👮🏻‍♀️ Vom „Fräulein Polizeiassistentin“ zur Kriminalbeamtin

Unsere neunteilige Serie „History & Crime in Rudolfsheim (FĂĽnfhaus) Anno dazumal“ – erschienen 2018/19 – von Barbara BĂĽchner fand groĂźen Anklang und gehört zu den meistgelesenen Beiträgen auf WIENfĂĽnfzehn!

Auf vielfachen Wunsch haben wir uns nun entschlossen, die Serie fortzusetzen. In unregelmäßigen Abständen finden Sie nun weitere Forschungsergebnisse aus „History & Crime in Rudolfsheim“.

Barbara Büchner recherchiert unermüdlich in Archiven, durchforstet dutzende Zeitungsartikel und trägt für Sie die spektakulärsten Fälle zusammen, die sich auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks zugetragen haben oder von Personen handeln, die im heutigen Rudolfsheim-Fünfhaus wohnhaft oder beruflich (oder sonst wie) tätig waren.

Erfahren Sie heute, wie sich die Tätigkeit von Frauen von der Polizeiassistentin zur vollwertigen und gleichberechtigten Kriminalbeamtin entwickelt hat.

Alles begann 1911 …

History & Crime

„Fräulein Polizeiassistentin“ tritt ihren Dienst an

Der 5. Mai 1911 war ein besonderer Tag für die Frauenbewegung: In Wien trat ein „Fräulein Polizeiassistentin“ ihren Dienst als k.k. Staatsbeamtin an.

Atemlos vor Stolz vermeldete die Zeitschrift „Mitteilung des Zentral-Vereines der staatlichen Vertragsbeamtinnen“ im Heft 4 aus 1911:

Wiener Zeitung 5. Mai 1911

Unglaublich – eine Frau als Staatsbeamtin!

(Was hätten die Herren damals wohl zu den Kanzlerinnen und Staatschefinnen unserer Zeit gesagt?)

Aber so war es. Fräulein Franziska Wessely, bis dahin als „Manipulantin“ (Verwaltungsbeamte) im Zentralmeldeamt angestellt, war am 1. Juli 1909 provisorisch und am 5. Mai 1911 fix als Polizeiassistentin angestellt worden.

Grundlage für ihre Tätigkeit war der Erlass der k. k. Polizeidirektion Wien vom 1. Februar 1909, Zahl 250/2G, zum „Zwecke einer einheitlichen Durchführung der bezüglich jugendlicher Personen zu treffenden Fürsorgemaßnahmen“. Ihr Jahresgehalt betrug 3.000 Kronen.

Die „Österreichische Krone“ war die Goldwährung Österreich-Ungarns bis 1918 und die Währung der Republik Österreich von 1918 bis 1925. Sie löste im Zuge der Währungsumstellung von 1892 den Gulden ab. In der Umgangssprache bezeichnete man die Goldmünzen zu 10, 20 und 100 Kronen als „Goldkronen“. In den Jahren 1908-1912 betrug die Kaufkraft der Krone etwa 5 Euro.

Die Zeitschrift „Wiener Hausfrau“ freute sich mit einem ausführlichen Artikel zwischen Tipps zur Mäusebekämpfung und zur Verwendung von Kartoffeln als Tintenwischer über den neuen Frauenberuf, der noch unter dem Titel „Jugendfürsorge“ stand:

Wiener Hausfrau Nr. 281, 1.August 1909

Transkript „Wiener Hausfrau“, 1. August 1909, Nr. 281, 6. Jahrgang, Nr. 44

JugendfĂĽrsorge.

Die erste k. k. Polizeiassistentin.

Nicht so „handgreiflich“ wie die Londoner Suffragette, aber eifrig und zielbewusst strebt die deutsche Frau der Erweiterung ihrer Rechte zu, und was die Einzelne erreicht, kommt auch ihren Mitstrebenden zugute. So kann man es denn nur mit aufrichtigster Genugtuung begrĂĽĂźen, dass wieder ein Schritt nach vorwärts zu verzeichnen ist, und zwar einer auf dem der Frau so vertrauten Gebiet der JugendfĂĽrsorge.

