#FAQ15/003 Wer war Paula Mistinger-Mraz?

Was Sie schon immer über Rudolfsheim-Fünfhaus wissen wollten …

Hier erfahren Sie regelmäßig interessante Details aus Vergangenheit & Gegenwart von Rudolfsheim-Fünfhaus, dem 15. Wiener Gemeindebezirk.

Haben Sie auch eine Frage? Dann schreiben Sie uns unter faq15@bm15.at

FAQ 15

FAQ=Frequently Asked Questions (häufig gestellte Fragen)

Führende Aktivistin der Revolutionären Sozialisten

Paula Mistinger-Mraz (9. 4. 1907 – 21. 5. 1935) war eine der führende AktivistInnen der Revolutionären Sozialisten. Sie sollte 1935 den illegalen Vertriebsapparat der „Arbeiter Zeitung“ aufbauen, starb aber noch im selben Jahr an einer septischen Angina. Am 20. 5. 1950 wurde ein Gemeindebau in der Fünfhausgasse 10-12 nach ihr benannt.

Paula Mistinger-Mraz

Paula Mraz stammte aus einer Arbeiterfamilie. Schon früh engagierte sie sich in der Sozialistischen Arbeiter-Jugend in Rudolfsheim, wo sie auch ihren späteren Ehemann Leo Mistinger kennenlernte. Später war sie Vorsitzende des Frauenaktionskomitees der SDAP in Fünfhaus.

In der SAJ wurde sie schnell mit einer Führungsposition betraut, unter anderem war sie maßgeblich an der Organisation des Internationalen Sozialistischen Jugendtreffens im Jahr 1929 beteiligt.

Auf einem Verbandstag im Jahr 1930 wurde sie zum Vorstandsmitglied gewählt. Später wurde sie die Sekretärin von Otto Felix Kranitz und war Vorsitzende des sozialdemokratischen Frauenkomitees in Fünfhaus.

1934 musste sie aufgrund ihrer Tätigkeit in die Tschechoslowakische Republik fliehen. Sie wurde jedoch von Otto Bauer im Mai 1935 mit falschen Papieren (Anna Mader) nach Österreich geschickt, damit sie den von der Polizei zerschlagenen illegalen Vertriebsapparat der Arbeiterzeitung neu aufbaute, starb aber unmittelbar darauf an einer septischen Angina.

Viel zu spät wurde die im Untergrund lebende Aktivistin ins Lainzer Krankenhaus gebracht, wo sie mit nur 28 Jahren starb.

Otto Bauer schrieb in seinem Nachruf in der Arbeiter-Zeitung vom 9. Juni 1935: 

Auch ihr früher Tod ist Anklage gegen die Gewaltherrschaft, die die Körper mordet, indem sie den Geist verfolgt.

Otto Bauer schreibt 1935 einen Nachruf auf Paula Mistinger-Mraz in der Arbeiterzeitung

„Was Paula Mistinger-Mraz [zur sozialistischen Idee] […] beigetragen hat, wird fortleben in der Geschichte des Befreiungskampfes der Arbeiterklasse.“ (Otto Bauer 1935 in der Arbeiterzeitung)

Die letzte Wohnadresse von Paula Mistinger-Mraz in der Fünfhausgasse wurde 1950 als Paula-Mistinger-Mraz-Hof benannt.

Paula Mistinger-Mraz-Hof

Der fünfgeschoßige Wohnbau wurde 1928/29 nach den Plänen von Oskar Unger erbaut. Er hat eine klinkerverkleidete Sockelzone und eine markant gestaltete Ecklösung, bei der die beiden Straßenfronten mittels positiver und negativer Eckausbildung miteinander verzahnt werden.

Der einzige Balkon des Gebäudes dient primär der plastischen Modellierung der Fassade – farblich vom Untergrund abgesetzt, verdeutlicht er durch Überhöhung den Übergang zwischen Vor- und Rücksprung.

In den unteren Etagen begrenzen durchgehende Fenster- und Sohlbankgesimse die beiden roten, umlaufenden Horizontalbänder.

Ein Turmmotiv in der Achse des plastisch gestalteten Doppelportals betont den Baukörper.

aus: wienerwohnen.at

Der Paula Mistinger-Mraz-Hof in der Fünfhausgasse Ecke Herklotzgasse

Die gürtelnahe Wohnhausanlage bildete durch das Parteilokal von Anfang an ein Zentrum der Sozialdemokraten von Fünfhaus. Mit der Benennung nach einer ihrer engagiertesten Aktivistinnen, Paula Mistinger-Mraz, wurde beiden 1950 ein Denkmal gesetzt.

