Ein Polizist als Mörder und Selbstmörder – ein ungelöstes Rätsel

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

Verfolgen Sie heute mit uns ein Kriminalrätsel aus dem Jahr 1912 um den Polizisten Wenzel Sobola, der gleichzeitig Mörder und Selbstmörder war.

History & Crime

Am 26. Dezember 1912 ereignete sich in Wien ein „erweiterter Selbstmord“: Der junge Polizist Wenzel Sobola erschoss seine (schwangere?)  Geliebte Marie Kalina mit deren Einverständnis und dann sich selbst. Solche Tragödien waren an der Tagesordnung, doch dies ist ein Fall, der einige sehr ungewöhnliche Züge aufweist. Das unglückliche Paar wurde nämlich – und das zu einer Zeit, als Selbstmord als Schande und schwere kirchliche Verfehlung galt – nicht nur unter großer öffentlicher Anteilnahme der Vorgesetzten und Kollegen in einem doppelten Galabegräbnis zu Grabe getragen, sondern auch in der Karmeliterkirche eingesegnet. Beide wurden in Hochzeitskleidung begraben. Auch die Berichterstattung ist merkwürdig lückenhaft. Lässt sich aus den damaligen Zeitungsberichten entnehmen, was das Besondere an dieser tragischen Tat war?

Illustrierte Kronenzeitung, 29.12.1912, S. 4

Das tragische Ende des Polizeibeamten und seiner Geliebten

Der 28-jährige Sicherheitswachmann Wenzel Sobola hatte sich am 27. Dezember, dem Tag der Tat, in Zivilkleidern aus der Kaserne in der Kellinggasse 2, (heute Wien 15, Sechshaus), entfernt, sich mit seiner Geliebten am Vormittag in einem Hotel getroffen und dort den erweiterten Selbstmord begangen.

Das Polizei-Kommissariat Kellinggasse (früher Meidlinger Gasse, 1894 umbenannt nach dem Lederfabrikanten Dionysius Kelli ( 1746-1806), gehörte damals zum 14. Bezirk; in der Zeitschrift „Feuerwehr-Signale“, Jahresübersicht 1898, vom 20. Dezember 1898 sind folgende Dienststellen verzeichnet:

Feuerwehr-Signale, 20.12.1898
Kellinggasse 2
Pereiagasse (jetzt Jurekgasse) 3
Dadlergasse 16
Hütteldorferstraße 71
Johnstraße 7

Mehrere Zeitungen berichteten über das Drama, die Artikel sind jedoch weitgehend deckungsgleich, offenbar wurde hier einfach eine kurze, offizielle Aussendung abgeschrieben. Steckte dahinter ein Maulkorb-Erlass? Ausführlicher berichteten nur die „Kronen-Zeitung“ und die „Neue Zeitung“. Und auch bei ihnen ist weniger interessant, was berichtet wird – beim Durchblättern der historischen Zeitungen stößt man sehr häufig auf Morde, Selbstmorde und erweiterte Selbstmorde aus unglücklicher Liebe  – als was sie diskret verschweigen, obwohl es bekannt gewesen sein muss. Das sind z.B.  Name und Adresse des „kleinen“ (also offensichtlich unbedeutenden) Hotels, in dem die Tat geschah. Auf wen wurde hier Rücksicht genommen? War der Hauswirt ein so wichtiger Mann? Aber das ist nicht das einzige Rätsel in diesem Fall!

Hören wir die „Neue Zeitung“ am 28. Dezember 1912.

Neue Zeitung, 28.12.1912

„Neue Zeitung“ am 28. Dezember 1912, Transkript BB

Ein Liebesdrama. Wachmann und Dienstmädchen.

In einem kleineren Hotel im 2. Bezirk hatte sich gestern vormittags ein junges Paar eingemietet. Das Paar, das nicht auffällig erschien, zog sich in das ihm angewiesene Zimmer zurück und ließ sich tagsüber nicht blicken. Am Abend, als man weder ihn noch sie gesehen hatte, fiel es doch auf, da ja auch das Mittagsmahl vorübergegangen war und nun schon nahezu die Zeit für das Abendbrot gekommen war.