Mit Ermächtigung des Ministers des Innern, Dr. Freiherr von Haerdtl, hat der Polizeipräsident Brzesowsly Fräulein Franziska Wessely zur k. k. Polizeiassistentin für Jugendfürsorge ernannt. Der Wirkungskreis der neuen Beamtin (welche die gewerbliche Fortbildungsschule in Brünn und die Lehrerinnenbildungsanstalt in Wien absolviert hat und bisher im Zentralmeldungsamt in Verwendung stand) ist ein ebenso schöner als verantwortungsreicher.

Der Polizeiassistentin kommt es zu, als Mittelsperson zwischen Sicherheitsbehörde und privaten Anstalten für Jugendfürsorge zu fungieren, bei der Aufrechterhaltung von Zucht und Sitte unter den jugendlichen Arrestanten im Polizeigefangenhaus mitzuwirken (…).

Daher darf wohl im Allgemeinen angenommen und gehofft werden, dass die neue Polizeiassistentin zum Segen fĂĽr die armen misshandelten und verwahrlosten Kinder, fĂĽr die entartete Jugend werde.

Transkript Ende

Polizeipräsident, Minister & Ministerpräsident

Karl Freiherr von Brzesowsky. Bild: Wikipedia.

Karl Freiherr von Brzesowsky (* 7. September 1855 in Brünn; † 1945 in Wien) war 1907 bis 1914 als Polizeipräsident Leiter der k.k. Polizeidirektion in Wien.

Guido Freiherr von Härdtl (* 23. Februar 1859 Wien, † 20. Juli 1928 Wien), Jurist, war 1911 war Minister des Inneren im Kabinett Bienerth.

Richard Freiherr von Bienerth, ab 1915 Graf von Bienerth-Schmerling (* 2. März 1863 in Verona; † 3. Juni 1918 in Wien), war österreichischer Beamter, Minister und Ministerpräsident.

Fürsorgerin für die „verwahrloste und entartete Jugend“ – was konnte weiblicher sein als ein solcher Beruf?

So liegt in den zeitgenössischen Berichten über Polizeiassistentinnen – die erste gab es übrigens 1903 in Stuttgart – denn auch das Schwergewicht auf ihrer mütterlichen Rolle, ihrem fraulichen Feingefühl im Umgang mit Kindern, ihrer Schutzfunktion für Verlassene und Misshandelte.

Henriette Arendt – 1903 erste Polizeiassistentin Deutschlands

Bild

Henriette Arendt (* 11. November 1874 in Königsberg; † 22. August 1922 in Mainz) war eine deutsche Krankenschwester und wurde 1903 in Stuttgart die erste Polizeiassistentin Deutschlands.

Nach einem Zerwürfnis mit ihren vorgesetzten Behörden schied sie Ende 1908 aus dem Dienst aus und widmete sich vor allem der Vortrags- und Publikationstätigkeit gegen den Kinderhandel. Sie war die Tante der Polit-Philosophin Hannah Arendt.

Mag sein, dass viele Leserinnen damals den bedeutsamen Passus ĂĽbersahen, der da lautete:

Transkript „Wiener Hausfrau“, 1. August 1909, Nr. 281, 6. Jahrgang, Nr. 44

… kann sie auch der Vernehmung Jugendlicher zugezogen werden. Bei Kindermisshandlungen, Verwahrlosung und Verwendung von Kindern zum Betteln wird sie in einzelnen Fällen, eventuell unter Beigabe von Polizeiagenten, mit Erhebungen betraut.

Transkript Ende

Der Beruf der Kriminalbeamtin keimt auf

Hier keimt – noch ganz unauffällig – der Beruf der Kriminalbeamtin.

Später sollte es tatsächlich zu einer zunehmend größeren Schere kommen: zwischen der Fürsorgerin, die auf Seiten ihrer Schützlinge stehen muss, und der Erhebungsbeamtin, die vor allem dem Gesetz verpflichtet ist.

Henriette Arendt musste ihren Posten quittieren aufgrund „mangelnder Loyalität“, woraus man schließen kann, dass sie die Interessen der Frauen und Kinder mehr im Auge hatte als den Vollzug des Gesetzes.

Aus der Wurzel der Polizeiassistentin sprossen daher letztendlich drei verschiedene Zweige:

  • Die FĂĽrsorgerin des Jugendamtes und der Jugendgerichtshilfe sowie der Bewährungshilfe
  • Die Kriminalbeamtin
  • Und letztlich die Sicherheitswachebeamtin, (der wir einen eigenen Blogartikel widmen)

Aber noch sind wir Anfang des 20. Jahrhunderts, und die Aufregung ist groß genug, dass hier eine Frau – wenn auch nur ganz vorsichtig – in die zu 100% männerdominierten Reihen der Polizei eindringt.

