#FAQ15/042 Für welches heute noch bestehende Gebäude im 15. Bezirk hat ein österreichischer Kaiser persönlich den Bauplatz ausgesucht?

Was Sie schon immer über Rudolfsheim-Fünfhaus wissen wollten …

Hier erfahren Sie regelmäßig interessante Details aus Vergangenheit & Gegenwart von Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Wiener Gemeindebezirk.

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FAQ=Frequently Asked Questions (häufig gestellte Fragen)

Reindorfkirche um 1800 in Echsel 1888

Es waren einmal 5 Dörfer …

Auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks befanden sich die Vororte Reindorf, Rustendorf, Braunhirschen, Fünfhaus und Sechshaus. Diese waren Ende des 18. Jahrhunderts auf 210 Häuser angewachsen und zählten bereits mehr als 3000 Einwohner*innen. Was ihnen fehlte, war eine eigene Kirche. Denn Reindorf, Braunhirschen, Sechshaus und Fünfhaus gehörten zur Pfarre Gumpendorf, wo sich auch die Grundherrschaft befand. Rustendorf, sowie einige Häuser von Braunhirschen waren der Penzinger Pfarre zugeordnet. (vgl. Echsel 1888)

… ein Kaiser

Joseph II. (1741-1790) – Sohn von Maria Theresia (1717-1780) – ließ – ganz im Sinne der Aufklärung für den Staat nicht nützliche Kloster aufheben.

Kaiser Joseph II. Wikipedia gemeinfrei

Mit einem Erlass vom 12. Jänner 1782 begann Joseph mit der Schließung von Klöstern, in denen man sich dem rein kontemplativen (beschaulichen) Leben widmeten und die „weder Schule halten, Kranke betreuen, predigen oder den Beichtstuhl versehen, in den Schulen sich hervortun“. Das Pfarrwesens wurde neu organisiert und es entstanden über 3.000 neue Pfarren.

Aus den Gütern und Besitzungen der aufgehobenen Klöster gründete Joseph 1782 den sogenannten „Religionsfonds“. Dieser wurde u.a. verwendet, um die Gehälter für Pfarrer und Kapläne der neu gegründeten Pfarren zu finanzieren. (vgl. Martin Mutschlechner: Die Welt der Habsburger)

… und (noch) keine Kirche

Die fünf Gemeinden ohne Kirche baten den Kaiser, aus diesem Fonds die Mittel für den Bau einer gemeinsamen Kirche zu bewilligen. In ihrer Begründung führten sie – neben der wachsenden Zahl der Bewohner*innen – an, dass „der Weg in die Gumpendorfer Kirche mehr als eine halbe Stunde betrage, auch könne man zur Nachtzeit im Falle eines Versehganges (*) nur auf Umwegen über die Schönbrunner Brücke nach Gumpendorf gelangen, da die Linie gesperrt sei“ (Echsel 1888: 133).

(*) Versehgang: Gang des katholischen Priesters zur Spendung der Sakramente an Kranke, besonders an Sterbende (vgl. Wikipedia)

Zwischen den Vororten und Vorstädten von Wien (1850 wurden die Vorstädte nach Wien eingemeindet) befand sich zwischen 1704 und 1890 eine Befestigungsanlage, der Linienwall. An den wichtigsten Ausfallstraßen waren Tore mit Zugbrücken und Linienämtern, kurz „Linie“ genannt. Nur dort konnte man in die Stadt kommen.