Transkript Ende

Bei diesem jungen Paar handelte es sich um:

Sicherheitswachmann Wenzel Sobola, 28, gebürtig aus der Ortschaft Benatek im Bezirk Leitomischl, war in der Kaserne in der Kellinggasse untergebracht, aus der er sich am Tag vor der Tat in Zivilkleidung unerlaubt entfernt hatte; mehr ist über ihn nicht bekannt. Dienstmädchen Marie Kalina, Alter unbekannt, zuletzt wohnhaft bei ihrer Schwester im 21. Bezirk, Bismarckplatz 15, Weiteres unbekannt. Beide hatten seit längerer Zeit ein Liebesverhältnis miteinander und auch ein gemeinsames Kind (wobei den Berichten nicht eindeutig zu entnehmen ist, ob Kalina schwanger war oder die beiden bereits ein lebendes Kind hatten). Die Frau hatte schon am Vortag die Wohnung ihrer Schwester verlassen, offenbar um sich mit ihrem Geliebten zu treffen. Wo beide die Nacht verbracht hatten, bevor sie sich am Morgen in das „kleine Hotel im 2. Bezirk“ begaben, ist unbekannt. Dort ereignete sich dann die Tragödie, von der die „Neue Zeitung“ weiter berichtet:

Neue Zeitung, 28.12.1912

Transkript Neue Zeitung, 28. Dezember 1912, Fortsetzung

Das Stubenmädchen sah bei der Türe nach und klopfte erst leise, dann lauter an, doch im Inneren des Zimmers blieb es still. Nun machte die Magd davon dem Portier Mitteilung und auch er versuchte mit dem gleichen Misserfolg sich bemerkbar zu machen. Nun schien es doch, als wäre im Zimmer ein tragisches Ereignis eingetreten, denn man hörte keinen Laut.

Um sechs Uhr abends wurde die Tür geöffnet und man fand den traurigen Verdacht bestätigt. Zwischen den Betten sah man in dem Zimmer die Körper der Beiden liegen. Als Licht kam, fand man auf dem Boden große Blutlachen. Ein Revolver, der neben ihnen lag, besagte, was geschehen war. Dass menschliche Hilfe vergeblich war, lehrte der erste Augenschein. Der Körper des Mädchens zeigte schon Totenflecke, der des jungen Mannes hatte noch Spuren der Lebenswärme, doch war auch aus ihm das Leben schon gewichen. Beide hatten Schusswunden in der Schläfengegend und nach dem Befund ist es sicher, dass der Mann das Mädchen zuerst erschoss und dann die Waffe gegen sich selbst gerichtet hat. Entweder hat er den Selbstmord viel später ausgeführt als den Mord oder war die Schussverletzung bei ihm nicht sofort tödlich.

 Transkript Ende

Betrachten wir die Zeichnung des Krone-Illustrators, und nehmen wir an, dass sie die Situation bei der Auffindung wirklichkeitsgetreu wiedergab, so stellt sich sofort die Frage: Wie wollte man „auf den ersten Augenschein“ erkennen, dass die Leiche der Kalina bereits Totenflecken aufwies? Die Frau war voll bekleidet, nach der Mode der damaligen Zeit bis unter Kinn in hochgeschlossene, bauschige Kleidungsstücke gehüllt, ihr Hinterkopf ruhte auf der üppigen Frisur! Es ist ja auch kaum anzunehmen, dass das Dienstmädchen eine erste forensische Untersuchung vornahm oder auch nur den Leichnam des Polizisten anfasste, um die „Lebenswärme“ zu fühlen. Waren die beiden „großen Blutlachen“ beide schon eingetrocknet oder war eine davon noch frisch? Immerhin berichtet das „Neue Wiener Tagblatt“ vom 28. Dezember 1922: „Das Polizei-Kommissariat Leopoldstadt wurde verständigt und entsendete eine Kommission ins Haus. Sie konnte auch alsbald die Identität der Toten feststellen.“ Dies deshalb, weil auf dem Tisch einige an Sobola und Kalina adressierte Weihnachtsgrußkarten lagen.