Wieder hatte sich ein kleines Stückchen von der Vision erfüllt, die Marianne Hainisch, eine der Leitfiguren der österreichischen Frauenbewegung, 1870 in ihrer Rede vor dem „Wiener Frauenerwerbsverein“ ihren Zuhörerinnen ausgemalt hatte:

„Die Frau soll zu jedem Beruf berechtigt sein!“

Dabei war damals war schon der bloße Gedanke an höhere Bildung für Mädchen ein aberwitziges und radikales Ansinnen. Koedukation, das bedeutete Sittenverfall – und ohnehin wäre das Frauenhirn größeren Anstrengungen nicht gewachsen, urteilten die weisen Männer der Zeit.

Einer, der anders dachte, war der Polizeipräsident Johann Schober.

Als er am 19. August 1932 einem schweren Herzleiden erlag, widmete ihm „Die Österreicherin“ das folgende dankbare Gedenken:

Transkript „Die Österreicherin“, Nr. 8, 1932

Schon in seiner ersten führenden Stellung als Polizeipräsident hat er streng darauf gesehen, dass auch den weiblichen Beamten der Polizei eine ihren Leistungen entsprechende Stellung eingeräumt wurde.

Entgegen der Enge des Beamtenschematismus bedeutete im Amtsbereiche Dr. Schobers das weibliche Geschlecht kein Hindernis fĂĽr beruflichen und materiellen Aufstieg. Auch von der Notwendigkeit der Mitarbeit weiblicher Polizei war Dr. Schober ĂĽberzeugt.

Wenn trotzdem das Problem der Polizistinnen in Österreich noch immer nicht gelöst ist, so hat dies seinen Grund in finanziellen Schwierigkeiten, die stärker waren als der Wille des Polizeipräsidenten.

Aber der organisatorischen Kraft Dr. Schobers ist es gelungen, die Polizeiärztin und Polizeifürsorgerin durchzusetzen.

Transkript Ende

Diesem weit in die Zukunft denkenden Beamten war es also zu verdanken, dass die Vision „Frauen im Polizeidienst“ schließlich Gestalt annahm. Freilich, fürs erste begegnete man diesen Vertreterinnen eines neuen Frauenberufs mit Misstrauen, ja Feindseligkeit.

Und wenn die Frauen nicht selbst einsahen, wo sie fehl am Platz waren, dann ekelte man sie eben hinaus – so geschehen an eben dieser ersten Polizeiassistentin in Stuttgart, der „ersten deutschen Polizistin“, über deren Schicksal das „Neue Wiener Journal“ berichtet.

Erlebnisse einer Polizeiassistentin, Bild: zahlreiche Quellen im Web, hier von Youtube

Transkript (Auszug) „Neues Wiener Journal“, 19. August 1910, Nr. 6042, Seite 6

Schwester Henriette Arendt, deren im Jahre 1907 erschienenes Buch „Menschen, die den Pfad verloren“ so viel berechtigtes Aufsehen gemacht hatte.

Die erste Polizeiassistentin in Deutschland, ist nicht mehr in dieser Stellung in Stuttgart, man hat sie dort nach sechsjähriger Wirksamkeit in aller Form weggeekelt.

Sie flĂĽchtet sich mit einer neuen Publikation sozusagen in die Ă–ffentlichkeit, indem sie in diesem neue« BĂĽchlein „Erlebnisse einer Polizeiassistentin“ („SĂĽddeutsche Monatshefte“, MĂĽnchen) schildert, wie BĂĽrokratismus und Engherzigkeit sie aus ihrem segensvollen Wirken hinausdrängten.

In der Einleitung schreibt sie:

„Die jahrelangen harten Kämpfe haben meine Gesundheit untergraben und mich gezwungen, am 1. Februar 1909, nach sechsjähriger Tätigkeit, mein Amt als Polizeiassistentin in Stuttgart niederzulegen.

Scheinbar haben Bürokratismus und Pietismus in diesem Kampfe gesiegt. Aber den Gedanken allgemeiner sozialer Hilfeleistung, ohne engherzige Beschränkung, haben sie nicht vernichten können. Er hat sich siegreich Bahn geschafft.

