich erschienen war, hatten sich eingefunden : Ihre Exzellenzen der Herr Statthalter Graf Kielmansegg und Gemahlin, welche Ehrenpräsidentin des Vereins-Damen-Komitee ist, ferner die Herren Vereins- Ehrenpräsident Ministerialrat Freiherr von Klaps, Oberbaurat Berger, Oberingenieur Ritter von Schlag, der die Pläne auch für diese Wärmestube entworfen hat, zahlreiche Mitglieder des DamenKomitees und die Vereinsleitung mit dem Präsidenten Dr. Alfred Schmidt. Nach beendeter Zeremonie der Schlusssteinlegung begann die Ausspeisung der bereits in großer Anzahl herbeigeströmten Männer, Frauen und Kinder. Ihre k. und k. Hoheit die durchlauchtigste Frau Erzherzogin Marie Therese verabreichte jedem der Armen eine Tasse Suppe und ein Stück Brot. Ihre k. und k. Hoheit sprach einige der armen Frauen und Kinder an und erkundigte sich über deren Verhältnisse. Erst nach nahezu zweistündigem Aufenthalte verließ Ihre k. und k. Hoheit die Wärmestube. 

Transkript Ende 

Wie es in dem mit so viel hoheitlichem Tamtam eröffneten Nachtquartier dann im Alltag aussah, berichtete im Jahr 1908 in der „Arbeiter-Zeitung“ der berühmte Reporter und spätere Chefredakteur Max Winter

Max Winter

Max Winter war ein österreichischer Reporter, Journalist, Schriftsteller und Politiker, Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung (daher der Schimpfname  „Blatt der Judenmillionäre“ – allerdings war Winter zwar wohlhabend, aber keineswegs Millionär).

Er gilt als der Schöpfer der Sozialreportage im deutschsprachigen Raum, wobei er oft die Rolle derjenigen annahm, über die er berichtete: Er ließ sich als Obdachloser verkleidet ins Polizeigefängnis werfen, arbeitete als Statist in der Hofoper, als Kulissenschieber im Burgtheater und übernachtete im Ziegelofen, wo die frierenden Armen ein wenig Wärme suchten.

Seine schockierenden Sozialreportagen zeigten Wirkung, trugen ihm aber auch bittere Schmähungen vom politischen Gegner ein. Bei Beginn des Austrofaschismus musste er schließlich aus Österreich nach Amerika fliehen, wo er selbst als armer Mann starb. Der Max-Winter-Platz in der Leopoldstadt erinnert an ihn. 

Der Begriff Austrofaschismus ist eine der Fremdbezeichnungen für das von 1933/34 bis 1938 in Österreich etablierte autoritäre, an ständestaatlichen und faschistischen Ideen orientierte Herrschaftssystem, das sich teilweise stark an die Diktatur Benito Mussolinis in Italien anlehnte. Die Selbstbezeichnung war Ständestaat. Quelle: Wikipedia.  

Aus dem sehr umfangreichen Beitrag von Max Winter soll hier nur ein Auszug wiedergegeben werden; es lohnt sich, ihn auf ANNO zur Gänze zu lesen. Seine Bücher, in denen er aus eigener Erfahrung das „dunkle Wien“ schildert,  sind heute noch im Buchhandel erhältlich.  

Arbeiter-Zeitung 19. Jänner 1908 

Transkript 

Schlafkünstler. Hinter der Doppeltür öffnet sich die weite Halle der Wärmestube vor meinem Blick. Die erste Empfindung, die ich habe und die ich auch später im Lauf meines Aufenthalts nie recht los werde, ist die, dass mich furchtbare Luft umfängt. Dann erst sehe ich die Menschen und Dinge um mich. Der Quere des Saales nach sind Bankreihen so gestellt, dass immer zwischen je zwei Bänken eine Lehne kommt, und auch längs der Wand ziehen sich Bänke hin, diese ohne Lehnen. Nur einige der Querbänke, die der Tür am nächsten sind, haben keine Lehnen, sie sind noch nicht voll besetzt. Aus allen übrigen Bänken sitzen Mann an Mann die Obdachlosen, 134 an der Zahl. Mann an Mann in drangvoller Enge durchseufzen die Nacht, für die ihnen kein anderes Obdach wird als dieser Not ­Unterschlupf, den die Gemeinde Wien gar zu gern zur ständigen Einrichtung gestalten möchte. Ja die Wärmestuben als Obdachlosenasyle sind schon eine ständige Einrichtung. „Wir haben fast durchwegs ständige Gäste,“ klärt mich der Nachtaufseher auf. „Es ist auch ganz begreiflich, dass es so ist, weil bei uns einer halt jede Nacht bleiben kann, im Asyl für Obdachlose aber nur fünf Nächte und im Werkhause nur sieben Nächte. Was soll er die übrigen Nächte machen? Da kommen sie halt zu uns. Ein Sitzplatz auf der Bank ist noch immer gescheiter als draußen herumzuirren oder im Kanal oder im Ziegelofen zu schlafen. War er einige Nächte bei uns, dann schaut er, dass er in den Ziegelofen kommt, wo er sich wieder einmal strecken und ausschlafen kann. Dann hält er es schon wieder aus. Wir haben Leute da, die seit der Eröffnung fast jeden Tag da sind.“ Ja, aber wie schlafen denn die Leute?“ „Das sehen Sie ja, das sind halt Schlafkünstler; die können schlafen, wie s’wollen. Hören Sie’s schnarchen?“ 

