„Die im Dunkeln sieht man nicht“

Diesmal geht es in „History & Crime“ um die Ärmsten der Armen. Um jene Menschen, die in den Kanälen leben mussten. Und um die Schriftsteller Max Winter, Emil Kläger und Alfons Petzold, die darüber berichteten.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime

„Und die einen sind im Dunkeln, und die andern sind im Licht, doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkel sieht man nicht …“ reimte Bertolt Brecht (1898-1956) in der „Dreigroschenoper“, und man kann seine Verse wörtlich anwenden auf jene Wiener*innen, die um 1900 buchstäblich im Dunkel lebten: Die Ärmsten der Armen, die  Kanalstrotter, die in den Sammelkanälen hausten, im „Hotel zum Goldenen Ratzen“, wie die finsteren, feuchten, stinkenden Gewölbe zynisch genannt wurden.

Der Begriff Strotter (vom Altwiener Ausdruck „strotten“ = aussortieren) ist eine veraltete, aus dem Raum Wien stammende Bezeichnung für Personen, die in Abfällen umherstöbern, um Verwertbares zu finden. Ausführlich dazu siehe Kanalstrotter, WienGeschichteWiki

Bildquelle: Wikipedia

Nicht nur grauslich war das „Hotel Sammelkanal“, sondern auch lebensgefährlich: Erstickende Brunnengase, Krankheitskeime und aggressive Ratten waren noch längst nicht das Schlimmste. Ein heftiges Gewitter irgendwo im Westen Wiens genügte, und die engen Nischen und Grotten füllten sich mit einem tosenden Fäkalienbach, der alles mit sich riss. Von einem solchen Zwischenfall berichtet die Illustrierte Kronen-Zeitung, 13. August 1934:

Illustrierte Kronen-Zeitung, 13. August 1934, ANNO

Transkript

Das Gewitter, das in der Nacht zum Sonntag zwischen 12 und 1 Uhr über Wien niedergegangen ist, hat zwei Kanalstrotter in schwere Bedrängnis gebracht. Die Wassermassen füllten die Kanäle ganz plötzlich und zwei Kanalstrotter, die im Kanal im Zug der Ameisgasse von den hereinbrechenden Fluten überrascht wurden, flüchteten bis zum Kanalgitter vor dem Haus Ameisgasse 26. Sie konnten aber das schwere Gitter von innen nicht heben und riefen um Hilfe. Ein Zug der Feuerwehr rückte unter Kommando des Brandkommissärs Ing. Falout aus und konnte die beiden Kanalstrotter bergen.

Transkript Ende

Zwar gab es bereits seit 1871 öffentliche und private Obdachlosenasyle, doch waren sie stets überfüllt und – wie man bei Alfons Petzold nachlesen kann – oft die reinsten Pesthöhlen.

Notschlafstelle, Foto: Bundesarchiv, ohne Quellenangabe, Wikipedia. In Wikipedia findet sich ein sehr ausführlicher Bericht über Wiener Obdachlosenheime zur Zeit der Jahrhundertwende.

Daher blieb vielen keine andere Zuflucht als die unterirdischen Gewölbe, in denen es, solange alles gut ging, wenigstens einigermaßen warm und trocken war. Solche Sammelkanäle verliefen links und rechts des Wienflusses.

Was unseren Heimatbezirk angeht, so verläuft der 2630 Meter lange Sammler unter dem Sechshauser- und Mariahilfer Gürtel, kreuzt den Europaplatz vor dem Westbahnhof und führt dann in der Löhrgasse, Goldschlagstraße, Beingasse, Hütteldorfer Straße, Markgraf-Rüdiger-Straße, Loeschenkohlgasse, Schweglerstraße und Tellgasse bis zur Schmelz, wo er an der Stutterheimstraße mit einem Grabeneinlauf endet.

Bis kurz nach der Jahrhundertwende bestanden diese Kanäle (die eine eigene Geschichte wert sind!) aus Ziegelgewölben, erst in den Jahren 1905, 1907 und 1913 wurden diese durch Betonmauern ersetzt. .

Beginnen wir die deprimierende Geschichte mit einem skurrilen Zeitungsbericht, der aus dem „Kleinen Bezirksgericht“ stammen könnte, so grotesk ist er. Aber wortwörtlich so in der Zeitung abgedruckt stand: „Der Brillantschmuck im Kanal“.