In Hannover, Bielefeld, München, Leipzig, Dresden, Nürnberg, Kiel, Freiburg i. B., Mainz sind bereits Polizeiassistentinnen zur Fürsorge der Gefangenen angestellt worden.“

Transkript Ende

Da kam es gerade recht, dass es zu der Zeit in Mainz zu einem Skandal um den Amtsmissbrauch der PolizeifĂĽrsorgerin Dr. Schapiro gekommen war. Ă„ngstlich beteuerte daraufhin die Wiener Polizei, dass man hierorts die Polizeiassistentin an einer kurzen Leine halte.

So berichtet die Zeitung „Der Morgen“:

Transkript (Auszug) „Der Morgen“, 9. Oktober 1911, Seite 2:

Fräulein Wessely, eine frühere Beamtin des Zentralmeldeamtes, die hier als Polizeiassistentin wirkt, ist nicht dem Vorstand der Sittenpolizei unterstellt, sondern dem Amtsvorstand der Zentrale für Jugendfürsorge. Sie führt keine selbständigen Amtshandlungen durch, sondern vermittelt bloß den Verkehr zwischen der Polizei und den verschiedenen Anstalten und Vereinen, die sich mit der Jugendfürsorge befassen. (…) Zur Ausforschung und Überweisung von Prostituierten darf sie gar nie herangezogen werden.

Transkript Ende

„Das interessante Blatt“, 7. April 1927

In den Zeitungen legte man denn auch, wenn über die Arbeit der Polizeiassistentin berichtet wurde, das Gewicht eher auf possierliche Zwischenfälle, bei denen sie sich als Frau, Ersatzmutter und Fürsorgerin beweisen konnte.

Der folgende Bericht aus der „Ödenburger Zeitung“, verfasst von einem pseudonymen „Francis“, lässt erkennen, wie wenig ernst man die Polizeiassistentin nahm:

„In das Ressort der Fürsorgerinnen fallen jene Fälle, bei denen eine polizeiliche Intervention nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, sondern nur ein Akt freiwilliger und nicht immer erwünschter Philanthropie ausgeübt wird.“

Transkript „Ödenburger Zeitung“, 25. März 1936, Nr. 71, Seite 5.

Was die PolizeifĂĽrsorgerin erzählt. – Tragödien und Komödien der GroĂźstadt.

Die PolizeifĂĽrsorgerin bekommt einen Dienstzettel. Auf ihm steht Name und Adresse der Partei, die schleunigst besucht und deren persönliche Verhältnisse aus einem ganz bestimmten Grund erforscht werden sollen. Die zu besuchende Partei hat nämlich nur eine Kleinigkeit „angestellt“, die fĂĽr sie allerdings leicht hätte tragisch ausgehen können. Sie unternahm einen Selbstmordversuch, der sie glĂĽcklicherweise nicht ins angestrebte Jenseits, sondern bloĂź in ein Polizeikommissariat brachte, wo mit der LebensmĂĽden ein Protokoll ausgenommen wurde. Schon andern Tags erscheint bei ihr die von der Polizei geschickte FĂĽrsorgerin, um Mittel und Wege ausfindig zu machen, die den Selbstmordkandidaten der Nötigung entheben, vielleicht ein zweites- Mal und mit größerem „Erfolg“ in die Donau zu springen oder den Gashahn aufzudrehen.

Der eifersĂĽchtige alte Esel.

