Die Gewalt des rasenden Sturmwindes am Rudolfsheimer Markt

In unserer Rubrik Bezirks[Museums)News bringen wir ab jetzt immer wieder einmal Historisch Vermischtes. Diese Neuigkeiten aus der Vergangenheit geben Ihnen einen kleinen Einblick in die großen und kleinen Sorgen und Nöte der Menschen, die um 1900 im heutigen 15. Bezirk lebten.

Historisch Vermischtes – Neuigkeiten aus der Vergangenheit

Historisch Vermischtes: Neuigkeiten aus der Vergangenheit

Lesen Sie heute einen Bericht in der Gemeinde-Zeitung vom 12. November 1867, in dem von einem heftigen, mehrere Tage dauernden Sturm über Wien und die Vororte (die Orte außerhalb des Gürtel wurden erst 1892 nach Wien eingemeindet) berichtet.

Auch der Rudolfsheimer Markt, der heutige Schwendermarkt, kommt darin vor.

Das Unwetter forderte einige Todesopfer, zahlreiche Verletzte und richtete großen Sachschaden an.

Was der letzte „Sturm“ für Unheil anrichtete.

1867-11-12 Gemeindezeitung: unabhängiges politisches Journal, ANNO

Transkript

Wir meinen hier nicht jenen „Sturm“ der Petitionen für und gegen das Konkordat (1), nicht jenen „Sturm“, der aus dem heurigen Moste entstand und manchen Bürger des Staates auf den Beinen schwankend machte, sondern den vom Freitag bis Sonntag andauernden Sturm aus den luftigen Regionen, der zum Orkane anschwoll und durch den mehrfache Unglücksfälle zu beklagen sind. So wurde Samstag früh eine betagte Frau oberhalb der Augartenbrücke vom Sturme erfasst und in den Donaukanal geschleudert, von mehreren Personen jedoch bemerkt und in arg zugerichtetem Zustande ans Ufer und mittelst Wagens in ihre Wohnung gebracht. – Bei Nussdorf fuhren zwei Arbeiter trotz mehrfache (sic!) Abmahnung in einem Kahne über die Donau, als sie jedoch bereits das jenseitige Ufer erreicht hatten, wurde das Fahrzeug von einem Windstoß erfasst und zurück in’s Wasser getrieben. Trotz aller Anstrengung schlug der Kahn um und die beiden Schiffer stürzten in’s Wasser. einer derselben rettete sich durch Schwimmen ans Ufer, während der andere in den Wellen sein Grab fand. – In der Nähe der Schönbrunner Brücke wurde ein Omnibus umgeworfen und die Passagiere können noch von Glück sagen, daß sie mit einigen leichten Kontusionen (2) davongekommen sind. Auch andere Unfälle haben sich zugetragen. Die Marktleute, welche mit den Butten auf dem Rücken den Rudolfsheimer Markt besuchen, wurden häufig in die Straßengräben hinabgeschleudert. Ein Greisler (sic!) von Rudolfsheim, ein Doctor Juris E. S. und eine Bauersfrau aus Preßbaum erlitten durch Sturz bedenkliche Gehirnerschütterungen. – Kurz nach 7 Uhr früh, während ein kaum 15jähriges Landmädchen von Langenzersdorf ausging, hat der heftige Sturmwind an der Straße einen hohen Pappelbaum umgebrochen, der das vorübergehende Mädchen mit einer solchen Gewalt zu Boden schlug, daß dieselbe mit zerschmetterter Hirnschale sogleich todt am Platze liegen blieb. Bis jetzt ist die Identität des verunglückten Mädchens noch nicht konstatirt. – Freitag Nachmittags wurde auf der Straße zwischen Schwechat und Simmering in der Nähe des kais. Neugebäudes ein mit Heu sehr schwer beladener Wagen durch die Gewalt des rasenden Sturmwindes in den Straßengraben geschleudert. Der Eigenthümer des Heues und Wagens Peter S. aus Sz. Miklos in Ungarn wurde erst nach geraumer Zeit unter dem Gefährte mit eingedrücktem Brustblatte und zerquetschten Füßen aufgefunden und starb nach wenigen Stunden unter großen Schmerzen. – Auf den Verkehr der Eisenbahnzüge hat der Orkan wie überhaupt auf die Kommunikationsmittel aller Art sehr hemmend eingewirkt, außerdem wurden auch zahlreiche Telegrafenstangen umgerissen. – Der Sturm, welcher ab und zu kalte Regenschauer niederwirbelte, begann erst Sonntag Nachmittags etwas gelindert zu wüthen.