Obdachlose bei der Suppenausgabe, Bildquelle: „Die Stunde“ 9. Dezember 1929 

Luft. Je länger ich in der Wärmestube war, desto mehr wuchs in mir die Sehnsucht nach einer Zigarette, desto mehr bedrückte mich die verdorbene Luft, und doch war es erst halb 12 Uhr. Wie mag es in diesem Raume um 5 Uhr Morgens sein, wenn jetzt schon die Luft, trotz aller Vorsichtsmaßregeln, die gebraucht werden, so arg verschlechtert ist?! 

Keiner der Obdachlosen darf seine Unterkleider ablegen, auch dann nicht, wenn sie nass sind; keiner darf sich seiner Schuhe entledigen; nur eines ist ihnen erlaubt: dass sie den Rock ausziehen und über ihren eigenen Kopf legen. Davon machen ziemlich viele Gebrauch. Dieses Verbot des Ausziehens ist eine Vorsichtsmaßregel, um eine noch größere Verpestung der Luft hintanzuhalten. Dennoch dünkt mich jetzt schon die Luft unerträglich. Der Raum ist wohl hoch, aber immerhin, es sind ja mehr als 130 Menschen im Raum und bis gegen Mitternacht sind es mehr als 140, wenn die letzten Nachzügler mit den Polizeianweisungen eingerückt sind.  

Der Polizei sind täglich 10 Plätze reserviert. Aber wie ich aus der Wochenvormerkung ersehe, wurden diese Plätze täglich überschritten: 16, 11, 17 und 13 Plätze nahm an den Tagen dieser Woche die Polizei für jene in Anspruch, die sich bei ihr obdachlos meldeten und auch heute sind die reservierten Plätze bereits vergeben. 

„Was tun Sie, wenn über die zulässige Zahl Menschen kommen?“ 

„Wir lass’ns so lang‘ herein, so lang‘ überhaupt a Platz is. Wenn auf die Bänk‘ ka Platz mehr is, dann stellen wir a paar Kübeln auf und legen die Deckeln darauf von den leeren Konservenkisten, das gibt aa wieder a paar Sitzplätz‘. Man schaut halt, dass m’r so viel als möglich unterbringt, gar dann, wenn’s draußen so bitterkalt is wie heut.“ 

So ist also dieses Asyl auch in seinen sanitären Vorkehrungen auf das primitivste eingerichtet, so eingerichtet, wie es eventuell bei einem Notbehelf möglich ist, wie es aber absolut ausgeschlossen sein muss bei einer ständigen Einrichtung. Wenn ein Funken sozialen Pflichtbewusstseins in unseren Stadtvätern lebte, dann müssten sie die der Anfrage der sozialdemokratischen Gemeinderäte an den Bürgermeister gegebenen Einrichtungen aufgreifen in kurzer Zeit zur Wahrheit machen.“ 

Transkript Ende 

Im Jahr 1921 konnte Max Winter hoffen, denn damals wurden die Wärmestuben  von der Gemeinde Wien übernommen, da dem Wohltätigkeitsverein das Geld ausging. Das war bereits die 1919 begonnene Epoche des „Roten Wien“. Hätte sich da nicht, wie in so vielen anderen Bereichen, die Lage zum Guten wenden müssen? 

Die Zeitschrift „Die Stunde“ berichtet 1929 ausführlich über die Aktivitäten der Gemeinde Wien im besonders harten Winter 1929. 