Die Frau, die heute von der FĂĽrsorgerin nicht zum ersten Mal aufgesucht wird, ist gewissermaĂźen ein Stammgast der Polizei, obwohl sie dem Gesetz noch nie ein Härchen gekrĂĽmmt hat. Sie ist eine Gewohnheitsselbstmörderin und hat vor einigen Tagen zum siebenten Mal versucht, sich ums Leben zu bringen. Allerdings versäumte sie jedes Mal die Ăśberfuhr ins bessere Jenseits und konnte auch bei ihrem vorderhand letzten Selbstmordversuch gerettet werden. Das Leben freut sie nicht, weil sie von ihrem Mann so schrecklich mit Eifersucht geplagt wird. Dieser Frau wäre eigentlich zu gratulieren. Denn sie ist ĂĽber sechsundzwanzig Jahre verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und ihr Mann ist noch immer eifersĂĽchtig. Jetzt, seit er in Pension gegangen ist, kann es die Frau ĂĽberhaupt nicht mehr aushalten. Sie hatte vor fĂĽnfundzwanzig Jahren das Pech, ihrem Mann einmal, nur ein einziges Mal, untreu geworden zu sein. Er hat ihr dieses Malheur nie verziehen und die Frau förmlich zur Hörigen und Sklavin seiner Eifersucht gemacht. Er beargwöhnt jeden ihrer Schritte seit einem Vierteljahrhundert. Immer noch gibt es Krawalle wegen eines Liebhabers, dem vielleicht schon längst kein Bein mehr weh tut. Und jetzt noch mehr als frĂĽher, weil der pensionierte Gatte den ganzen Tag Zeit hat, ĂĽber den verjährten Seitensprung seiner schon lange grauhaarig gewordenen Frau in Wut zu geraten. Regelmäßig enden die häuslichen Zwistigkeiten damit, dass die arme Frau auf- und davongeht, „ins Wasser.“ Siebenmal hat sie es probiert, aber dieser Mann ist danach geartet, dass sie es auch ein achtes- Mal versuchen wird und eines Tages die Sache vielleicht doch katastrophal ausgeht. Hier kann die FĂĽrsorgerin kaum etwas anderes machen, als dem noch immer in der BlĂĽte seiner Eifersucht stehenden, beglatzten, dickbäuchigen Pensionisten ins Gewissen zu reden. Der Effekt ist eine Versöhnungsszene zwischen den alten Leuten.
„Und morgen“, sagt die Frau unter der TĂĽr zu der sich verabschiedenden FĂĽrsorgerin, „geht es wieder an…“

Transkript Ende

Fazit des relativ langen Artikels (die anderen zitierten Fälle sind noch alberner): Die Polizeiassistentin können wir uns eigentlich sparen, denn sie kümmert sich nur um Leute, die vor lauter Langeweile der Polizei unnötige Arbeit machen. Die Realität, wie Henriette Arendt sie schildert, sieht anders aus.

Ihre Fälle (zitiert nach dem Bericht im „Neuen Wiener Journal“ vom 18. August 1910):

  • Eine Kellnerin sucht ein gutes Plätzchen fĂĽr ihr neuntes uneheliches Kind. Von seinen Geschwistern sind nur noch zwei am Leben. Nur Gott weiĂź es, was aus den anderen geworden ist.
  • Ein verwitweter Hausierer will drei seiner Kinder, die ihm im Wege sind, abgeben.
  • Eine Prostituierte droht ihr neugeborenes Kind umzubringen, wenn es ihr nicht aus den Augen geschafft wird.
  • Eine zum zweiten Mal verheiratete Frau will ihren geliebten fĂĽnfjährigen Sohn aus erster Ehe einer braven Familie schenken, weil dem Stiefvater das arme Kind ein Dorn im Auge ist.
  • Eine Rabenmutter, welche fĂĽr ihr an englischer Krankheit (Rachitis, Anm. d. Red.) leidendes Kind mehrmals vergeblich das Geld fĂĽr die Annonce in den Zeitungen ausgegeben hatte, sperrte das unglĂĽckliche Geschöpf schlieĂźlich ein und lieĂź es verhungern.
  • Eine andere Rabenmutter misshandelte ihren unehelich geborenen, in seiner Entwicklung zurĂĽckgebliebenen achtjährigen Sohn unmenschlich. Obwohl Polizei und Stadtmission von dem Fall Kenntnis hatten, wurde weder gegen dieses Weib eingeschritten, noch ihm sein unglĂĽckliches Opfer entrissen. Endlich erlöste es der Tod von seinem qualvollen Martyrium. Als es schon längere Zeit friedlich in der Erde ruhte, wurde es plötzlich infolge einer anonymen Anzeige ausgegraben, und da man an dem kleinen Skelett noch die Spuren schwerer Misshandlungen erkennen konnte, kam das entmenschte Weib ins Gefängnis.
  • Wie viele Tausende von Mark flieĂźen doch alljährlich den „Kinderrettungsvereinen“ zu, und wieviel Kindermartyrium könnte verhĂĽtet werden, wenn diese Vereine, ohne RĂĽcksicht auf „WĂĽrdigkeit“ oder „UnwĂĽrdigkeit“, auf guten oder schlechten Leumund der Eltern, ein solches Kind seinen Peinigern abnehmen wĂĽrden!