Zur Gumpendorfer Kirche (Pfarrkirche hl. Ägidius in der heutigen Brückengasse 5) musste man die Mariahilfer Linie passieren (etwa auf der Höhe der heutigen Mariahilferstraße zwischen dem 15. und dem 6. Bezirk). Um sich nun den Umweg zu ersparen, sollen einzelne Kirchenbesucher*innen und sogar ganze Hochzeitszüge den Linienwall mittels Leitern überstiegen haben, was sicher sehr komisch anzusehen war. (vgl. Echsel 1888: 133)

Der Bitte um eine eigene Kirche wurde 1784 entsprochen. Kreis-Kommissär Joseph Freiherr von Mannagetta ließ der Herrschaft Reindorf folgende Antwort zukommen:

in: Echsel 1888: 134


Transkript

„Der Herrschaft Reindorf zuzustellen.
„Die Hochlöbliche Landesregierung hat mittels Decret
„vom 14. et präs. 25. October anher erinnert: Ueber die
„nach Hof begleitete Bitte der Gemeinden Reindorf, Fünfhauß,
„Dreihauß um Beförderung des Kürchenbaues, sey
„unterm 2. et präs. October diß herabgediehen; die endliche
„Berichtigung der disfälligen Riße und Ueberschläge werde
„von Seiten der k. k. General-Baudirection ehestens erfolgen, den
„Plaz habe aber auch mittelst des Creißamtes zu bestimmen.“
„Die Herrschaft Reindorf hat daher nebst Mitbringung
„der Gemeinde Reindorf präs. Ausschuß auf den 6. November
„frühe um 9 Uhr bey dem Richter zu Reindorf zu erscheinen,
„und daselbst die Creysamtliche Commission abzuwarten.
„Von dem Kays. Königl. Creyß-Amt des V. U. W. W. (*)
„Wienn, den 27. October 1784.
Joseph Freiherr von Mannagetta m.p.
Kreis-Commissär.“


Transkript Ende

(*) V. U. W. W.: Das Industrieviertel, altertümlich Viertel unter dem Wienerwald, ist der südöstliche Teil Niederösterreichs (Wikipedia)

Wo soll die neue Kirche stehen?

Nun ging es darum, zu bestimmen, wo die Kirche gebaut werden sollte. Darüber waren sich die Gemeinden aber nicht einig. „Jede derselben war bestrebt, die Kirche auf ihren Grund zu bekommen.“ (Echsel 1888: 134).

Und hier kommt Joseph II. ins Spiel!

Franz Echsel schreibt dazu:

„Es heißt, dass der Kaiser selbst bei Gelegenheit eines Spazierrittes den Platz bestimmte. Es wurden Gumpendorf, Penzing, Hietzing und die Mariahilfer Linie als die Eckpunkte eines Vierecks angenommen und im Mittelpunkte derselben der Platz für die Kirche ausgemittelt.“ (Echsel 1888: 134)

Der Bauplatz befand sich in der heutigen Reindorfgasse – damals im Vorort Braunhirschen gelegen. Angekauft wurde er durch die Gemeinden Reindorf und Braunhirschen. Das Geld wurde durch Sammlung aufgebracht.

Nach einigen weiteren Verzögerungen wurde schließlich am 10. Juni 1787 mit dem Bau begonnen. Neben der Kirche wurde auch ein Pfarrhof und ein Schulhaus (Ecke Reindorfgasse / Oelweingasse; an dieser Stelle heute das Gasthaus Quell) errichtet. Die Pläne stammten vom Architekten und Baumeister Johann Michael Adelpodinger (1734-1800). Die Pfarrkirche Reindorf zählt zu seinen bedeutendsten Bauwerken.

Es wird berichtet, dass Kaiser Joseph II. während des Baus öfters nachzusehen pflegte. Da er meinte, dass diese zu klein ausfallen dürfte, soll er im August 1787 befohlen haben, diese – entgegen der ursprünglichen Pläne – zu vergrößern. Dabei soll er die prophetischen Worte gesprochen haben: „Es werden sich hier viele Leute ansiedeln“. (vgl. Echsel 1888: 135)

Die Kirche ist fertig!

