Tatort Beisl: Der Gastwirt als Opfer und Täter

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

History & Crime

Das Gasthaus fungiert sowohl als Stätte der Begegnung, des Genusses der unterschiedlichen kulinarischen Delikatessen, der sichtbaren Reichhaltigkeit und Vielfalt unserer Stadt, kann aber auch zur dunklen Seite unserer Unterschiedlichkeit bei Streit und Zwietracht beitragen, was oft in einem Polizeieinsatz und einem Gerichtsverfahren enden kann.

Hofrat Maximilian Edelbacher, ehemaliger Leiter des Wiener Sicherheitsbüros – ein Polizist in Erinnerung an seine Arbeit (gekürzt)

Wie gemütlich ist´s im Beisl – fast wie zuhause! Doch Gasthäuser in Rudolfsheim-Fünfhaus waren auch schon Schauplatz blutiger Untaten.

Leider weist die Kriminalstatistik nicht aus, wie oft und bei welchen Verbrechen das Beisl zum Tatort wird, aber heute wie damals, in der „guten alten Zeit“, war und ist der Wirt sowohl Opfer als auch Täter.

Opfer von Einbrechern und Dieben, von Zechprellern, Randalierern, die ihm die Einrichtung zu Bruch schlugen, gelegentlich sogar von schwer bewaffneten Polizisten und Unterweltlern, die ihre Auseinandersetzungen in seiner Schankstube austrugen.

Täter als Verkäufer von gepantschtem Wein, als Herbergsvater zwielichtiger Gestalten – manchmal sogar als Schrecken seiner Gäste wie der Gastwirt August Fritschko, der in betrunkenem Zustand mit einer scharf geschliffenen Axt neben sich sein Publikum im Auge behielt und, als er wieder einmal Frau und Tochter halb zu Tode prügelte, von der 70jährigen Tante Maria Pitka mit einem Jausenmesser erstochen wurde.

Im „Café Rudolfshof“ lieferten sich Kriminalbeamte und Verbrecher einen Revolverkampf, im „Gasthaus Kothbauer“ lief die Verhaftung eines Polizistenmörders als Showdown in Wildwestmanier ab, im „Schwarzen Adler“ wurden zwei Freunde zu mörderischen Todfeinden …

Das „Blut im Beisl“ floss in Strömen!

WIENS UNHEIMLICHSTES GASTHAUS: DIE „SCHWARZE WESTE“

In der Nähe von Schönbrunn — dort, wo sich heute der Auer-Welsbach-Park befindet -, dehnte sich im späten 18. Jahrhundert eine von wenigen hohen Bäumen überragte „G´stättn“ aus. Dort stand damals eine verrufene Schenke, welche „Zur Schwarzen Weste“ benannt wurde.

Das Gasthaus „Zur Schwarzen Weste“ im heutigen Auer-Welsbach-Park, Quelle

Transkript Illustrierte Kronen-Zeitung, 27. Jänner 1916

Dieses nur ebenerdige Gebäude mit dem zugespitzten Schindeldache stand später auf einer ziemlich ausgedehnten, abgeholzten Wiesenfläche und wurde erst im Anfang des jetzigen Jahrhunderts demoliert. Es gibt daher viele Wienerinnen und Wiener der heutigen Generation, welche die „schwarze Weste“ auf der außerhalb des Bezirkes Fünfhaus befindlichen Schönbrunner Wiese gekannt haben. Gekannt in Bezug aus das Äußere dieses verwahrlosten Wirtshauses, das nicht dazu geeignet gewesen war, anständige Gäste anzulocken — denn in das Innere dieses halbverfallenen Gebäudes einzudringen, war bis zum Schluss des Bestandes der „Schwarzen Weste“ ein gefährliches Unterfangen gewesen!