Kleine Volks-Zeitung, 4. Juni 1937

Transkript

Der Brillantschmuck lm Kanal.

Eine Brillantbrosche, die ein Kanalstrotter während seiner nächtlichen Arbeit gefunden hatte, bildete den Gegenstand eines Strafprozesses, der Landesgerichtsrat Dr. Bachofner (Strafbezirksgericht I) beschäftigte. Im März erzählte der Kanalstrotter Anton Havlasek einem Wachebeamten, dass ihn der Juwelier Josef Karl betrogen habe. Er habe eines Nachts im Kanal eine goldene Brosche mit Brillanten gefunden und das Schmuckstück, das noch ganz mit Schmutz bedeckt war, zu Karl getragen, der es um 240 Schilling kaufte. Gegen den Kanalstrotter wurde daraufhin das Strafverfahren wegen Fundverheimlichung, gegen den Juwelier wegen bedenklichen Ankaufes eingeleitet. — Richter: Herr Havlasek, Sie sollen die Brosche im Kanal gefunden haben. — Angekl.: Ja. — Richter: Haben Sie sie abgeliefert? — Angekl.: Nein. Was man im Kanal findet, ist doch herrenloses Gut. Ich bin zehn Jahre Kanalstrotter und habe noch nie was abgeliefert. Abliefern müssen nur die Sicherangestellten, die bei der Gemeinde Wien sind, aber die machen es auch nur dann, wenn sie ein Aviso bekommen. -, Richter: Wenn man etwas findet, gleich, gültig, wo man es findet, gleichgültig wo, muss man es dem Fundamt abgeben. Die Leute werfen das ja nicht absichtlich in den Kanal, sondern verlieren es. — Angekl.: Man kann doch nicht alles sammeln und aufs Fundamt tragen. Da müsste ich jeden Tag hingehen! Und dann ist das ja unsre Existenz, dass wir behalten, was wir finden. — Richter: Sie müssen es trotzdem abgeben; es meldet sich der Verlustträger ohnedies nicht. Es ist eben ein Verdienst auf lange Sicht. — Angeklagter: Herr Richter, sehen Sie, neulich hab ich erst ein Abzeichen von einem Kriminalbeamten und eine Pistole gefunden. Das war für mich ganz wertlos, das hab ich gleich abgegeben. Von der Brosche hat der Hauptmann der Kanalbrigade gewusst und hat gar nichts gesagt. — Richter: Und was ist mit dem Herrn Karl? — Karl: Ich habe die Brosche von dem Herrn gekauft. Ich habe gewusst, dass er sie im Kanal gefunden hat — Richter: Und das ist Ihnen nicht bedenklich vorgekommen? -— Angekl.: Nein. Ich kaufe oft bei den Kanalstrottern. Ich weiß von einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes, dass die Dinge, die die Kanalstrotter finden, herrenloses Gut sind. — Der Richter verurteilte den Juwelier zu 20 S Geldstrafe oder 24 Stunden Arrest. Der Akt gegen den Kanalstrotter wurde der Staatsanwaltschaft übermittelt, da das Gericht sich wegen der Höhe der Schadenssumme für unzuständig erklärte.

Transkript Ende

Häufig ist es wohl nicht vorgekommen, dass einer Brillantschmuck im Fäkalienschlamm fand, aber was rutscht nicht alles durch einen Ausfluss oder fällt ins Klosett?

Max Winter, der „Vater“ der Sozialreportage

Die Wohnsituation, überhaupt die soziale Situation von über 90 Prozent der damaligen Wiener Bevölkerung war katastrophal – siehe den Beitrag von Brigitte  Neichl. Wenn schon die Arbeiter und Kleinbürger unter solchen unsäglichen Bedingungen hausten, was war denn erst mit denen, die nicht einmal mehr die unterste Stufe erreichten, als Bettgeher*in in irgendeinem Winkel zusammenkauert  schlafen zu „dürfen“?

Max Winter, Bildquelle geschichte.wiki.wien.gv.at

Keiner hat diesen Hintergründen so unerschrocken nachgeforscht wie der Reporter und spätere Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung“ Max Winter, der sich seinen „Elendsfrack“ überzog und in die Rollen der Unterprivilegierten schlüpfte, deren Leben er in über tausend Reportagen schilderte.

