#FAQ15/049 Wie war die Wohnsituation im 15. Bezirk? Teil 2: 1934-1945

Was Sie schon immer über Rudolfsheim-Fünfhaus wissen wollten …

Seit 2007 findet jährlich in allen Wiener Bezirksmuseen der Tag der Bezirksmuseen mit wechselnden Themen statt. 2017 ging es um „Wiener Gemeindebauten“. In den folgenden drei Folgen erfahren Sie mehr über die Wohnsituation im Gebiet des heutigen 15. Bezirk in der Zeit von 1900 bis in die Gegenwart. Teil 2 befasst sich mit der Zeit von 1934-1945. In Teil 1 geht es um die Zeit von 1900-1930.

Sie interessieren sich für interessante Details aus Vergangenheit & Gegenwart von Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Wiener Gemeindebezirk? Dann sind Sie hier richtig beim Blog WIENfünfzehn!

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FAQ=Frequently Asked Questions (häufig gestellte Fragen)

BÜRGERKRIEG UND AUSTROFASCHISMUS: ENDE DER ÄRA DES ROTEN WIEN

Am 12. Februar 1934 kam es zum Bürgerkrieg. Die Kämpfe in Wien dauerten drei Tage, dann hatte die Einheitsfront von Bundesheer, Polizei und Heimwehr gesiegt. Schon zu Beginn der Kämpfe wurde das Gewerkschaftshaus in Fünfhaus gestürmt, wo die Polizei fälschlicherweise das Hauptquartier des Schutzbundes vermutet hatte. Unter den zahlreichen Verhafteten war auch August Forstner (1876-1941). 1949 wurde der Forstnerhof nach ihm benannt – August Forstner lebte selbst längere Zeit in diesem Bau).

August Forstner 1907, Wikipedia gemeinfrei

Nach den Ereignissen des Februar 1934 und dem darauf folgenden Austrofaschismus (1934-1938) endete die Ära des Roten Wien und der soziale Wohnbau geriet in eine tiefe Krise. Viele Bauten waren während der Februarkämpfe 1934 zerstört worden, später wurden Polizeiwachstuben darin untergebracht.

„Familienasyl“ in der Tautenhayngasse 28, benannt nach dem Heiligen Engelbert, um 1950

Einzig für kinderreiche, von Obdachlosigkeit bedrohte Familien errichtete die Stadtregierung sieben sogenannte Familienasyle mit insgesamt ca. 1.000 Wohnungen in ganz Wien. Der Standard dieser Anlagen fiel jedoch weit hinter jenen des Wohnbauprogramms des „Roten Wien“ zurück: so wurden in die Anlagen etwa erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Stadt Wien Gasleitungen verlegt.

Benannt wurden diese Bauten nach Heiligen. Das einzige „Familienasyl“ im 15. Bezirk wurde in der Tautenhayngasse 28 errichtet. An der Nordwestecke des Baus befindet sich eine von Anton Endstorfer (1880-1960) geschaffene Sandsteinfigur des Hl. Engelbert, nach dem der Bau benannt wurde.

NATIONALSOZIALISMUS: „ARISIERUNG“ + BAU VON VOLKSWOHNHEIMEN

Am 14. Juni 1938 begann die nationalsozialistische „Arisierung der Gemeindebauten“, im Zuge derer jüdischen Parteien in unserem Bezirk gekündigt wurde. Durch Delogierung der jüdischen Bevölkerung sollten viele Wohnungen frei werden.

Da die Gemeindebauten nicht in den Mieterschutz fielen, reichte es, eine Kündigung auszusprechen. Gekündigte Mieter*innen fanden sich in Sammelwohnungen wie im Haus Braunhirschengasse 26/2 wieder und wurden später deportiert, wie etwa Moritz und Johanna Deutsch, die im KZ Theresienstadt starben.

In einem Brief an die Städtische Wohnhäuserverwaltung bittet eine Frau Ernestine Meer um Aufschub der Kündigung aus der Wohnung in der Rauchfangkehrergasse 26 zum 31.7.1938 für ihre Eltern Berta und Hermann Schleicher und appelierte an die „Großherzigkeit und Gerechtigkeit“. Die alten und kranken Eltern mussten schließlich in eine Sammelwohnung in der Heinestraße (1020 Wien) ziehen und wurden am 5.6.1942 nach Izbica deportiert.

Ersuchen um Aufschub der Kündigung aus einer Gemeindewohnung in der Rauchfangkehrergasse 26

Andere lebten als sogenannte „U-Boote“ versteckt oder mit falschen Papieren in Wien. Wer konnte, wanderte aus. Bei einigen war die Verzweiflung so groß, dass sie den Freitod wählten, wie Helene Wengraf, die am 1.8.1938 aus in ihrer Wohnung im „Heimhof“ delogiert worden war.

Die „Stadtplanung“ der Nationalsozialisten bestand in der Hauptsache in der systematischen Zerstörung jüdischen Eigentums und Enteignungen. Während einige Architekten ihre Lizenz verloren, wurden andere mit der Errichtung von sogenannten Volkswohnhäusern, wie man die Bauten des kommunalen Wohnbaus nannte, Kasernen und Rüstungsbauten beauftragt.

Ab 1941 wurde die Bautätigkeit kriegsbedingt größtenteils eingestellt und die Strukturen der Stadtplanung aufgelöst. In Folge des Krieges wurden große Teile Wiens zerstört.

Im 15. Bezirk entstanden zwischen 1941 und 1944 vier solcher Volkswohnhäuser, und zwar in der Jheringgasse 3-5 (1941), in der Matthias-Schönerer-Gasse 14-18 (1942), in der Alliogasse 8-10 und in der Camillo-Sitte-Gasse 11-13 (beide 1944).

LITERATUR & QUELLEN

Autengruber, Peter / Schwarz, Ursula: Lexikon der Wiener Gemeindebauten, Wien-Graz-Klagenfurt 2013

Exenberger, Herbert / Koß, Johann / Ungar-Klein, Brigitte: Kündigungsgrund Nichtarier. Die Vertreibung jüdischer Mieter aus den Wiener Gemeindebauten in den Jahren 1938-1939, Wien 1996

Klusacek, Christine/ Stimmer, Kurt: Rudolfsheim-Fünfhaus. Zwischen Wienfluß und Schmelz, Wien 1978

Podbrecky, Inge: Rotes Wien. Gehen & Sehen, 5 Routen zu den gebauten Experimenten, Von Karl-Marx-Hof bis Werkbundsiedlung, Falter Citywalks 4, Wien 2013

Der Wiener Gemeindebauten – wienerwohnen.at

Liste der Gemeindebauten in Rudolfsheim-Fünfhaus


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(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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2 Kommentare zu „#FAQ15/049 Wie war die Wohnsituation im 15. Bezirk? Teil 2: 1934-1945

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