„Die Stunde“, 19. Dezember 1929 

Transkript 

Winter der Obdachlosen. Die Fürsorgeaktion der Gemeinde Wien und der privaten Wohltätigkeitsvereine. Die Aussichten für den heurigen Winter sind düster genug. 210.000 Arbeitslose werden heuer — wenn es auch schneit — schwarze Weihnachten haben. 73.000 Familien stehen ohne Erwerb da. Für die vielen Tausende von Armen, die im Sommer und Herbst im Freien genächtigt haben oder sonst noch irgend einen Unterschlupf finden konnten, gibt es jetzt keine andere Zuflucht, als die Massenquartiere des Elends, die Obdachlosenasyle. Die Gemeinde Wien und die Privatwohltätigkeitsvereine haben Aktionen eingeleitet, um die bittere Not der Ärmsten unter den Armen zu lindern. In den Vorstadtbezirken Wiens werden vor allem Wärmestuben sowie Suppen- und Teeanstalten eröffnet. Die Fürsorgeabteilung der Gemeinde Wien hat bisher fünf große Wärmestuben eingerichtet: im 3. Bezirk, Erdbergstraße 85, im 10. Bezirk, Puchsbaumplatz 13, 14. Bezirk, Nobilegasse 35, 16. Bezirk, Seeböckgasse 18, 20. Bezirk, Burghardtgasse 3. Jede städtische Wärmestube bietet Raum für 100 Personen Die Wärmestuben werden von 8 Uhr abends bis 6 Uhr früh offen gehalten. Nach Einbruch der strengeren Kälte bis 8 Uhr früh. Jeder, der in die Wärmestube Einlass findet, bekommt abends und morgens einen Teller heiße Suppe und ein Stück Brot. In den städtischen Wärmestuben versehen zwei Aufseher permanenten Dienst. Neben den städtischen Wärmestuben ist die Eröffnung von weiteren privaten Wärmestuben, sowie Tee- und Suppenanstalten durch private Wohltätigkeitsvereine geplant. Den privaten Humanitätsorganisationen stehen aber bedauerlicherweise nur geringe Mittel zur Verfügung. Es wäre also zu wünschen, dass alle Wohlhabenden sich ihrer sozialen Pflicht erinnern und durch ihre Spenden dazu beitragen, das Elend der Obdachlosen zu lindern. 

Transkript Ende 

Wirklich gab es auch immer wieder spontane private Hilfsaktionen, wie ein Bericht der Kronen-Zeitung zeigt: 

Illustrierte Kronenzeitung 21. Februar 1929 

Transkript 

Ein MenschenfreundDie Insassen der städtischen Wärmestube Nobilegasse erlebten am Dienstag eine höchst erfreuliche Überraschung. Kam da um 10 Uhr abends ein junger unbekannter Herr in das Heim und verteilte an jeden Insassen einen Schilling mit dem Bemerken, er möge sich dafür wieder einmal ein gutes Frühstück kaufen. Mit herzlichem Dank und größter Freude wurde diese gute Tat quittiert. Es war rührend, anzusehen, mit welch feinem Taktgefühl dieser edle Spender sich seiner Aufgabe entledigte und er wird mit dem Bewusstsein nach Hause gegangen sein, eine wirklich edle Tat an diesem ärmsten Opfern, die nicht einmal ein Bett und Obdach haben, sondern auf dem blanken Boden schlafen müssen, vollbracht zu haben. 

Transkript Ende 

Ein Schilling hatte laut „Historischem Währungsrechner“ damals die Kaufkraft von 3,56 Euro, für ein ordentliches Frühstück reichte die Spende also allemal. 

Alles in Ordnung also? Nein. Wieder muss man sagen: Gut gemeint, aber zu wenig. Max Winters Reportage hätte genauso gut im Jahr 1929 geschrieben werden können. Da griffen die christlich-sozialen Journalisten die Wärmestuben als misslungenes Werk des „Austromarxismus“ an, und eine Reportage in der „Freiheit!“ liest sich nicht viel anders als das düstere Sittenbild, das Max Winter im Jahre 1908 malte. 

Der Austromarxismus ist eine von österreichischen Sozialdemokraten geprägte Richtung innerhalb des marxistischen Denkens. 

„Freiheit!“, 7. Jänner 1930 

Transkript 

„… dass unsere Kinder nicht mehr hungern — und unsere Greise nicht mehr betteln geh’n“. — das sind die angeblichen Ziele des Austromarxismus und seiner Vertreter im Rathaus, in der sozialsten Gemeinde, die ihren Kampf, ihren Sieg gegen Not, Elend, Hunger in die Welt posaunt.  

Die Wirklichkeit ist anders. Brutal, furchtbar, erbitternd. Wir treten den Beweis an. Ungeschminkt. — Nobilegasse 35. Wärmestube der Gemeinde Wien. ½  8 Uhr abends. Auf den Stufen vor dem Eingang hockt ein Siebzigjähriger in Nässe und Kälte, zerlumpt, frierend. Ich stelle mich zu ihm. 