Sein Werk (seine Bücher sind noch im Handel erhältlich! Z.B. Expeditionen in das dunkelste Wien) ist eine geradezu unerschöpfliche Quelle an Informationen über die Zeit zwischen der Jahrhundertwende und den 1920er-Jahren – und damit natürlich auch über die Kriminalität, das Polizeiwesen und die Justiz dieser Epoche.

Der Journalist Max Winter im „Elendsfrack“. Bildquelle: Arbeiterkammer.

Er war der Erfinder der verdeckten Reportage: Als Bettler, Strotter u.ä. verkleidet, mischte er sich unter die „Geächteten“, fror mit ihnen, wurde mit ihnen von der Polizei schikaniert – und in seiner bürgerlichen Existenz wurde der Abgeordnete vom politischen Gegner öffentlich als „Kanalstrotter-Jude“ verhöhnt.

Auch andere Journalisten, wie der Schriftsteller Emil Kläger und sein Fotograf, der Gerichtssekretär Hermann Drawe, wandten ihr Interesse den Bewohner*innen der „Quartiere des Elends und Verbrechens“ zu. I

m Jahr 1908 veröffentlichte der Journalist Emil Kläger eine Reportage, in der er über Menschen im Wiener Untergrund berichtete – Vagabunden, Außenseiter, die keinen Platz mehr in der Gesellschaft fanden und in der Kanalisation der immer größer werdenden Stadt lebten.

An der Wiener Urania hatte Kläger zuvor von seinen Erkundungen berichtet. Seine Lichtbildervorträge sorgten für volle Säle. Er legte auch eine beachtliche Fotosammlung an, aber er blieb doch noch in den finstersten Kanälen der Wissenschaftler, der distanziert das interessante Objekt „armer Teufel“ studiert. Immerhin, auf „die im Dunkeln“ fielen zunehmend Lichtstrahlen.

Transkript

(„Die Quartiere des Elends und Verbrechens“.) Im Uraniatheater gelangte gestern ein interessantes und erschütterndes Thema zur Sprache. Der durch zahlreiche Bilder unterstützte Vortrag heißt: „Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens. Wanderungen eines Wiener Strafrichters, unternommen vom Gerichtssekretär Hermann Drawe und Schriftsteller Emil Kläger.“

Unsere Leser haben durch die Artikelserie „Bei den Geächteten der Gesellschaft“ Gelegenheit gehabt, die Schlupfwinkel der Ärmsten unter den Armenkennen zu lernen.  Der gestrige Vortrag in der Urania (gesprochen vom Schauspieler Kramer) bildete den verbindenden Text zu mehr als hundert vom Gerichtssekretär Drawe an Ort und Stelle aufgenommenen fotografischen Aufnahmen. Dieselben zerfallen in sieben Gruppen, in denen jedes einzelne Bild von Not und Elend erzählt: Die Quartiere im Sammelkanal, im Wien-Kanal, „grüne Bettfrau“, Ziegelöfen, Typen, Massenquartiere und Wärmestuben. Das Auditorium, das den Zuschauerraum bis aufs letzte Plätzchen füllte, bestand zum größten Teile aus Personen, die ihr Beruf täglich mit den „Geächteten der Gesellschaft“ zusammenbringt, aus Richtern (Oberlandesgerichts- Präsident Baron Kallina, Landesgerichtsrat Leopoldt,, aus Vertretern der Sicherheitsbehörde (Polizeirat Stuckart u. a.), sowie aus zahlreichen Advokaten (Präsident der Advokatenkammer Dr. v. Feistmantel, Regierungsrat Bachrach und vielen anderen). Die Vorstellung fand lebhaften Beifall.

Transkript Ende

Emil Kläger: Durch die Wiener Quartiere des Elends und des Verbrechens, Verlag Danzig & Unfried, mit zahlreichen Fotos. Buchtitel Quelle Online-Buchhandel

Sozialreportagen wandern immer auf dem schmalen Grat zwischen Betroffenheit und wohligem Grauen, wie man die Schauobjekte einer Freak Show begaffte. Wir wissen nicht, ob Emil Kläger diese Gratwanderung schaffte, aber immerhin bestand sein Publikum weitgehend aus Fachleuten, die ein ernsthaftes berufliches Interesse an der Situation der „Geächteten“ hatten. Der Reporter der Arbeiter-Zeitung, Max Winter, der für seine Enthüllungsartikel aufs übelste beschimpft wurde, schlüpfte freiwillig in die Haut der „Geächteten“.