Zweifellos wurden die beiden Toten in ein Spital gebracht und dort auf jeden Fall gerichtsärztlich untersucht, wenn nicht obduziert (ob bei der Kalina eine Schwangerschaft vorlag, erfahren wir nicht); danach wurden sie in die Totenkammer am Tabor gebracht. Das alles dauerte natürlich eine gewisse Zeit. Totenflecken sind über längere Zeit hinweg sichtbar, aber wie stand es mit der Lebenswärme des Polizisten? War sein Körper noch warm, als er aufgefunden wurde? Oder gar noch, als er vom Arzt untersucht wurde? Wer stellte diese Wärme fest? Kam ein Arzt mit der Polizei, oder erfolgte die Untersuchung erst im (wiederum ungenannten!) Spital?

Sichere Anzeichen des Todes

Ausgangslage: Als die Leichen in den Abendstunden gefunden wurden, wies die der Frau bereits Totenflecken (medizinisch-lateinisch: Livores) auf. Das bedeutet: Marie Kalina war auf jeden Fall länger als eine halbe Stunde tot, als ihr Geliebter sich mit dem Dienstrevolver erschoss, denn solche Flecken entwickeln sich 20 bis 30 Minuten nach dem letzten Herzschlag. Sie  entstehen, wenn das Herz nicht mehr pumpt und dadurch das Blut in die zum Zeitpunkt des Todes am tiefsten liegenden Körperteile (z.B. Schultern, Rücken, Gesäßbacken) absackt. Durch den Blutstau entsteht eine normalerweise rot-violette bis blaugraue Verfärbung der Haut. Totenflecken sind einer der wichtigsten Hinweise für Polizeiarzt/ärztin bzw. Gerichtsmediziner*innen, sie gehören zu den sicheren Anzeichen des Todes.

Quelle: goga312 in der Wikipedia auf Russisch, erstellt: 23. August 2008

Genaueres über den Todeszeitpunkt der unglücklichen Dienstmagd hätte man auf jeden Fall daraus erfahren können, wieweit die Leichenstarre („rigor mortis“) ausgebildet war. Diese setzt bei Zimmertemperatur nach etwa ein bis zwei Stunden ein. Nach der sogenannten Nysten´schen Regel (so benannt nach dem französischen Kinderarzt und Physiologen Pierre-Hubert Nysten, geb. 1771, gest. 1818) erstarren die einzelnen Körperteile in folgender Reihenfolge: Augenlider, Kiefer, Nacken, Oberkörper, Unterkörper. Die Muskeln in den Hände und Füßen verhärten sich zuletzt. Nach etwa sechs bis acht Stunden ist die Leichenstarre vollständig ausgeprägt. Doch auch über diesen Zustand – übrigens eines der sicheren Zeichen des Todes – erfahren wir nichts.

Der Körper des jungen Mannes, so wird berichtet, war noch warm. Wie schnell eine Leiche abkühlt, hängt von mehreren Faktoren, vor allem natürlich der Umgebungstemperatur ab. In diesem Fall lag der Leichnam in einem geheizten Raum (wir erinnern uns, es war Ende Dezember!) Als Faustregel gilt: Nach Eintritt des Todes fällt die Körpertemperatur (ca. 37 °C) auf Raumtemperatur (ca. 21 °C) mit etwa 0,8 °C pro Stunde, d.h. der Algor mortis (von lat. algor = Kälte und mors = Tod), auch Totenkälte oder Leichenkälte genannt, ist nach etwa 19 Stunden eingetreten. Dieses Absinken der Körpertemperatur entsteht durch das Aufhören der Stoffwechselvorgänge, die den lebenden Körper warm halten. Die Körpertemperatur zählt zu den unsicheren Todeszeichen, da auch noch lebende Personen eine starke Unterkühlung aufweisen können. Ärzt*innen müssen also weitere Kennzeichen wie Totenstarre und Totenflecken zusätzlich beachten. Beides war bei dem toten Polizisten nicht erkennbar.