Transkript Ende

Der schießwütige Wirt

Aber auch in weniger berüchtigten Gasthäusern konnte einem das Grauen kommen, wenn man den Zorn des Wirts erregte. So berichtet die Illustrierte Kronenzeitung, Originalseite: 16. August 1911, Nr. 4176, Seite 11 und 12  von einer – namentlich leider nicht bekannten – Wirtschaft, deren Herbergsvater die „Puffn“ ziemlich locker saß:

(„Schießen Sie nur!“) Der in Fünfhaus etablierte Gastwirt August Pockinger war am 20. April d.J. in seinem Gasthaus mit dem Arbeiter Josef Praschek in einen Streit geraten, der in Tätlichkeiten ausartete. Der Wirt zog plötzlich aus der Hosentasche einen Revolver und richtete ihn drohend gegen den Gast, der ihm zurief: „Schießen Sie nur, wenn Sie sich trauen!“ Kaum waren diese Worte ausgesprochen, krachte ein Schuss, der den Gast in den rechten Fuß traf und ihn schwer verletzte. Gegen den Gastwirt wurde zuerst beim Landesgerichte die Untersuchung wegen schwerer Körperbeschädigung eingeleitet. Der Akt wurde schließlich nach Einstellung der Untersuchung wegen Verbrechens dem Bezirksgerichte Fünfhaus abgetreten, woselbst sich August Pockinger wegen Übertretung der körperlichen Sicherheit zu verantworten hatte. Der Angeklagte gab an, dass der Revolver, den er nur zu seiner Verteidigung aus der Tasche gezogen hätte, während des Streits von selbst losgegangen war; überdies habe er sich nur gegenüber den Angriffen des Gastes gewehrt. Der Verletzte gab an, dass er infolge der Schussverletzung drei Monate krank war und dass er den Wirt nicht angegriffen habe. Bezirksrichter Doktor Höfelmeyer verurteilte den Gastwirt im Sinne der Anklage zu 50 K Geldstrafe.

Oft war der Wirt ganz unbeteiligt an dem dramatischen Geschehen, wie im folgenden Fall eines mörderischen Eifersuchtsattentats in seinem Etablissement. Kann sein, dass die Gäste in Zukunft dem blutbefleckten Beisl fernblieben – kann aber auch sein, dass sie erst recht in Scharen anmarschierten, um bei einem Kaffee oder einem Glaserl Wein den Tatort zu goutieren.

„Du musst sterben und ich auch!“

Mord- und Selbstmordversuch eines verschmähten Liebhabers

Der 24-jährige Markhelfer Adolf Bura und die 27-jährige Bedienerin Leopoldine Kupsch, Rudolfsheim, Toßgasse 4 wohnhaft, hatten einige Zeit ein Liebesverhältnis miteinander unterhalten, das die Kupsch schließlich gelöst hat. Bura versuchte wiederholt sie zu bestimmen, das Verhältnis wieder aufzunehmen, aber sie wollte davon nichts wissen. Gestern früh trafen die Kupsch und Bura gegen halb fünf Uhr in einem Gasthause in Fünfhaus zusammen. Als die Kupsch die Bitte Buras, das Verhältnis wiederaufzunehmen, abermals ablehnte, zog Bura ein Messer und versetzte ihr mit den Worten: „Du musst sterben und ich auch!“ mehrere Stiche in die Brust und den linken Oberarm, dann stach er sich selbst dreimal rasch nacheinander in die Herzgegend.

Die Verletzungen, die sich Bura zugefügt hatte, erwiesen sich als leichte, jene der Kupsch als bedenklich. Sie wurde in das Elisabethspital gebracht. Bura wurde wegen Mordversuches dem Inquisitenspital des Landesgerichtes eingeliefert.

Quelle: Illustrierte Kronen-Zeitung, 17. Juli 1911. Nr.4146, Seite 9

„Die Hauptsache ist, dass meine Nichte von dem Kerl erlöst ist.“

(Marie Picka (auch: Pitzka), die Mörderin des “Revolvergustl“)

Selten hat ein an sich alltäglicher Kriminalfall in Wien für eine solche öffentliche Anteilnahme gesorgt wie die Tat der Armenhäuslerin Marie Picka.

Die Täterin: ein 70-jähriges, abgearbeitetes und verhärmtes Weiblein, das sich zitternd auf seinen Stock stützt. Das Opfer: Ihr Neffe, der hochgewachsene, bullige Gastwirt August Fritschko, genannt „Revolvergustl“, ein schwerer Alkoholiker und amtsbekannter Gewalttäter, der nicht nur Frau und Kinder, sondern sogar seine eigenen Gäste bedrohte und misshandelte.