Im Haus befindet sich eine Gedenktafel.

Gedenktafel für Paula Mistinger-Mraz im Mistinger-Mraz-Hof in der Fünfhausgasse / Ecke Herklotzgasse

Der Architekt

Oskar Unger (1877-1972) studierte von 1896 bis 1902 an der Akademie der bildenden Künste, wo er von Vertretern des Späthistorismus ausgebildet wurde. Zunächst arbeitete er in Architekturbüros mit, wo er vor allem mit Restaurierungsarbeiten betraut war. Als selbstständiger Architekt errichtete er in den 1920er-Jahren nur zwei Bauten – beides Wohnhausanlagen für die Gemeinde Wien. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Unger am Bau von zwei weiteren Wohnhausanlagen beteiligt.

Oskar Unger wurde 1877 als Sohn eines Postbeamten in Wien geboren. Er erhielt seine Ausbildung an der Staatsgewerbeschule und studierte dann an der Akademie der bildenden Künste in der Meisterschule von Viktor Luntz. Nebenbei praktizierte er in verschiedenen Ateliers und beteiligte sich – mit unterschiedlichen Partnern – an zahlreichen öffentlichen Wettbewerben. Obwohl er einige Preise gewann, kam keiner seiner Wettbewerbsentwürfe zur Realisation.

Nach Abschluss seines Studiums arbeitete Unger im Büro von August Kirstein, der wie Viktor Luntz gleichfalls ein Schüler Friedrich v. Schmidts war und auch in dessen Tradition mit zahlreichen Restaurierungsarbeiten für Kirchen befasst war.

Unger arbeitete in der Folge vor allem an den Rekonstruktionsarbeiten des Doms in Brünn mit, die damals eines der größten Bauvorhaben von Kirsteins Büro waren.

Bei dieser Tätigkeit stürzte Unger anlässlich einer Baubegehung vom Gerüst des Domes und erlitt lebensgefährliche Verletzungen.

Während des Ersten Weltkriegs arbeitete Unger, wie viele andere Architekten auch, in der Militärbauabteilung in Wien.

Nach Ende des Krieges ging er eine Ehe mit der wesentlich älteren Witwe eines Opernsängers ein. Aus dieser Zeit stammen zwei kleinere Wohnhausanlagen für die Gemeinde Wien aus den späten 1920er Jahren.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war Unger dann als Mitarbeiter an der Wohnhausanlage „Hasenleiten“ (Wien 11, Albin-Hirsch-Platz 1-12) tätig.

Ende der 1950er Jahre ließ er seine – zuvor zurückgelegte – Architektenbefugnis wieder aufleben, um für einige Jahre an einer größeren Wohnhausanlage (Wien 20, Klosterneuburger Straße 118-122) mitzuarbeiten.

Zu diesem Zeitpunkt bereits über 80 Jahre alt war – möglicherweise war eine finanzielle Notlage der Beweggrund.

Unger starb schließlich im Alter von 95 Jahren in Wien.

aus: architektenlexikon.at

Kurzer Lebenslauf

1895 Befugnis zum Zivilarchitekt
1896-1902 Abschluss Staatsgewerbeschule Wien
1896–1902 Akademie der bildenden Künste Wien (Meisterschule Viktor Luntz),
zwischendurch Praxis
ca. 1904–1908 Mitarbeiter von August Kirstein
1915 Kriegsdienst (tätig in der k.u.k. Militärbauabteilung)
1959 Befugnis zum Zivilarchitekt erneuert
1962 Befugnis zurückgelegt

Arbeiten von Oskar Unger (Auswahl)

1926
Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, 1030, Riesgasse

1939, 1941-42, 1944
Wohnhausanlage der Gemeinde Wien »Hasenleiten«, 1110, Albin-Hirsch-Platz 1-12; Lorystraße + Am Kanal

1948
Wohnhausanlage der Gemeinde Wien »Hasenleiten« (Block 15-26), 1110, Oerleygasse

1949
Wohnhausanlage der Gemeinde Wien »Hasenleiten« (Block 12-14), 1110, Luise-Montag-Gasse

1959-61
Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, 1200, Klosterneuburger Straße 118-122; Brigittenauer Lände 148-154


Quellen

Wiener Wohnen
WienWiki
Das Rote Wien
Anno
ArchInForm
Frauen in Bewegung


Liebe Leserin, lieber Leser!