Quelle: Wikipedia und div. Rechtsmedizinische Artikel

Ein aufgesetzter Nahschuss

Bei den tödlichen Schusswunden in der Schläfengegend handelte es sich wohl um einen bei Selbstmörder*innen üblichen sogenannten „aufgesetzten Nahschuss“, d.h. die Mündung wurde fest an den Kopf gedrückt. Solche Schüsse hinterlassen ganz charakteristische „Stanzmarken“, die Haut rund um den Einschuss ist pulvergeschwärzt.

Computertomographie einer tödlichen Kopfschussverletzung, Quelle: Wikimedia commons

Ein solcher Schuss muss nicht notwendigerweise sofort tödlich sein, (es gibt sogar Fälle, in denen Menschen mit einer Kugel im Kopf noch Jahre lang weiterlebten, siehe den berühmten Fall der Hitler-Freundin Unity Mitford). Der Polizist könnte durchaus mehrere Stunden lang sterbend im Zimmer gelegen sein. Möglich ist aber auch, dass er stundenlang in tiefer Verzweiflung brütend neben der toten Geliebten saß und erst dann zur Waffe griff.

Bei dieser Dienstwaffe kann es sich entweder um einen speziellen, von der Waffenfabrik Gasser gefertigten „Polizeirevolver“ oder eine Steyr Repetierpistole gehandelt haben. Im Jahre 1912 wurde die Wiener Polizei nämlich gerade umgerüstet.

Die Polizei bewaffnet sich

Nach der Gründung der k. k. Sicherheitswache 1869 patrouillierten die Polizisten nur mit einem Säbel bewaffnet auf den Straßen Wiens. Gewehre wurden nur bei Nachtstreifen in gefährlichen Gegenden mitgeführt. Das erwies sich bald als unzureichend: Auch die Unterwelt bewaffnete sich, und 1883/84 verübten Anarchisten im Großraum Wien zwei Morde an Polizisten. Daraufhin genehmigte die niederösterreichische Statthalterei der Wiener Polizei den Kauf von 500 Faustfeuerwaffen. Nach einem Bieterverfahren wurde die Firma Gasser in Wien mit der Lieferung neuer Polizeirevolver beauftragt. 1884 erhielt die Sicherheitswache 500 Faustfeuerwaffen für die Wachzimmer und die berittene Sicherheitswacheabteilung.

Die sechsschüssige Waffe mit dem Kaliber 9 mm ist 180 mm lang und hat eine Lauflänge von 70 mm. Lauf, Rahmen und Griffstück sind aus einem Metallstück gefertigt. Auf dem Rahmenrücken befindet sich die Beschriftung „K. K. Sicherheitswache Revolver“. Der Revolver wurde in einer schwarzen Juchtentasche am Gürtel mitgeführt. Ein Stück kostete mit Tasche und 25 Patronen zwölf Gulden, nach heutiger Kaufkraft etwa 1.500 Euro.

Bild: erster Revolver der Sicherheitswache, BMI News, Polizeimuseum Wien, „Objekt des Monats“ September
Quelle: Katalog der Buchhandlung Stöhr

Hat niemand etwas gehört?

Wobei wir wieder auf eine Merkwürdigkeit stoßen: Warum hat niemand in dem „kleinen Hotel“ die beiden entweder knapp aufeinander folgenden oder durch mehrere Stunden getrennten Schüsse mit der Dienstwaffe gehört? Ein kleiner Exkurs in Sachen Dezibel: Die leiseste Lautstärke, die wir Menschen wahrnehmen können, wurde mit 0 Dezibel festgelegt – ein Wert, der häufig auch Hörschwelle genannt wird. Auf diesem Wert bauen alle anderen Dezibelwerte auf. Bei 120 Dezibel liegt die so genannte Schmerzgrenze, die niedrigste Schwelle, bei der Menschen in der Regel Schmerz empfinden. Jede Feuerwaffe ohne Schalldämpfer erreicht 120-140 dB. Das entspricht dem Lärm eines Presslufthammers. Nehmen Sie einmal probeweise in einem Hotelzimmer einen Presslufthammer in Betrieb und testen Sie, wie schnell jemand nachsehen kommt …

Quellen: Wikipedia, diverse Foren für Jagd- und Sportschützen, z.B. „Wild und Hund“

Aber hören wir, was die „Neue Zeitung“ weiter berichtet!