Alle großen Zeitungen berichteten über die Tat und später den Prozess – und niemand machte ein Hehl daraus, dass die Sympathien zur Gänze aufseiten der Täterin waren, die denn auch mit der höchst ungewöhnlichen milden Strafe von einem Monat Arrest davonkam.

Das Duell in der Clementinengasse

Ein namentliches nicht bekanntes Gasthaus in der Clementinengasse (*) war Schauplatz eines Duells zwischen zwei jungen Herren, die einander in ihrer Ehre verletzt hatten und zum Degen griffen – allerdings recht bald nach dem Doktor schrien!

(*) Anmerkung zur Identifizierung: dort befand sich das Klubzimmer des Theatervereines Komödie

Arbeiter-Zeitung, Nr. 256, 18. September 1923, Seite 9

Transkript Arbeiter-Zeitung, Nr. 256, 18. September 1923, Seite 9

Gerichtssaal.  

Der 25-jährige Wehrmann Hermann hatte den 19-jährigen Heinrich Silberbauer zum Duell gefordert, weil dieser gesagt hat, Holzwarth traue sich nicht, mit scharfen Waffen zu kämpfen. Die Forderung erfolgte, um dem Silberbauer das Gegenteil zu beweisen. Freunde der beiden jungen Leute arrangierten das Duell und bestimmten, dass es mit scharfen Achterklingen ausgefochten werden sollte, und zwar im Klubzimmer des Theatervereines Komödie in einem Gasthause in der Klementinengasse. Dem Theaterverein wurde jedoch davon nichts gesagt. Außer den Duellanten waren beim Duell vier junge Leute als Sekundanten und Zeugen, einer als Unparteiischer und einer als Schiedsrichter anwesend. Bedingung war, dass das Duell nach dem ersten Hieb, der eine Verletzung herbeiführe, als beendet gelten solle. Die Kämpfer wurden bandagiert. Hals, Kopf und die Umgebung der Augen mit Watte belegt, Brust und Unterleib geschützt. Nach kurzem Zweikampf bekam Holzwarth einen klaffenden Hieb. Es trat großer Blutverlust ein, und es musste, da kein Arzt bei dem Duell anwesend war, die Rettungsgesellschaft herbeigerufen werden. Sie leistete erste Hilfe und beförderte Holzwarth in seine Wohnung. Es wurde die Untersuchung wegen Verbrechens des Zweikampfes geführt, die Sache jedoch an das Bezirksgericht Fünfhaus abgetreten, da man der Anschauung war, dass nicht tödliche Waffen verwendet wurden. Vor kurzem fand nun vor dem Bezirksgericht die Verhandlung gegen die Duellanten und die übrigen Beteiligten (Robert Hofstetter, Franz Eggerer, Hugo Himmelberg, Viktor Springer, Rudolf Kaiser und Wilhelm Thun) statt. Auf die Frage des Bezirksrichters Dr. Koellner, warum sie keinen Arzt zu dem Duell zugezogen haben, erwiderten sie, dass die Duellanten derart geschützt waren, dass eine ernsthafte Verletzung nicht zu befürchten war. Der Richter verurteilte die beiden Duellanten wegen Raufhandels zu achtundvierzig Stunden, die anderen zu zwölf bis achtundvierzig Stunden Arrest, jedoch bedingt. Als mildernd galt, dass es ein Jugendstreich war.

Der Rachemord im „Schwarzen Adler

Rachemord im „Schwarzen Adler“, Bild: Illustrierte Kronen-Zeitung

Ort einer blutigen Fehde zwischen zwei ehemaligen Freunden war der beliebte „Schwarze Adler“ in der Schwendergasse, in dem vor allem Marktstandler und ihre Helfer verkehrten. Wegen einer geringfügigen Beleidigung schoss der Obsthändler Josef Beck seinen Kontrahenten ohne Vorwarnung aus nächster Nähe in den Kopf.