Transkript Ende

Doch weder Journalistenspott noch Behördenstarrsinn vermochten die Entwicklung aufzuhalten. Die Polizeiassistentin, von Anfang an schwankend zwischen ihrer Rolle als Fürsorgerin und als Erhebungsbeamtin, tendierte zunehmen zu der letzteren, während die eigentlichen Fürsorge-Aufgaben in andere Hände übergingen.

Die „Reichspost“ fasst diese Divergenz in klare Worte.

Transkript (Auszug) „Reichspost“, 2. Oktober 1927, Seite 21

Nun versteht man aber in Deutschland unter dem Begriff der Polizeibeamtin etwas ganz anderes als bei uns in Österreich. Der Aufgabenkreis der weiblichen Polizei in Deutschland zerfällt: In eine schutzpolizeiliche Tätigkeit (Gefährdetenpolizei) und eine kriminalpolizeiliche Tätigkeit (weibliche Kriminalpolizei).

Darnach soll eine genaue Abgrenzung der Arbeitsgebiete der Frauenpolizei zur Tätigkeit der Polizeifürsorge und anderer Wohlfahrtsstellen statthaben. Denn wiewohl die Polizeifürsorge dauernd als Ausgangspunkt weiblicher Polizeiaufgaben anzusehen und die weibliche Polizei mit der Fürsorge durch die Arbeitsgemeinschaft an gleichem Menschenmaterial verbunden sein wird, wird in Deutschland eine reinliche Scheidung beider Aufgabengebiete nach Polizei und Wohlfahrtspflege durch ihre Verschiedenheit der Form, des Inhalts und des ganz andersartigen Beheimatetseins als notwendig erachtet.


Die Gefährdetenpolizei soll sich hauptsächlich als vorbeugende, verhütende Institution auswirken, indem sie Frauen, Kinder und Jugendliche, die der Prostitution anheimzufallen drohen oder gefährdet und hilfsbedürftig erscheinen, also z. B. obdachlos in Straßen und Parks umherirren oder alkoholisiert aufgefunden worden, Schutz gewährt und helfendes Eingreifen verbürgt. Die weibliche Kriminalpolizei hingegen, durch deren Schaffung der besonderen Berücksichtigung und Erforschung der Lebensverhältnisse des Straffälligen Rechnung getragen werden soll, ist Organ der Strafverfolgung.

Der weiblichen Kriminalpolizei soll die Bearbeitung bestimmter Straftaten überlassen bleiben, bei denen vorwiegend Frauen, sei es als Beschuldigte, Verletzte oder Zeugen beteiligt sind — wie z. B. bei den Delikten der Verführung, Notzucht, Schändung, Kuppelei, Mädchenhandel, Kindestötung, Abtreibung.


Die Einvernahme weiblicher Delinquenten durch weibliche Beamte (in Deutschland sind es vielfach Kriminalkommissare, die aus dem Stand der Kriminalbeamten hervorgegangen sind, in Österreich müssen es jedoch juridisch vorgebildete Beamte sein), trägt zur Erhöhung der Klarheit der Aussagen bei.

Transkript Ende

Erstes Frauenkommissariat in Hamburg

Während in den anderen Städten nur einzelne Vernehmungen der weiblichen Polizei übertragen wurden, entstand in Hamburg das erste Frauenkommissariat.

Dort übernahm die weibliche Kriminaloberinspektion in Hamburg — als Leiterin wurde Josefine Erkens berufen, die als erste Frau die Dienstprüfung für das Amt eines Kriminalkommissars ablegte — bestimmte Deliktsgruppen zur einheitlichen und vollständig selbständigen Bearbeitung bis zur Abgabe an die Staatsanwaltschaft.

Alles in Ordnung, sollte man meinen. Doch den deutschen Behörden wurde Josefine Erkens bald allzu tüchtig, und wie Henriette Arendt vor ihr wurde sie aus dem Amt geekelt.

Für eine Frau feiert Josefine Erkens in der Weimarer Zeit einen ungewöhnlichen Erfolg:

Sie macht Karriere bei der Kriminalpolizei. 1923-25 baute sie in Köln die „Frauen-Wohlfahrtspolizei“ auf, 1926 bildete sie in Frankfurt am Main die ersten preuĂźischen Kripobeamtinnen aus, ehe sie ab 1927 die Reform der Hamburger Polizei in Angriff nahm. 1930 zur Regierungsrätin ernannt, erlangte sie im In- und Ausland hohes Ansehen.