Transkript Ende

Mit „(sic!)“ sind jene Stellen gekennzeichnet, die auch nach damaliger Rechtschreibung einen Fehler darstellten.

(1) Konkordat (lateinisch concordia = Eintracht), ist ein Vertrag zwischen der päpstlichen Kurie und einem Staat zur Regelung der dortigen kirchlichen Verhältnisse. Im obigen Artikel werden mit „Sturm“ und „Petitonen“ die Auseinandersetzung aufgrund der sogenannten „Maigesetze“ angesprochen.

Kernpunkte der Maigesetze waren:

  • Weltliche Gerichte wurden zuständig für die Ehegerichtsbarkeit
  • Das Unterrichts- und Erziehungswesen wurde unter die Leitung des Staates gestellt
  • Die interkonfessionellen Verhältnisse der Staatsbürger*innen (Erziehung der Kinder in gemischten Ehen) wurden neu geregelt; ab dem 14. Lebensjahr durfte jeder sein Religionsbekenntnis frei wählen und sich auch für die Position „ohne religiöses Bekenntnis“ entscheiden, also de facto den Kirchenaustritt

Das rief den heftigen Widerstand der katholischen Kirche hervor. Mehr dazu finden Sie hier.

(2) Kontusionen: Als Kontusion bezeichnet man die Schädigung von Organen, Gewebebereichen oder Körperteilen durch direkte, stumpfe Gewalt von außen. Dabei sieht man in der Regel keine oder nur geringfügige Verletzungen der Haut. Quelle

Audio-Transkript: 1867-11-12 Gemeindezeitung_ Was der letzte „Sturm“ für Unheil anrichtete

Der Sturm_Audio-Transkript Gemeindezeitung 1867-11-12

Der Rudolfsheimer Markt / Schwendermarkt

Der Schwendermarkt (früher Rudolfsheimer Markt) ist einer der ältesten – heute noch bestehenden – Märkte von Wien. Er liegt westlich der Dadlergasse zwischen der äußeren Mariahilfer Straße und der Schwendergasse und besteht seit 1833.

Benannt wurde das weitläufige Marktgebiet – der Schwendermarkt – nach Karl Schwender (1808-1866) , Besitzer mehrerer Vergnügungslokale, u.a. Schwenders Colosseum.

Schwendermarkt, Schwenderg., li. Dreihausg., Sperrer und Asenbauer, 1854
Schwendermarkt, Schwendergasse, links Dreihausgasse, Sperrer und Asenbauer, 1854

1833 erhielt die Gemeinde Braunhirschen die Erlaubnis einen täglichen Viktualienmarkt (Lebensmittelmarkt) abzuhalten. Der kleine Markt in der Schwendergasse (damals Marktgasse) entwickelte sich zu einem zentralen Marktplatz für die Bäuerinnen und Bauern des 12., 13. und 14. Bezirks.

Der Rudolfsheimer Markt / Schwendermarkt um 1900

Hier finden sie weitere Infos zum Schwendermarkt.

Der Rudolfsheimer Markt / Schwendermarkt um 1900
Der Rudolfsheimer Markt / Schwendermarkt um 1900

Damit genug für heute:
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Ihre Brigitte Neichl

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