Transkript „Neue Zeitung“ vom 28. Dezember 1912

Neue Zeitung, 28.12.1912

Sobola und die Kalina hatten geraume Zeit ein Liebesverhältnis unterhalten. Ihren Beziehungen ist ein Kind entsprossen. Sobola wollte die Kalina heiraten, doch ihrer baldigen Vereinigung stellten sich unüberwindliche Hindernisse in den Weg, und weil sie nicht warten wollten, gingen sie in den Tod.

Transkript Ende

Unüberwindliche Hindernisse

Wieder ein Rätsel! Um welche „unüberwindlichen Hindernisse“, auf deren Ende das Paar „nicht warten wollte“, es sich handelt, darüber schweigen die Zeitungen – was zumindest merkwürdig ist. Die naheliegendste Vermutung ist ja, dass einer oder beide noch verheiratet waren, das wäre aber sicherlich, wie in anderen solchen Fällen, erwähnt worden. Außerdem hatten sie seit geraumer Zeit offenbar ungestört ein Liebesverhältnis unterhalten und sogar ein gemeinsames Kind. Finanzielles Elend als Hindernisgrund für eine Ehe ist auch nicht anzunehmen, da der junge Mann fest angestellt war. Warum diese Geheimnistuerei bei zwei „kleinen Leuten“, hinter deren Liebesunglück sich gewiss keine Staatsaffären versteckten?

Es wird aber noch seltsamer.

Selbst-Mord >> Eselsbegräbnis

Noch im Jahre 1912 galt im katholischen Österreich eine strenge Verurteilung des Suizids, der als Selbst-Mord – also eine Variante des Mordes – geächtet wurde, schon gar, wenn einem erweiterten Selbstmord auch noch eine zweite Person (wenn auch aus freiem Willen) zum Opfer fiel.

Nach jüdischer und später auch christlicher Auffassung war der Suizid eine schwere Sünde, weil ein Mensch damit dokumentiere, dass er nicht an die Gnade und Güte Gottes geglaubt habe. Zudem löste er abergläubische Ängste aus, galten Selbstmörder*innen doch als bösartige Wiedergänger*innen und Ursachen von Krankheiten, Missernten und Naturkatastrophen.

Das ging so weit, dass im Mittelalter Selbstmörder*innen noch nachträglich aus der Kirche ausgestoßen (exkommuniziert) wurden und sie auf einem kirchlichen Friedhof keinen Platz mehr fanden, sondern ein sogenanntes „Eselsbegräbnis“ erhielten. Der/die Tote wurde wie ein verendetes Tier – eben ein Esel – vom Wasenmeister (war jahrhundertelang eine Berufsbezeichnung für Personen, die in einem bestimmten Bezirk für die Beseitigung von Tierkadavern und die Tierkörperverwertung zuständig waren) oder Henker auf den Schindanger geschleift und dort eingescharrt.

Später wurde man unter dem Einfluss der Aufklärung etwas milder, doch das seit 1582 unverändert geltende Corpus Iuris Canonici  (Kirchenrecht) bestimmte weiterhin, , dass Selbstmörder*innen, die sich mit freier Überlegung das Leben genommen haben, nicht kirchlich beerdigt werden dürfen (c. 1240 §1, n. 3 CIC/1917). Außerhalb des geweihten Friedhofes soll für sie eine besondere eingezäunte Begräbnisstätte („Selbstmörderwinkerl“) angelegt werden.

Das Begräbnis musste in aller Stille stattfinden, auf keinen Fall durften christliche Riten (Segen, Gebete, Weihwasser, Predigt oder Gesänge) vollzogen werden. Nach dem Kirchenrecht stellt die Versagung der kirchlichen Bestattung eine Sühnestrafe dar, die der Betroffene  jetzt nach dem Tod verbüßen muss. Dieses kirchliche Gesetz galt bis 1917. Im Jahr 1912 war es also höchst ungewöhnlich, was dann geschah.