Transkript Kronen-Zeitung 20. Dezember 1911

Im Gasthaus erschossen.  Eine Bluttat in Rudolfsheim. Im Schankzimmer des Gasthofes „zum Schwarzen Adler“ in Rudolfsheim, Schwendergasse 41, hat sich gestern nachmittags eine aufsehenerregende Bluttat abgespielt. Der 36jährige Obsthändler Johann Beck, Hietzing, Linke Wienzeile 6 wohnhaft, hat den 30jährigen Kutscher Karl Hager, mit dem er seit einiger Zeit in Unfrieden lebte, durch drei Revolverschüsse in den Kopf getötet und ist dann geflüchtet. Die blutige Mordtat wurde im Bezirke bald bekannt und Hunderte von Neugierigen umstanden bis in die späten Nachtstunden das Gasthaus, in dem sich die Bluttat ereignet hat. Über die Vorgeschichte erfahren wir folgendes:

Eine verhängnisvolle Lustfahrt im Automobil.

Der Obsthändler Johann Beck kam vor ungefähr vierzehn Tagen in einem Automobil vor dem Gasthause „Zum Schwarzen Adler“ an und fand dort seine Bekannten, den Kutscher Karl Hager und den Viehtreiber Kunz, die er einlud, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen. Alle drei setzten sich dann in das Automobil und fuhren davon. Aber nicht weit, denn schon beim nächsten bekannten Gasthause wurde „Station“ gemacht und die drei stärkten sich durch einen Trunk. Bei diesem Anlasse kam es zwischen Beck einerseits und den zwei anderen zu einem Streit, der damit endete, dass Hager dem Beck einen Zündstein an den Kopf schlug und ihn verletzte. Von dieser Stunde an herrschte zwischen ihnen bittere Feindschaft. Beck klagte den Hager und heute hätte beim Bezirksgerichte die Verhandlung stattfinden sollen.

Unversöhnlich!

Beck hatte einen wütenden Groll gegen Hager und selbst die voraussichtliche Verurteilung Hagers konnte ihn nicht besänftigen. Er sann auch auf persönliche Rache und wiederholt äußerte sich Beck, er werde es dem Hager schon noch heimzahlen. Auch an Kunz wollte er sich rächen, sagte er. Seit acht Tagen soll Beck, wie Bekannte versichern, einen Revolver bei sich getragen haben, nur zu dem Zwecke, um mit Hager „abrechnen“ zu können.

Noch 48 Stunden!

 Am letzten Samstag äußerte sich Beck wieder, dass Hager nur mehr 48 Stunden leben werde. „Ich hol´ mir ihn“, soll er gesagt haben, „und dann bringe ich mich um!“

Transkript Ende

Quelle: Illustrierte KronenZeitung, Wien, Dienstag, 19. Dezember 2011, Titelblatt, Seite 5 und 6

Nach der Tat floh er mit der Drohung, noch mit einigen anderen „Feinden“ abzurechnen, die er glücklicherweise nicht zuhause antraf.

Seine Flucht dauerte nicht lange: Berittene Polizei verhaftete ihn im Waldgebiet bei Hütteldorf. Zu einem Prozess kam es nicht: Beck erhängte sich in der Untersuchungshaft.

Der Raubmörder und der tapfere Wirt

Transkript Illustrierte Kronenzeitung, 15. Juni 1920, Seite 4, Nr. 7442

Der Raubmord in Rudolfsheim.

In seiner Wohnung in Rudolfsheim, Preysinggasse 21, wurde Samstag nachts, wie berichtet, der 30-jährige Zuckerbäcker Franz Wittmann in bestialischer Weise ermordet.

Der im selben Hause etablierte Gastwirt Alois Schremler wollte sich Samstag gegen halb 1 Uhr nachts zur Ruhe begeben. Er trat auf den Gang hinaus. Da hörte er ein Röcheln und Stöhnen, das aus der ebenerdig gelegenen Wohnung des Zuckerbäckers drang. Er wollte gerade auf die Türe zugehen, als diese sich öffnete. Wittmann, über und über mit Blut bedeckt, war im Nachtkleide sichtbar. Mit röchelnden, gurgelnden Tönen deutete er an, dass ihn einer, der im Zimmer sei, so zugerichtet habe.

