Mit miasmatischen Ausdünstungen geschwängerte Luft in Fünfhaus

In unserer Rubrik Bezirks[Museums)News bringen wir ab jetzt immer wieder einmal Historisch Vermischtes. Diese Neuigkeiten aus der Vergangenheit geben Ihnen einen kleinen Einblick in die großen und kleinen Sorgen und Nöte der Menschen, die um 1900 im heutigen 15. Bezirk lebten.

Historisch Vermischtes – Neuigkeiten aus der Vergangenheit

Historisch Vermischtes: Neuigkeiten aus der Vergangenheit

Lesen Sie heute einen Bericht in der Gemeindezeitung vom 20. September 1871 und einen Leserbrief in der Deutschen Zeitung vom 30. Oktober 1872 in dem es um die besorgniserregenden hygienischen Zustände in Fünfhaus und Sechshaus geht.

Solche Misstände begünstigen den Ausbruch und das Fortbestehen von Epidemien – in diesem Fall der Cholera.

„ein ganzes Knochenlager von verwesten Thieren.“

Gemeindezeitung vom 20.9.1871 , Quelle ANNO

Transkript

Vorsichtsmaßnahmen gegen die Cholera. In den Wiener Vororten Fünfhaus, Rudolfsheim, Sechshaus werden soeben die umfassendsten Vorkehrungen getroffen, den Ausbruch einer Epidemie hintanzuhalten. So hat sich ein Komitee aus dem Bezirksarzte, mehreren Bauverständigen und Gemeindevertretern gebildet, unter dessen Aufsicht die Desinfektion der Unrathskanäle Senkgruben und Aborte mittels einer Lösung von Eisenvitriol (1) vorgenommen wird. Wie Vieles die Sanitätspflege in den Vororten zu wünschen übrig lässt, beweist der Umstand, daß die genannten (sic!) Kommission in mehreren Häusern von Fünfhaus ein ganzes Knochenlager, von verwesten Tieren herstammend, sowie Unrathsablagerungen vorfand, wodurch die Luft mit miasmatischen (2) Ausdünstungen geschwängert wurde. Die Kommission ordnete die sofortige Beseitigung dieser Uebelstände an.

(1) Vitriol ist ein Trivialname für die kristallwasserhaltigen Sulfate (Salze der Schwefelsäure). Eisenvitriol wird in der Stofffärberei (Eisenbeizen, Indigoküpe), zur Herstellung verschiedener Farbstoffe (z. B. Berliner Blau zur Schwarzfärbung von Leder), zur Herstellung von Tinte (Eisengallustinte) und zur Desinfektion verwendet. Quelle Wikipedia
(2) Miasma (altgriechisch) bedeutet so viel wie „übler Dunst, Verunreinigung, Befleckung, Ansteckung“ und bezeichnete vor allem eine „krankheitsverursachende Materie, die durch faulige Prozesse in Luft und Wasser entsteht“. Quelle Wikipedia

Transkript Ende

Hier können Sie sich eine Audioaufnahme des Zeitungsartikels anhören.

„hier herrschen gerade schauderhafte Sanitätszustände.“

Deutsche Zeitung vom 30.10.1872, Quelle ANNO

Transkript

Herr Redacteur!

Es steht der Ausbruch der Cholera auch in Wien zu besorgen. Ob in Wien die nöthigen sanitären Vorkehrungsmaßregeln getroffen werden, weiß ich nicht, das weiß ich aber, daß, wenn die Cholera wirklich in Niederösterreich ausbrechen sollte, der politische Bezirk Sechshaus und namentlich Sechshaus selbst, ein auch die Stadt Wien bedrohender Herd dieser Epidemie sein wird. Denn hier herrschen geradezu schauderhafte Sanitätszustände. Ueberbevölkerte Dachboden- und Kellerwohnungen in jeder Gasse, die Canalisirung im primitivsten Zustande, die Räumung der Senkgruben eine mangelhafte, die Aborte fast durchgehends offen und vorwiegend unreinlich, die Luft in den Häusern verpestet. Seit Monaten schon verlangen, die im Bezirke prakticirenden Aerzte eine sanitäre Untersuchung des Zustandes der Häuser, die Desinfektion der Canäle, Senkgruben und Aborte. Alles umsonst! Der hier angestellte Bezirksarzt Dr. Mülisch existirt zwar noch immer, aber nur nicht für den ihm unterstehenden Bezirk. Möchte sich doch die Statthalterei bewogen finden, die Abstellung der gerügten Uebelstände mit Umgehung des Herrn Bezirksarztes schleunigst zu veranlassen.
Wien, 29. October 1872
Hochachtungsvoll
Ein in Sechshaus domicilierender (1) Wiener 

(1) seinen Wohnsitz haben, ansässig sein. Quelle: Wissen.de

Transkript Ende

Hier können Sie sich eine Audioaufnahme des Zeitungsartikels anhören.

Mit „(sic!)“ sind jene Stellen gekennzeichnet, die auch nach damaliger Rechtschreibung einen Fehler darstellten.

Die Cholera

Cholera („Gallenfluss“), ist eine schwere bakterielle Infektionskrankheit vorwiegend des Dünndarms, die durch das Bakterium Vibrio cholerae verursacht wird. Die Infektion erfolgt zumeist über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung. Die Bakterien können extremen Durchfall und starkes Erbrechen verursachen, was zu einer schnellen Austrocknung des Körpers führen kann. Obwohl die meisten Infektionen (etwa 85 %) ohne Symptome verlaufen, beträgt die Sterblichkeit bei Ausbruch der Krankheit unbehandelt zwischen 20 und 70 %. Quelle: Wikipedia

Die Cholera in Wien

Choleraseuche in Wien (1831 bis 1873)

Die ersten Fälle von Choleraerkrankten gab es in Wien im Jahr 1831.