Der dritte große Berichterstatter über das Leben im Untergrund hatte erst gar keine Wahl: Der Arbeiterdichter Alfons Petzold musste hinunter in die stinkenden Höhlen, weil er kein anderes Quartier mehr fand. Sein Bericht erschien als Serie abgedruckt in der Illustrierten Kronen Zeitung 26. März 1905 ; wir bringen einen Auszug aus seiner Autobiografie, die im Rahmen des Gutenberg-Projekts digitalisiert wurde.

Alfons Petzold: Das raue Leben

Nun lud er mich ein, mit ihm diese Nacht im Sammelkanal zu verbringen, wo er schon einige Nächte hindurch logiert hatte. Ich lehnte vorerst schaudernd ab, aber mein Kamerad versicherte mir so lange, dass dieser Ort nicht so schrecklich sei, wie man glaube, dass es dort warm sei, man lustige Gesellschaft fände und vor allem vor der Polizei sicher sei, dass ich beschloss, ihm zu folgen.

Wir durchquerten in südöstlicher Richtung mehrere Stadtbezirke und gelangten in die Nähe des Hauptzollamts zu dem offenen Betonbett der Wien. Vorsichtig spähten wir in der verhältnismäßig einsamen Gegend nach einer Pickelhaube und stiegen, als wir uns unbeachtet wähnten, schnell über die niedrige Kaimauer und eine Eisentreppe hinunter, die uns auf die Sohle des Flussbettes führte. Die von dem Regen der letzten Tage angeschwollene Wien gurgelte zu unsern Füßen stöhnend im Kampf mit dem Frost. Wir schlichen auf dem vereisten Betonufer flussaufwärts, immer in Angst, hier noch einem Stromwächter zu begegnen oder aus der Höhe von der Blendlaterne eines Wachtmannes beleuchtet zu werden.

So atmeten wir auf, als wir die Finsternis eines Gewölbes über uns fühlten, auch war es hier verhältnismäßig warm. Ich hatte den Rockzipfel meines Kameraden erfasst, der langsam, aber mit Sicherheit in das gurgelnde Dunkel vor uns hineintappte. Eine Viertelstunde mochten wir so in der Unterwelt dahingeschlichen sein, als wir in der Ferne einen Lichtfaden erblickten; wir machten noch an die hundert Schritte, dann pfiff mein Kamerad einen schrillen Ton. Wie Gewehrgeknatter lief es durch den Riesentunnel. Gleich darauf antwortete ein gleicher Pfiff. Ein breiter Lichtkegel warf nun seinen Schein auf uns. Als mein Freund eine Art Jodler ausstieß, löste sich eine Gestalt aus einem Mauervorsprung. Es war ein Bursche unseres Alters, der eine selbstverfertigte Blendlaterne trug und sie uns unter die Nasen hielt. Beruhigt rief er hierauf in eine breite Mauerspalte, die ich erst jetzt bemerkte: »Der Mehlspeisxandl is’s, mit an neuchen Vaziratn!« Und zu meinem neuen Freunde: »Servas, Mehlspeisxandl, no ka Hackn dakläscht? No mach da nix draus, i hab a ka Glück ghabt! Wer is den dös?«

Ich stellte mich ihm mit wenigen Worten vor, worauf er mir die Hand schüttelte und versicherte, dass ich in meiner Lage gar nicht klüger hätte handeln können, als das Freihotel »Zum goldenen Ratzen« aufzusuchen. Wir traten alle drei in die Spalte ein, die eine Art Luftschacht war und nach wenigen Schritten in eine kleine Halle führte; überall roch es nach feuchtwarmem Moder; die Unschlittkerzen, die meine Kameraden angesteckt hatten, gaben ein unstetes Licht, erhellten den Raum aber doch so gut, dass ich alles darin wahrnehmen konnte. Das niedere Gewölbe aus Ziegelsteinen maß vielleicht zwei Meter im Quadrat; am Boden lagen alle möglichen Fetzen, Strohsacküberreste, Fragmente von Frauen- und Männerkleidern, auch dicke Lagen von Zeitungspapier, darauf rekelten sich sitzend oder liegend ein halbes Dutzend Gestalten. Es waren lauter Männer, von denen der jüngste etwa sechzehn, der älteste siebzig Jahre alt sein mochte. Ihre zerrissenen Kleider, die vielfach in Fetzen herunterhingen, die unrasierten, hohlwangigen Gesichter, die Entbehrungen, die aus ihrem ganzen Aussehen sprachen, kennzeichneten sie als die bejammernswürdigsten Bankerotteure der Gesellschaft.

