Vom Prater-Kinematographen zum Kinopalast

Bezirks[Museums]News

Die Wiener Kinolandschaft von den Anfängen zur Nachkriegszeit

Vortrag von Angela Heide, gehalten im Wiener Stadt- und Landesarchiv am 3.3.2020.

Im Wiener Stadt- und Landesarchiv, wo Angela Heide für das Wien Wiki recherchierte, gibt es 946 Einzelakten zum Kino in Wien. Von den 500 Kinos in Wien nahm Heide 200 genauer unter die Lupe.

Es gibt Sammlungen der Reichsfilmkammer, der Kino- und Theaterpolizei oder auch des Handelsregisters und der Magistratsabteilung 104. Spielpläne gibt es keine in den Beständen.

Handl-Kino in der Mariahilferstraße 160

Kurze Geschichte

1895 kamen die Brüder Lumiere nach Wien, ab 1898 wurden die Kinooperateure geprüft. Um die Jahrhundertwende gab es die ersten Zeltkinos im Prater, der Kinoverleih entstand.

10 Jahre danach gab es 12 „feste“ Kinos. Ab 1912 waren es den Hausbesitzer*innen möglich, Souterrainkinos zu errichten.1914-18 durften keine Filme eingeführt werden.

1926 gab es ein Kinogesetz, das die Konzessionsvergabe regelte. Kinos entstanden vor allem entlang großer Straßen, waren „Nahversorger“. Sie wechselten oft unter gleichem Namen die Adresse, übersiedelt wurde mit Lizenz und Apparatur.

Von der Bauart her gab es Zeltkinos, Schlauch- und Eckkinos, Hofkinos, Souterrain- oder Kellerkinos (Haydn, Votiv), freistehende Kinos (Apollo, Staffa, Schwedenkino) und frühe Mehrsaalkinos.

Die Praterkinos wurden 1945 alle zerstört. Kinos wurden oft auch in Theatern eröffnet, siehe Scala Theater. Der Logeneinbau war oft ein baupolizeilicher Streitfall. Es wurde mehr gezahlt als in den Sitzreihen, weswegen man die Logen später oft in Stehplätze umwandelte, weil das billiger war.

Kinopionierinnen

Heide betonte auch, dass es viele Frauen gab, die Kinos eröffneten, und später oft in Vergessenheit gerieten. Als Beispiel nannte sie Irma Handl, die sogar über ihrem Kino wohnte! Agnes Faderny gründete das Imperial Kino, Jenny Hilbert-Heisler das Gloriette Kino. Viele der Kinopionierinnen waren Jüdinnen.

Kinoarchitekten

Wichtig waren auch die Kinoarchitekten, Heide nannte Karl Witzmann, den Architekten des Josefstädter Theaters und des Park Kinos Hietzing, Hans Prutscher, der in der Lerchenfelder Straße ein Kino baute, Kurt Klaudy und Robert Kotas, der das den Umbau des Gartenbau-, des Haydn- und des Club West-Kinos im 15. Bezirk plante.

In der Zeit des „Roten Wien“ entstanden parteinahe Kino wie das Plaza Kino, das Sandleiten-Kino etc.

Rotes Wien – Ständestaat – Nationalsozialismus – Nachkriegszeit

Sowohl im „Roten Wien“ als auch im Ständestaat hatten Filme eine wichtige politische Funktion. Nach 1934 wurden sozialdemokratische Kinos aufgelöst. Gezeigt wurden zunehmend Nazi-Propaganda-Filme. 1938 war zirka die Hälfte der Kinos in jüdischer Hand, diese wurden arisiert.

Nach 1945 im Zuge der Restitution schickte Viktor Matejka Vertreter aus, oft KPÖ Mitglieder oder Widerstandskämpfer, u.a. die Schwiegertochter von Hugo Bettauer. Später übernahm Dr. Alfred Mitsch die Restitution, er sandte Geschäftsführer an die Kinos, ausgenommen waren Kinos der Alliierten. Er verzeichnete die Restitution auf blauen Blättern.

Ungefähr die Hälfte der Kinos waren in der Kiba (Kinobetriebsanstalt Ges. m. b.H.organisiert. Ab 1947 gab es das Nationalsozialistengesetz, das straf- und sühnepflichtige Personen unterschied. Unter den nur sühnepflichtigen waren sogenannte „Belastete“ (Aktive) und „Minderbelastete“ (Mitläufer). Kinos kamen dadurch vermehrt wieder in die Hände von ehemaligen Nationalsozialisten.

Nahversorger – Freie Theatergruppen

Heutzutage sind anstatt der Kinos oft andere Nahversorger wie Supermärkte und Banken nachgezogen. So gibt es anstelle des Arkaden-Kinos in der Alser Straße heute einen Billa und eine Erste Bank.

Ab den 1970er Jahren entstanden freie Theatergruppen, die sich teilweise in den Kinos einrichteten, wie zum Beispiel die Gruppe 80 in der Gumpendorferstraße 67 – seit 2004/05 das TAG (Theater an der Gumpendorferstraße) – im ehemaligen Mariahilf-Kino, das Theater Spielraumvon 1983-1989 im 15. Bezirk in einem Keller in der Palmgasse 8, seit 2002 im ehemaligen Erika-Kino in der Kaiserstraße 46, das Rabenhof-Theater, das Studio Molière im ehemaligen Flieger-Kino und das Schauspielhaus in der Porzellangasse 19, in dem sich von 1913-1975 das Heimat-Kino befand.

Kinoforscher

Als weitere Erforscher der Kinogeschichte nannte Heide Klaus Christian Vögl (Angeschlossen und gleichgeschaltet. Kino in Österreich 1938-1945) und Werner Michael Schwarz.

Veranstaltungen & Ausstellungen zum Thema Kino

„Vom Lichtspieltheater zum Multiplex“ – Zur Geschichte des Kinos in Wien
2.3.-3.7.2020, Wiener Stadt- und Landesarchiv, 11., Guglgasse 14

KINO WELT WIEN
Metro Kino, 01., Johannesgasse 4

KINO WIEN FILM von Paul Rosdy
Eine Kinoreise durch Wien von 1896 bis heute
2.4.2020, 18.30, Breitenseer Lichtspiele

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Fr, 17.4.2020, 17.30-19.00, Vortrag von Paul Rosdy im Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus
Anmeldung unter office@bm15.at
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„Ein Gebrauchsgegenstand mit künstlerischen Elementen“ – Bemerkungen zur österreichischen Filmproduktion von den Anfängen bis in die Tonfilmzeit
Vortrag von Günther Krenn am 4.6.2020, 18.00, Vortragssaal des Wiener Stadt- und Landesarchivs, 11., Guglgasse 14

Kino. Theater. Varieté in Rudolfsheim-Fünfhaus
Sonderausstellung im Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus, 15., Rosinagasse 4
15.3.2020-29.1.2021; Infos auf http://www.museum15.at

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