Der Gastwirt rief rasch einige Hausleute herbei. Während sich diese um den Schwerverletzten bemühten, eilte der Wirt wieder in sein Lokal und von da auf die Straße. Da sah er einen Burschen, der bloß mit einer Hose und einem Hemd bekleidet, durch das offene Fenster auf die Straße sprang. In der einen Hand hielt der Bursche ein Bündel mit Kleidungsstücken, in der anderen ein Messer.

„Was suchen`S denn da?“, fragte der Wirt.

Ohne zu antworten rannte der Fremde in Richtung gegen die Goldschlagstraße davon.

Die Verhaftung.

Mit den Rufen: „Aufhalten! Aufhalten!“ lief ihm Herr Schremler nach. Auf der Flucht warf der Verfolgte das Bündel und das Messer weg. Zwei Passanten und ein Stadtschutzmann hatten sich inzwischen an der Verfolgung des Flüchtigen beteiligt. „Hände hoch!“, rief der Gastwirt, als sie dem Flüchtigen nahe waren.

Dieser sah ein, dass ein Entrinnen unmöglich sei. Er blieb stehen und ließ sich festnehmen. Auf dem Kommissariat wurde er als der 19-jährige Tischlergehilfe Franz Bartl erkannt.

Transkript Ende

Der 19-jährige Tischlergehilfe Leopold Bartl war bisher unbescholten gewesen. Arbeitskollegen und Hausbewohner*innen schilderten ihn als braven, ordentlichen Burschen, der bescheiden gelebt hätte. Rohheiten hätte er sich nie zuschulden kommen lassen, höchstens ein mürrisches Wesen hätte man ihm ankreiden können: Er sei stets ernst, still, in sich gekehrt gewesen, hätte nie gelacht.

Der Gerichtspsychiater ließ sich von dieser äußeren Unauffälligkeit nicht täuschen: In seinem Gutachten bezeichnete er Bartl als gefühls- und gemütsarmen Menschen mit gewalttätigen Neigungen. Auf Richter und Geschworene machte er keinen guten Eindruck, weil er sein Geständnis widerrief und stattdessen „einen ganzen Roman“ erzählte.

Der Angeklagte, ein bäuerlicher Bursche, stiernackig, von stämmigem Körperbau, bekennt sich schuldig. Den Wittmann schildert er als widernatürlich veranlagten Menschen, der ihn zu Unzuchtshandlungen verleiten wollte. Auch in der kritischen Nacht sei dies geschehen und aus Abscheu und Zorn darüber habe er auf Wittmann, der ihn nicht aus der Wohnung lassen wollte, mit der Hacke losgeschlagen.

Nachdem der Angeklagte anfangs eingestanden hatte, dass er es auf die Ersparnisse des Zuckerbäckers abgesehen und die Nacht in dessen Wohnung verbracht hatte, um den Schlafenden zu töten und zu berauben, änderte er seine Verantwortung nun vollkommen und präsentierte sich dem Vorsitzenden Dr. Khittel als züchtiger Jüngling, der aus Abscheu über die sexuellen Avancen des Zuckerbäckers zur Mordwaffe gegriffen hatte – „damit i mei Ruah hob.“

Angesichts der Tatsache, dass er eng mit dem allgemein als homosexuell bekannten Wittmann befreundet gewesen war und häufig in dessen Wohnung übernachtet hatte, wollte ihm der Vorsitzende die verfolgte Unschuld nicht so recht glauben, und verurteilte ihn zu einer harten Kerkerstrafe.

Illustrierte Kronenzeitung, 15. Juni 1920, Seite 4, Nr. 7442

Das Beisl des Boxers: Hans Orsolics´ „Gasthaus zum Rauchfangkehrer“

Einer, der es mit seinem Beisl öfter in die Kriminalchronik der Zeitungen als in den Gault Millau schaffte, war der Profiboxer und Publikumslieblings Hans Orsolics.

Als seine Karriere im Boxring in die Brüche ging, versuchte der „Hanseee“ sich in der Gastronomie und eröffnete in der Goldschlagstraße im 15. Bezirk sein Gasthaus „Zum Rauchfangkehrer“ – das war nämlich sein eigentlicher, erlernter Beruf gewesen.