Foto: „Die Küche im Wienkanal“, Foto von Erwin Drawe,
der 1908 mit Emil Kläger den Untergrund dokumentierte

Misstrauische Blicke trafen mich. Ein alter, total abgerissener Kerl, dem das eine Hosenbein in seiner ganzen Länge aufgeschlitzt war, so dass das nackte, mit Grind bedeckte Bein sichtbar wurde, torkelte auf mich zu, schob seine blutunterlaufenen Augen dicht an mein Gesicht und speichelte: »Wer san denn Sö, was wolln denn Sö, i kenn Ihnan ja nöt, Sö, ziagns wieda a, Sö!«

Der Bursche, der uns empfangen hatte, drehte sich um und gab dem alten, betrunkenen »Hanseltipper« (als solchen machte ihn die leere Anchovisbüchse erkennbar, die er mit einem Strick um die Hüfte gebunden hatte) einen Stoß mit der Achsel, dass er an die Wand taumelte und dann auf die Erde rutschte, wo er liegenblieb. Jetzt waren noch einige der Anwesenden aufgestanden und uns entgegengetreten. Neugierde ist wie der Kork auf dem Wasser, sie geht auch im tiefsten Elend nicht unter. Eine Menge Fragen über meine Herkunft musste teils mein neuer Freund, der Mehlspeisxandl, teils ich beantworten, dann aber war das Eis gebrochen, und sie behandelten mich wie einen alten Bekannten. Alles legte und setzte sich nieder, auch ich ließ mich an der Seite des Mehlspeisxandl auf einen Haufen von Lumpen nieder, der muffig genug roch und sich feucht anfühlte, aber vertrauenerweckender aussah als meine Schlafstätte vom Abend vorher. Aus den Reden, die um mich herum geführt wurden, hörte ich vieles heraus, was mich von dem Schicksal der Leidensgefährten unterrichtete. Es waren Arbeitsuchende wie ich, aus der Strafanstalt eben Entlassene, seit Monaten Obdachlose, von der Polizei Gehetzte. In vielfacher Variation hallte das eine Grundthema an mein Ohr: großstädtisches Proletarierelend. Wie wir da saßen oder lagen, in abfaulende Lumpen gehüllt, eine dünne Klostersuppe im Magen, als einzigen Genuss einen aufgeklaubten Zigarren- oder Zigarettenstumpf zwischen den Zähnen, Ratten und den stinkenden Wienfluss zu Nachbarn und immer in der Furcht, der Polizei in die Hände zu fallen, waren wir ausgestoßener von jeder Gemeinschaft der Menschen als der Verbrecher, der in seiner Zelle saß und vor Hunger, Krankheit und anderem Bösen behütet wird.

Transkript Ende

Quellen

meine meinung

„Sollen halt was hackeln“ – hört man das nicht auch heute noch oft genug angesichts von Menschen, die sich nur mehr stumpfsinnig durchs Leben schleppen? Geben wir das Wort Alfons Petzold, wie es ist, wenn das Elend alle körperlichen und seelischen Kräfte aufgezehrt hat, wenn nichts mehr bleibt als Resignation: „Und doch waren wir alle zu schwach zur Auflehnung, unsere Entkräftung lähmte den Willen, so dass wir ungefährlicher wurden als die gejagte Ratte. Daher die unfassbare Existenz der Großstadtvagabunden, der Hanseltippler, die oft jahrzehntelang obdachlos waren und längst schon vergessen hatten, dass es andere Genussmittel gibt als verfaultes Obst und Klostersuppen, deren einzige Betäubungsmittel die schalen Bierüberreste sind …“

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