„Sie sind alle Tage hier?“ 

„Wohin soll i denn anders? Ka Wohnung — tagsüber in der Näss’n, nix z‘ essen — Das bisserl warmhaben bei der Nacht is‘ alles —“ 

„Aber irgendwas müssen Sie doch essen?“ 

„O ja —. bei die G’schäftsleut‘ — da krieg‘ i schon was — bei der Fürsorge is eh umsonst. Fürcht‘ sich ja ein jeder hingeh’n. Das Anschrei’n und Umstoß’n für die paar Schilling, die sie einem einmal hinhau’n, steht net dafür.“ 

„Und Arbeit ist auch nirgends?“ 

„Mein Gott, hab’n die Jungen kane — dann erst unsereins. Es is zum Verzweifeln. Und gar ka Aussicht auf ein Besserwerden. Mir lieg’n alle miteinander am Bauch.“ Eine müde Handbewegung — „I‘ hoff‘ mir nix mehr — möcht‘ wiss’n, was. Streiten tan s‘, aber jeder hilft uns nur mit der Gosch’n — dann lassen s‘ uns verrecken —“  

Inzwischen sind neue dazugekommen, meist junge Burschen, aber auch Männer im besten Alter. Alle verzagt, der Hunger schaut ihnen aus den Augen. Einer bittet mich um einen „Tschik“ — ich gebe ihm eine ganze Memphis. 

„Ausg’steuert“, sagt er wie zur Entschuldigung. 

„Und haben Sie keine Aussicht auf Arbeit?“ 

Die anderen lachen, während er mir fast mitleidig erzählt. „Wie soll’s denn anders werden? Ka Mensch hat a Geld, jeder kämpft, dass er d’rauskommt. Wo man hinschaut, bauen’s ab. I Hab‘ mir die Füß‘ ausg’rennt bei der Partei, bei der Fürsorge. Der ane schenkt am an Schilling und schaut, dass er an los wird.“  

„Und die Partei, die Gewerkschaft — hilft Ihnen niemand?“ 

„Hören’“ mir auf. Das hab‘ i‘ aus’kost‘. Is ane wia die andere. Streit’n um unser Geld, alles andere is‘ denen Wurscht. Politisier’n, das können’s — helfen will ka anziger.“  

Ein paar Jüngere mischen sich ins Gespräch. „Die Herren sind’n für uns nur da, wenn’s uns brauchen. Glaub’n S‘, mir glaub’n denen noch was?“  

Lautes Gelächter folgt dieser Feststellung. Einer beschwichtigt: „Gebt’s a Ruah — sonst machen’s glei‘ später auf, wenn da so a Wirbel is‘.“ Man nimmt nämlich keine Rücksicht auf ‚Kälte oder die Menge der Wartenden. Wenn ein „Wirbel“ ist, sperrt man die Wärmestube eben erst nach acht Uhr auf. Die Leute sind das schon gewohnt, trauen sich auch nichts zu sagen, sonst kommen sie um einige Minuten Wärme. Sofort wird es ruhig. Verzagt, frierend, das Morgen fürchtend, drücken sie sich in die Nischen, knöpfeln den schleißigen Rock fester. Einer hat einen Stummel ergattert, den er in Brand setzt. . . „Seit gestern, seit der Supp’n da drinn‘ mein ganzes Essen“ — dazu ein Lachen, das durch und durch geht. (…) 

Die Wärmestube wird geöffnet. Jeder will der Erste sein, drängt. „Hörst — du bist ja net in Parlament, dass´ d‘ di‘ um aa‘ warm’s Platzerl so derstößt.“ — Dieser Zuruf ist bezeichnender als lange Erörterungen. Drinnen Bankreihen, ein Christbaum, leer, nur ein paar Kerzen. Jeder rennt auf seinen Platz. 

„Geht es da immer so zu?“ 

„Uije, Herr — da heißt’s rauf’n um an Sitz.“  

Die Suppe und Brot werden verteilt. Argwöhnisch schaut jeder auf den großen Löffel, ob er nicht zu kurz kommt. „Wissen S‘ — da gibt’s grad so a Protektion wie überall“, vertraut mir einer beim Hingeheu an. „Mir essn die Supp’n, die s‘ uns einbrockt hab’n.“ Mit ihm denken Zehntausende, die unter der sozialsten Gemeinde, unter dem Hader der Parteien frieren, hungern, obdachlos sind. 

Transkript Ende 

meine meinung

Nach 1938 finden sich in ANNO keine Berichte mehr über die Wärmestube in der Nobilegasse. Das Problem der Obdachlosigkeit ist freilich auch heute noch aktuell, und es greift zunehmend nach den „besseren Kreisen“. Unerschwingliche Wohnungsmieten, Pleitewellen und plötzlicher massenhafter Verlust von Arbeitsplätzen – wie jetzt in der Corona-Krise – treiben auch arbeitswillige und gesellschaftlich integrierte Menschen auf die Straße. Bei Mieten, die bei 500 Euro anfangen, muss manch eine*r sich, trotz Pension oder Mindestsicherung, aussuchen, ob er oder sie entweder ein Dach über dem Kopf haben oder essen will. Und sich obendrein beschimpfen lassen: „Du Sandler*in!“

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