Doch dann geriet sie in Konflikt mit ihrer eigenen Behörde, die sie nach einem aufsehenerregenden Presseskandal 1932 zwangspensionierte und 1933 entlieĂź, weil sie – angeblich – nicht fĂĽr eine FĂĽhrungsposition geeignet war.

1930 in Ă–sterreich …

In Österreich hatte sich währenddessen bis zum Jahr 1930 nicht viel getan.

Transkript „Reichspost“, 6. April 1930, Seite 18

Bei uns in Österreich gibt es keine weibliche Polizei im Sinne der oben beschriebenen deutschen Institution. Die Wiener Polizeidirektion beschäftigt bekanntlich schon seit langer Zeit Frauen im Dienste der polizeilichen Fürsorge; und zwar im polizeilichen Jugendamt, im Amt zur Bekämpfung des Mädchenhandels und der Geschlechtskrankheiten, sowie auf dem Gebiet der Trinkerfürsorge.

Die Beantwortung der Frage, ob sich die weibliche Polizei nach deutschem und englischem Muster in Ă–sterreich durchsetzen und einbĂĽrgern wird, muss zukĂĽnftiger Entwicklung ĂĽberlassen werden.


Jedenfalls ist es sehr begrüßenswert, dass die Tatsache der glänzenden Bewährung unserer Polizeifürsorgerinnen die Polizeidirektion dazu veranlasst hat, deren Zahl durch eine Reihe von Beamtinnen zu verstärken, die durch ihre vorausgehende praktische Erfahrung im Fürsorgeberuf und ihrer Fachschulung in der sozialen Frauenschule die Eignung für den polizeilichen Fürsorgedienst erwarben.

Transkript Ende

Kriminalbeamtin versus FĂĽrsorgerin

Dass aus der Polizeiassistentin doch noch eine vollgültige Kriminalbeamtin wurde, hängt damit zusammen, wie sich gleichzeitig der Beruf der Fürsorgerin entwickelte.

Nämlich in einer Weise, die der Polizeiassistentin auf diesem Gebiet starke Konkurrenz machte.

Schon 1912, also im Jahr nachdem Fräulein Wessely offiziell in ihr Amt eingesetzt war, eröffnete Ilse Arlt die erste Fürsorgeschule.

(Ilse Arlt, geb. 1. Mai 1876 in Wien, gest.25. Jänner 1960 in Wien, zählt zu den Wegbereiterinnen wissenschaftsgeleiteter Sozialer Arbeit.)

1913 wurden in Wien erstmals zehn Dienststellen für Berufspflegerinnen zum Einsatz in der Jugendwohlfahrt geschaffen. Dieser Einsatz von fix angestellten und entlohnten Berufspflegerinnen, (von denen vorerst gar keine spezifische Berufsausbildung verlangt wurde!), stellte einen ersten Schritt der Herausbildung eines eigenständigen Berufes im Bereich der Jugendfürsorge dar.

Zwei Wege trennten sich.

1.Jänner 1951 – Start des Kriminaldienstes fĂĽr Frauen

Nachdem das Städtische Jugendamt in Wien einen Großteil der Fürsorgeaufgaben übernommen hatte, wurden die Polizeifürsorgerinnen vermehrt mit verwaltungs- und kriminalpolizeilichen Tätigkeiten betraut.

Nach der NS-Machtübernahme wurde die Polizeifürsorge im Herbst 1938 in eine „Weibliche Kriminalpolizei“ umgewandelt, jedoch wurde diese im November 1945 aufgelöst und stattdessen ein „Institut der Polizeifürsorgerinnen für Jugendliche und gefährdete Frauen“ eingerichtet.

Die Beamtinnen hatten aber keine Exekutivgewalt.

Im April 1947 wurde in der kriminalpolizeilichen Abteilung der BPD Wien das Büro „Jugendpolizei“ geschaffen, das den Dienst der Polizeifürsorgerinnen in den Bezirkspolizeikommissariaten, im Sicherheitsbüro und im Büro zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten koordinierte.