Das war keine gute Idee, denn, wie der Ex-Wirt im Gespräch mit dem STANDARD bekannte: „Es warat guat gaungen, leider woa i mei bester Kunde.“

Gasthaus zum Rauchfangkehrer – Hans Orsolics

Eine psychische Erkrankung machte ihm zu schaffen – Stimme, die „lauter Bledsinn redeten“.

„Hau eam nieder, die Frau hat di betrogen und so an Scheißdreck. Hat zu mir aner gsogt, was wüst klaner Blader, kaunst eh net boxen, hab i eahm niederhaun miassn. Er is daun glegen, und i war eingsperrt.“

Dies und seine zunehmenden Alkoholprobleme führten zu zahlreichen Schlägereien und in Folge zu Haftstrafen, der ehemalige Publikumsliebling musste zeitweilig von der Sozialhilfe leben und wurde nur von seiner Familie vor einer Obdachlosigkeit bewahrt.

Das Gasthaus „Zum Rauchfangkehrer“ ging in Konkurs. Nur mühsam gelang es ihm mit Hilfe guter Freunde, wieder auf die Beine zu kommen.

Eine Ikone des Bezirks ist der inzwischen über 70jährige Boxer freilich noch immer.

Der Wirt als Täter und Opfer heute

Mit Stichtag 31.12.2017 gab es in Wien laut Mitgliederstatistik der WKO  488 Gasthäuser, dazu acht Gasthöfe mit einem kleinen Beherbergungssektor (max. acht Betten), 80 Weinlokale / Weinschänken und 7 Branntweinschänken.

Quelle

Heute sind – obwohl es natürlich immer noch Raufereien und Zechpreller gibt – die Bedrohungen subtiler geworden:

Das Cybercrime ist die große Bedrohung der heutigen Zeit. Hacker erpressen Gastwirte, indem sie ihre Computer durch Schadsoftware lahmlegen („Ransomware“) und Lösegeld verlangen, um den Computer wieder zugänglich zu machen. Dabei steigt die Zahl der Fälle rasant an, und nur etwa ein Drittel wird geklärt.

Cybercrime in Österreich, Quelle : BMI

Vor allem ausländisch-stämmige Wirte werden zu Zielscheiben rassistischer und politischer Angriffe, oft auch zu Opfer von Schutzgelderpressungen.

Der Wirt als Täter

Aber auch heutzutage ist der Wirt (mitsamt seinen Mitarbeitern) oft Täter: Die Stichworte heißen

  • Pseudo-Belege
  • Kassenmanipulation durch Phantomware (Hierbei handelt es sich um Hightech-Spezialsoftware zum Frisieren von Kassen)
  • Trainingskellner (ein ganz alter Trick, mit dem das Kassensystem überlistet werden soll: Alle Buchungen auf diesem Schlüssel werden nicht auf den Gesamtumsatz kumuliert)
  • Minderwertige Ware: Garnelen statt Scampi, Billig- statt Edelfleisch, Pangasius statt Seezunge. Oder gleich ganz was Grausliges:
Quelle

„Der größte Teil des Fleischs, das der im Gammelfleisch-Skandal hauptverdächtige Großhändler in München ausgeliefert hat, ist bereits verzehrt.“

Das war in München 2006, inzwischen sind zahlreiche weitere Fälle von krankmachender, ja tödlicher Ware, wie im Wurstskandal Wilke, dazugekommen)

Das Gastro-Magazin „Prost“ schreibt dazu in seiner Ausgabe vom 19. März 2018:

„Den Gast zu betrügen, nur weil der sich nicht auskennt, ist widerwärtig. Leider sind drakonische Strafen hier nur sehr schwer umzusetzen. (…)  Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, Experten des Bundesrechnungshofs gehen aber davon aus, dass dem Staat durch Diebstahl, Betrug und Manipulation in Gastgewerbe und Handel jedes Jahr bis zu zehn Milliarden Euro durch die Lappen gehen. (…) Fazit: „Es ist überfällig, dass die Politik endlich die zahlreichen Schlupflöcher für Betrüger in unserer Branche schließt und stattdessen vernünftige Rahmenbedingungen schafft, die ehrlichen Gastronomen das Leben erleichtern.“

Quelle: www.prost.at Online-Magazin vom 19. März 2018

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