Quelle: Dissertation „Selbsttötung im Kirchenrecht“ von Karoline Weiler, Universität Heidelberg, Institut für deutsches, europäisches und internationales Strafrecht und Strafprozessrecht.

Ein Gala-Begräbnis für den (Selbst)Mörder

Der Polizist nämlich, der seine Verlobte (möglicherweise mitsamt einem ungeborenen Kind) und sich selbst getötet hatte, wurde unter großer Anteilnahme seiner Vorgesetzten und Kollegen vom Kommissariat Rudolfsheim in einem Galabegräbnis beerdigt, was viel Aufsehen unter den Passant*innen verursachte. Seltsamerweise ist jedoch die Kronen-Zeitung das einzige Blatt, das von diesem doch sehr bemerkenswerten Ereignis berichtet – im übrigen Blätterwald herrscht tiefes Schweigen.

Gala-Leichenwagen (Bild Mitte) um 1910, Archiv Bestattungsmuseum, Fotograf: J. Perscheid, Wien

Transkript Illustrierte Kronen-Zeitung, 31. Dezember 1912

Illustrierte Kronen-Zeitung, 31.12.1912

Das Leichenbegängnis eines unglücklichen Brautpaares.

Wie berichtet, hat am zweiten Weihnachtstage der Sicherheitswachmann Wenzel Sobola seine Braut Marie Kalina wegen aussichtsloser Liebe mit deren Einverständnis erschossen und dann sich selbst durch einen Revolverschuss getötet. Gestern nachmittags wurden die beiden Unglücklichen von der Totenkammer am Tabor aus gleichzeitig zu Grabe geführt. Nach einer letztwilligen Verfügung wurden sie in Hochzeitskleidern beerdigt. Sie in einer weißen, schon lange vorher angeschafften Brauttoilette, er in schwarzem Anzug mit weißer Krawatte. Vor der Totenkammer hatten zwei Abteilungen Sicherheitswachmänner unter dem Kommando der Wachinspektoren Schönwälder und Rosenberger als Kondukt Aufstellung genommen. Vom Kommissariat Rudolfsheim waren erschienen: Bezirksinspektor Key, Revierinspektor Schediwy, zahlreiche Beamte und die ganze dienstfreie Wachmannschaft. Um halb drei Uhr wurden die mit Schimmeln bespannten Galaleichenwagen zur Einsegnung in die Karmeliterkirche geführt. Auf dem Wege zur Kirche erweckte das Doppelbegräbnis die Aufmerksamkeit der Passanten. Nach der Einsegnung sang der Gesangverein der Sicherheitswache ein stimmungsvolles Trauerlied, das auf die vielen Trauergäste tiefen Eindruck machte. Dann wurden die Särge auf den Zentralfriedhof überführt und, wie es die unglücklichen Brautleute sich gewünscht hatten, nebeneinander beigesetzt.

Transkript Ende

Wieder stellt sich die Frage: Wer arrangierte das doppelte Galabegräbnis, wer bezahlte die gewiss ganz beträchtlichen Kosten? Wer sorgte für die aufwändige Trauerfeier?

Und vor allem: Das Paar wurde in der Karmeliterkirche, also einer der großen, bedeutenden Kirchen Wiens, eingesegnet, was doch vom Kirchenrecht nachdrücklich untersagt war. Nun hatte die Kirche sicherlich im Jahr 1912 nicht mehr so viel zu reden wie früher, aber wie reagierte die Geistlichkeit auf diesen gewaltigen Affront? Warum stimmte der Pfarrherr der Karmeliterkirche dem „skandalösen“ Begräbnisprunk zu?

Das Grab auf dem Zentralfriedhof war leider mit der elektronischen Gräbersuche nicht mehr aufzufinden.

Allerseelen 1903, Trauernde auf der Simmeringer Hauptstraße, Quelle: wikimedia commons

Und nun, nach der Tragödie, das Kasperltheater: Nämlich die Frage, ob der Zentralfriedhof nun (katholisch) geweihte Erde ist oder nicht.