Der Erreger wurde erstmals 1854 von Filippo Pacini als Cholera beschrieben. Den Ursprung der Krankheit findet man im indischen Subkontinent, die ersten Pandemien gab es im 19. Jahrhundert, die über Hamburg dann auch bis in die USA gelangten. Die letzte Pandemie ereignete sich im Jahr 1961, damals hat sich die Cholera erneut von Asien bis nach Westeuropa ausgebreitet.

Der Erreger wird durch verseuchtes Essen oder Wasser übertragen und ist eine klassische Erkrankung der Armen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.

Dieser fehlende Zugang zu sauberem Wasser war auch die Hauptursache für die Choleraseuche in Wien von 1831 bis 1873. Im Spätsommer des Jahres 1831 gab es die erste Choleraepidemie, vor allem der erste und zweite Wiener Gemeindebezirk waren stark betroffen.

Das regionale Verbreitungsmuster der Cholera in Wien ist höchst interessant; Menschen, die in höher gelegenen Vorstädten oder Vororten lebten, waren von der Cholera kaum betroffen. In Grinzing, zum Beispiel, gibt es keine Aufzeichnungen über auch nur einen Choleratodesfall. Ganz anders sah es in den donaunahen und niedrig gelegenen Vierteln der Stadt aus. In der Inneren Stadt, der Roßau und am Alser Bach, die häufig mit Überschwemmungen zu kämpfen hatten, wurden in nicht weniger als 40 Prozent der Haushalte Cholerafälle gemeldet.

Notspitäler für Choleraerkrankte

 J. Franz-Ferron schreibt in seinem Buch „Neu Wien“ von 1892, dass die Zahl der Erkrankten sehr schnell stieg und die Verantwortlichen in den Gemeinden Sechshaus und Rustendorf daher beschlossen, zwei Notspitäler für Choleraerkrankte, u.a. das Allgemeine öffentliches Bezirkskrankenhaus in Sechshaus in der heutigen Sechshauserstraße 69–71 zu errichten.

Das Krankenhaus wurde 1891 geschlossen, nachdem das ursprünglich als „Kaiser Franz Joseph-Krankenhaus in Rudolfsheim“ bezeichnete neue Krankenhaus auf der Schmelz im – heutigen – 15. Wiener Gemeindebezirk im November 1890 fertiggestellt worden war.

An der Stelle des Krankenhauses – damals Hauptstraße 71 – 75, heute Sechshauser Straße 71 – befindet sich heute die Neue Mittelschule mit Schwerpunkt Informatik – NMSI 15.

Bezirksspital Sechshaus
Das Krankenhaus in Sechshaus um 1880

Auf der Schmelz wurde eigens ein Friedhof für Choleratote errichtet. Im Heimatbuch von Edgar Weyrich aus dem Jahr 1922 wird weiters erwähnt, dass Menschen im 14. und 15. Bezirk im 19. Jahrhundert neben Cholera, am häufigsten an Masern, Diphterie, Scharlach und Keuchhusten litten.

Anlegen von Cholera-Kanälen

Um dem Sterben der Bevölkerung entgegen zu wirken, begann man mit dem Bau von Cholera-Kanälen entlang des Wienflusses, die in der Donau endeten. Diese verursachten aber vor allem im Sommer Probleme, da sie regelmäßig austrockneten. Auch der Bau der Kaiser-Ferdinands-Wasserleitungen brachte nicht den erhofften Erfolg, da das Wasser aus der Donau nur durch Schotter filtriert wurde und die Wasserqualität darunter litt.

Wiener Hochquellwasserleitung

Die erfolgreichste Maßnahme gegen Cholera war der Bau der Wiener Hochquellwasserleitung von 1866 bis 1873 und die daraus resultierende Versorgung der Stadtbevölkerung mit Alpenquellwasser.

Eduard Suess, Professor der Geologie und Präsident der Akademie der Wissenschaften, war in verschiedenen Gremien als linksliberaler Abgeordneter tätig und maßgeblich am Erbau der Ersten Wiener Hochquellenwasserleitung beteiligt. Der Ursprung der Leitung war am Fuß des Schneebergs, 1872 legte man den Wasserspeicher Schmelz (heute Meiselmarkt) an.

Insgesamt starben während der Choleraseuche rund 19.500 Wienerinnen und Wiener. Für lange Zeit konnte die Wiener Bevölkerung die Choleraepidemie nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängen und auch heute erinnert das bei einem Massengrab von Choleratoten errichtetetes Kreuz im 19. Bezirk an die Seuche, die die Stadt für immer verändert hat.

Mehr zum Thema Cholera in Wien und im 15. Bezirk finden Sie hier

Quellen:
Hahn, Michael: Der Bezirk Sechshaus. Wien 1853
Franz-Ferron, J. : Neu-Wien. Ein Rückblick auf die Geschichte der am 21. December 1891 zur Kommune Wien einverleibten Vororte-Gemeinden, Wien 1892, Verlag von Julius Kühkopf’s Buchhandlung in Korneuburg.
Weyrich, Edgar: Rudolfsheim und Fünfhaus. Ein Heimatbuch. 3. Teil, Wien 1922, Selbstverlag des Heimatausschusses der Lehrerschaft im VI. Wiener Inspektionsbezirke
Wiener Archivinformationssystem
Wien Geschichte Wiki

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4 Kommentare zu „Mit miasmatischen Ausdünstungen geschwängerte Luft in Fünfhaus

  1. Das Cholerakreuz in Döbling befindet sich auf den höchsten Punkt der Agnesgasse, ein kleines Stück bergauf bei den Weingärten.

    Hochinteressanter Artikel! Lgbb

    Gigaset GS270

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