Ihnen fehlt etwas? Sie haben weiterführende Informationen?
Dann schreiben Sie doch einfach einen Kommentar. Nützliche Inhalte mit Quellenangabe bauen wir – mit Verweis auf Ihren Kommentar – gerne noch in den Text ein. Alternativ können Sie uns auch ein Mail an office@bm15.at schicken!

Oder wie es Anton Ziegler 1828 (*) so schön ausgedrückt hat:

Jede Belehrung und Berichtigung, welche in Beziehung auf größere Vervollkommnung und Gemeinnutzmachung dieser Herausgabe beabsichtigt ist, wird mit dem ausgezeichnetsten Danke empfangen.

(*) Wiens nächste Umgebungen an den Linien, herausgegeben von Anton Ziegler und Carl Graf Vasquez, Wien 1827-1828

Sie möchten die Arbeit des Bezirksmuseums mit einer Spende unterstützen?

€ 10,- spenden
€ 20,- spenden
€ 50,- spenden

Gefällt Ihnen der Artikel? Dann teilen Sie ihn doch mit Ihren FreundInnen!

Schaut mal, ich hab was Interessantes auf WIENfünfzehn gefunden!

Hier unsere neuesten Blogbeiträge zum Reinschmökern 😉

Jeden Montag finden Sie bei uns abwechselnd folgende Rubriken:

„Bild des Monats“
historische Schmankerln aus unserem Sammlungsbestand

„Bezirks(Museums)News & Oldies“
Neuigkeiten aus Gegenwart & Vergangenheit aus dem 15. Bezirk & dem Bezirksmuseum

„History & Crime“
Historische Kriminalfälle auf dem Gebiet des heutigen 15. Bezirks um 1900.

„Zitat des Monats“
Aussagen berühmter Persönlichkeiten (aus dem 15. Bezirk) u.a. zu den Themen „Zeit“, „Geschichte“, „Vergangenheit“, etc.

Jeden Donnerstag erwarten Sie abwechselnd folgende Beiträge:

„FAQ15“ 
„Renovierte“ (refurbde) Beiträge aus der Rubrik „Rubrik „FAQ15“

„Es war einmal“
Spannende Rudolfsheim-Fünfhauser Vorort-Geschichte(n)

Kennen Sie schon unseren Podcast „Fünfzehn Minuten über den Fünfzehnten“?

Seit Februar 2019 berichten wir über interessante Menschen und Themen aus Rudolfsheim-Fünfhaus.

Hören Sie doch mal rein 😉

#040 imgraetzl.at – Unterstützung und Vernetzung Fünfzehn Minuten über den Fünfzehnten

  1. #040 imgraetzl.at – Unterstützung und Vernetzung
  2. #039 Vergangenheit und Zukunft in Rudolfsheim-Fünfhaus
  3. #038 Darf's ein bisserl Crime sein?

Information – Unterstützung – Events

Das Team des Bezirksmuseums Rudolfsheim-Fünfhaus unterstützt Menschen dabei, ihr Wissen über die Geschichte des 15. Bezirks zu erweitern und sich über kulturelle und gesellschaftspolitische Themen zu informieren.

Das Museum nimmt auch seine Aufgabe als Kultur-Drehscheibe des Bezirks wahr und fördert die Begegnung und Vernetzung der BewohnerInnen durch Veranstaltungen und auch durch den Kultur-Podcast „Fünfzehn Minuten über den Fünfzehnten“ .

Der Eintritt ist frei. Alle MitarbeiterInnen sind ehrenamtlich tätig.

Sie möchten regelmäßig über die Aktivitäten des Museums informiert werden? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!

Hier finden Sie unsere aktuellen Veranstaltungen.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus
Rosinagasse 4
1150 Wien
Mail: office@bm15.at
Web: www.museum15.at

Öffnungszeiten
Mo: 17.00-19.00
Fr: 15.30-17.30
(an Feiertagen, schulfreien Tagen und im Juli & August geschlossen)

#viellosimmuseum
#WIENfünfzehn
#dasVeranstaltungsmuseum
#mansiehtsichimmuseum

4 Kommentare zu „#FAQ15/003 Wer war Paula Mistinger-Mraz?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s