Da die Arbeit der Jugendpolizei hauptsächlich kriminalpolizeilichen Charakter hatte, wurden mit Wirksamkeit vom 1. Jänner 1951 28 Polizeifürsorgerinnen mit Erlass der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit in den Kriminaldienst übergeleitet.

Sie erhielten die Bezeichnung „weibliche Kriminalbeamte“, absolvierten den Kriminalbeamtenkurs und erhielten das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen.

Anna Vogel – Erste Polizeioffizierin

Am 1. Juli 1955 trat die erste Polizeioffizierin („leitende weibliche Kriminalbeamtin“) ihren Dienst an – Anna Vogel, die Leiterin der Jugendpolizei wurde und neben dem Beruf auch da Jus-Studium absolvierte.

1971 gab es bei der Wiener Polizei 33 „weibliche Kriminalbeamte“ – zwei leitende, 13 dienstführende und 18 eingeteilte Beamtinnen.

Im Jahr 1970 erledigten sie insgesamt fast 14.000 Aktenvorgänge, sie befragten 849 Kinderund jugendliche Mädchen zu Sittlichkeitsdelikten und führten über 2.500 Amtshandlungen wegen abgängiger oder gefährdeter Kinder und Jugendlicher durch.

Auch diese Beamtinnen waren lange Zeit nicht bewaffnet und konnten daher nicht im vollen Umfang der polizeilichen Aufgaben verwendet werden.

(Quelle: Ă–ffentliche Sicherheit 11-12/2011)

Volle Gleichberechtigung – bitte warten …

Neu war allerdings nur der Titel, die Aufgaben auch der akademisch gebildeten Damen waren im Prinzip dieselben wie die des „Fräulein Polizeiassistentin“:

Sie beschränkten sich nach wie vor mit wenigen Ausnahmen auf frauenspezifische Amtshandlungen mit Frauen und Kindern, vor allem auf die Bearbeitung von Sexual- und Misshandlungsdelikten.

Um diesen Charakter noch zu betonen, wurde in den 1980er-Jahren von den Frauen als Aufnahmekriterium der Abschluss einer Sozialakademie gefordert. Männliche Kriminalbeamte brauchten diese Zusatz-Ausbildung natürlich nicht.

Was die volle Gleichberechtigung angeht, hieĂź es also weiterhin: „Bitte warten …“

Quellen

  • ANNO
  • Magazin Ă–ffentliche Sicherheit 11-12/2011
  • „Erlebnisse einer Polizeiassistentin“ („SĂĽddeutsche Monatshefte“, MĂĽnchen), von Henriette Arendt
  • „Josefine Erkens und die Anfänge einer weiblichen Polizei in Deutschland“ von Ursula Niehaus
  • Wien Geschichte Wiki
  • Wikipedia

Nächste Folge: Vom „Holaubek-Mädel“ zur Sicherheitswachebeamtin – erscheint am 17.11.2019


Hier finden Sie alle Artikel unserer Serie „History & Crime in Rudolfsheim“

Teil 1: Die Verhaftung des Einbrecherkönigs Johann Breitwieser (1918)
Teil 2: Die Hyäne der Armen – Der Kinder-Betrüger Georg Prödinger (1905)
Teil 3: Von einer Greisin erstochen – Das Ende des „Revolvergustl“ (1928)
Teil 4: Der Gattinnenmörder Anton Karner – Eifersucht in der Enge der Proletarierwohnung (1913)
Teil 5: Motorführer Johann Prügl als Dienstmädchenmörder (1905)
Teil 6: Der Raubmörder und der tapfere Wirt (1920)
Teil 7: „Noch 48 Stunden, dann hol ich ihn mir, den Hager“ (1911)
Teil 8: Eine Greisin im Schlaf abgeschlachtet: Der Raubmörder Anton Senekl (1902)
Teil 9: Raubmord an einem Kind – Der Fall Rudolf Kremser (1914)

Sie haben noch nicht genug von „History & Crime in Rudolfsheim“?
In unserer BroschĂĽre „Blut im Beisl. Historische Kriminalfälle in Gasthäusern des 15. Bezirks um 1900“ können Sie weiterschmökern.


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Oder wie es Anton Ziegler 1828 (*) so schön ausgedrückt hat:

Jede Belehrung und Berichtigung, welche in Beziehung auf größere Vervollkommnung und Gemeinnutzmachung dieser Herausgabe beabsichtigt ist, wird mit dem ausgezeichnetsten Danke empfangen.

(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

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