1788 kam es aufgrund der finanziellen Engpässe wegen des Zweiten Russisch-Österreichischen Türkenkriegs von 1787–1792, zu einem Baustopp vieler Staatsbauten – so auch der Reindorfkirche. Die Gemeinden wandten sich abermals an den Kaiser und baten um die finanzielle Mittel, um den Bau fertigzustellen. Nach einem Bericht der Bauführung wurden diese schließlich gewährt. Am 3. Juli 1788 wurde angeordnet, dass die Bautätigkeit wieder aufgenommen wird.

Am 8. November 1789 wurde der Bau schließlich vollendet und zur „Heiligen Dreifaltigkeit“ geweiht. Der erste Pfarrer war Urban Franz Mayer, der von 1789-1794 tätig war.

Lithographie Ferdinand v. Wetzlsberg (1795-1846) aus Darnaut „Kirchliche Topographie von Österreich“ Wien 1824

Die Einrichtung stammte überwiegend von aufgelassenen Kirchen. Das Altarbild „Heilige Dreifaltigkeit“ stammt von Franz Anton Maulbertsch (1724-1796), die Seitenaltarbilder von Martino Altomonte (1657-1745). 1861 wurden an der Nordseite ein Seitenschiff und eine Sakristei angebaut. 1944 wurde die Reindorfkirche durch einen Bombentreffer beschädigt und nach dem Krieg restauriert. In den Jahren 1979 bis 1981 erfolgte eine Restaurierung. (vgl. Klusacek / Stimmer 1978: 144f)

Es fehlt aber noch die Turmuhr

Franz Echsel schreibt dazu:

„Aber trotzdem die Reindorfer einen Thurm mit Glocken besaßen, welche die Pfarrkinder zum Gebete riefen (…) wussten sie dennoch nie, wie viel es geschlagen hatte; denn es fehlte die Thurmuhr.“ (Echsel 1888: 140)

Die Gemeinden Fünfhaus, Sechshaus, Reindorf, Rustendorf und Braunhirschen sowie Baron und Baronesse von Arnstein spendeten insgesamt 1571 fl. [(Florentiner) Gulden, lat. florenus aureus].

Im Jahre 1807 stellte der Uhrmacher Franz Egidius Arzt eine Turmuhr zum Preis von 1000 fl. her, die Nebenkosten beliefen sich auf 481 fl.

Franz Egidus Arzt, Mechanikus, auf der Laimgrube in der Kothgasse 123 im eigenen Haus. Verfertigt große Spiel= und Kunst Uhren, auch Fabrikaturs=Maschienen.
in: Vollständiges Auskunftsbuch, oder einzig richtiger Wegweiser der kaiserl. und kaiserl. königl. in der Haupt- und Residenz-Stadt Wien: Für Kaufleute, Fabrikanten, Künstler und Hand-werker, vorzüglich aber für Fremde, auf das Jahr 1805, Band 1805
Reindorfkirche in den 1950er-Jahren. Aquarell von Hermann Kosel (1896-198); österreichischer Maler und Grafiker

Dreifaltigkeitssäule

1989 wurde anlässlich des 200-Jahr-Jubiläums der Pfarre eine Dreifaltigkeitssäule am Platz vor der Reindorfkirche aufgestellt. Es handelt sich dabei um eine alte Barocksäule, die vom Maler und Glaskünstler Hermann Bauch (1929-2006) instand gesetzt und mit einem Sockel und einer Jubiläums-Inschrift versehen wurde. (vgl. Festschrift 225 Jahre Pfarre Reindorf 2017, S. 39)

Gloria
Trinitas
1789
1989
200 Jahre
Pfarre
Reindorf

Und so kam es, dass der österreichische Kaiser Joseph II. persönlich den Bauplatz für die Reindorfkirche auswählte.

Die Reindorfkirche ist das älteste Gebäude in Rudolfsheim-Fünfhaus.

Quellen

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Jede Belehrung und Berichtigung, welche in Beziehung auf größere Vervollkommnung und Gemeinnutzmachung dieser Herausgabe beabsichtigt ist, wird mit dem ausgezeichnetsten Danke empfangen.

(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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