In Wikipedia ist zu dieser Frage zu lesen:

„Bereits 1863, als vom Wiener Gemeinderat der Beschluss über die Errichtung des Zentralfriedhofs gefasst wurde, war darin sowohl der interkonfessionelle Charakter des Friedhofs festgelegt, als auch die Möglichkeit, einzelnen Glaubensgemeinschaften auf deren Wunsch eigene Abteilungen zu überlassen. Im Oktober 1874, rund zwei Wochen vor der Eröffnung, wurde in einem neuerlichen Gemeinderatsbeschluss sogar die Konfessionslosigkeit der Anlage betont und eine etwaige Einweihung des Areals explizit untersagt.“

Das führte zu bösem Blut beim streng katholischen Teil der Bevölkerung, es kam zu heftigen Protesten, konservative Gruppierungen riefen zu Kundgebungen am Tag der Eröffnung auf, die Feierlichkeiten drohten in Tumulten unterzugehen. Der schlaue Wiener Bürgermeister Cajetan Felder (1814-1894) wusste Rat.

„Zu einer solchen Eskalation kam es aber nicht, da Kardinal Rauscher, andere Quellen nennen den Prälaten Ludwig Angerer[4], in Absprache mit dem Wiener Bürgermeister Cajetan Felder am frühen Morgen des 30. Oktobers 1874 eine von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkte katholische Einweihung des Friedhofs vornahm.[5] Am 1. November 1874 wurde der Wiener Zentralfriedhof offiziell seiner Bestimmung übergeben.“

Der Zentralfriedhof in seiner heutigen Form besteht einerseits aus dem interkonfessionellen „Hauptfriedhof“, der jedem Verstorbenen, ungeachtet der Glaubensrichtung, als letzte Ruhestätte zur Verfügung steht, andererseits aus den verschiedenen konfessionellen Friedhöfen und Abteilungen.

Quelle:
Werner T. Bauer: Wiener Friedhofsführer. Genaue Beschreibung sämtlicher Begräbnisstätten nebst einer Geschichte des Wiener Bestattungswesens. Falter Verlag, Wien 2004, ISBN 3-85439-335-0, zitiert nach Wikipedia.

Quellen

  • ANNO
  • Wien Wiki
  • Wikipedia auf Deutsch und Russisch
  • Wikimedia commons
  • Archiv der Städtischen Bestattung, Bestattungsmuseum
  • Katalog der Stöhr Online Buchhandlung – Militärgeschichte, www.buchhandlung-stoehr.at
  • Dissertation „Selbsttötung im Kirchenrecht“ von Karoline Weiler, Universität Heidelberg, Institut für deutsches, europäisches und internationales Strafrecht und Strafprozessrecht. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/16503/1/Weiler_Karoline.pdf
  • Codex des Kanonischen Rechts, KAPITEL II, GEWÄHRUNG UND VERWEIGERUNG DES KIRCHLICHEN BEGRÄBNISSES http://www.vatican.va/archive/DEU0036/_INDEX.HTM
  • Werner T. Bauer: Wiener Friedhofsführer. Genaue Beschreibung sämtlicher Begräbnisstätten nebst einer Geschichte des Wiener Bestattungswesens. Falter Verlag, Wien 2004, ISBN 3-85439-335-0.
meine meinung

Viele Fragen bleiben offen. Wer war der kleine Sicherheitswachebeamte Wenzel Sobola, dass ihm und seiner Verlobten sogar ein Galabegräbnis zuteil wurde, unter großer, fast möchte man sagen, demonstrativer Anteilnahme seiner Vorgesetzten und Kollegen vom Kommissariat Rudolfsheim? Warum die kirchliche Einsegnung in der bedeutenden Karmeliterkirche zu einer Zeit, als das Kirchenrecht noch jegliche christliche Riten bei einem Selbstmörder-Begräbnis untersagte? Welche mysteriösen „unüberwindlichen Hindernisse“ hatten das junge Paar in den Selbstmord getrieben? Warum die vielen Lücken in der Berichterstattung – das namenlose Hotel, die von niemandem gehörten Schüsse? Das Kriminalrätsel um den Polizisten aus Rudolfsheim bleibt im Dunkeln.

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